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Fazit / Archiv | Beitrag vom 09.04.2011

Wie Händler zu Hehlern wurden

Ausstellung über den Kunsthandel in Berlin von 1933 - 1945 im Centrum Judaicum

Von Jochen Stöckmann

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"Stolpersteine" erinnern in vielen Städten an das Schicksal der Juden. (AP)
"Stolpersteine" erinnern in vielen Städten an das Schicksal der Juden. (AP)

Als weitgehend unbeackertes Feld der Forschung muss das Thema "Kunsthandel im Dritten Reich" wohl gelten. Insgesamt vierzehn Fälle haben die ehrenamtlichen Mitarbeiter des Aktiven Museums recherchiert und zeigen die Ergebnisse ihrer Arbeit im Centrum Judaicum.

"Wir wollten verschiedene Aspekte zeigen. Also sowohl diejenigen, die als jüdische Galeristen Opfer der Verfolgung wurden wie diejenigen, die nachher als Hehler jüdischen Eigentums sich daran bereichert haben. Das ist dann ein Spannungsfeld. Sicher kommt auch Zufall mit ins Spiel, etwa die Frage, über was findet man Quellenmaterial. So schrumpft dann die Zahl von 800 auf diese vierzehn zusammen, die aber eben als Auswahl ganz bewusst nur ein erster Schritt sind."

Das "Spannungsfeld", von dem Christine Fischer-Defoy als Vorsitzende des Aktiven Museums spricht, macht die Berliner Ausstellung mit vierzehn großen Bild-Texttafeln sowie darum gruppierten Hörstationen und Vitrinen mit Originaldokumenten anschaulich. Einerseits waren es nicht nur jüdische Kunsthändler, die vom Berufsverbot der von den Nazis installierten "Reichskulturkammer" betroffen waren, sondern auch Galeristen wie Karl Nierendorf, die sich der Kunst der Moderne verschrieben hatten.

Andererseits wurde die sogenannte "Arisierung" manchmal nur pro forma vollzogen. Der jüdische Antiquar Paul Graupe etwa verlegte ein Teil seines Geschäfts 1937 nach Paris und übergab die Berliner Dependance an seinen Angestellten Hans W. Lange - mit einem Vertrag, der insgeheim in der Schweiz abgeschlossen worden war. Caroline Flick:

"Es ist auf jeden Fall ein geplanter Wechsel gewesen. Und es ist ganz typisch, dass es ein langjähriger Angestellter ist, der weitermacht. So dass man also diese Frage nicht endgültig entscheiden kann. Weil Graupe zum Beispiel - Lange stirbt in den letzten Kriegstagen - einen Beileidsbrief an die Eltern schreibt, in dem steht 'einer meiner höchstgeschätzten Mitarbeiter'. Das ist faktisch eine Arisierung, ob es aber von der Art und Weise, wie beide sich darüber verständigt haben, so auch bezeichnet werden kann, muss einfach offen bleiben."

Caroline Flick weiß aus jahrelanger Erfahrung, dass viele Fragen zum Thema "Raubkunst" intensive Recherchen in persönlicher Korrespondenz und abgelegenen Archiven erfordern. Dazu zählen Auktionslisten oder Unterlagen der Finanzbehörden: Im Fall des Berliner Stadtverordneten Max Cassirer forderte die Gestapo das Finanzamt auf, Kunstwerke des Sammlers zur Begleichung der sogenannten "Reichsfluchtsteuer" versteigern zu lassen. In den Unterlagen des Auktionshauses Lange wurde die Kunsthistorikerin fündig:

"Da sehen wir ganz klipp und klar: Wenn das dann zu Lange kommt, setzt er die Preise gleich höher. Er kennt den Markt und er erlöst das auch, sogar noch darüber. Das heißt also, die Finanzbehörde nimmt das Vielfache der ersten Schätzung ein. Überzeugendes Argument für die Zusammenarbeit."

Ganz direkt für das Nazi-Regime arbeiteten Karl Haberstock, Hitlers Haus- und Hoflieferant, oder Eduard Plietzsch, der seine Kenntnisse als Kunsthistoriker nutzte, um für die Nazis in den Niederlanden versteckte Depots jüdischer Sammler aufzuspüren. Weniger eindeutig war das Verhalten von Bernhard Böhmer, der mit dem lukrativen Verkauf der sogenannten "entarteten Kunst" im Ausland Devisen beschaffen sollte. Einige Werke überließ er - verbotenerweise - deutschen Sammlern wie etwa dem Hamburger Reemtsma. Aber wollte dieser Industrielle mit dem Ankauf nun tatsächlich "entartete Kunst" vor der Vernichtung retten? Vielleicht investierte auch Reemtsma einfach nur in einen durchaus boomenden Kunstmarkt. Caroline Flick:

"Natürlich ist ein wichtiges Moment, das sieht bei diesem an sich nicht zur Publikation bestimmten Foto dieser langen Schlange vor Langes Laden, dass viele Leute schlicht und einfach versuchten ihr Geld umzusetzen, um es durch den Krieg zu bringen."

Auf diesen Zug war auch Hansjoachim Quantmeyer aufgesprungen, ein ehemaliger Teppichhändler, der sich zum Schnäppchenjäger von Görings Gnaden mauserte.

"Man ziert sich damit, indem man sich Kultur gibt. Natürlich immer Göring obenan: Man findet eben auch Wehrwirtschaftsführer, große Industrielle und dergleichen, die da einfach nachziehen."

Wenn Händler zu Hehlern werden, liegt die Frage nach den "Kunden", den Kunstsammlern nahe. Und auch da bietet diese erstaunlich unaufgeregte Schau beachtliche Einsichten: Die Kunsthistorikerinnen zeichnen Strukturen nach, malen den einen oder anderen "Sozialtypus" des Kunsthandels im Nationalsozialismus aus. Sie meiden aber jene reißerische Darstellungsweise, mit der das Thema Raubkunst und Restitution gerne als "Kunstkrimi" abgehandelt wird. Mag sein, dass heutige Museumsdirektoren dadurch verschreckt worden sind. Christine Fischer-Defoy:

"Als wir mit diesem Projekt angefangen haben, haben wir bei einigen Häusern angefragt und haben dann von einem die unverblümte Antwort bekommen, eine solche Ausstellung würde den Blick der Öffentlichkeit darauf richten, dass doch auch in diesem Hause vielleicht noch etwas zu restituieren wäre."

Diese Absage Berliner Museen wiederum ist schier unglaublich - so unglaublich, wie auch manches Detail, manch nüchtern dokumentierte Tatsache, die erst durch eine Art Bürger-Initiative nach Jahrzehnten nun doch ans Licht der Öffentlichkeit gelangt.

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