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Fazit / Archiv | Beitrag vom 24.11.2013

WikipediaSchleichwerbung im Onlinelexikon

"Wikicon" in Karlsruhe

Von Achim Killer

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Das Thema, das die Online-Enzyklopädisten derzeit vor allem umtreibt: die zunehmenden Versuche von PR-Agenturen, Lexikon-Artikel im Sinne ihrer gut zahlenden Kundschaft schönzufärben. Die sogenannten "Sockenpuppen" infiltrieren Wikipedia.

Das ganze, große World Wide Web wird finanziert durch Werbung. Das ganze Web? – Nein, eine Site weigert sich konsequent, Banner auf ihre Seiten zu setzen, obwohl die werbetreibende Wirtschaft sicherlich bereit wäre, viel Geld dafür zu zahlen. Also probieren es Unternehmen mit Schleichwerbung. Sie versuchen, Firmenporträts auf Wikipedia unterzubringen, schließlich schreibt die Online-Enzyklopädie ja auch über bedeutende Unternehmen. Und wenn das Porträt eines Unternehmens schon auf Wikipedia steht, dann versucht dessen Pressestelle gerne, es zu schönen.

Itti: "Die Wikipedia hat mittlerweile natürlich eine gewisse Größe. Das ist eine der meist aufgerufenen Websites weltweit. Und sie ist extrem bekannt und dadurch natürlich sehr populär als Werbeplattform. Das ist Wikipedia allerdings nicht. Wir haben Kriterien: Nach welchen Kriterien ist eine Firma für die Wikipedia interessant. Dass natürlich die Wikipedia interessant für Firmen ist, ist uns klar. Aber deswegen sind die Firmen nicht für Wikipedia interessant.“

So die Wikipedia-Autorin "Itti". Unter diesem Pseudonym ist sie im World Wide Web unterwegs. Und auch auf der Wikicon nennt sie ihren richtigen Namen nicht. Eine ganze Branche befasst sich mittlerweile damit, Firmen in Wikipedia positiv darzustellen, sagt der Wikipedianer Dirk Franke:

"Also es gibt verschiedene Agenturen, die auch verschiedene Grade an Seriosität haben. Prinzipiell bieten die ihren Kunden an, dass sie ihren Eintrag besser für die Kunden machen, und dass sie sich dann auch um den Wikipedia-Eintrag kümmern. Das ist schwierig, weil sie keine Kontrolle über den Artikel haben und es oft passiert, dass am Ende etwas anderes drinsteht, als das, was der Kunde haben wollte. Es ist natürlich aber rentabel, weil man für vergleichsweise wenig Geld Studenten findet, die das dann machen.“

Erst vergangene Woche hat Wikimedia, der Trägerverein von Wikipedia, eine US-amerikanische Public-Relation-Firma abgemahnt, weil die Dutzende Auftragsschreiber angeheuert hatte, um kleinen, unbedeutenden Firmen zu einem eigenen Artikel im Online-Lexikon zu verhelfen. Dutzende wurden beauftragt. Auf Wikipedia schienen es Hunderte zu sein. Denn die meisten meldeten sich unter Pseudonym mehrfach als Autor an. Man darf sich bei Wikipedia mehrfach anmelden, erläutert ein Autor, auf dessen Namensschild "Der Hexer“ steht. Aber mit seinem Alter Ego Unsinn treiben, das darf man natürlich nicht, sonst wird man zur "Sockenpuppe“, wie Wikipedianer das nennen. Der Begriff kommt von der Puppe des Bauchredners, mit der dieser sich scheinbar unterhält, obwohl natürlich jeder Satz, den sie sagt, von ihm selbst formuliert ist.

"Socken" heißen jene, die mehrere Accounts missbräulich verwenden

Dirk Franke: "Jeder kann mehrere Accounts sich anlegen, beispielsweise um bestimmte Themen zu trennen, um gesonderte Beobachtungslisten sich aufzubauen. Von Socken spricht man dann eben, wenn eine Person mehrere Accounts hat und sie tatsächlich missbräuchlich verwendet.“

Wikipedia hat den Anspruch, jeden mitschreiben zu lassen, auch Unternehmen an ihrem eigenen Porträt. Das sollten sie allerdings über einen sogenannten verifizierten Account tun, bei dem klar ist, wer dahinter steht. Dann können Änderungsvorschläge, die in eigener Sache gemacht werden, besonders kritisch geprüft werden, verworfen, wenn es sich um Beschönigungen handelt, und angenommen werden, wenn sie berechtigt sind. Das wollen die Wikipedianer den Unternehmen jetzt noch einmal ganz deutlich mitteilen, sagt Dirk Franke.

"Die Community ist gerade dabei, so ein paar Regeln aufzustellen und Handreichungen zu geben, wie man sich seriös und anständig verhalten kann.“

Auf jeden Fall gehört dazu, sich nicht als Sockenpuppe zu gerieren, also unter mehreren User-Namen über ein und denselben Artikel zu diskutieren und abzustimmen. Allerdings werden sich Autoren auch weiterhin unter Pseudonym und mehrfach beim Online-Lexikon anmelden können, sonst wäre schließlich das Prinzip der Anonymität gefährdet. Und das ist den Wikipedianern ebenso heilig wie das der Offenheit.

Auf der Wikicon wird das an Autoren deutlich, die grundsätzlich nur unter ihrem User-Namen auftreten so wie "Itti“ oder "Der Hexer“. Und die Anonymität aufzugeben, sei auch gar nicht nötig, um den Sockenpuppen auf die Schliche zu kommen, meint der Autor Gereon Kalkuhl. Denn die Sockenpuppen enttarnen sich in aller Regel selbst – durch ihre Sprache:

"Diese Leute können nur in einer bestimmten Schreibweise schreiben. Das ist etwas, was wir Werbesprech nennen, der bestimmte Kennwörter hat, die nur in Werbetexten auftauchen. Und die durchziehen wie ein roter Faden die gesamten Ergüsse der Werbe-Schreiber. Das sticht sofort aus einem neutral geschriebenen Enzyklopädie-Artikel heraus.“

Mehr zum Thema:

Webseite der Wikicon 2013 in Karlsruhe

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