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Länderreport / Archiv | Beitrag vom 21.03.2019

Widerstand gegen Atommüll"Politik reagiert nur, wenn Druck ausgeübt wird"

Von Dietrich Mohaupt

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Hans-Werner Zachow neben seinem aktuellen Traktor. Im Jahr 1979 war der Bauer als 21-Jähriger beim "Gorleben-Treck" nach Hannover dabei, als die "Bäuerliche Notgemeinschaft Lüchow-Dannenberg" zum Protest gegen das Atomlager Gorleben nach Hannover fuhr. (Dietrich Mohaupt)
Bauer Hans-Werner Zachow (Dietrich Mohaupt)

Erst 21 Jahre alt war Hans-Werner Zachow, als er beim "Gorleben-Treck" einen von 300 Traktoren nach Hannover steuerte. 40 Jahre später ist er immer noch dabei, wenn es darum geht, ein Atomendlager in Gorleben zu verhindern.

Alltag auf dem Hof von Hans-Werner Zachow in dem kleinen Dörfchen Fließau, etwa 30 Kilometer von Gorleben entfernt. 55 Milchkühe, etwa 145 Hektar Land – ein durchschnittlicher konventioneller Betrieb. Hans-Werner Zachow ist Bauer mit Leib und Seele … und er ist seit mehr als 40 Jahren aktiv im Kampf gegen die Atomkraft. Dass dieser Kampf so lange dauern würde – niemals hätte er das als junger Bauer gedacht.

"Nein – auf keinen Fall. Also, wenn mir jemand gesagt hätte, dass ich nach 40 Jahren noch weiterhin so oft im Widerstand stehe, hätte ich gesagt: ‘Nee – das kann man auch nicht so lange durchhalten.’ Aber, wenn man wirklich an einem Ziel festhält und auch das Gefühl hat, man muss etwas machen, dann fällt es auch nicht schwer durchzuhalten."

Albrecht holte den Atommüll ins Wendland

Im Februar 1977 hatte der niedersächsische CDU-Ministerpräsident Ernst Albrecht Gorleben im dünn besiedelten Wendland als künftigen Standort für eine atomare Wiederaufarbeitungsanlage und ein Atommüll-Endlager benannt. Kurz darauf schlossen sich Landwirte aus der Region dicht an der Grenze zur DDR zur "Bäuerlichen Notgemeinschaft Lüchow-Dannenberg" zusammen. Ein ganz bewusst sehr loser Zusammenschluss, betont Hans-Werner Zachow – keine Satzung, kein Vorstand, keine Mitgliedsbeiträge … Bauern regeln sowas eben anders!

"Wie man so schön sagt, man kann drei Bauern nur unter einen Hut bringen, wenn man zwei totschlägt. Und so ein bisschen ist das ja auch so, dass man das Freiheitsgefühl behalten will. Deshalb haben wir gesagt, wir machen keine Organisation. Das hat mit Sicherheit auch rechtliche Gründe, weil die immer versucht haben, den Kopf der Bäuerlichen Notgemeinschaft zu finden, juristisch auszumachen, um dann auch Ansprüche finanzieller Art gegen diese Person dann durchziehen zu können."

Mit ihren Traktoren waren die Bauern in den vergangenen 40 Jahren immer wieder mitten drin im Widerstand gegen die geplanten Atomanlagen in Gorleben. Ganz maßgeblich waren sie 1979 am sogenannten Gorleben-Treck nach Hannover beteiligt.

Gorleben-Treck - eine Woche bis Hannover

"Albrecht wir kommen" – unter diesem Motto brach am 25. März 1979 im Wendland der Protestzug auf. Mit Fahrrädern, Pferdewagen, zu Fuß – und mit rund 300 Traktoren ging es in die niedersächsische Landeshauptstadt – auch Hans-Werner Zachow, damals gerade 21 Jahre jung, war mit von der Partie.

"Dieser Treck ist bewusst so gewählt worden, dass er praktisch eine Woche gebraucht hat, um Hannover zu erreichen – weil einige Leute zu Fuß gegangen sind. Es war kalt, ungemütlich, viele Scheibenwischer sind ausgefallen, es gab an sich kaum Kabinen, ein paar Trecker gab es schon mit Kabinen, aber meistens waren die an der Seite offen oder vorne offen. Ich hatte also eine Frontscheibe, aber hinten war alles offen und an der Seite – und mein Scheibenwischer ist erst kurz vor Hannover ausgefallen."

Der "Gorleben-Treck" endete am 31. März 1979 in Hannover auf dem Klagesmarkt – insgesamt hatten sich in den sieben Tagen mehr als 500 Traktoren dem Treck angeschlossen. Nicht zuletzt der Reaktorunfall in Harrisburg in den USA ein paar Tage zuvor, bei dem es zu einer teilweisen Kernschmelze gekommen war, hatte die Risiken der Atomkraft in aller Deutlichkeit aufgezeigt und dem Treck regen Zulauf beschert. Die Abschlusskundgebung wurde mit rund 100.000 Teilnehmern zur bis dahin größten Anti-Atomkraft-Demo in Deutschland.

Wiederaufarbeitungsanlage verhindert

"Wir kämpfen heute hier für unseren Landkreis, für unsere Höfe, für unsere Gesundheit und letztlich für unser Leben! Wir wollen nichts kaputt machen, aber wir wehren uns mit aller Entschiedenheit dagegen, dass bei uns alles kaputtgemacht werden soll! Mein lieber Herr Albrecht, wir wollen deinen Schiet nicht haben, nicht bei uns und auch nicht anderswo – niemals!!"

Wenige Wochen nach der Demonstration in Hannover räumte Ministerpräsident Ernst Albrecht ein, dass eine Wiederaufarbeitungsanlage im Wendland politisch nicht durchsetzbar sei.

"Und obwohl es gesetzlich möglich wäre, hält die Landesregierung es nicht für richtig, eine Wiederaufarbeitungsanlage zu bauen, solange es nicht gelungen ist, breite Schichten der Bevölkerung von der Notwendigkeit und sicherheitstechnischen Vertretbarkeit der Anlage zu überzeugen."

Während im Bundesumweltministerium Vertreter der Bundesländer und Umweltminister Röttgen über die Endlagersuche beraten, demonstrieren mehrere hundert Menschen gegen die Nutzung des Zwischenlagers Gorleben als Atommüll-Endlager.  (Christian Mang / imago )Mehrere hundert Menschen protestieren am 9.2. 2012 gegen die Nutzung des Zwischenlagers Gorleben (Christian Mang / imago )

Immerhin ein Teilerfolg für die Menschen im Wendland – die Wiederaufarbeitung war damit vom Tisch, nicht aber die Pläne für das Atommüll-Endlager im Salzstock von Gorleben. Kein Anlass also für Hans-Werner Zachow, den Widerstand ad acta zu legen.

"Es ist uns immer ganz klar geworden, dass Politik nur dann reagiert, wenn Druck ausgeübt wird – und wir haben immer gemerkt, wenn dieser Druck nachlässt, dann macht die Politik wieder was sie will."

Die "Freie Republik Wendland"

Sie haben also immer weiter gemacht. 1980 zum Beispiel, als im Wald bei Gorleben die "Freie Republik Wendland", das legendäre Hüttendorf der Anti-Atombewegung, errichtet wurde. Oder später dann bei den Protesten gegen die Castor-Transporte ins Zwischenlager Gorleben. Immer wieder hat Hans-Werner Zachow mit dafür gesorgt, den Druck auf die Politik aufrecht zu erhalten. Vorzugsweise mit Hilfe seines Traktors – ein gutes Druckmittel, wie sich auch 2011 beim vorerst letzten Castor-Transport ins Wendland zeigte, als er gemeinsam mit einigen Mitstreitern eine Polizeieinheit zeitweise vollständig lahmlegen konnte.

"Da hatten wir also einen Mannschaftswagen und einen Wasserwerfer eingekeilt von der Polizei, die dann also mehrere Tage von uns selbstverständlich versorgt wurden. Und die uns versichert haben, dass es ihnen, im Augenblick jedenfalls, sehr gut geht, dass sie auch keine Lust hätten Leute weg zu spritzen, dass sie sich eigentlich ganz wohl fühlen. Sie durften dann bei uns mal auf den Trecker, und wir durften auch einmal auf den Wasserwerfer."

Anekdoten aus 40 Jahren Widerstand – Hans-Werner Zachow wird aber ganz schnell wieder ernst, wenn es um die Zukunft im Wendland geht. Noch immer ist die Frage nach dem Standort für ein deutsches Atommüll-Endlager ungelöst. Und auch wenn bei der aktuellen Standort-Suche immer wieder die Rede von einer "weißen Landkarte" ist: im Wendland bleibt man skeptisch – immerhin sind schon mehr als eineinhalb Milliarden Euro in die Erkundung des Gorlebener Salzbergwerks geflossen. Da fällt es schwer, den Beteuerungen der Politik einfach so zu glauben.

"Es ist ja keine weiße Karte – weil, in dieser Karte ist ein Ort eingetragen und der heißt Gorleben. Das Gefühl ist bei uns immer geblieben, dass hinter unserem Rücken mehr geplant und gemacht wird, wo wir auch jetzt immer noch nicht alles erfahren, und deshalb auch unseren Widerstand immer wieder aufrechterhalten müssen."

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