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Interview / Archiv | Beitrag vom 08.02.2018

Wiener OpernballDer Walzer als revolutionäre Gegenbewegung

Gabriele Klein im Gespräch mit Liane von Billerbeck

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Debütanten beim Wiener Opernball 2013 (picture alliance/ dpa/ Jens Kalaene)
"Alles Walzer!" - Debütanten beim Wiener Opernball. (picture alliance/ dpa/ Jens Kalaene)

Wenn die Ansage "Alles Walzer!" ertönt, kann es sich nur um den Wiener Opernball handeln. Der wird heute mit den üblichen Ritualen eröffnet. Tanz habe viele Jahrhunderte lang dazu gedient, eine Gesellschaft in Szene zu setzen − oft auch als politisches Signal, sagt die Psychologin Gabriele Klein.

Heute Abend wird der Wiener Opernball eröffnet – das gesellschaftliche Ereignis in der österreichischen Hauptstadt. Wie üblich, beginnt der Ball mit Ritualen: Nach der offiziellen Eröffnung durch den österreichischen Bundespräsidenten zeigen die Debütantinnen und Debütanten ihren Wiener Walzer. Ohne geht es nicht – auf dem Wiener Opernball wäre das unvorstellbar. Und wie sieht es allgemein mit der gesellschaftlichen Bedeutung des Tanzes aus.

Die Psychologin Gabriele Klein, Professorin an der Uni Hamburg und Expertin für die Geschichte der Bälle und des Tanzes sagt: Der Tanz spiele auch heute noch eine große Rolle. Nur sei der Walzer im Laufe der Jahrhunderte von einem revolutionärem Tanz – Abkehr vom körperlosen Menuett hin zur körperlichen Nähe des Walzers – zu einem konventionellen geworden. Tanz bewege sich immer zwischen Revolution und Restauration, das heißt,  er kann Aufbruch signalisieren, oder die bestehenden Verhältnisse abbilden und fördern.

Tanz als poltitisches Statement

Seit dem 14. Jahrhundert diente der Tanz Gesellschaften dazu, sich in Szene zu setzen – den Höhepunkt fand die Bedeutung des Tanzes als politisches Statement  in der Zeit des französischen Absolutismus mit seinen höfischen Tänzen. Gefolgt von der revolutionären Gegenbewegung:

"Der Wiener Walzer ist ja ein Tanz, der quasi der Gegenpart ist zu diesem französischen Tanz. (…) Die Partner umarmen sich, man berührt einander, man dreht sich um einander. Der Walzer ist ein Drehtanz – und der wird dann plötzlich während des Wiener Kongresses getanzt – da ist ja quasi der Ursprung des Wiener Opernballs und da wurde sehr viel getanzt, es gibt ja den Spruch: ‚Der Kongress tanzt‘ (…)."

Auf dem Wiener Kongress habe das Walzertanzen auch eine große politische Symbolik gehabt – "nämlich die, dass die Metternichsche Politik gegen das napoleonische Frankreich gesiegt hatte". Zur damaligen Zeit habe der Walzer als ein rauschhafter Tanz gegolten – wie es im Übrigen schon Goethe in seinem "Werther" beschrieben habe.


Das Inteview im Wortlaut:

Liane von Billerbeck: Nach diesen ersten Eindrücken vom berühmtesten Opernball der Welt, vom Wiener, wollen wir wissen, warum Bälle wie diese bitteschön nicht aus der Mode geraten und bis heute so eine Faszination auf das Publikum ausüben, und wir fragen das Gabriele Klein. Sie ist Professorin an der Universität Hamburg, befasst sich mit der Soziologie der Bewegung und ist Expertin für die Geschichte von Bällen. Schönen guten Morgen!

Gabriele Klein: Schönen guten Morgen, Frau von Billerbeck!

Billerbeck: Der Tanz, das Tanzen als gesellschaftliches Ereignis – seit wann gibt es das, wie alt ist dieses Konzept?

Klein: Das geht sehr weit zurück, noch ins 14. Jahrhundert, fängt das an eigentlich an den italienischen Höfen. Das geht dann weiter durch die Feudalgesellschaft und findet dann seinen Höhepunkt im französischen Absolutismus und war immer vom Verständnis her etwas, wo eine Gesellschaft sich selbst quasi in Szene setzt, sich selbst wieder neu ihrer Macht vergewissert.

Billerbeck: Das heißt, es geht bei den Opernbällen gar nicht ums Tanzen?

Der rauschhafte Walzer findet sich schon im "Werther"

Klein: Doch, selbstverständlich geht es um Tanzen, aber das Tanzen hat sich auch sehr verändert. Also der Tanz der Gesellschaft hat sich ja im Laufe dieser Jahrhunderte in Europa sehr stilisiert und ist erst mal eine große Zeit lang durch den Absolutismus französisch dominiert worden durch französische Tänzer. Der bekannteste ist wahrscheinlich das Menuett, und das war ein sehr gemessener Schritt, wenn man so sagen möchte, wo sich die Paare nicht unbedingt berührten, nur ganz leicht mit den Händen und auch kein rauschhaftes Tanzen war.

Der Wiener Walzer zum Beispiel ist ja ein Tanz, der quasi der Gegenpart ist zu diesem französischen Tanz und im Grunde genommen eine ganz andere Paarfiguration hat. Also die Partner umarmen sich, man berührt sich einander, man dreht sich umeinander, also der Walzer ist ein Drehtanz, und der wird dann plötzlich während des Wiener Kongresses, da ist ja quasi der Ursprung des Wiener Opernballs, auf dem Wiener Kongress wurde sehr viel getanzt. Daher auch dieser berühmte Spruch "der Kongress tanzt", aber der Nachsatz ist, "aber er bewegt sich nicht". Dort wurde eben der Wiener Walzer getanzt, und das hatte auch eine große politische Symbolik, nämlich die, dass die Metternichsche Politik, wenn man so möchte, gegen das napoleonische Frankreich gesiegt hat, und das symbolisiert quasi einen Tanz, den man dann Wiener Walzer nannte, und dieser Tanz ist eben zu der damaligen Zeit ein sehr rauschhafter Tanz, also der schon zuvor im "Jungen Werther" bei Goethe beschrieben war. Also zum Beispiel wurde dort beschrieben, wenn man walzt umeinander rum, und das war eine sehr rauschhafte Erfahrung mit dieser für damalige Zeit sehr engen Berührung.

Debütantinnen für den Heiratsmarkt

Billerbeck: Das braucht man ja heute alles nicht mehr. Man kann sich ganz normal berühren, also man braucht keinen Wiener Walzer mehr, um Frauen anzufassen. Was ist heute daran noch so interessant? Warum wird die Sache so gepflegt und kommt nicht aus der Mode?

Klein: Na ja, der Opernball hat ja einen ganz klaren und rituellen Ablauf, und es wurde ja auch schon erwähnt, da gibt es das sogenannte Junge-Damen-und-Herren-Komitee, das sind die Debütanten und Debütantinnen, die, nachdem der Einzug des österreichischen Bundespräsidenten vollzogen wurde, den Ball quasi eröffnen, und das hat eine sehr konventionelle Tradition, also die darin besteht, dass früher eigentlich am englischen Hofe die jungen Frauen, die als heiratsfähig galten, während eines Balls der Königin oder dem König vorgestellt wurden und dann damit quasi den Eintritt in die Gesellschaft schafften auf dem Heiratsmarkt, und das ist eine Tradition gewesen, die erst in den 50er-Jahren von der Queen abgeschafft wurde. Symbolisch finden wir das natürlich jetzt mit der Einführung von Damen und Herren, die sich dafür bewerben können und die eben quasi symbolisch in eine Gesellschaft eingeführt werden, und das ist heute natürlich nicht mehr eine Feudalgesellschaft, sondern eine Gesellschaft, die sich aus Wirtschaft, Politik, Kultur, Sport, Wissenschaft und dergleichen zusammensetzt.

Billerbeck: Aber der Wiener Walzer und die Opernbälle, die sind bis heute beliebt. Heute Abend wird er wieder eröffnet, der berühmteste Opernball der Welt in Wien. Wir danken Gabriele Klein von der Universität Hamburg, die uns darüber aufgeklärt hat. Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag!

Klein: Danke schön, Ihnen auch!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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