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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 16.12.2008

Wiederentdecktes Jahrhundertwerk

Alfred Döblin: "November 1918. Eine deutsche Revolution", Vier Romane, Verlag S. Fischer 2008

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Karl Liebknecht spricht auf einer Kundgebung im Jahr 1918. (AP)
Karl Liebknecht spricht auf einer Kundgebung im Jahr 1918. (AP)

Alfred Döblin schrieb "November 1918" in den Jahren 1937-1943 im französischen und amerikanischen Exil. In den Kriegsjahren fand sich kein Verleger, erst 1950 lag eine erste dreibändige Ausgabe vor, 1978 erschien eine vollständige Edition. In einer zupackenden, knappen, oft witzig-lakonischen Sprache führt Döblin seine Romanhelden durch das innere wie äußere Chaos der Zeit. "November 1918" ist ein literarisches Jahrhundertwerk.

Es ist Alfred Döblins umfangreichstes Werk, aber über viele Jahrzehnte war es fast völlig vergessen: "November 1918" - ein historischer Roman in vier Bänden, der auf über 2000 Seiten den Epochenumbruch in Deutschland schildert, der mit dem Waffenstillstand am 11. November 1918 begann.

Der erste Band zeigt "Bürger und Soldaten" in den ersten zwei Wochen der Weimarer Republik. Döblin hat die Auflösung des deutschen Heeres selbst im Elsass miterlebt. Auf mehreren Erzählebenen wird die Frustration der Soldaten, der Widerstand der Bürger gegen die neue Zeit ausgebreitet. Der zweite Band führt nach Berlin, wo sich die neuen politischen Kräfte etablieren und einander erbittert bekämpfen. Wir erleben Friedrich Ebert und Karl Liebknecht bei politischen Veranstaltungen und Debatten, im Kabinett und in Hinterzimmern, aber auch das Volk, das sich unklar "verraten" fühlt.

Im dritten Teil geht es um die Kriegsheimkehrer, eine verlorene Generation, die in den Materialschlachten jede Illusion verlor, sich jetzt vergeblich müht, Anschluss an die neue Zeit zu finden, und allzu leicht auf die reaktionäre Rhetorik der neuen Rechten hereinfällt. Im Abschluss der Tetralogie entwirft Döblin ein Porträt der Revolutionäre Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg. Ihr politisches Scheitern und ihr gewaltsamer Tod stehen paradigmatisch für den missglückten Versuch, eine deutsche sozialistische Utopie zu verwirklichen.

Döblin schrieb "November 1918" in den Jahren 1937-1943 im französischen und amerikanischen Exil, nur der erste Band konnte 1939 erscheinen. In den Kriegsjahren fand sich kein Verleger, erst 1950 lag eine erste dreibändige Ausgabe vor, die jedoch von der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen wurde. In der ersten Gesamtausgabe taucht der Roman nicht auf, erst 1978 erschien eine vollständige Edition.

Jetzt gibt es erneut Gelegenheit, dieses großartige Werk zu entdecken. Gerade für das heutige Verständnis vom Ersten Weltkrieg als "Urkatastrophe" des 20. Jahrhunderts liefert der Roman einen bedeutenden Einblick in die Mentalität der deutschen Besiegten. Heute weiß man, wie sehr die Niederlage den späteren Sieg Hitlers ermöglichte, Döblin sah die Zusammenhänge lange vor jeder historischen Analyse.

Formal verbindet der Autor von "Berlin Alexanderplatz" die sozialkritische Psychologie eines Zola oder Dostojewski mit der modernen Erzähltechnik von James Joyce und John Dos Passos. In einem "filmischen" Stil, mit einer zupackenden, knappen, oft witzig-lakonischen Sprache führt Döblin seine Romanhelden durch das innere wie äußere Chaos der Zeit.

"November 1918" ist ein literarisches Jahrhundertwerk, eine hoch spannende Lektüre, die zeigt, dass Literatur immer mehr weiß als in den Geschichtsbüchern steht.

Rezensiert von Joachim Scholl

Alfred Döblin: November 1918. Eine deutsche Revolution
Vier Romane in Einzelbänden,
Verlag S. Fischer, Frankfurt a.M. 2008,
Bürger und Soldaten 1918,
416 Seiten, 17,90 Euro
Verratenes Volk,
492 Seiten, 18,90 Euro
Heimkehr der Fronttruppen,
576 Seiten, 18,90 Euro
Karl und Rosa,
784 Seiten, 19,90 Euro

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