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Thema / Archiv | Beitrag vom 17.11.2011

Wichtiger Moment der deutschen Geschichtswissenschaft

Vor 50 Jahren - Beginn der Fischer-Kontroverse

Von Winfried Sträter

In der jungen Bundesrepublik war es für Historiker eine Tatsache, dass die Außenpolitik unter Wilhelm II. keine besondere Schuld am Kriegsausbruch 1914 hatte.  (DVA)
In der jungen Bundesrepublik war es für Historiker eine Tatsache, dass die Außenpolitik unter Wilhelm II. keine besondere Schuld am Kriegsausbruch 1914 hatte. (DVA)

Das große Werk des Hamburger Historikers Fritz Fischer zum Ausbruch und Verlauf des Ersten Weltkrieges ist mit seinen fast 900 Seiten eine sperrige Studie. Aber dieser Wälzer hat die junge Bundesrepublik fast genauso aufgeregt wie die berühmte Spiegel-Affäre 1962.

Immerhin: "Griff nach der Weltmacht" – der Titel stach ins Auge. Fischer analysierte die Politik der Reichsregierung beim Ausbruch des Krieges 1914 und die weitgespannten Kriegsziele, die Eroberungspläne der kaiserlichen Politiker und Militärs. Mit dem Ergebnis: Das Deutsche Kaiserreich sei keineswegs gemeinsam mit den anderen Großmächten in das Verhängnis des großen Krieges gerutscht – vielmehr trage Deutschland einen großen Teil Schuld am Kriegsausbruch, und die Eroberungsgelüste offenbarten eine düstere Kontinuität vom Kaiserreich ins Dritte Reich.

Fritz Fischer rührte damit an ein Tabu: In der jungen Bundesrepublik war es für alle maßgeblichen Historiker eine unumstößliche Tatsache, dass die Deutschen keine besondere Schuld am Kriegsausbruch 1914 hatten.

Deshalb reagierten die Eminenzen der westdeutschen Geschichtswissenschaft – voran Gerhard Ritter und Theodor Schieder – wie von einer Tarantel gestochen auf Fischers "Griff nach der Weltmacht". Ohne ihre Reaktion und ohne ihre wütenden Versuche, den Hamburger Historiker zu desavouieren, wäre es nicht zu jener Fischer-Kontroverse gekommen, die die Republik aufwühlte und veränderte. Fischers Werk sei eine "nationale Katastrophe", wetterte Schieder. Als Fischer dann in die USA eingeladen wurde, schaltete Gerhard Ritter sogar das Auswärtige Amt ein, um zu verhindern, dass Fischer dort seine – Zitat – "völlig unreifen Thesen" vertreten dürfe.

Damit wurde die Debatte zu einer Kontroverse über Wissenschafts- und Meinungsfreiheit in der Bundesrepublik. Namhafte US-amerikanische Historiker, darunter der aus Nazideutschland emigrierte Fritz Stern, setzten sich erfolgreich dafür ein, dass Fischer seine Reise antreten konnte. Endlich, so die Reaktion in den USA, setzt sich ein deutscher Professor selbstkritisch mit der Geschichte seines Landes auseinander.

Ein Jahr später, 1964, stand der Deutsche Historikertag ganz im Zeichen der Fischer-Kontroverse. Gebannt schaute die westdeutsche und internationale Öffentlichkeit nach West-Berlin. Die wohl wichtigste Rede hielt damals ein Gast aus den USA: Fritz Stern.

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"Außenpolitik unter Wilhelm II. war ein Unglück für Deutschland" - Historiker Fritz Stern über den Streit um Fritz Fischer

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"Außenpolitik unter Wilhelm II. war ein Unglück für Deutschland"

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