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Signale / Archiv | Beitrag vom 06.05.2007

Wie frei ist die Freiheit?

Gedanken zum 8. Mai

Von Alexander Schuller

 Winston Churchill, Harry S. Truman und Josef Stalin, 1945 (AP)
Winston Churchill, Harry S. Truman und Josef Stalin, 1945 (AP)

Wir sind es gewohnt, den 8. Mai 1945 als deutschen Privatbesitz zu feiern. In der Tat: Es ist ein besonderer Tag für Deutschland, das wissen wir, aber es ist auch ein besonderer Tag für Europa - für die ganze Welt. Neben der lokalen, innenpolitischen Bedeutung markiert dieses Datum eine globale Wende.

Seither ist die Welt machtpolitisch, wirtschaftspolitisch, ideologisch eine andere geworden. Dieser Prozess begann mit der veränderten Rolle, dem veränderten Gewicht des einst respektierten Deutschland.

Rückblickend sieht man, dass es zu jenen drei Völkern gehörte, die die kulturelle, politische und wirtschaftliche Entwicklung seit der Französischen Revolution bestimmt haben: Zunächst England, dann Deutschland und schließlich Frankreich, später die USA, die aber schon um 1900 ökonomische Weltmacht und Kolonialmacht waren. Diese Konstellation – diese 3 plus 1 - beschreibt trotz des Einbruchs des Versailler Vertrages die bis zum 8. Mai 1945 gültige Weltordnung.

An diesem Tage schied Deutschland aus jener Viererkonstellation aus – und damit einer der produktivsten Akteure der Moderne. Eine große, eine gefährliche, eine ungebärdige Kraft erlosch. Wenn man Epochen nicht nur an Grausamkeiten, sondern auch an Errungenschaften festmacht, dann war das Ende Deutschlands als einem Schöpfer von Kultur, Wissen und Innovation ein tragischer Verlust.

Ohne Marx, ohne Nietzsche und ohne Freud, ohne Kernenergie und ohne Raketenantrieb, ohne Luther und Bach und Mozart, ohne Buchdruck und Computer und Transistor, ohne Demographie, Geopolitik und ohne Genetik sähe die Welt heute anders aus; und das, was wir modernes Bewusstsein nennen, gäbe es nicht. Ob wir es wollen oder nicht, wir alle sind auf irgendeine Weise Kinder der "maitres penseurs", der deutschen Geistesriesen, wie André Glucksmann es im Titel eines seiner Bücher formuliert.

Wir haben den 8. Mai als den Abschluss einer kurzen, schrecklichen, alles überwältigenden Periode in unserer Erinnerung verankert. Dabei wird, inzwischen längst zwanghaft, dessen welthistorischer Kontext ausgeblendet. Auch wenn man Geschichte mit kurzem Atem betreibt, so kann niemand übersehen, dass mit dem Untergang der einen der Aufstieg jener anderen schrecklichen Diktatur verknüpft war. Der demokratische Westen wurde mit dem Kampf gegen Deutschland zum tatsächlichen Steigbügelhalter der Sowjetmacht - und des Kommunismus, als einer vermeintlich humanen Ideologie.

Jedenfalls ist der 8. Mai 1945 auch der Beginn eines halben Jahrhunderts sowjetischen Terrors in Europa. Budapest 1956 und Prag 1968 waren nur die medial hörbar gewordenen verzweifelten Hilferufe. Millionen Menschen kamen in den Gulags der Kommunisten lautlos, namenlos, ungesühnt zu Tode. Keiner griff ein, und einige predigten sogar einen Wandel durch Annäherung. So viel appeasement ist den Nationalsozialisten - zum Glück - nie angeboten worden.

Eigentlich war erst 1974, mit der Veröffentlichung des "Archipel Gulag" von Alexander Solschenizyn, der Westen bereit, die Verbrechen der Sowjets zur Kenntnis zu nehmen. Der 8. Mai signalisiert also in einem mehrfachen Sinne einen Epochenwechsel: Nicht nur das Erlöschen eines wesentlichen Teils europäischer Kultur und europäischer Identität, sondern eine noch immer gespaltene Bewertung des Totalitarismus.

Der Aufstieg der Sowjetunion in den Kreis der respektablen Weltmächte bedeutete sowohl eine universale moralische Legitimierung des Terrors als auch eine Verschiebung der weltpolitischen Machtverhältnisse. Noch bedeutender ist die langfristige Wirkung des 8. Mai, jener "longue durée", auf die Fernand Braudel aufmerksam macht. Zu diesen langfristigen Auswirkungen müsste man nicht nur die politische, wirtschaftliche und militärische Macht des heutigen China zählen, sondern auch die Verschiebung des kulturellen Klimas weltweit.

In seiner berühmten Rede vom 8. Mai 1985 empfahl der damalige Bundespräsident Richard von Weizsäcker die Freiheit als den entscheidenden Gegensatz zur Diktatur. Wie kein anderes Volk habe das deutsche aus der Geschichte gelernt, wird immer wieder behauptet. Wenn Richard von Weizsäcker Recht hat, dass der Wille zur Freiheit den entscheidenden Gegensatz zum Totalitarismus ausmacht, hat man in Deutschland nicht viel gelernt. Im Gegenteil, unsere Verkünder der Freiheit glauben, nur mit repressiven Mitteln die Freiheit sichern zu können.

Das gilt für die Politik, findet sich aber auch in der befehlsgewohnten Wissenschaft, der selbstzensierten Literatur, der paritätischen Mitbestimmung. Es beherrscht die Diskussionen um Bildung, Familie und Kinder, um Sinn und Zweck der Bundeswehr, um die Rolle Deutschlands in der Welt. Die Folgen sind Gleichschaltung und Aushöhlung der Meinungsfreiheit. Was ein Prozess der lebhaften und ständigen Neubewertung sein müsste, ist in der Formel des "Nie wieder" erstarrt. Symbolisches Handeln nennt man das.

Der 8. Mai sollte ein Tag der Besinnung sein, in der Tat, aber der Besinnung auf Wahrheit und Wirklichkeit, im Hier und Jetzt.


Alexander Schuller (privat)Alexander Schuller (privat)Alexander Schuller ist Soziologe, Publizist und Professor in Berlin. Er hatte Forschungsprofessuren in den USA (Princeton, Harvard) und ist Mitherausgeber von "Paragrana" (Akademie-Verlag). In seinen wissenschaftlichen Veröffentlichungen befasst er sich mit Fragen der Anthropologie und der Bildungs-, Medizin-, Geschichts- und Alltagssoziologie. Er arbeitet als Rundfunk-Autor sowie für zahlreiche Zeitungen und Zeitschriften wie Merkur und Universitas.

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