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Interview / Archiv | Beitrag vom 28.07.2016

Wetter Was ist die optimale Temperatur?

Andreas Matzarakis im Gespräch mit Liane von Billerbeck

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Wohlbehütet" planschen am 22.07.1996 drei Grazien bei Sonnenschein im Frankfurter Stadionbad. Auch am nächsten Tag gab es in Deutschland noch ideales Badewetter mit hochsommerlichen Temperaturen bis 30 Grad. (picture alliance / dpa / Stephanie Pilick)
Bei hohen Temperaturen wünschen sich viele Menschen eine schnelle Abkühlung (picture alliance / dpa / Stephanie Pilick)

Für die meisten Menschen liegt die optimale Temperatur zwischen 20 und 27 Grad, sagt der Meteorologe Andreas Matzarakis. Er spricht von idealen Bedingungen, bei denen am wenigsten Energie verbraucht wird.

"Es gibt ganz bestimmte Bedingungen, wo der Mensch wenig Energie braucht, um sein Gleichgewicht oder seine Gleichgewichtstemperatur, diese 37 Grad, die wir haben, zu halten", sagt der Freiburger Meteorologe Andreas Matzarakis im Deutschlandradio Kultur. Das bewege sich zwischen 20 und 27 Grad. "Dafür braucht der Mensch am wenigsten Energie", sagt der Leiter des Zentrums für Medizin-Meteorologische Forschung des Deutschen Wetterdienstes. "Das sind so optimale Bedingungen, wo ich wenig schwitzen muss." Je weiter man sich davon entferne, umso mehr müsse der Körper Energie aufbringen.

Verbreiteter Wetterspürsinn

Unter den Medizin-Meteorologen wird zwischen Wettereaktionen, Wetterfühligkeit und Wetterempfindlichkeit unterschieden. Matzarakis sagt, dass die Hälfte der Menschen wetterfühlig sei und sich beispielsweise rheumatische Erkrankungen je nach Wetter verstärken. 15 bis 20 Prozent zählten zu den wetterempfindlichen Menschen, die schon vorher verspürten, dass das Wetter sich ändere.


Das Interview im Wortlaut:   

Liane von Billerbeck: Man kann es dieser Tage wieder musterhaft erleben: Mal ist der Sommer extrem heiß und schwül, dann gehen die Temperaturen schlagartig zurück, und das tut dann auch vielen nicht gut. Oder wir reisen, ist ja Ferienzeit, in klimatisch ganz andere Weltgegenden und fühlen uns dann auch nicht automatisch besonders wohl. Fragt man sich: Bedroht das Wetter die Gesundheit tatsächlich oder empfinden wir das nur so? Das will ich jetzt von Professor Andreas Matzarakis wissen, er ist Meteorologe und leitet in Freiburg das Zentrum für Medizin-Meteorologische Forschung des Deutschen Wetterdienstes. Schönen guten Morgen!

Andreas Matzarakis: Guten Morgen aus Freiburg!

von Billerbeck: Wir leben in höchst unterschiedlichen Klimazonen – die einen lieben 32 Grad im Schatten, die anderen 15 Grad und Nieselregen, dennoch: Gibt es ein Wetter, das am besten zu uns Menschen passt?

Matzarakis: Es gibt ganz bestimmte Bedingungen, wo der Mensch wenig Energie braucht, um seine Gleichgewichtstemperatur – diese 37 Grad, die wir haben – zu halten beziehungsweise, wenn ich Arbeit aufbringen muss oder leisten muss, damit es ihm gut geht oder dass er nicht friert oder schwitzt, und das sind ungefähr so die 20er, so um 23, 25, 27. Und dafür braucht der Mensch am wenigsten Energie. Das sind so optimale Bedingungen, wo ich, wenn ich schwitzen muss oder wenig Energie durch Änderung des Windes und so was, also das, was man als Konfektion kennt, abgeben muss. Das sind so ideale Bedingungen. Je weiter ich mich entferne von diesen Bedingungen, das heißt, wenn es zu warm oder zu heiß wird, dann muss der Körper Energie aufbringen zum Schwitzen. Er versucht, diesen Schweiß, den er auf der Haut hat, zu verdunsten, damit er abkühlen kann. Und das tut dem Körper natürlich nicht gut.

von Billerbeck: Aber wenn wir mal so zwischen diesen 23 und 27 bleiben – ich hatte ja gesagt, es gibt ja trotzdem Unterschiede bei den Menschen …

Matzarakis: Richtig.

von Billerbeck: Nicht jeder mag die 25 Grad, andere mögen’s kälter, andere viel heißer. Woran liegt das?

Matzarakis: Das liegt an der Thermophysiologie der Menschen, es liegt aber auch an dem Körper selbst. Manche Leute schwitzen früher, manche Leuten schwitzen später, oder mit der Krankheitsgeschichte können natürlich Hormone sein, kann der Biorhythmus sein. Es sind sehr viele Faktoren, die da eine Rolle spielen. Wenn Sie alle diese Faktoren wegschieben würden oder ausblenden würden, wären diese 23, 27 die idealen Bedingungen. Jetzt ist natürlich dann ein Unterschied, die Leute sagen, ja, es sind nur 25 Grad und ich schwitze oder mir geht’s nicht gut. Da muss man auch die anderen Faktoren mitberücksichtigen, die eine Rolle spielen, das ist zum Beispiel die Feuchte. Ist es trocken oder feucht?

Wir haben es ja in den letzten Tagen auch erlebt, wenn man plötzlich von draußen reingekommen ist und man hat dann nicht mehr den Wind, der den Schweiß, den man auf der Haut hat, verdunstet, fühlt man sich sofort unangenehm. Und hinzu kommt natürlich dann noch ein vierter Faktor, das ist die Sonnenstrahlung, also das, was wir von der Sonne bekommen als Strahlung. Wenn wir in der Sonne dann sind, sagen wir ja sofort, es sind doch jetzt keine 25 Grad, das sind doch mindestens 35. Das ist jetzt nicht die Lufttemperatur, sondern das ist der Effekt der Sonne. Und das alles zusammengefasst, zusammen mit der Bekleidung, was der Mensch hat, und mit der Aktivität, die er hat, kann man das berechnen beziehungsweise zusammenführen in eine Temperatur, die uns wiedergibt, wie wir das Wetter empfinden, wie wir momentan die thermischen Bedingungen empfinden. Und das ist bei uns im Deutschen Wetterdienst die gefühlte Temperatur, die fasst das alles zusammen.

Windchill-Temperatur ist nur für den Winter

von Billerbeck: Also nicht die berühmte Windchill-Temperatur, die wir im Winter immer messen …

Matzarakis: Genau.

von Billerbeck: … sondern hier sind noch viel mehr Faktoren dabei.

Matzarakis: Genau, die Windchill-Temperatur ist nur für den Winter, sie hat aber keine thermophysiologische Relevanz, sprich, da sind keine Faktoren des Menschen Aktivität oder Bekleidung drin, und die gefühlte Temperatur gilt auch für den kalten Bereich, da kann ich meine Kleidung anpassen, und die gilt aber auch für diesen normalen Bereich, so diese 25 Grad, was wir gesagt haben, aber auch für die Hitze.

von Billerbeck: Die Medizin-Meteorologen, ich wusste gar nicht, dass es diese Fachrichtung gibt, die unterscheiden ja Wetterreaktion, Wetterfühligkeit und Wetterempfindlichkeit. Worin unterscheiden sich die und was für ein Wetter hält der Organismus aus?

Matzarakis: Hier muss man differenzieren, und zwar funktioniert das folgendermaßen: Wir können unterscheiden entsprechend den Wirkungsweg, den ich hab, sprich, ist es die Haut, die Atmung oder das vegetative Nervensystem oder auch die Sinne des Menschen, habe ich unterschiedliche Wirkungen. Das, was ich vorhin gesagt hab in Bezug auf die Strahlung, neben, dass es erwärmt, hat es auch einen biologischen Einfluss, sprich die Rötung der Haut, das ist die UV-Strahlung, damit es zum Sonnenbrand kommt.

In Bezug auf das, was Sie gesagt haben, diese Wetterfühligkeit, da geht es jetzt hier um das vegetative Nervensystem. Das heißt, bekomme ich durch eine bestimmte Wetterlage eine Beschwerde oder ist eine Beschwerde vorhanden. Und hier unterscheiden wir in Wetterreagierende, das sind wir alle, weil wir wahrnehmen, heute Morgen ist es hell oder dunkel oder es regnet, wir reagieren entsprechend drauf, mit Kleidung oder auch mit der Sinneswahrnehmung, dass wir sagen, das gefällt mir jetzt gar nicht, oder die Wetterfühligen, das sind Leute, die bei einer bestimmten Wetterlage Kopfweh bekommen zum Beispiel oder die rheumatischen Erkrankungen verstärkt sind. Und bei der Wetterfühligkeit muss man differenzieren und sagen, das Wetter ist nicht die Ursache, sondern es ist der Faktor, der das Glas zum Überlaufen bringt.

von Billerbeck: Das heißt, da sind noch ganz andere Dinge im Spiel.

Matzarakis: Richtig, es sind ganz andere Dinge. Das kann Stress sein, die Krankheitsgeschichte und so weiter. Und dann gibt es noch eine dritte Gruppe, das sind die Wetterempfindlichen. Das sind Leute, die stärkere Beschwerden haben, oder auch das Wetter, viele von denen auch das Wetter, das sind ungefähr 20 Prozent, etwas weniger die können die Veränderung des Wetters schon vorher spüren. Die bekommen die Wehwehchen praktisch, bevor diese Wetterlage da ist.

von Billerbeck: Also die Leute, die immer sagen, ich hab’s in den Knochen, ich spür’s im Knie oder so.

Matzarakis: Genau. Und das sind wie gesagt in Deutschland ungefähr 50 Prozent wetterfühlig, und die Wetterempfindlichen sind ungefähr 15 bis 20 Prozent.

Föhn ist schuld an allem

von Billerbeck: Also allerhand. Nun ist ja die Sommerzeit auch Reisezeit, und da müssen wir ja, wenn wir denn in die Ferne reisen, unseren Körper schnell auf ein sehr fremdes, sehr unterschiedliches Klima von dem zu Hause einstimmen. Was machen solche extremen Klimaveränderungen mit uns, oder schieben wir unser Befinden nur darauf?

Matzarakis: Es gibt schon Leute, die das vielleicht auf das Klima schieben, genauso wie beim Föhn viele Leute sagen, Föhn ist schuld an allem. Aber wenn wir verreisen oder die Bedingungen, die Außenbedingungen sich verändern, reagiert der Körper. Da gibt es Mechanismen im Körper, die reagieren zum Beispiel, dass die Haut, die Poren aufgehen, wenn es warm ist, oder zugehen, wenn es kalt ist, damit die Wärme nicht abgegeben wird, und normalerweise müsste der Körper oder der Mensch sich anpassen können.

So, und es gibt jetzt drei Faktoren, in drei Gruppen kann man das unterscheiden, zeitlich: Das eine ist, wenn die Menschen von einem gekühlten Raum rausgehen, von 15 Grad auf 30 Grad, dann bibbern sie ein bisschen, dann spüren sie das. Dann ist die Veränderung des Wechsels, wenn ich jetzt heute hier fliege nach Mallorca, hier sind 15 Grad, auf Mallorca sind es dann 30 Grad, da braucht der Körper eine gewisse Zeit, bis er sich anpasst und dass man sich an eine neue Region anpasst. Wenn ich in Urlaub gehe, brauche ich so zwischen einer Woche und zehn Tagen, zwei Wochen ungefähr.

von Billerbeck: Also nicht kürzer verreisen, kann man da nur hinzufügen. Professor Andreas Matzarakis war das, der Leiter des Zentrums für Medizin-Meteorologische Forschung des Deutschen Wetterdienstes aus Freiburg. Danke Ihnen für das Gespräch!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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