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Kompressor | Beitrag vom 22.01.2019

Wie bekommt der Mikrofon-Windschutz sein Design?Der Schaum und die Macht

Von Johannes Nichelmann

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Mikrofone mit Windschutz während einer Pressekonferenz. (Getty Images / Doug Pensinger)
Ein bisschen Schaum mit großer Wirkung. (Getty Images / Doug Pensinger)

Schaumstoff ist nicht immer hochpreisig, außer wenn er bunt bedruckt und gut designt ist: als gestalteter Mikrofon-Windschutz. Mikrofone und ihre bunten Überzieher sind ein festes Möbel in der Fernsehlandschaft – und auch ein bisschen Machtinstrument.

Sie alle haben sie sicherlich schon beim Fernsehgucken bemerkt: Wenn Regierungsmitglieder an wartenden Journalisten vorbeihetzen, kurz stehen bleiben, dann ist da dieser bunte Strauß Mikrofone.

Sie sind länglich, kurz und rund, drei- oder vierflächig. Mal mit Zierband, mal ohne. Es gibt sie in allen Farben. Eigentlich sollen sie dafür sorgen, dass Wind oder Atem, also Luftzüge, keine Störgeräusche verursachen. Außerdem sollen sie verhindern, dass ein fieses Plopp-Geräusch entsteht und deswegen heißen die Mikrofon-Windschütze auch Plopp- oder Popschutz. Das aber ist nur die technische Seite. Für uns Reporterinnen und Reporter sind sie eine Visitenkarte. Sie sind Machtinstrument: Polizisten tragen Waffen, Journalisten Schaumstoff. Meine Kollegin Johanna Tirnthal hat für eine ORF-Reportage Leute auf der Straße befragt. In der Hand: das rote Mikrofon "wo einfach nur in weiß draufsteht 'ORF'. Mit diesem roten ORF-Windschutz haben mich die Leute plötzlich angeschaut, als wäre ich der Staat in Person. Wenn ich die angesprochen habe, dann haben die sofort angehalten und mir gewissenhaft alle Fragen beantwortet."

Manche schüchtert er ein, manche motiviert er

Die Psychologie des Popschutzes. Bei Gesprächen mit ungeübten Interviewpartnern kann der bekannte Schaumstoff einschüchtern. Wer also Wert auf tiefgründige O-Töne legt, sollte besser eine neutrale Variante wählen. Ebenso kann es für die eigene Gesundheit förderlich sein, bei bestimmten Demonstrationszügen auf einen Popschutz mit Senderlogo zu verzichten.  

Dabei hat der aufwändig gestaltete Popschutz seinen Siegeszug von der ostwestfälischen Provinz aus angetreten. Die Firma "Schulze-Brakel-Schaumstoffverarbeitungs-GmbH" ist nach eigener Angabe Weltmarktführer. Die Konkurrenz kommt aus China, Großbritannien und der Türkei. "Schulze-Brakel" hat in den letzten Jahren 430 verschiedene Modelle entwickelt. In der Firmenzentrale gibt es Räume, die bis zur Decke mit exotischen Schaumstoffüberziehern gefüllt sind. Exemplare für den Irak, Sudan, Dänemark. Geschäftsführer ist Archibald Schulze-Cleven, 74 Jahre alt, der selbst auch gerne dem Reporter ins Mikrofon antwortet: 

- "Gibt's da irgendwelche Trends?"
- "Trends gibt es da auch. Ursprünglich waren alle Windschützer rund. Dann ZDF: Die waren die ersten, die gesagt haben 'Wir wollen aber einen Windschützer vierflächig haben.' Das war eine lange Entwicklung, bis wir das geschafft haben dann."
- "Das war Ende der 1990er Jahre. Unten schwarz und oben orange. Ingenieurskunst und eine echte Sensation. Das ZDF fällt optisch auf. Jetzt wollen auch andere ihren eigens designten Schaumstoff."
- "Nach meinem Empfinden, haben die Österreicher meistens die größten. Die haben gerne so große Würfel. Den kleinsten haben am liebsten die Koreaner. Die Koreaner möchten an sich einen Windschutz haben, der kleiner ist, als das Mikrofon. Da haben wir manchmal Probleme, deren Vorgaben zu erfüllen. Afrika und Südamerika, die haben von den Farben her die schönsten."

Bedruckter Schaumstoff für eine Viertelmillion Euro

Susanne Johnson ist die Vertriebsleiterin. Gerade hat sie einen Auftrag in Höhe einer Viertelmillion an Land gezogen. Die Design-Wünsche bringen die Kunden selbst mit. Die Exemplare kosten zwischen 16 und 60 Euro. Die Logos werden im Siebdruckverfahren hergestellt. Jedes einzelne Stück ist Handarbeit. Am Ende legen Arbeiterinnen das Lineal an. Jedes Logo muss auf den Millimeter genau sitzen.

"Wir haben in der Produktion so ungefähr 35 Leute, die da arbeiten", sagt Susanne Johnson.

Es wird zugeschnitten und gefräst. In einem Wäschekorb liegen dutzende kleine ZDF-Windschützer wie in einem Bällebad. Ein Mitarbeiter nimmt jedes Exemplar einzeln in die Hand, spannt es in eine Maschine und setzt an zur finalen Bohrung. Passend für das gewünschte Mikrofonmodell.

- "Ich hab geschaut, das wird bei Ebay ja richtig teuer gehandelt!"
- "Die klauen sie!"
- "Wo klauen die das denn?"
- "Bei Pressekonferenzen! Wenn wir so einen Windschutz verkaufen würden, fangen die Vertragsstrafen bei so ungefähr 20.000 Euro an."

Was fasziniert daran? Ist es dieses Machtmoment? Der Wunsch etwas zu besitzen, in das sonst nur wichtige Politiker sprechen? Oder doch das Design? Hier gilt: Je schlichter, desto hübscher. Wobei mir eine endgültige Beurteilung von "Schönheit" noch schwerfällt. Am Ende sollen die Dinger einfach praktisch sein und für einen guten Ton sorgen. Immerhin: In den Nachrichten sorgen sie für Farbe. Achten Sie mal drauf!

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