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Feiertag - Kirchensendung / Archiv | Beitrag vom 06.10.2013

Wie aus Francesco Bernardone der "Heilige Franziskus" wird

Von Ludger Verst, Dreieich

Eine Franziskus-Darstellung in der Ausstellung "Franziskus - Licht aus Assis" im Diözesanmuseum Paderborn  (picture alliance / dpa / Bernd Thissen)
Eine Franziskus-Darstellung in der Ausstellung "Franziskus - Licht aus Assis" im Diözesanmuseum Paderborn (picture alliance / dpa / Bernd Thissen)

Seitdem Papst Franziskus die Herzen vieler Menschen im Sturm erobert hat, rückt auch die Figur, von der der Papst sich den Namen geliehen hat, programmatisch in den Mittelpunkt. Wer ist dieser Heilige? Was macht ihn so anziehend, wo er doch alle hochfliegenden Pläne für seine Karriere aufgibt und alles Glanzvolle hinter sich lässt? Mein Beitrag will die Anziehungskraft des Franz von Assisi, die aus dem Innern seines Herzens und seiner Seele kommt, nachvollziehbar machen und danach fragen, wie es gelingen kann, dass er überall, wohin er kommt, Staunen, Nachdenklichkeit, ja sogar Entscheidungen auslöst, mit ihm das Leben zu teilen.

13. März 2013. Auf der Loggia des Petersdoms in Rom erscheint ein Mann in weißem Gewand. Sein Name: Jorge Mario Bergoglio. Der erste Lateinamerikaner und Jesuit als Bischof von Rom, der erste Papst, der sich Franziskus nennt. Die Bilder der Fernsehkameras ziehen Millionen in den Bann: Der klare, liebevolle Blick des neuen Papstes hinaus auf den Petersplatz verspricht Nähe und Herzlichkeit.

Ein gutes halbes Jahr später hat der Papst die Herzen vieler längst erobert. Und macht seinem Namen alle Ehre. Er habe sich nach Franziskus von Assisi benannt, weil ihn ein Kardinal nach seiner Wahl gebeten habe: "Vergiss die Armen nicht!" Franziskus sei für ihn der Mann der Armut und des Friedens, der die Schöpfung liebe und bewahre. In einer Reihe von Ansprachen und Interviews hat sich das franziskanische Anliegen des Papstes inzwischen deutlich artikuliert:

"Wir müssen die frohe Nachricht vom Reich Gottes auf allen Straßen verkünden. (…) Die Menschen müssen begleitet werden, die Wunden geheilt. (…) Die Diener des Evangeliums müssen in der Lage sein, die Herzen der Menschen zu erwärmen, in der Nacht mit ihnen zu gehen. Sie müssen ein Gespräch führen und in die Nacht hinabsteigen können, in ihr Dunkel, ohne sich zu verlieren. Das Volk Gottes will Hirten und nicht Funktionäre oder Staatskleriker."


Der Name Franziskus gewinnt inzwischen die Herzen auch derer, die mit Kirche wenig oder kaum mehr etwas anfangen können. Er steht für einen radikal anderen Umgang miteinander. Dies verbindet den Papst mit seinem Namensgeber aus dem Mittelalter. Auch Franziskus von Assisi, der im Übergang vom 12. zum 13. Jahrhundert lebte, ist eine Gestalt, die bis heute Menschen anzieht, weit über die Grenzen von Konfessionen, Religionen und Kulturen hinaus. In Japan gibt es eine umfangreiche Literatur über Franziskus. In Indien ist er unter Hindus der bekannteste christliche Heilige. Mit seiner Innigkeit und Tiefe und seiner Liebe zur Schöpfung ist er in allen Religionen gegenwärtig, wenn auch nicht immer unter seinem Namen. "Bruder Wolf" nennen ihn heute noch Indianer, und sie meinen damit die vertraute Nähe zu jedem lebenden Wesen, wie sie für den Heiligen aus Assisi typisch war.

Franziskus von Assisi war natürlich nicht immer schon der, den wir heute als Heiligen vor Augen haben. Er heißt zunächst nicht mal Francesco, sondern wird auf den Namen Giovanni getauft: Johannes. Als jedoch einige Zeit später sein Vater Pietro, ein angesehener, reicher Tuchhändler, von einer Reise zurückkehrt, nennt er das Kind Franz –, wohl aus Vorliebe für das Frankenland und seine Bewohner, die er schätzte. Den Namen Franz behält der Junge sein Leben lang; schon als Kind lernt er die gallische Sprache, in der er später noch seine Lieder singt. Er genießt die Freuden seiner jungen Jahre ohne allzu viel Anstrengung und schaut mit ungetrübten Augen in den Tag, denn er ist von einer freudigen und hellen Gemütsart und allem Schönen und Heiteren von Herzen zugetan.


"Indes er so in die Jünglingsjahre hineinwuchs, fing eine Sehnsucht an, ihn zu bewegen, als müsste er etwas Absonderliches und Gewaltiges tun und aus sich machen. So regte sich in seiner jungen Seele verhüllt und dunkel der eingeborene Drang, noch ohne Ziel und Gewissheit, als ein fröhliches Flügelschlagen. Mit stürmender Leidenschaft warf er sich in das Leben, voll großer Begierde, allen Glanz und Wert der Welt zu erkennen und an sich zu reißen. Vor allem wollte es ihm edel und begehrenswert erscheinen, sich einem ritterlichen und prächtigen Leben hinzugeben, wozu sein ganzes Wesen neigte. (…) Ein Ritter und Troubadour zu sein, war sein herzlichstes Träumen und Begehren."


Es sind die Jahre zwischen 1204 und 1208, die dem Leben des Francesco Bernardone eine totale Wende geben. Seine Wandlung beginnt, als er in den Krieg aufbricht und wieder umkehrt, und findet einen vorläufigen Abschluss, als er für seine radikal neue Lebensweise Gefährten gewinnt. Die Frage, die sich aufdrängt: Wie ist es möglich, dass aus einem jungen Mann, der hochfliegende Pläne für seine Karriere hat, der allseits beliebt im Mittelpunkt steht und das Leben in vollen Zügen genießt, ein ganz Anderer wird? Einer, der unter größten Widerständen seiner Verwandten und Freunde alles hinter sich lässt? Stattdessen ein Leben in äußerster Dürftigkeit wählt, allein, von den Freunden verachtet, verlacht, vom Vater verflucht? – Das Auffallende ist: Francesco übt nach und nach eine immer stärker werdende Anziehung aus, sodass er andere für seine Einstellung und Lebensweise gewinnt und überall, wohin er kommt, Staunen, Nachdenklichkeit, sogar Entscheidungen auslöst. Die Gefährten wollen mit ihm ihr Leben teilen. Dies kann nicht nur das Ergebnis seines eigenen Willens sein. Es muss aus einer anderen Instanz der Seele kommen, aus den unbewussten Tiefen seines Wesens.

Eine solche Wandlung der Persönlichkeit ist in der Tiefenpsychologie nicht unbekannt. Aus ihrem Verständnis lässt sich der Weg Francescos vom normalen, jungen Mann zu einer außerordentlichen, bewunderten Persönlichkeit darstellen und durchaus auch nachvollziehen. Die Aufmerksamkeit gilt dem inneren Prozess, auf den Franziskus sich einlässt und der ihn in seinem Innersten wandelt. Jede Nachfolge nämlich, die den großen Heiligen zum Vorbild nimmt und es ihm gleichtun will, aber seinen Wandlungsweg einfach überspringt, führt notwendigerweise in eine Sackgasse. Sie bleibt in bloßer Nachahmung stecken. Sie kann zwar bei gutem Willen und viel Anstrengung manche, vielleicht sogar bewunderte Leistung vollbringen, aber die Spontaneität, die Kraft der Überzeugung, die Ausstrahlung, die Kreativität kann einem nur durch den ganz eigenen Prozess der Wandlung geschenkt werden. Erst dann werde ich dem Heiligen gerecht und ihm ähnlich, wenn ich so wahrhaftig meinen eigenen Weg gehe, wie Franziskus den seinen gegangen ist.


Der innere Weg des Franziskus beginnt zunächst mit einem Aufbruch nach außen. Er will nach Apulien ziehen, um dort im Kampf sich auszuzeichnen und dafür mit dem Stand und der Burg eines Ritters belohnt zu werden. Am Tag vorher hat er einen Traum:


"Eines Nachts, als er schlief, erschien ihm jemand, der rief ihn beim Namen und führte ihn in einen weiten, herrlichen Palast. Da gab es der Waffen viel, prächtige Schilde und Rüstungen aller Art, die an den Wänden hingen und auf Kriegsruhm zu harren schienen. Von höchster Freude erfasst, fragte er sich voll Staunen, was das bedeuten möge und wem die herrliche Waffenzier und der prächtige Palast gehöre. Und es ward ihm gesagt, das alles mitsamt dem Palast gehöre ihm und seinen Edlen."


Das ist mehr als nur ein gewöhnlicher Traum. Franziskus fühlt sich in seinem Entschluss, nach Apulien zu ziehen, bestätigt. Auf dem weiteren Weg wird ihm aber, ebenfalls im Traum, gesagt, dass er nicht dem Herrn, sondern nur irgendeinem Knecht nachlaufe. Das bringt ihn zum Nachdenken und zur Erkenntnis, dass er seinen Traum anders verstehen müsse. Er kehrt nach Hause zurück. Der Palast im Traum offenbart sich ihm als Ziel in seinem Innern. Und ist ein Symbol für die Ganzheit einer Lebensgemeinschaft ebenso wie für die Ganzheit der Seele. Paläste, Schlösser, Burgen stehen für den Gipfel menschlicher und spiritueller Reife. Auch Teresa von Avila hat die Burg als Bild für die Seele genommen. In ihrer Schrift "Die innere Burg" beschreibt sie die Räume und Wege zur inneren Mitte. Es bleibt nicht bei diesem einen Traum. Es folgen weitere Äußerungen des Unbewussten, Träume, Visionen und Wachfantasien. Es sind Innenerfahrungen, die zutiefst in den Erlebnisraum und den Denkrahmen des Franziskus eingreifen.

Das nächste prägende Ereignis überfällt Franziskus auf dem Nachhauseweg nach einer nächtlichen Feier. Dazu steht in der so genannten Dreigefährten-Legende:


"Auf einmal blieb Franz ein wenig hinter den andern zurück. Er sang nicht mehr, er war in tiefes Nachdenken versunken, denn plötzlich hatte ihn der Herr berührt. Eine solche Süße erfüllte sein Herz, dass er weder reden noch sich bewegen konnte. Nur jene Süße fühlte er und konnte nicht anderes wahrnehmen. So sehr war er der Empfindung der Sinne entrückt – er erzählte es später selbst – dass er sich nicht von der Stelle hätte bewegen können, auch wenn man ihn in Stücke geschnitten hätte. (…) Von der Stunde an begann er, gering von sich zu denken und das zu verachten, was zuvor seine Neigung besessen."


Tiefenpsychologisch betrachtet, kann man sagen: Die Umkehr des Franziskus ist nicht das Ergebnis guter Vorsätze, sondern eines Erlebnisprozesses. Nicht weil er es sich abgerungen hätte, ein anderer zu werden, sondern weil er von innen gelockt und inspiriert ist, sucht er das, was seinem Inneren entspricht. Jener Bereich des Seelischen hat sich geöffnet, in dem die echten Energien liegen, die tiefen Motivationen und Steuerungsvorgänge, die sich im Erleben und Verhalten des Individuums äußern. Dies ist zugleich das Empfinden völliger Autonomie und Freiheit. Um eine solche Umkehrgeschichte zu verstehen, ist es wichtig, auf den emotionalen Gehalt der sogenannten Berufungserlebnisse zu achten. Bekannt ist die Szene in der Kirche San Damiano in der Nähe von Assisi, wo Franziskus die Stimme Christi hört: "Stelle mein Haus wieder her!" Es ist der vorläufige Höhepunkt seines Wandlungsweges: "Eine so hohe Freude und so wundersames Licht erfüllten ihn ob der Ansprache, die ihm zuteil geworden, dass er in seiner Seele wahrhaft Christus den Gekreuzigten empfand, der zu ihm redete."

Dieses Erlebnis prägt alle folgenden Schritte seines Lebens. Er versucht, den hohen Auftrag zu erfüllen und beginnt, an der Kirche zu arbeiten. Immer wieder zieht er sich zum Gebet zurück. Er kümmert sich um Aussätzige. In seinen Predigten drängen sich Männer und Frauen in Massen um ihn, weil sie von der inneren Kraft seiner Worte zutiefst bewegt sind. Bei alledem empfindet Franziskus das Urerlebnis der Süße, in das er bei der nächtlichen Heimkehr zum ersten Mal und dann in San Damiano erneut eingetaucht wurde.


Ein mittelalterlicher Augenzeuge berichtet: "Es war während meines Studiums in Bologna am Tage Mariä Himmelfahrt. Da sah ich den heiligen Franziskus, wie er auf dem Platz vor dem Palazzo di Podestá vor nahezu dem ganzen Volk der Stadt eine Predigt hielt. (…) Er sprach so treffend im Inhalt und mit solcher Beredsamkeit, dass viele Gebildete, die zugegen waren, von Bewunderung erfüllt wurden." Die Wirkung seiner Predigt war überwältigend. Was er sagte, war einfach, aber es traf. Es kam unmittelbar aus ihm heraus.


Bis heute begeistert der heilige Franziskus durch die Radikalität und Geradlinigkeit seines Lebens, durch die Art, wie er die Herzen der Menschen erreicht. Er hatte nicht die Manieren eines Predigers, in denen vieles als rollenhaft, abgeschliffen und verbraucht empfunden wird und deshalb nicht mehr greift. Es kam aus dem unmittelbaren Erleben, aus der Ergriffenheit, die sich von selbst überträgt.

Viele mögen darin die Art und Weise entdecken, in der auch Papst Franziskus mit den Menschen spricht. Wie Franz von Assisi ist er nah an den Zuhörern, achtet auf ihre Reaktionen, spürt ihre unausgesprochenen Fragen und Probleme, die er aufzugreifen versucht, wie jüngst sein viel beachtetes, großes Interview gezeigt hat. Sein Auftreten erleben viele als unmittelbar und authentisch, wie selten ein Papst in Erscheinung getreten ist. Ganz wie Franziskus eben.


Musik und Literatur dieser Sendung:
• CD: Giant Leap (2001, Feat. Robbie Williams and Maxi Jazz, Palm Pictures Ltd.
• CD: Klangwelten (2008), Rüdiger Oppermann, Klangwelten Records
• CD: The Millennium Prayer (1999), Cliff Richard, Papillon Records/Blacknight
• istorisches Papst-Interview: Aufbruch von oben, www.spiegel.de/panorama/interview-von-papst-franziskus-aufbruch-von-oben-a-923513.html (21.09.2013)
• Hermann Hesse: Franz von Assisi. Mit farbigen Bildern der Fresken von Giotto und einem Essay von Fritz Wagner. Frankfurt am Main: Insel Verlag 11. Aufl. 2012
• Otto Karrer (Hg.): Franz von Assisi. Legenden und Laude. Zürich 1986


Die redaktionelle und inhaltliche Verantwortung für diesen Beitrag hat der katholische Senderbeauftragte für Deutschlandradio Kultur, Pfarrer Lutz Nehk.

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