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Interview | Beitrag vom 24.08.2021

Westliche Mission in AfghanistanGescheitert an Allmachtsvorstellungen

Herfried Münkler im Gespräch mit Liane von Billerbeck

Ein bewaffneter US-Soldat steht am Flughafen Kabul, im Hintergrund ein Flugzeug, das Menschen aus Afghanistan ausfliegen soll. (picture alliance / Associated Press/ Senior Airman Taylor Crul)
Evakuierungen aus Kabul: Der Westen habe durch seinen Glaubwürdigkeitsverlust nun ein starkes Motiv, die Menschen "ordentlich" zu behandeln, sagt Herfried Münkler. (picture alliance / Associated Press/ Senior Airman Taylor Crul)

In Afghanistan wollte der Westen sein Projekt voranbringen, eine wertefundierte Weltordnung zu schaffen. Daraus ist nichts geworden. Der Politologe Herfried Münkler nennt Gründe: Großkotzigkeit, Naivität und strategische Blindheit.

Die Situation in Afghanistan spitzt sich weiter zu: Am Flughafen der Hauptstadt Kabul versuchen noch immer Tausende Menschen, auf einen der Evakuierungsflüge zu kommen. Die USA wollen aber voraussichtlich wie angekündigt bis 31. August ihre Soldaten abziehen. Länder wie Deutschland und Frankreich befürchten, bis dahin nicht alle gefährdeten Personen ausfliegen zu können. Gleichzeitig drohen die Taliban mit "Konsequenzen", sollte der Einsatz nicht Ende des Monats vorbei sein.

Hier geht es zum Literatursommer von Deutschlandfunk Kultur. (Foto: imago / fStopImages / Malte Müller)

In der Vorgeschichte dessen sieht der Politikwissenschaftler Herfried Münkler entscheidende Fehler westlicher Staaten. "Wir hatten eine Vorstellung entwickelt nach 1990, die heißt: regelbasierte, wertefundierte, normgetriebene Weltordnung", so Münkler. An die Stelle von Krieg sollte Kooperation treten. Als "Hüter der Ordnung" fühlten sich die USA, im Hintergrund auch Europa zuständig. Anfangs sei man noch optimistisch gewesen, in Afghanistan dieses Projekt durchzuziehen. 

Eine Zäsur von weltpolitischer Bedeutung

Jetzt gebe es das Eingeständnis des Scheiterns: "Insofern ist das eine Zäsur, die nicht nur Afghanistan und nicht nur Zentralasien betrifft, sondern die weltpolitische Bedeutung hat", so der emeritierte Professor der Freien Universität Berlin.

Gewisse "Allmachtsvorstellungen" hätten sich mit einer "Schlampigkeit in der Vorbereitung" verbunden: Der Westen habe es nach Überzeugung Münklers versäumt, sich intensiv mit dem "Scheitern der Sowjets" in Afghanistan in den Jahren 1979 bis '87 zu beschäftigen. Die Probleme bei der Modernisierung einer traditionalistischen Gesellschaft seien allerdings dieselben geblieben. Auch wenn der Westen statt Sozialismus Freiheit bringen wollte: "Man ist aus einer Mischung aus Großkotzigkeit und Naivität, strategischer Blindheit und vielem mehr in dieses Projekt hineingegangen", sagt Münkler.

Die Verlierer außer acht gelassen: die Männer

Ob Brunnen- oder Brückenbau oder eine Freiheitsperspektive für die Frauen: Bis heute pflege der Westen die Erzählung von "'Wir emanzipieren die Menschen'", "aber man hat sich nicht überlegt, dass dieser Prozess natürlich auch Verlierer in der afghanischen Gesellschaft hat, nämlich die Männer, die da vorher in den traditionellen Strukturen schon so etwas wie kleine Machthaber waren. Hätte man sich das eingestanden, hätte man sich auch eine Vorstellung davon machen können, woher der Widerstand kommt."

Der Glaubwürdigkeitsverlust des Westens ist aus Sicht des Politologen nun "ein starkes Motiv" dafür, Menschen, denen man Versprechungen gemacht habe, auch "ordentlich" zu behandeln. "Das ist natürlich auch das Dilemma des Westens jetzt", sagt Münkler.

(bth)

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