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Konzert / Archiv | Beitrag vom 19.08.2016

West-Eastern Divan OrchestraBeckmesser im Orient

Aufzeichnung vom Lucerne Festival

von Olaf Wilhelmer

Dirigent Daniel Barenboim und sein West-Eastern Divan Orchestra beim Konzert in der Berliner Waldbühne am 25.8.2013. (dpa/ picture alliance / Matthias Balk)
Dirigent Daniel Barenboim und sein West-Eastern Divan Orchestra beim Konzert in der Berliner Waldbühne am 25.8.2013. (dpa/ picture alliance / Matthias Balk)

Das Festival in Luzern hat ein besonderes Herz für Projektorchester. Nicht nur für die hauseigenen, sondern etwa auch für das West-Eastern Divan Orchestra, das in diesem Jahr nicht nur Daniel Barenboim, sondern auch Martha Argerich mitbringt.

Israelis und Araber zu gemeinsamem Handeln zu bewegen mag Herausforderung genug sein, aber einem solchen Impuls die Gründung eines dauerhaften Orchesters folgen zu lassen, ist außerordentlich: Seit dem Goethe-Jahr 1999 gibt es das West-Eastern Divan Orchestra, das Daniel Barenboim gemeinsam mit Edward Said gründete – ganz im Geiste Goethes, der auch im hohen Alter noch anderen Kulturen gegenüber aufgeschlossen war.
Längst hat sich das "WEDO" etabliert und tritt auf großen Festivals wie hier in Luzern auf. Dabei verstand es Barenboim stets, seine bestens vernetzten Musikerfreunde für dieses Projekt zu gewinnen – im Falle des aktuellen Konzerts sind das der Komponist Jörg Widmann und die Pianistin Martha Argerich, mit der Barenboim seit Kindertagen befreundet ist.

Schon vor einigen Jahren trat das Divan-Orchester in Luzern mit einem Werk Richard Wagners in Erscheiung; damals musizierte man den zweiten Akt aus "Tristan und Isolde" konzertant. Während der "Tristan" ideologisch als vergleichsweise unverfänglich gilt, werden andere Werke Wagners nicht zuletzt unter den Aspekten Nationalismus und vor allem Antisemitismus diskutiert. Und dazu bedurfte es noch nicht einmal der brutalen Instrumentalisierung Wagners durch den Nationalsozialismus – Wagners gut dokumentierte Positionen stammen zwar aus einer gänzlich anderen Zeit, sind aber trotzdem abscheulich. Wie auch immer man dazu stehen mag: Wagner polarisiert als Antisemit wie kaum eine andere Persönlichkeit der europäischen Kulturgeschichte, und gerade seine Oper "Die Meistersinger von Nürnberg" steht mit ihrer Beckmesser-Figur im Kreuzfeuer der Kritik. Und die setzt schon am Vorspiel an, wenn sich die Holzbläser über das Hauptthema in meckerndem Tonfall lustig zu machen scheinen – musikalisch zweifellos genial, aber eben auch ein Widerbild von Wagners äußerst negativen Schilderungen jüdischer Musik und jüdischer Sprechweisen. Wir können gespannt darauf sein, wie die israelischen und arabischen Musiker dieses Werk gemeinsam zum Klingen bringen.

Lucerne Festival
Kultur- und Kongresszentrum Luzern
Aufzeichnung vom 15. August 2016

Jörg Widmann
"Con brio". Konzertouvertüre für Orchester

Franz Liszt
Konzert für Klavier und Orchester Nr. 1 Es-Dur

Richard Wagner
Vorspiel zur Großen Romantischen Oper "Tannhäuser und der Sängerkrieg auf Wartburg"
Vorspiel zur Oper "Die Meistersinger von Nürnberg"
sowie Orchesterstücke aus "Der Ring des Nibelungen"

Martha Argerich, Klavier
West-Eastern Divan Orchestra
Leitung: Daniel Barenboim

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