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Fazit / Archiv | Beitrag vom 18.11.2012

Wie das junge Europa inszeniert

Das "fast forward"-Festival versammelt talentierten Regie-Nachwuchs in Braunschweig

Von Michael Laages

Das Staatstheater Braunschweig: Das "fast forward"-Festival präsentiert hier den europäischen Regie-Nachwuchs. (Karl-Bernd Karwasz)
Das Staatstheater Braunschweig: Das "fast forward"-Festival präsentiert hier den europäischen Regie-Nachwuchs. (Karl-Bernd Karwasz)

Den europäischen Horizont öffnen und den Theater-Größen von morgen die Möglichkeit zum Netzwerken bieten - das sind die Ziele des "fast forward"-Festivals in Braunschweig. Besonders beeindruckend in diesem Jahr: Die knallharte Abrechnung einer jungen Polin mit der katholischen Kirche.

Eine junge Polin hat Publikum und Preisjury zugleich begeistert beim internationalen "fast forward"-Festival für junge Regie, das Braunschweigs Staatstheater gerade zum zweiten Mal ausgerichtet hat. Marta Górnicka und zwei Dutzend Chor-Frauen an ihrer Seite beglaubigten beispielhaft wie niemand sonst beim Festival die überwältigende Kraft einer klugen Idee im Einklang mit den ursprünglichsten Energien des Theaters. Marta Górnicka, in Warschau zur Sängerin und Regisseurin ausgebildet, wird - das ist der Preis des Festivals - in der kommenden Spielzeit am Braunschweiger Staatstheater inszenieren. Hoffentlich bringt sie auch diesen Chor wieder mit.

Die weibliche Stimme hat hier zwei Dutzend Bilder. In Alltagsklamotten stehen die Frauen des Chores zugleich ganz eigenständig und als Kollektiv auf der Bühne. Sorgsam zu immer wieder neuen Formationen gruppiert und choreographiert singen sie - zum Beispiel das titelgebende "Magnificat". Als seien sie 24 heilige Jungfrauen, erzählen sie damit zunächst von der Verehrung, die die Mutter Gottes speziell im erzkatholischen Polen erfährt – und als stiegen sie alle höchstpersönlich aus den Ikonen heraus, nehmen sie dann jedoch die kitschproduzierende Industrie ins Visier, die mit der Heiligen Geld scheffelt wie Heu. Nächstes Chor-Ziel ist die katholische Kirche, die von und für Polens Frauen ausgesucht vorgestrige Lebensentwürfe einfordert und jeden Weg in die Moderne versperrt.

Górnicka hat für diese knallharte Abrechnung der Schafe mit den Hirten eigene und gefundene Texte montiert - und es gelingt ihr, in scharf akzentuierten Sprech-Chören von der Abtreibungsdebatte über Kochrezepte bis zum Hohelied Salomos zu gelangen. Ein Stück zum Staunen - und der Chor wirkt dabei noch weit stärker als in allen aktuellen heimischen Versionen, von Volker Lösch und im Geiste Einar Schleefs.

Noch eine osteuropäische Produktion hat in außergewöhnlicher Klasse die Qualität und den Mut junger Regie-Talente bewiesen: "Korijolánusz", eine Shakespeare-Bearbeitung des Ungarn Csaba Polgár, die die noch vom späten Brecht zur Bearbeitung vorgesehene, aber nicht mehr realisierte (und generell selten gespielte) Fabel des Klassikers rotzfrech in die ungarische Nachwendewirklichkeit versetzt. Mit prinzipiell käuflichen, auf den eigenen Bauchnabel fixierten Bürgern und einer Herrscher-Kaste, wie sie verkommener kaum sein könnte. Aber Vorsicht – zwar nimmt Polgár das Ungarn von heute ins Visier, doch befragt er jenseits der eigenen Heimat auch generell die Demokratietauglichkeit moderner Gesellschaften. Da sind wir überhaupt nicht außen vor, und kein Urteil von oben herab steht uns zu.

Andere Bemühungen um repertoirevertraute Stoffe erreichten diese Kraft und Schärfe nicht – nicht "Der Bürger", nach Leonhard Franks frühem Roman von 1924, erarbeitet von Simon Kubisch an der Berliner "Ernst Busch"-Schule, erst recht nicht "Een Poppenhuis", die Ibsen- und Nora-Version der jungen Norwegerin Karen Bjorseth, die damit das Regiestudium an der Kunsthochschule in Amsterdam abschloss. Bestenfalls kam Martin Grünheit mit dem in Hamburg formierten "cobratheater" auf die Spur eines Stoffes: mit der schräg und schrill und farcenhaft choreographierten Version von Gogols "Revisor".

Neben solchen Stück-Erkundungen prägten eher theoretische Projekte das Festival: "Mahabharata" von Marjolijn van Heemstra, im freien niederländischen "Frascati"-Ensemble produziert, erinnert in indisch-europäischer Mischung an den großen Multikulti-Moment vor 30 Jahren, als Peter Brook Indiens Buch der Bücher erst auf der Bühne, dann auf der Leinwand mit interkulturellem Ensemble erforschte. Ruth Rosenthal beschwört die eigene Geschichte in der Historie Jerusalems, während Katy Herman und Adrien Rupp, das Schweizer Duo "Zooscope", sich absichtsvoll ironisch (und einigermaßen halbgar und hanebüchen) mit den Regeln von Interaktion und Kommunikation beschäftigen.

"fast forward", das Festival unter dem ideellen Dach der "European Theatre Convention" (ETC), nimmt den allgegenwärtigen Schnelldurchlauf ins Visier, dem sich junge Regie-Talente europaweit ausgesetzt sehen – kaum der Hochschul-Ausbildung entronnen, müssen sie funktionieren auf einem Markt, der Talente bekanntlich eher verschleißt als fördert. Anders als das ähnlich motivierte "Körber Studio Junge Regie" in Hamburg (das sich konzentriert auf die Abschlussarbeiten der Hochschule im deutschsprachigen Raum) öffnet das Braunschweiger Festival den europäischen Horizont und will mithelfen, den Übergang zu bewältigen und auf Dauer ein Netzwerk entwickeln, das den Theater-Größen von morgen den Boden bereitet.

Denn wo und wie sonst hätte ein deutsches Publikum Marta Górnicka und die polnischen Stimmen zu hören und zu sehen bekommen? Schon dafür lohnte jede Mühe.

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