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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 11.07.2011

Wie die "Familie" funktioniert

Roberto Alajmo, "Es war der Sohn", Roman, Hanser Verlag, München 2011, 252 Seiten

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Palermo auf Sizilien (Stock.XCHNG / Günter M. Kirchweger)
Palermo auf Sizilien (Stock.XCHNG / Günter M. Kirchweger)

Ein Anfang wie aus einer griechischen Tragödie: Ein junger Mann ermordet seinen Vater. Erschießt ihn, wegen eines Streits um einen Kratzer auf der Autotür des kostbaren Volvos. Kein ausreichender Anlass? Wir sind in Sizilien, genauer gesagt, in Palermo, noch genauer gesagt, in der Kalsa.

Die Kalsa ist das Viertel, in dem auch der von der Mafia exekutierte Richter Giovanni Falcone wohnte, eine klassische Gegend einflussreicher "Familien", wie die alle miteinander versippten Clans genannt werden. Mit chirurgischer Präzision legt der palermitanische Schriftsteller Roberto Alajmo, Jahrgang 1959 und einer der interessantesten Schriftsteller der mittleren Generation, in seinem Roman Es war der Sohn die Funktionsweise eines solchen Gebildes bloß.

Als die Polizei bei der Familie Ciraulo eintrifft und den Respekt einflößenden Nicola in einer Blutlache auf dem Fußboden vorfindet, versteckt sich sein erwachsener Sohn Tancredi im Badezimmer. Er lauscht den Befragungen durch die Wand: Seine Mutter fällt bühnenreif in Ohnmacht, der Großvater schweigt, die Großmutter erteilt den Polizisten eine Lektion. Die Waffe ist futsch, gesehen haben sie nichts, aber Tancredi ist der Schuldige - so scheint es zumindest. Allein dieses Verhör ist ein Lehrstück für alle, die sich das Verhältnis der Italiener zum Staat nicht erklären können.

Ähnlich aufschlussreich gestalten sich die Rückblenden, die den Berufsalltags des Familienoberhaupts Nicola zum Gegenstand haben und vom Umgang mit dem ersten Unglück erzählen, das die Ciraulos heimsuchte. Einige Jahre zuvor war nämlich die sechsjährige Tochter Serenella beim Spielen einer Schießerei zwischen zwei verfeindeten Clans zum Opfer gefallen. Die Familie hatte daraufhin eine Entschädigung für Mafiaopfer gefordert, trotz entfernter Verwandtschaft mit den Schützen. Am Ende erhalten sie eine hohe Geldsumme, nur verstreichen zwischen der Bekanntgabe und Auszahlung etliche Monate, während derer die Familie das Geld bereits mit vollen Händen ausgibt, bis sie bei einer weiteren klassischen Institution der Kalsa vorsprechen muss: bei Signor Pino, einem Wucherer. Die Entschädigung schmilzt zusammen und reicht nur noch für den Lebenstraum des Patriarchen: einen Volvo.

Roberto Alajmo liefert eine fesselnde literarische Studie dessen, was in der Soziologie unter dem Begriff des "familismo amorale", des "amoralischen Familismus" bekannt wurde. Es handelt sich um ein typisch süditalienisches Phänomen, das die Interessen des Familienverbandes über alle anderen stellt, auch über diejenigen des Individuums, das Teil dieses Verbandes ist. Die physische oder moralische Vernichtung des Einzelnen wird in Kauf genommen. Der Schriftsteller vermittelt die Ungeheuerlichkeit dieses familiären Systems. Gleichzeitig greift er den ursizilianischen Stoff des Muttersöhnchens auf, wie ihn Vitaliano Brancati in seinem Klassiker Don Giovanni (1941) entfaltet, katapultiert ihn in die Gegenwart und skizziert die politischen Konsequenzen. Es war der Sohn ist eine brillante Mischung aus Psychogramm, Milieustudie und Familienporträt.

Besprochen von Maike Albath

Roberto Alajmo: Es war der Sohn. Roman
Aus dem Italienischen übersetzt von Annette Kopetzki
Carl Hanser Verlag München 2011
252 Seiten, 19,90 Euro

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