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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 04.04.2005

"Wien Metropolis"

Eine physiognomische Studie Wiens in Erzählungen

Rezensiert von Edelgard Abenstein

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Der Wiener Prater (AP Archiv)
Der Wiener Prater (AP Archiv)

Sie kommen aus Galizien, Kärnten, aus dem Pinzgau und dem Burgenland, aus Rumänien und Böhmen. Magnetisch zieht die ehemalige Reichshaupt- und Residenzstadt Wien die Menschen an. Der Krieg ist gerade vorbei, der Schwarzmarkt blüht und verwegene Existenzen sind auf dem Sprung in ein neues, selbst gefertigtes Leben. Es herrscht Aufbruchsatmosphäre mitten im Chaos. Jeder will in die Normalität zurück, Geld, eine Wohnung, Ansehen und Einfluss gewinnen.

"Er brauchte den Schwung, den der Erfolg verleiht", heißt es von einer Figur, Leitomeritzky, dem Geschäftsmann mit der glücklichen Hand, der das KZ überlebt hat und seine Herkunft verbirgt, denn er "wusste, wie nah Mitleid und Verachtung" beieinander liegen. "Was du brauchen kannst, das nimmst du dir".

Rosei stellt in diese Wiener Goldgräberstimmung mehrere Personen, deren Lebensbahnen sich nach und nach kreuzen. Parvenüs und Lebemänner, Nachtschwärmer, Professoren, Politiker, Frauen, die ihr Leben selbst in die Hand nehmen, Frauen, die sich aushalten lassen. Zuletzt hat er ein dichtes Netz an Beziehungen, Abneigungen und Liebschaften geknüpft, das sich über die ganze Stadt legt.

Er folgt den einen ein Stück weit des Weges, da ziehen andere vorübergehend den Blick auf sich, lassen ihn scheinbar abschweifen zu neuen Schauplätzen und Figuren, bis unversehens diese mit jenen an einem dritten Ort zufällig aufeinander treffen, in Mietskasernen und Villen, dem Prater oder Kaffeehäusern.

Die Wohnung der schönen Viktoria, gleich hinter dem Parlament, ist so ein Ort. Hier finden sich die meisten einmal ein: der Oberkofler, ein Kriegsheimkehrer und einer von vielen, mit denen sie sich selbst um die einzig wahre Liebe ihres Lebens bringt; ihr vorgeblicher Neffe Alfred, dem sie sich später als Mutter zu erkennen gibt, hervorgegangen aus einer Liaison mit einem Nazibonzen in einer Zeit, die der jüdische Geliebte in Auschwitz verbrachte und überstand. Da ist der von ihr in Immobilienfragen betreute Professor Wohlbrück, ehemals Hitlerjunge, wie es sich für eine "durch und durch österreichische Familie" gehörte.

Ihrer aller Geschichten entfaltet Rosei von der Stunde Null bis in die 80er Jahre im schlendernden Gang eines Stadterkunders und doch frei von aller Beschaulichkeit. Er verfolgt den Aufstieg von Alfreds Jugendfreund Georg aus der Klagenfurter Unterschicht in die beste Gesellschaft Wiens ebenso wie den Niedergang ihrer Freundschaft, und er macht auch nicht vor dem Berufsstand der Schriftsteller Halt, die in dem allseits bestimmenden Gesetz des "pursuit of happiness" die Rolle des Hofnarren geben.

Alles, so lautet das ungeschriebene Motto des Romans, folgt dem Prinzip des Geschäfts, egal ob mit Autos oder Werbeslogans, Immobilien oder Romanen gehandelt wird Selbst die Liebe taugt nur noch zum Objekt des Tauschens. Wo alles zum Glücksspiel wird, enthüllen Tugenden wie Fleiß und Zielstrebigkeit ihr doppeltes Gesicht. Dahinter steht mehr als die Kritik an Konsum, Karriere und sozialer Kälte. Als Leitmotiv zieht sich der Konflikt zwischen Geld und Glück, zwischen den Sehnsüchten der Menschen und den Verlusten von authentischen Gefühlen durch die Handlung des Romans.

Voller Lakonie betreibt Rosei seine illusionslosen Erkundungen, geschrieben in einer Sprache, die althergebracht wirkt und doch in ihrer beinahe heiteren Leichtigkeit die Schrecknisse unter der Oberfläche immer wieder durchschimmern lässt. Wie in vielen seiner nahezu vierzig Bücher - Romane, Essays, Reiseberichte und Drehbücher - die er seit 1972 veröffentlicht hat, zeigt sich Roseis Vorliebe für das filmische Erzählen. Geschult an diesem Verfahren, arbeitet er mit Rückblenden und Vorgriffen, Zeitsprüngen, halb dokumentarischen Berichten und breit angelegten Panoramabildern.

Gut geschichtet und montiert, entwirft er in Fragmenten mehr als eine physiognomische Studie Wiens. Es ist eine Welt als Modell, die durchaus nicht unbeabsichtigt Ähnlichkeiten mit anderen Städten Mitteleuropas zeigt. Nicht zuletzt damit stellt er sich kühn in eine große Tradition, die mit den Übervätern Doderer, Musil und Broch bis heute bestimmt wird und eine nahezu uneinnehmbare Bastion bildet.

Natürlich hält "Wien Metropolis" einem Vergleich mit den Romanen " Die Strudlhofstiege" oder dem "Mann ohne Eigenschaften" nicht stand. Doch mit seinen Geschichten um die Geschichte der österreichischen Hauptstadt hat Peter Rosei ein respektables, spannendes Buch geschrieben, ein Charakterbild Wiens mit manchen bislang unerkannten Eigenschaften.

Peter Rosei: Wien Metropolis
Roman. Klett-Cotta Verlag 2005
254 Seiten, 18,50 Euro

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