Seit 19:05 Uhr Oper
Samstag, 06.03.2021
 
Seit 19:05 Uhr Oper

Feiertag - Kirchensendung / Archiv | Beitrag vom 09.06.2014

"Wie kommt es, dass Du glaubst?"

Jugendliche erzählen von ihrem Glauben

Von Juliane Bittner, Erzbischöfliches Ordinariat Berlin

Die Knsope einer Pfingstrose ist am 27.05.2014 von Regentropfen bedeckt. (picture alliance / dpa / Marcus Brandt)
Pfingstrose (picture alliance / dpa / Marcus Brandt)

"Tja, wie kommt es, dass ich an Gott glaube und sogar in die Kirche gehe?" Johanna Flegel, 25 Jahre alt, lacht. Warum findet der eine zum Glauben und der andere nicht? Theologen sagen: Gott selbst ist es, der den Menschen anspricht und auf den Weg des Glaubens bringt. Und dass er dafür - in unendlicher Phantasie - unzählige Variationen kennt. Wen Gott dem einzelnen über den Weg schickt, ist seine Sache. Die des Menschen ist es, darauf zu antworten.

Johanna Flegel ist in Osnabrück aufgewachsen, sie hat in Holland Sozialpädagogik studiert und lebt seit einem Jahr in Berlin. Glauben gelernt hat sie durch ihre Eltern. Sie hat gesehen, wie Mutter und Vater beten, die Eltern haben sie „von Mutterleib und Kindesbeinen" an zum Gottesdienst mitgenommen, und zu Hause gab es eine "Katechese in der Küche": „Mama, kommt mein Meerschweinchen auch mal in den Himmel?" Wie die Eltern den Glauben im Alltag, in der Familie oder auch im Beruf durchbuchstabiert haben, das hat sie beeindruckt. Dann kam der Punkt, an dem Johanna Flegel spürte: Ihr Glaube muss erwachsen werden:

"Wenn ich so zurück überlege, gab es einen Punkt in meinem Leben, als Jugendliche, als ich so 13, 14 Jahre alt war, wo ich überlegt habe: Glaube ich nur, weil meine Eltern oder die Menschen in meinem Umfeld gläubig sind? Was bewegt mich wirklich? Da hab ich dann auch eine Zeit gehabt, wo ich ein wenig Abstand genommen habe, um für mich selbst zu reflektieren: Was möchte ich? Was bedeutet mir der Glaube, und wie muss ich mein Leben gestalten, um wirklich Christ sein zu können. Weil: Ich wollte nicht nur den Stempel haben „ich bin getauft", sondern ich wollte, dass das auch in meinem Leben sichtbar wird. Da habe ich mit Gedanken gemacht. Da gab es dann auch den Moment der Firmung als Sakrament, aber es war für mich eine bewusste Entscheidung, die ich mit Gott gemeinsam getroffen habe, im Gespräch, und dann ganz froh war und auch heute noch froh bin, Christin sein zu können."

In Berlin hat sie schon viele Freundschaften geschlossen – „in echt", wie sie betont, nicht wie bei Facebook. Sie ist kommunikativ, unkompliziert und strahlt eine natürliche Herzlichkeit aus. Ihr Arbeitsplatz ist die Justizvollzugsanstalt Berlin-Moabit, ein düsterer, alter Bau voller straffällig gewordener Männer, denen sie als Sozialpädagogin hilft, das Leben, so gut es geht, nach der Entlassung in den Griff zu kriegen. Gerade an diesem Ort ist ihr bewusst geworden: Für viele Menschen ist das Leben der Christen das einzige Evangelium, das sie lesen werden.

"Ich als Sozialpädagogin habe eben auch mit Menschen zu tun, die dem Glauben komplett fern sind und vielleicht auch schlechte Erfahrungen gemacht haben. Meine Aufgabe ist es auch nicht, zu missionieren oder sie vom Glauben zu überzeugen, sondern für mich selbst dieses Geschenk des Glaubens mitzutragen zu versuchen in meine Arbeit, ob in den Gesprächen oder wie ich ihnen gegenübertrete. Ich arbeite im Gefängnis, da macht das schon viel aus. Ich bekomme manchmal das Feedback: „O wie toll, dass Sie mich nicht als Knacki sehen, ich merke, dass Sie hören mir zu, Sie gehen mit einer ganz anderen Haltung rein." Auch wenn die meisten nicht benennen können, dass ich gläubig bin, spüren sie doch, dass etwas anders ist. Das macht mich total froh. Und wenn das bei uns Christen häufiger so sein kann, dann haben wir schon einen ziemlich großen Teil getan in der Gesellschaft."

Bei allem caritativen Ehrgeiz bleibt die Sozialpädagogin realistisch. Sie weiß, es zeichnet den christlichen Glauben aus, nicht zu meinen, man könne diese Welt zum Paradies machen. Wer Paradiese verspricht, ist ein Phantast, oder er will manipulieren. Doch Freude am Geschenk des Glaubens sollte man haben, meint Johanna Flegel. Ihr sieht man diese Freude, die sie von innen heraus strahlen lässt, an. Und wenn Papst Franziskus moniert, die Christen würden beim Gottesdienst manchmal ein Gesicht machen, als seien sie auf einer Beerdigung, muss die Wahlberlinerin ihm zustimmen. Auf sie treffe die päpstliche Kritik aber nicht zu, denn ihr macht der Glaube sogar Spaß:

"Ich würde mir wünschen, wenn diese Erlösung auf unseren Gesichtern mehr deutlich wird, egal, ob auf der Straße oder in der Kirche. Denn eigentlich haben wir doch was zu feiern, müssten doch froh sein. Mir macht der Glaube total viel Spaß. Und ich denke, es liegt auch an jedem Einzelnen, wie er den Glauben gestaltet, wie er sich einbringt. Da haben wir noch einiges zu tun. Ich wünsche mir, dass es in Zukunft auch noch mehr Veränderung geben wird,  dass da ein Umdenken vielleicht stattfindet."

Dabei geht Johanna Flegel mit ihrem Christsein nicht hausieren. Sie posaunt nicht herum: „Hey, schaut mich an, ich gehe in die Kirche". Durch die Art, wie  sie denkt, wie sie sich verhält und welche Prioritäten sie für sich setzt, möchte sie neugierig machen auf die Quellen, aus denen sie schöpft.Dass der eine oder andere sie vielleicht eines Tages fragt nach den Gründen für ihre Hoffnung und ihre Lebensfreude.

"Für mich ist es eben wichtig, dass das in meinem Leben, in meinem Verhalten sichtbar wird, das sehe ich als meinen Auftrag als Tochter Gottes sozusagen. Da zu versuchen, das Evangelium sichtbar zu machen in dem, was ich tue, wie ich mich anderen gegenüber gebe. Und wenn das deutlich wird, reicht das vollkommen."

"Wie kommt es, dass Du glaubst?" Johanna Gräber ist 16 Jahre alt, sie geht auf ein Gymnasium in Berlin-Lichtenberg. Keine „fromme" Gegend, zur DDR-Zeit nicht, nach der "Wende" auch nicht. Die Eltern haben sie christlich erzogen und in der Pfarrei beheimatet. Ihre Familie sei "komplett katholisch", erzählt sie, und dass sie sich ein Leben ohne Gott und Kirche überhaupt nicht vorstellen könne.

"Ich sag immer so: Ich kenne es nicht anders, und ich kann's mir ohne auch nicht vorstellen, wie wohl die meisten katholischen Menschen nicht."

Besonders beeindruckt hat sie der tiefe Glaube ihres Vaters, der - obgleich sehr kirchenkritisch -, ihr den Sinn und die Schönheit des Glaubens vermitteln konnte. Sie engagiert sich in der Jugendgruppe ihrer Pfarrei, sie ist Oberministrantin, kümmert sich sowohl liebevoll als auch in der Sache streng um die nachwachsenden Messdiener. Johanna hat das Geschenk des Glaubens angenommen, und sie hat es "ausgepackt".

"Also, ich habe mich wirklich, na ja, vielleicht nicht entschieden, sondern es war mehr, als ob es für mich bestimmt wäre, dass ich katholisch bin und an Gott glaube. Weil ich es ja wirklich auch tue. Ich sage nicht nur, dass ich an Gott glaube, ich glaube wirklich an Gott, ich glaube daran, dass Jesus auferstanden ist, dass Gott immer da ist für uns alle, ja.

Jugendliche haben ein feines Gespür für Echtheit. Sie hören, wie zu Hause über Gott und Kirche gesprochen wird. Spüren, ob es den Eltern ernst ist oder ob die Religion als dekorative Zutat für die Feiertagsgestaltung herhalten muss. Das Gottesbild der Heranwachsenden wird wesentlich davon geprägt, wie sie die Mutter, den Vater erleben. Wer beispielsweise schlechte Erfahrungen mit seinem Vater machen musste, dem könnte es schwer fallen, Gott als Vater zu begreifen, der alle seine Kinder liebt und bedingungslos zu ihnen hält. Johanna Gräber kann es so sehen:

"Für mich ist Gott ein liebender Gott, ein gnädiger Gott. Er ist immer da, und ich fühle mich von ihm auch immer unterstützt. Ich habe auch wirklich in vielen Situationen erlebt, dass er da war, in Situationen, die schlimm waren, die aber dann doch gut ausgegangen sind."

Wie zum Beispiel bei einer Wanderung im Urlaub, die böse hätte enden können. Für Johanna war es Gott, der seine Hand über sie und ihre Familie gehalten hat:

"Wir waren auf Teneriffa, da gibt es eine Schlucht, die wir unbedingt sehen wollten, meine Eltern wandern gern. Der Abstieg war auch gut gegangen, es hatte sich gelohnt, aber der Aufstieg war schlimm. Wir hatten nicht genug Wasser mit. Das war das erste Mal, dass ich meinen Vater weinen gesehen hab, er war schon fast dehydriert. Als wir dann wieder oben waren undetwas gegessen und getrunken hatten, und auch die Sonne weg war, es nicht mehr so heiß war, da wusste ich dann, dass Gott seine Hand über uns gehalten hatte."

M. B. (*) ist 19 Jahre alt, künstlerisch begabt, vielseitig interessiert und von erfrischender, zuweilen auch anstrengender Spontaneität. In ihrem Elternhaus wurde freimütig über den Glauben gesprochen. Religion war zu Hause immer ein Thema, ob beim Abendbrot oder sonntags, wenn nach der Heiligen Messe über die Predigt des Pfarrers gesprochen wurde. Dadurch bekam das Mädchen Hunger auf "mehr", auf mehr Glaubenswissen. Und irgendwann sagte sie dann ihr eigenes Ja zu Gott. Obwohl sie sich ein wenig vom kindlichen Glauben gern bewahren möchte:

"Ich hoffe, dass mein Glaube die Kinderschuhe noch etwas anbehält, weil ich den kindlichen Glauben, dass Gott da ist, dass alles gut wird, sehr, sehr schön finde. Aber bewusst aufgefallen, dass sich da was verändert hat, das war, als mein Großvater gestorben ist und ich einfach nur sauer war auf Gott. Ich hab erst gedacht, ich bin traurig, aber ich war richtig sauer, wie er mir das antun konnte, mir meinen Opa wegnehmen konnte. Da hab ich das erste Mal gemerkt, dass sich da was verändert hat zwischen uns, dass ich gefühlt habe, dass ich jetzt anders glaube. Ich hab mir mehr Gedanken gemacht, mir selber Fragen gestellt, für die ich mich früher nie interessiert hatte. Dazu kam, dass ich in die Pubertät kam, und mich andere Leute fragten, wie ich denn an Gott glauben kann, und ich immer gesagt habe: Ich kann's mir anders nicht vorstellen. Ich glaube, ich könnte keinen Tag aufstehen mit dem Wissen, dass Gott mich nicht behütet."

Die Informatikstudentin engagiert sich in der katholischen Jugendarbeit, sie sitzt im Pfarrgemeinderat, moderiert wie ein Profi bei Gemeindeveranstaltungen, und sie ministriert im Gottesdienst. Es scheint, als sei das Pfarrhaus ihr zweites Zuhause.

"Für mich bedeutet Kirche eine Heimat, ein Ort, an dem ich geborgen bin, wo ich Menschen treffe, denen es ähnlich geht wie mir, mit denen ich mich austauschen kann, mit denen ich in Zwiesprache treten kann. Die mir manchmal auch sagen, dass meine Meinung nicht ihre ist. Mir geht es einfach darum, dass die Kirche lebendig bleibt, und deshalb möchte ich mich selber einbringen, deshalb möchte ich auch Veränderung bewirken und möchte, dass die Kirche fortbesteht mit allem, was sie hat. Das heißt für mich logischerweise, dass ich mich einbringen muss. Das bedeutet auch manchmal, dass man im Gottesdienst einfach nur da ist, dass man mitsingt, dass man auf Leute zugeht, dass man für andere – ob nun Jugendliche oder Ältere - da ist, ein offenes Ohr hat. Manchmal reicht es zu sagen: "Hey, mir geht's genauso" oder „Hey, ich bin da", oder „Hey, ich helf Dir". Und manchmal ist es einfach nur, dass man Teller abwäscht oder so."

Die Sehnsucht der M. B. erreichte ihr Ziel im Erkennen: Gott ist Liebe. Doch wie geht sie dann mit der Frage um, wie der 'liebe' Gott das Böse, die Kriege, die Ungerechtigkeiten zulassen kann? Könnte er nicht 'mal eben Frieden machen? Und wieso kann ich nicht so glauben, wie Jesus das konnte? Zweifel an sich und an Gott findet die junge Frau, die einen aus ihren dunklen Augen auch sehr ernst anschauen kann, ganz normal.

"Wenn immer nur heiter Sonnenschein wäre, dann würde irgendwas nicht stimmen. Ich glaube, es ist ganz normal, dass man irgendwann an den Punkt kommt, wo man das alles hinterfragt. Gerade wenn man sich mit der Bibel beschäftigt, gerade auch, wenn man sich mit Jesus als Person beschäftigt, dann kommt man irgendwann in diesen Widerspruch: Mensch, wie konnte er das alles, undich kann das nicht? Wie konnte er so glauben, und wie kann ich so zweifeln? Wie konnte ich mich manchmal von Leuten mit Worten so verletzen lassen, die mir auf die Nase binden, dass ich halt katholisch bin? Da muss manimmer wieder nachdenken, das Zwiegespräch mit anderen suchen, sich zurückziehen und überlegen. Ich glaube auch, manchmal reicht es, wenn man sich die Bibel nimmt und sich nochmal was durchliest und sagt: Das ist das, woran ich glaube."

Die jungen Christinnen strahlen eine Frömmigkeit aus, die mancher ihnen auf den ersten Blick gar nicht zutrauen mag. Sie machen Glaubens- und Lebensmut. Das Christsein ihrer Eltern, von Freunden und Mitgliedern aus der Pfarrgemeinde war die Basis. Doch allmählich musste zu diesem Ja der anderen das eigene, bewusste Ja hinzukommen. Dafür stellen sie Gott und der Kirche Fragen. Das kann unangenehm werden, zumindest für die kirchlichen Gesprächspartner. Aber es ist not-wendig. Um später vielleicht, wie Paulus, sagen zu können: "Ich weiß, wem ich glaube". Johanna, M. - für sie ist nicht alles "klar" und ordentlich in Schubladen verstaut. Sie winken nicht ab bei den Fragen nach dem Sinn oder nach Leid und Tod. Sie suchen, zweifeln, schütteln den Kopf. Aber sie bleiben dran an ihrem Glauben. Und nehmen ihn mit hinein in den Alltag. Da wird die Begegnung mit den Strafgefangenen zur Begegnung mit Gott und das Teller abwaschen zur handfesten Konsequenz einer Entscheidung für ein Leben aus dem Glauben. Ihr Christsein bleibt nicht in der Theorie stecken. Die Drei wollen von ihrer Taufgnade wirklich Gebrauch machen. Nicht nur sonntags. Und Freude am Glauben ist herauszuhören. Die kann ansteckend wirken. „Ein Christ ohne Freude ist kein Christ",* sagt Papst Franziskus in gewohnt pointierter Weise. Die drei Schlüsselwörter, die Jesus Christus gern verwendet hat, sind Friede, Liebe und Freude.

*zitiert nach: newsletter radio vaticana tedesca, 23.05.2014

(*) Redaktioneller Hinweis: Wir haben in dem Beitrag einen Namen anonymisiert.

Feiertag

ÜbersichtKirchensendungen im Deutschlandfunk Kultur
Ein Paar Kopfhöhrer liegt auf einer Bibel (imago / fotoimedia)

Beiträge aus den katholischen und evangelischen Kirchensendungen finden Sie in unserer Mediathek zum Nachhören. Zusätzliche Informationen gibt es im Internet auf den Seiten des Medienbeauftragten der evangelischen Kirche in Deutschland sowie den Seiten der Hörfunkbeauftragten der Katholischen Kirche.Mehr

Organspende, eine Herzenssache?Wenn der Tod Leben rettet
Portemonnaie mit Organspendeausweis (imago/Steinach)

Organspenden gehen zurück, gleichzeitig steigt der Bedarf. Das Thema wird nicht nur aufgrund des Skandals manipulierter Wartelisten schärfer diskutiert. Stefan Förner spricht im Feiertag über die Erfahrung mit einer Organspende im Freundeskreis.Mehr

weitere Beiträge

Religionen

Ayatollah KhomeiniDer Revolutionär des Islam
Eine historische sw-Aufnahme zeigt Ayatollah Khomeini inmitten seiner Anhänger beim Gebet in Teheran 1975. (IMAGO / ZUMA / Keystone)

Ayatollah Khomeini hat den Iran als Revolutionsführer nicht nur vom Schah befreit, er prägt das Land bis heute – vor allem mit Blick auf das schiitische Regierungssystem. Dies zeigt die Biografie der Islamwissenschaftlerin Katajun Amirpur.Mehr

Joe BidenDer zweite Katholik im US-Präsidentenamt
Der demokratische Präsidentschaftskandidat und ehemalige Vizepräsident Joe Biden kommt zu einer Gemeindeveranstaltung in der Grace Lutheran Church in Kenosha Wisconsin.  (picture alliance / ASSOCIATED PRESS / Carolyn Kaster)

Joe Biden ist der 46. Präsident der vereinigten Staaten von Amerika – und nach John F. Kennedy erst der zweite Katholik in diesem Amt. Der Glaube sei fest in ihm verwurzelt, sagt er, doch in der Abtreibungsfrage stellt er sich gegen den Vatikan.Mehr

weitere Beiträge

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur