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Das politische Buch / Archiv | Beitrag vom 30.06.2006

Wie Frauen den Islam interpretieren

Nahed Selim: "Nehmt den Männern den Koran"

Rezensiert von Hans-Peter Raddatz

Studien des Koran (hier in Afghanistan) (AP)
Studien des Koran (hier in Afghanistan) (AP)

Wer mit dem Titel eine Kritik des Korans in Bezug auf die Frau im Islam erwartet, wird enttäuscht. Das Buch gehört zwar nicht zur Masse muslimischer Frauenbiographien, bietet jedoch auch nicht die analytische Qualität, die man braucht, um "den Männern den Koran zu nehmen".

Viele Formulierungen machen deutlich, dass die Autorin eher zum Unverbindlichen neigt, weil ihr offenbar weder die Kenntnis noch der Mut zu Gebote stehen, wie sie andere Autorinnen wie z. B. die Ägypterin Nawal Sa'dawi oder die Marokkanerin Fatima Mernissi beweisen. So findet sich auf über 300 Seiten wenig, vor dem sich die Männer des Islam fürchten müssten.

Zwar besteht kein Anspruch auf Mut, doch in jedem Falle auf Benennung von Quellen. Leider gibt Selim mehr, als man ihr nachsehen könnte, als eigene Erkenntnis aus, was längst gesichertes Wissen oder aber spezifisches Gedankengut anderer ist.

Gerade weil sie jedoch ihr Anliegen, einen Beitrag zur Verbesserung der Lage der muslimischen Frauen zu leisten, glaubwürdig vorträgt, schaden die fachlichen Mängel ihrer Sache umso mehr. Überzeugend lehnt sie für sich die Frauenpflicht ab, im Islam kein Mensch, sondern ein männlich kontrolliertes "Saatfeld" sein zu müssen. Doch fehlt ihr der Überblick über die ideologischen Kräfte des Islam, die bis heute an dieser Forderung festhalten. Wenngleich inhaltlich richtig, ist mit bloßem Beklagen der Zustände wenig zu bewegen:

"Das perfekte Gehirn, mit dem uns Gott gesegnet hat, kann kaum akzeptieren, dass auch wir alles haben, was die Männer haben - und manchmal auch ein wenig mehr - und trotzdem minderwertig sein sollen. Wenn das wirklich Gottes Absicht gewesen wäre, hätte er uns mit einer Haltung ausgerüstet, in der die Unterwerfung unter den Mann etwas Normales und Selbstverständliches ist, wie wir es bei manchen Tierarten beobachten können. Gott hat jeder Gattung die Haltung mitgegeben, die sie im Leben braucht, ohne darunter zu leiden."

Selim verweist dabei nicht auf die universale Tatsache, dass "Allahs Wille" zu allen Zeiten von Menschen definiert und durchgesetzt wurde und auch den heutigen Islamisten als Grundlage dient. Um diesen Willen zu verstehen, braucht man Koran, Tradition und Biographie Muhammads, die Grundlagen der islamischen Geschichte und Identität. Sie argumentiert naiv und unredlich zugleich, wenn sie die Tradition als "Chaos" und ihre Authentizität pauschal verwirft, sich zugleich aber völlig sicher ist, dass wie es heißt, "bestimmte Überlieferungen dem Propheten eindeutig zu Unrecht zugeschrieben werden".

Ebenso zwiespältig sieht Selim den Koran als Offenbarungstext. Sie erwähnt, dass Muhammad seine Eingebungen zum Nachteil der Frauen manipuliert hat; dennoch bergen sie die "Weisheit Allahs" und den sozialen Fortschritt, dem angeblich auch die herrschende Klasse dient. Da sie die Funktion Gottes als Werkzeug der Eliten jedoch nicht diskutiert, meidet sie auch die Frage, warum dieselbe Klasse die Gewalt gegen Frauen mit dem Gesetz Allahs legitimiert. Sie bleibt damit im islamischen Bezug und folgt dem Gebot des Verkünders, nicht nach dem "Warum" zu fragen.

Umso mehr zieht sie sich auf eine undefinierte "Vernunft des Koran" zurück, die dadurch bewiesen sein soll, dass die Begriffe "Vernunft" und "Verstand" etwa alle 200 Verse vorkommen. Während solche Feststellungen das Thema eher vernebeln, bleibt die zentrale Frage weiterhin unbeantwortet, nämlich warum die koranische Vernunft als menschliche Seinsform nur den männlichen Muslim akzeptiert sowie die Frau und alles Nichtislamische abwertet.

Mithin behält das Buch der Muslime seine Stellung als unangefochtenes Manifest, das die Elite nicht diszipliniert, sondern ihr ermöglicht, sich über das Gesetz zu stellen und somit genau die Probleme zu erzeugen, welche die Autorin beklagt:

"Und damit sind wir beim größten Dilemma der islamischen Theologen angekommen: der Kollision des göttlichen und menschlichen Willens... Wahrscheinlich verkünden alle ihre jeweils eigene Meinung und behaupten, es sei Gottes Meinung. Und wahrscheinlich haben sie alle recht.... Was sie aber tun sollten, jedenfalls als Muslima, ist, selbst nachzudenken. Sie sollten sich den Freiraum verschaffen, einen eigenen Willen zu entwickeln. Ihr Denkvermögen ist das Göttlichste, was sie haben."

Wäre sie sowohl dieser Regel als auch ihrer weiteren Erkenntnis gefolgt, nach der die Männer eine "tödliche Angst vor der weiblichen Sexualität" haben, hätte sie Kritik an den Theologen und damit islamisch unkorrektes Wissen einsetzen müssen, das sie ihren Lesern und Leserinnen konsequent vorenthält. Hier fehlt vor allem der Hinweis auf den Djihad, jene Definition des Islam aus dem Gegensatz zum "Unglauben", zu dem auch und vor allem die sexuell selbstbestimmte Frau gehört. Immerhin war es eine ganze Kette großer Theologen des Islam, die eine versöhnliche Behandlung der Frauen und Nichtmuslime systematisch unterbunden und den radikalen Muslimen von heute den Weg bereitet haben.

So wird es zur fast logischen Konsequenz, dass die Autorin sich immer häufiger ins Unverbindliche zurückzieht und den Theologen schließlich unterwirft. Wie sie meint, "haben sie wahrscheinlich alle recht", womit sie ihre muslimische Unschuld wahrt, aber auch die versprochene "weibliche Interpretation" an die männliche anpasst. Indem sie den Koran als religiöses Bindeglied zwischen "transzendenter Inspiration" und "gesellschaftlichem Rahmen" fordert, bewahrt sie ihn auch als politische Klammer zwischen Staat und Religion. Mithin kann er das traditionelle Machtmittel bleiben, das den Männern eben nicht genommen wird und den Titel des Buches zum Etikettenschwindel macht.

Trotz allen gut gemeinten Bemühens, das ihr durchaus zuzubilligen ist, bleibt Selim somit hinter ihrem selbstgesteckten Anspruch zurück. Ihr Fall macht deutlich, dass nicht jeder Muslim auch Islamexperte ist, wobei mangelhaftes Wissen allerdings ein Schutz vor innermuslimischer Aggression sein kann. Vor allem jedoch dient es dem vorherrschenden Interesse, dem umso weniger an objektiver Information liegt, je mehr die Grundlagen des Islam betroffen sind.


Nahed Selim:
Nehmt den Männern den Koran
Für eine weibliche Interpretation des Islam

Aus dem Niederländischen von Anna Bergr und Jonathan Krämer,
Piper Verlag, München 2006.

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