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Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 14.01.2021

WHO-MissionDie Suche nach dem Ursprung des Coronavirus

Von Arndt Reuning

Das Foto vom 30. März 2020 zeigt Arbeiter in Schutzanzügen vor dem abgeriegelten Meeresfrüchte-Großmarkt in Wuhan in der zentralchinesischen Provinz Hubei.  (AFP / Hector Retamal)
Tiermarkt in Wuhan: Die WHO-Delegation soll sich hier umsehen, da der Ort als Epizentrum des Ausbruchs gilt. (AFP / Hector Retamal)

Die Fledermäuse stehen unter Verdacht. Ob sie wirklich Überträger des Coronavirus waren, ist jedoch noch ungeklärt. Selbst ob der Ausbruch ursprünglich in China passierte, ist weiter offen. Eine WHO-Delegation geht dem nach.

Anfang Januar, das neue Jahr hat gerade erst begonnen. Der Epidemiologe Fabian Leendertz sitzt zuhause und wartet, dass es losgeht. Noch weiß er nicht, dass er die Arbeit seiner Kolleginnen und Kollegen nur aus der Ferne begleiten wird. Was er weiß, die Suche nach dem Ursprung des Coronavirus gleicht einer nach der Nadel im Heuhaufen.

"Wir wissen leider noch sehr, sehr wenig. Die einzigen Hinweise, die es gibt, sind verwandte Viren des SARS-CoV-2 in einer Fledermausart, die auch im südlichen China vorkommt. Dann gibt es Hinweise aus anderen Tierarten. Aber das sind alles noch keine schlüssigen Spuren, denen man folgen sollte."

Fledermäuse unter Verdacht

Bereits zweimal in den vergangenen 20 Jahren ist es vorgekommen, dass Coronaviren für epidemische Ausbrüche gesorgt haben: bei den Atemwegserkrankungen SARS und MERS. In beiden Fällen sprang der Erreger wohl vom Tierreich auf den Menschen über, ursprünglich wahrscheinlich von Fledertieren. Daher gerieten auch diesmal wieder die Fledermäuse unter Verdacht.

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Und tatsächlich: Ein Team vom Institut für Virologie in Wuhan wurde fündig. In alten Proben, die von Hufeisennasen-Fledermäusen aus einem verlassenen Kupfer-Bergwerk in der Provinz Yunnan stammten, entdeckten sie Coronaviren. Und deren Erbgut stimmte zu 96 Prozent mit dem von SARS-CoV-2 überein. Das ist gut, aber für eine sehr heiße Spur dann eben doch nicht gut genug, urteilt der Berliner Wissenschaftler.

"Dafür ist es zu weit weg, also das heißt, da fehlt auch noch eins, bei den Fledermäusen, wenn es denn wirklich die Fledermäuse sind, was aber sehr wahrscheinlich ist. Und dann ist die Frage, ob noch ein Zwischenwirt involviert ist. Das ist höchstwahrscheinlich so, weil‘s bei den meisten von diesen Coronavirus-Übertragungen der Fall ist oder war. Aber da gibt es halt noch sehr wenig Hinweise."

Schuppentier als Zwischenwirt?

In einem Zwischenwirt könnte das Virus Gene aus seinem Erbgut mit anderen Viren ausgetauscht haben – so dass es leichter auf Menschen überspringen kann. Dafür in Frage kommt eine bedrohte Säugetierart, das Schuppentier. Sein Körper ist teilweise von harten Hornschuppen bedeckt, die in der Traditionellen Chinesischen Medizin verwendet werden.

Aber auch in Marderhunden könnte die Anpassung des Virus stattgefunden haben. Die WHO-Mission soll sich daher auf dem Tiermarkt in Wuhan umsehen, der als Epizentrum des Ausbruchs gilt. Das dürfte sich nach all der Zeit als eine wahre Herausforderung erweisen, ist sich Fabian Leendertz sicher.

"Aber trotzdem haben wir die Hoffnung, dass es eben Dokumentationen über die Tiere, die dort gehandelt wurden, die Arten, die dort gehandelt wurden, gibt. Und da muss man gucken, wie gut die sind, ob man daraus auch Schlüsse ziehen kann, wo die Tiere dann ursprünglich herkommen und so weiter. Also das sind so eben Fragen, die wir mit den chinesischen Kolleginnen und Kollegen erörtern werden."

Proben aus der Anfangszeit der Seuche

Mittlerweile weiß Fabian Leendertz, dass er aus familiären Gründen die Arbeit der WHO-Delegation vorerst nur aus der Ferne begleiten wird. Ob das Team vor Ort tatsächlich Zugang zu all diesen Daten erhalten werden, ist im Moment noch offen. Und so stützt sich die Studie auch noch auf die Untersuchung von Abstrichen und Blutproben aus Krankenhäusern, gesammelt von Patientinnen und Patienten aus der Anfangszeit der Seuche.

"Und dann werden diese Proben eben untersucht – sowohl serologisch, also auf Antikörper, als auch auf das Virus selber, wenn man entsprechende Abstriche dort aufgehoben hat."

Im Idealfall würde solch eine Analyse zu dem "Patienten Null" führen, also zu der Person, bei der die Krankheit zum ersten Mal aufgetreten ist.

"Das wäre natürlich optimal, diesen Patient Zero, also den allerersten ausfindig zu machen, weil man dann eben schauen kann: Was ist das für ein Mensch? Wo hat er gearbeitet? War er ein Farmer? Oder ist es jemand, der in der Stadt gearbeitet hat. Ist es jemand, der besondere Essensgewohnheiten hatte und so weiter", sagt Fabian Leendertz.

"Aber das wird bei diesem Virus extrem schwierig sein, weil es eben doch oft milde Symptome hervorruft. Und weil die Symptome dann, wie wir alle wissen ja jetzt leider, sehr ähnlich sind zu anderen respiratorischen Erkrankungen, die wir mit uns herumschleppen. Das heißt, da zurückzugehen in der Zeit, wird schwierig, aber das ist natürlich ein Ziel: möglichst nahe an Patient Zero ran zu kommen, ja."

Ausbruch außerhalb von China?

Peking selbst versucht seit einiger Zeit, den Ausbruch der Seuche außerhalb von China zu verorten, etwa in Italien, wo einigen Studien zufolge bereits im Herbst 2019 die ersten Covid-Fälle aufgetreten sein sollen. Währenddessen kam im Westen der Verdacht auf, SARS-CoV-2 könnte aus einem Hochsicherheitslabor am Institut für Virologie Wuhan entkommen sein. Eher unwahrscheinlich, findet der RKI-Experte, aber von vorneherein ausschließen möchte er keine Möglichkeit.

"Wir gehen mit einem ganz offenen Blick eben in diese Mission hinein und in diese ganze Forschung. Diese erste Mission ist ja jetzt nicht... Wir werden da nicht mit schlüssigen Ergebnissen wiederkommen, sondern das ist der erste Schritt. Und folgen den Daten, die wir eben zusammen mit den chinesischen Kollegen erheben werden. Und diese Daten werden uns in eine Richtung führen. Es kann innerhalb von China irgendwie eine Farm sein. Es kann außerhalb von China sein. Und es kann theoretisch auch ein Labor sein. Von vorneherein ausgeschlossen ist dies nicht."

Nur eines dürfte sicher sein, so der Epidemiologe: Mit schnellen Ergebnissen ist nicht zu rechnen.

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