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Zeitfragen | Beitrag vom 30.06.2020

Wertstoff-Recycling Das Müllionengeschäft

Von Christian Blees

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Illustration von einem Haufen Elektroschrott. (Imago / Ikon Images)
Besser trennen, mehr recyceln, bewusster einkaufen – Deutschland sieht sich gerne als Vorreiter bei der Nachhaltigkeit. Doch die Zahlen sprechen eine ganz andere Sprache. (Imago / Ikon Images)

Jeder Deutsche produziert im Jahr fast eine halbe Tonne Hausmüll. Für die Recycling-Branche ein lohnendes Geschäft. Doch wie entsorgen wir richtig? Und wer profitiert von dem, was wir wegwerfen?

In einer langgestreckten Industriehalle befindet sich ein rund zwanzig Meter langes und ein Meter breites Fließband. Auf beiden Seiten steht ein halbes Dutzend Männer in Arbeitskleidung, vor ihnen ziehen alle möglichen Arten von Elektroschrott vorbei— vom ausgemusterten Anrufbeantworter über die defekte Bohrmaschine bis hin zum Staubsauger, in dem noch ein prall gefüllter Beutel steckt.

Kurz zuvor lagen all die Elektrokleingeräte noch draußen vor der Halle, auf einem riesigen Müllberg. Von dort aus hat sie ein Bagger auf das Förderband gehievt.

Hier, im Inneren, wird schweigend gearbeitet — und trotz des Lärms sehr konzentriert. Mit geübten Händen greifen die Männer nach den Wertstoffen, die sich ohne größeren Aufwand aussortieren lassen. Diese landen in großen, neben dem Fließband postierten Containern.

Ein Mitarbeiter ist für Plastikteile zuständig, andere picken Kabel, Glas- oder Holzkomponenten heraus. Ziel ist es, am Ende möglichst sortenreine Wertstoff-Fraktionen zu erhalten. 

"Was in den Elektroaltgeräte-Fraktionen drin ist, kann man ja heute noch nicht sagen. Das ist eine bunte Mischung. Ob die werthaltig oder nicht werthaltig ist, weiß ich noch nicht, heutzutage", sagt Guido Sellin, Geschäftsführer der Electrocycling GmbH aus Goslar. Das Unternehmen mit seinen 160 Mitarbeitern recycelt pro Jahr rund 50.000 Tonnen Elektroschrott.

"Das macht dann am Ende der Verarbeitungsprozess und das Resultat, was da rauskommt — ob das dann ein gutes Geschäft war oder kein gutes Geschäft war. Das ist eine bunte Mischung, ein kleines Lotteriespiel."

Sechs Gruppen Elektroschrott - je nach Werthaltigkeit

Nach dem Vorsortieren wandert der Elektroschrott in den Schredder. Anschließend werden in einer Sortierstrecke aus dem zerkleinerten Material verwertbare Metalle herausgefiltert — wie etwa magnetisches Eisen oder Aluminium. Eine Sensormaschine sortiert gleichzeitig dazu Kunststoffe aus, die in die Wiederverwertung gehen.

Der Elektroschrott ist in sechs Gruppen aufgeteilt. Jede Gruppe hat eine andere Werthaltigkeit.

"Ein Beispiel, wo das Recycling so viel Geld kostet, weil das recht kompliziert ist, sind die Kühlschränke, Kühlgeräte. Da bekommen wir Geld dazu, damit wir das Recycling gestalten können", erklärt Guido Sellin. "Anderes Beispiel sind die Haushaltskleingeräte, wo relativ oft auch mal ein Computer dabei ist. Da sind werthaltigere Stoffe drin. Für das Material kann man mitunter noch Geld bezahlen. Das ist immer abhängig von der Marktlage, von den Metallpreisen und so weiter. Also, so weit geht das auseinander."

In einer anderen Halle zerlegen derweil zwei Mitarbeiter ausgemusterte Fernsehapparate. Eigentlich, so sollte man meinen, müsste die Ära der klobigen Röhrengeräte längst vorbei sein. Trotzdem landen pro Woche immer noch mehrere Tausend Stück in den Electrocycling-Containern.

Die Bildröhren der alten Fernseher enthalten große Mengen an Kupfer, die Platinen Gold und Silber. Sämtliche Edelmetalle verkauft die Entsorgungsfirma aus Goslar zur Weiterverarbeitung an andere Unternehmen — zum Beispiel an Kupferhütten. 

Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes wurden 2017 — aktuellere Zahlen liegen nicht vor —insgesamt 669.000 Tonnen Elektro-Altgeräte aus deutschen Haushalten eingesammelt. Das entspricht rund zehn Kilogramm pro Erwachsenem. Im Vergleich zu anderen Wertstoffen, die im Hausmüll anfallen, ist dies wenig. Denn die eingesammelte Menge an Glas, Papier, Kunststoffen und anderen Abfällen beträgt fast das Dreißigfache. Genauer gesagt: rund 19 Millionen Tonnen pro Jahr.

"Recycling ist nur ein Mittel zum Zweck, es ist kein Selbstzweck", sagt Alexander Gosten, Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Abfallwirtschaft. Entscheidend ist für ihn etwas anders: Nämlich, dass durch Recycling möglichst wenig neue Rohstoffe gewonnen werden müssen.

"Wir substituieren oder wollen substituieren ja Primärrohstoffe — also Primäreisen, Primärzellulose oder Glas. Und entscheidend ist, dass diese, sozusagen der Einsatz von Primärrohstoffen, die wir ja aus aller Welt importieren, reduziert wird und die Stoffe auch möglichst häufig im Kreislauf gefahren werden. Und darauf kommt es an — letztlich nicht, dass man sagt: 'Ich habe recycelt!', per Definition, sondern: 'Habe ich substituiert Primärrohstoffe?'"

Zu dieser ökologischen Bedeutung des Wertstoffrecyclings heißt es in einem Positionspapier des Bundesverbandes der Deutschen Entsorgungs-, Wasser- und Rohstoffwirtschaft:
Nur gut 14 Prozent der von unserer Wirtschaft eingesetzten Rohstoffe sind Recyclingrohstoffe. Dabei entlastet jede Tonne Primärrohstoffe, die wir nicht einsetzen, unsere Umwelt. Wir sparen Energie, vermindern CO2-Emissionen und schonen natürliche Rohstoffquellen. Wenn wir es schaffen, den aktuellen Wert von 14 Prozent zu verdreifachen, spart die Kreislaufwirtschaft genauso viele CO2-Emissionen ein wie die gesamte Branche der Erneuerbaren Energien.

Das Wertstoffgeschäft floriert

Bundesweit sind rund 280.000 Personen in etwa 10.000 Unternehmen damit beschäftigt, Abfälle zu sammeln, zu sortieren und wiederzuverwerten — bei einem Branchenumsatz von 70 Milliarden Euro pro Jahr.

Wertstoffabholung in Hamburg: eine Wertstofftonne vor einem Gartenzaun, daneben ein Stape Gelber Säcke (imago images/Christian Ohde)Wertstoffabholung - das erste durch Lebensmittel- und Verpackungsbranche installierte duale System war der "Grüne Punkt". (imago images/Christian Ohde)

Dass das Wertstoffgeschäft floriert, ist unter anderem auf die Verpackungsverordnung von 1991 zurückzuführen. Sie beendete das Monopol der kommunalen Abfallentsorgung mit ihren grauen Mülltonnen. Hinzu kam ein zweiter Ansatz, der den wachsenden Müllbergen Herr werden sollte.

Die Idee dahinter: "Um die Deponien zu entlasten, müssten die Inverkehrbringer von Verpackungen entweder selber entsorgen oder sie beauftragen einen Dritten", sagt Alexander Gosten.

"Und dann hat man das Wort 'dual' daneben geschaffen nur für das Thema Verpackungen, die in Haushalten oder haushaltsähnlichen Strukturen anfallen. Dass die nicht über die Müllgebühren finanziert werden und organisiert werden, sondern von den inzwischen dualen Systemen, die in einer privatwirtschaftlichen Struktur, auch wettbewerblichen Struktur, nur die Entsorgung von Verpackungen organisieren, aus dem haushaltsnahen Bereich."

Das erste, damals durch Lebensmittel- und Verpackungsbranche installierte duale System, existiert noch heute. Der "Grüne Punkt". Das gleichnamige Piktogramm signalisiert Verbrauchern, dass die Verpackungen nicht in die graue Restmülltonne gehören, sondern in gelbe Wertstoffbehälter.

2003 bekam der "Grüne Punkt" erstmals Konkurrenz. Zunächst ausschließlich in Hessen, wo ein Mitbewerber ein zweites duales System installierte. 

Inzwischen ist ihre Zahl bundesweit auf rund ein Dutzend gestiegen: Firmen wie Reclay Holding, Veolia oder Zentek sind zwar weitgehend unbekannt, doch sie haben den Markt gründlich verändert. Denn jetzt müssen Unternehmen, die Verpackungen in Umlauf bringen, den Müll nicht zwangsläufig durch den "Grünen Punkt" einsammeln lassen.

"Die sagen: 'Wir haben x Millionen Verpackungen, die wir in Verkehr bringen.' Und dann fragen die die dualen Systeme: 'Was kostet es bei Dir, die Entsorgung zu organisieren, dass ich nachweisen kann, meine Verpackungen werden gemäß Verpackungsgesetz entsorgt?', erklärt Alexander Gosten. "Und da läuft ein Wettbewerb. Und dafür organisiert dieses duale System die Entsorgung und weist dem Inverkehrbringer nach, dass die Verpackungen entsorgt sind."

Wer den Müll letztlich entsorgt, erfahren Verbraucher seit 2009 nicht mehr. Seitdem ist die Kennzeichnungspflicht aufgehoben. Das heißt: Selbst, wenn der aufgedruckte "Grüne Punkt" fehlt, darf die Verpackung in die Gelbe Tonne oder den Gelben Sack — unabhängig davon, welches duale System vor Ort den Müll abholt.

Der bekannte, einstige Monopolist hat nach drei Jahrzehnten seine Dominanz auf dem Abfallmarkt verloren: Marktführer beim Einsammeln und Sortieren der Wertstoffe ist seitdem die Firma Belland-Vision mit Sitz im fränkischen Pegnitz. Bei ihr handelt es sich um eine Tochter des französischen Entsorgungskonzerns Suez.

Die verschiedenen dualen Systeme erhalten die Gebühren für das Leeren der Gelben Tonne direkt von den Herstellern und den Händlern, die Verpackungen in Umlauf bringen. Woran viele Verbraucher nicht denken: Die Unternehmen holen sich das Geld wieder – durch eine Art zweite Müllgebühr. 

"Die Finanzierung der Verpackungsentsorgung erfolgt, im Grunde genommen, an der Kasse des Supermarktes. Also: das ist im Kaufpreis integriert. Also: der Kunde weiß nicht, was die Entsorgung von Verpackungen kostet", sagt Alexander Gosten.

Kompliziertes Entsorgungssystem in Deutschland

"Das ganze System unserer Verpackungsentsorgung ist ganz schön kompliziert in Deutschland", sagt Henning Krumrey, Leiter Politik und Kommunikation der Berliner Alba Group.

Das weltweit aktive Recycling-Unternehmen beschäftigt über 8000 Mitarbeiter. Mit seinen beiden Marken Alba und Interseroh erwirtschaftet der Konzern, eigenen Angaben zufolge, pro Jahr einen Umsatz von 2,1 Milliarden Euro. Damit liegt die Alba Group bundesweit auf Platz zwei — hinter der Remondis SE & Co. KG aus dem nordrhein-westfälischen Lünen.

Wie alle anderen Entsorger in Deutschland müssen sich auch Alba und Remondis immer wieder aufs Neue darum bewerben, in bestimmten Regionen Wertstoffe aus dem Hausmüll einsammeln zu dürfen. 

"Wir kriegen als Entsorger gesagt, was wir abzuholen haben, wo wir das abzuholen haben und wie oft wir das abzuholen haben", erklärt Henning Krumrey. "Dann geht das duale System hin und sagt den Entsorgern: 'Ihr bewerbt Euch um den Auftrag. Gebt mal ein Angebot ab. Ihr müsst 35.000 Tonnen im Bezirk Berlin-Tiergarten abholen. Was kostet das?' Und darüber gibt jeder Entsorger sein Angebot ab. Und einer — im Zweifelsfall eben der Günstigste oder der aus der Kombination 'günstig und gut und zuverlässig' das anbieten und leisten kann —, der bekommt den Zuschlag."

Manche Firmen sammeln und sortieren den Hausmüll lediglich und geben die einzelnen Wertstoffe an das duale System ab. Das wiederum sorgt dann für die Weiterverwertung des Mülls. Andere Entsorger, wie zum Beispiel Remondis oder Alba, übernehmen das Verwerten gleich selbst — und verdienen damit zusätzliches Geld. 

Eine Person mit pinken Gummihandschuhen wirft Flaschen in eine Altglastonne für Buntglas, aufgenommen 2019 in Berlin (picture alliance / Bildagentur-online/Joko)Gute Quote: Ungefähr 90 Prozent des Glasmülls werden in Deutschland wieder gesammelt und recycelt. (picture alliance / Bildagentur-online/Joko)

"Der Glasmarkt ist eigentlich im Moment der einfachste, den es im Bereich der Recyclingwirtschaft gibt", sagt Henning Krumrey.

"Das ist ganz einfach erklärt: Erstens wird sehr gut gesammelt und sehr gut getrennt. Ungefähr 90 Prozent des Glases, beispielsweise Glasflaschen für Getränke, werden wieder gesammelt und recycelt. Glas kann man unendlich oft wieder einschmelzen und wieder neue Produkte daraus machen. Und die Nachfrage ist auch relativ konstant. Denn egal, ob Krise oder Nicht-Krise: Die Leute brauchen immer Getränke. Also müssen auch immer Getränke abgefüllt werden. Und für das Glasrecycling ist nun wiederum völlig egal, ob da Saft eingefüllt wird oder Milch oder Bier oder Wein. Altglas ist Altglas."

Der Markt für die verschiedenen Wertstoffe ist mitunter starken konjunkturellen Schwankungen unterworfen. Denn das Geschäft mit dem Müll ist längst ein globales. Beim Altpapier zum Beispiel gingen die Preise Anfang 2020 deutlich nach unten. Statt bis zu 150 Euro pro Tonne erhielten Entsorgungsunternehmen plötzlich nur noch rund die Hälfte. Grund dafür war ein Einfuhrstopp der chinesischen Regierung. Zuvor hatten Unternehmen aus ganz Europa jährlich rund acht Millionen Tonnen Altpapier ins Reich der Mitte exportiert.

Seitdem das chinesische Embargo in Kraft getreten ist, fällt dieser Absatzmarkt weg. Jetzt bieten zunehmend auch Entsorger etwa aus Polen oder den Niederlanden ihr Altpapier in Deutschland an — und drücken dadurch die Preise weiter nach unten. Dies wiederum könnte dazu führen, dass deutsche Entsorger ihre Gebühren für das Einsammeln des Papiermülls in absehbarer Zeit erhöhen. Die Zeche würden letztlich die Verbraucher zahlen.

Rund 50 Prozent recycelbarer Plastikabfälle werden verbrannt

Andere und zugleich noch viel größere Probleme gibt es beim Verwerten von Kunststoffabfällen.

"Es steht zwar meistens drauf 'Der grüne Punkt' und so weiter, recycelbar. Aber wenn es eine Mischung ist aus verschiedenen Plastiksorten, dann können Sie es nicht recyceln — oder nur unter sehr, sehr hohem Aufwand. Und den Aufwand macht sich niemand", sagt Manfred Santen, Chemieexperte bei Greenpeace Deutschland.

"Wir haben ja ein sehr gutes Trenn- und Sammelsystem, die Gelben Tonnen und die Gelben Säcke. Das funktioniert ganz gut. Allerdings glaubt man ja immer, dass das, was wir da fein säuberlich verpacken oder in die Gelbe Tonne geben, recycelt wird. Das stimmt aber nicht. Das sind gerade mal 50 Prozent, die wirklich recycelt werden. Der Rest wird entweder verbrannt oder exportiert."

Im Unterschied zu Glas und Papier ist das Aufbereiten des Plastikmülls sehr kompliziert. Denn mit dem Einsammeln und Reinigen der oft stark verschmutzten Kunststoffabfälle allein ist es selten getan: Oft sind in einer einzigen Plastikverpackung viele verschiedene Kunststoffsorten enthalten. Sie alle müssen mühsam getrennt werden.

Denn nur aus sortenreinen Kunststoffen lassen sich wieder höherwertige Produkte herstellen — wie zum Beispiel neue Lebensmittelverpackungen. Oft ist das zu teuer. Darum wandert von den rund 50 Prozent recycelbaren Plastikabfällen ein Großteil in die Müllverbrennung. Dort wird der Müll in Wärme oder Strom umgewandelt. Zugleich entstehen aber auch Treibhausgase wie Kohlendioxid. Was dann noch übrig bleibt, wird exportiert.

"Wir exportieren 15 bis 18 Prozent, unserer Plastikabfälle ins Ausland", sagt Manfred Santen. "Wir haben zum Beispiel früher ganz viel nach China exportiert, weil China einen sehr großen Hunger an Rohstoff hat — also alles recycelt, was nur zu recyceln geht. Weil einfach die Plastikindustrie dort dermaßen so konzentriert ist, dass sie auch wirklich versuchen, alles zu verwerten, was sie bekommen können. China hat dann irgendwann gesagt, sie wollen diese Abfälle, die sich schwer recyceln lassen oder die verschmutzt sind, nicht mehr haben."

Illegale Deponien in Brandenburg

Nicht nur der teure Aufbereitungsprozess macht das Plastikrecycling für die Entsorger unattraktiv. Auch der derzeit niedrige Ölpreis spielt eine Rolle. So ist es deutlich günstiger, neue Plastikprodukte aus Erdöl herzustellen — und nicht etwa aus Kunststoff-Rezyklat. Die hohen Kosten für das Recycling führen zudem dazu, dass sich auf dem Markt der Sekundärrohstoffe schwarze Schafe tummeln. 

"Auf illegalen Deponien in Brandenburg rotten nach meinen Recherchen mindestens fünf Millionen Tonnen vor sich hin. Nicht nur Plastikmüll, auch andere Abfälle", sagt Michael Billig.

Der Journalist aus Leipzig betreibt den Internet-Blog muellrausch.de. In seinem Buch "Schwarz.Rot.Müll." beschreibt Billig detailliert die dunkle Seite des Wertstoffhandels. Sein Fazit: Im deutschen Kreislaufwirtschaftssystem läuft nicht alles so rund, wie es die Branche nach außen oft darstellt. 

"Also, ich war auf einem illegalen Abfalllager in Brandenburg. Da türmen sich 60.000 Tonnen Müll auf. Und das meiste, was ich da gesehen habe, war Plastikmüll. Und da liegt eben Plastikmüll aus Haushalten, Plastikmüll von Baustellen, Plastikmüll aus der Landwirtschaft und aus Krankenhäusern. Das sind auf jeden Fall auch Verpackungsabfälle, die liegen da herum, die man eben aus der Gelben Tonne, aus dem eigenen Konsumverhalten, aus dem Verbrauch, kennt. Ob es jetzt Pflege- oder Kosmetikprodukte sind, Verpackungen von Lebensmitteln oder ähnliche Sachen. Also, das ist eine Abfallart, die für kriminelle Geschäfte von Mülldealern prädestiniert ist."

Michael Billig zufolge locken unseriöse Entsorgungsfirmen ihre Kunden mit Dumpingpreisen an. Diesen versprechen sie, den Müll fachgerecht zu verwerten – ihn also zu recyceln, zu verbrennen oder legal zu exportieren. In Wirklichkeit aber, so Billig, landeten die Abfälle oft einfach in Wäldern oder auf Wiesen. Und die Wahrscheinlichkeit, dabei erwischt zu werden, sei gering.

"Die Verfolgung von Abfallwirtschafts-Kriminalität genießt einfach eine sehr geringe Priorität", meint Michael Billig. "Das zieht sich durch alle Ebenen. Umweltbehörden, die die Entsorgungsbranche kontrollieren und Vergehen zur Anzeige bringen sollten, mangelt es nach meinen Recherchen nicht nur an Personal, sondern auch an einem gewissen Ermittlungseifer. Und viele Verfahren werden deshalb eingestellt. Und wenn es mal zu einer Anklage kommt, dann kann es Jahre dauern, eh‘ verhandelt wird."

Mit dem 2019 in Kraft getretenen Verpackungsgesetz will die Bundesregierung die Entsorgungsfirmen verstärkt in die Pflicht nehmen. So sollen die Quoten beim Kunststoffrecycling von derzeit rund 50 Prozent bis zum Jahr 2022 stufenweise auf 63 Prozent steigen. Ein ehrgeiziges Ziel, so Manfred Santen von Greenpeace.

"Die Recyclingquoten zu erhöhen, kann vernünftigerweise oder sinnvollerweise eigentlich nur so erreicht werden, dass man nur Materialien nutzt, die auch wirklich recycelbar sind. Und auf dem Gebiet haben wir noch hohen Nachholbedarf", sagt Manfred Santen.

"Das heißt, es fängt wirklich an der Entwicklung des Produktes an, dass man sich Gedanken darüber macht: Welches Material nutzen wir? Und was bedeutet das nach Ende der Nutzungsdauer? Wie kann dieses Material weiter genutzt werden? Unserer Meinung nach fehlen da noch wirtschaftliche Anreize, aber auch Regularien, Direktiven, die dieses Design, dieses nachhaltige Design, deutlich mehr fördern oder auch vorschreiben."

Idee eines Wertstoffkreislaufes weitergedacht

Beim Kölner Unternehmen Mobile Box hat man die Idee eines Wertstoffkreislaufes weitergedacht. Denn nicht alle der 100.000 ausrangierten Smartphones, die hier pro Jahr zunächst in Kisten landen, wandern automatisch auf den Elektroschrott. Stattdessen versuchen die Mitarbeiter, so viele der Althandys wie möglich wiederaufzuarbeiten.

Bei zehn bis zwanzig Prozent funktioniert das. Die generalüberholten und voll funktionsfähigen Mobiltelefone werden dann über den firmeneigenen Internetshop verkauft. 

"Wir haben am Anfang festgestellt, dass es in Deutschland keine zufriedenstellende Abgabemöglichkeit für gebrauchte Mobiltelefone gibt", sagt Eric Schumacher, einer der beiden Mobile Box-Firmengründer.

"Damals, 2012, gab’s nur die Wertstoffhöfe als Abgabemöglichkeit und die Mobilfunkshops. Wir haben uns aber dabei gedacht, dass der Otto Normalverbraucher diesen Weg nicht immer auf sich nehmen möchte, sondern sich auch eine Lösung zum Beispiel im Supermarkt wünschen würde, wo er sein Handy dann sehr bequem abgeben kann. Und so ist die Idee zur Mobile Box entstanden."

Ausgediente Mobiltelefone liegen in der Recyclingfirma Alba in einer Transportkiste, aufgenommen 2015 (picture alliance/dpa/Uwe Anspach)In Deutschland schlummern viele Althandys ungenutzt in Schubladen und Schränken. (picture alliance/dpa/Uwe Anspach)

2012, im Jahr der Firmengründung, meldete der Telekommunikations-Branchenverband Bitkom: 72 Millionen Althandys schlummern hierzulande ungenutzt in Schubladen und Schränken. Inzwischen hat sich diese Zahl fast verdreifacht. Die 100.000 Handys, die Mobile Box pro Jahr aus ganz Deutschland zusammenträgt, sind insofern nur die Spitze eines riesigen Eis- beziehungsweise Rohstoffberges.

"Es war uns von Anfang an bewusst, dass es daher natürlich sehr sinnvoll ist, diese umweltgerecht zu entsorgen — einfach, um die Rohstoffe effizienter zu nutzen. Das war definitiv ein Antrieb dabei."

Recycling auch nicht mehr gebrauchsfähiger Handys lohnt sich

Schumacher kooperiert dabei mit der Deutschen Umwelthilfe, DUH. Der Slogan der gemeinsamen Sammelinitiative lautet "Handys für die Umwelt".

"Man kann sagen, dass pro Handy — je nach Modell — durchschnittlich neun Gramm Kupfer, 150 Milligramm Silber und 25 Milligramm Gold zurückgewonnen werden. Das sind in der Gesamtheit dann schon signifikante Mengen", meint Thomas Fischer, Leiter Kreislaufwirtschaft bei der DUH.

"Sie haben natürlich auch noch Eisen, Aluminium, mit dabei und in geringen Mengen Platin und Palladium, was standardmäßig zurückgewonnen wird. Und das sind Rohstoffe — dafür müssen Sie tonnenweise Erz abbauen. Und deshalb lohnt sich das absolut, alte, nicht mehr gebrauchsfähige Handys zu recyceln. Und da sind über die Jahre mit Sicherheit etliche Tonnen zurückgekommen, an wertvollen Metallen."

Rund 80 Prozent der eingesammelten Althandys verkauft Mobile Box an professionelle Entsorgungsfirmen. Sie recyceln oder verwerten Metalle und andere Rohstoffe wie Glas oder Plastik. Viel Geld lasse sich auf diese Weise nicht verdienen. Deutlich lukrativer sei da schon das Geschäft mit dem Verkauf der wiederaufbereiteten Mobiltelefone.

"Das ist eine Triple-Win-Situation. Sowohl für die Umwelt ist es besser, Handys wiederzuverwenden und sie erst zu einem späteren Zeitpunkt zu recyceln. Dann ist es natürlich für denjenigen, der sie wiederaufbereitet eine Win-Situation — weil sich damit natürlich auch eher Geld verdienen lässt. Weil: Darum geht’s am Ende auch", sagt Thomas Fischer.

"Und dann hat der Kunde natürlich einen Riesenvorteil. Das ist bei mir selber auch so. Ich habe selber auch privat ein Smartphone, was wiederaufbereitet wurde. Und über den Daumen gepeilt kann man sagen, dass diese sehr hochwertigen Geräte, die in die Wiederverwendung gebracht werden, 50 Prozent günstiger eingekauft werden können, von den Kunden, als die Neuware."

Verbraucher besser informieren?

Seit 2019 müssen laut Gesetz 65 Prozent aller verkauften Elektro- und Elektronikgeräte gesammelt und verwertet werden. Deutschland verfehlt das von der EU vorgegebene Ziel aber deutlich. Um die Quote zu erreichen, wird derzeit erneut das Elektro-Gesetz überarbeitet.

Die Deutsche Umwelthilfe fordert etwa, dass auch Discounter und kleinere Geschäfte Altgeräte zurücknehmen müssen – der Handel lehnt das ab. Er setzt darauf, Verbraucher besser über Recyclingmöglichkeiten zu informieren. Eine Idee, die der Geschäftsführer der Entsorgungsfirma Electrocycling, Guido Sellin, unterstützt.

"Ich würde mir wünschen, dass die Leute bewusster mit den Abfällen umgehen, sie bewusster in die richtigen Recyclingwege bringen — wie zum Beispiel die Elektroaltgeräte: nicht, wenn sie in die graue Tonne passen, in die graue Tonne tun. Da verlieren wir Rohstoffe mit. Da verschmutzen wir vielleicht die Umwelt mehr, als wir wollen, weil da Gefahrstoffe drin sind, die in der grauen Tonne nichts zu suchen haben und im Elektroaltgeräte-Recycling richtig behandelt würden."

Besseres Recycling gegen die Berge von Elektroschrott einer Wegwerfgesellschaft? Ausgerechnet der Mann, der mit dieser Art Müll sein Geld verdient, sagt: Das allein werde das Problem nicht lösen.

"Und dass man sich als Bürger vielleicht auch bewusst macht — ich meine: Wir leben von den Elektroaltgeräten —, das eine oder andere Gerät vielleicht länger zu benutzen und nicht das nächst schönere gleich zu nehmen. Das schadet der Umwelt, verbraucht Ressourcen. Auch, wenn es gegenläufig von meinem Geschäft ist, aber wir können da eine Menge tun — und dann haben wir als Unternehmen immer noch genug zu tun."

Ein weitaus größeres Potenzial als beim Elektroschrott schlummert beim Wiederverwerten von Verpackungen. Davon fallen jährlich in Deutschland fast 19 Millionen Tonnen an. Die Recyclingquoten schwankten hier zuletzt von 25 Prozent bei Holzverpackungen über 50 Prozent bei Kunststoffen bis hin zu jeweils knapp 90 Prozent bei Papier, Pappe und Glas.

Analog zum Elektroschrott hat die EU auch für den Verpackungsmüll inzwischen Recyclingquoten vorgegeben — für Plastikverpackungen zum Beispiel 63 Prozent. Manfred Santen von Greenpeace sieht darin kaum mehr als einen ersten Schritt.

"Das ist aber, im Grunde genommen, eher so als Ansporn zu sehen für die Industrie. Es gibt wenig wirklich schmerzhafte Sanktionen, falls diese Quote nicht erreicht wird. Klar gibt es dann von der EU eine Abmahnung, und auch unsere Umweltministerin setzt alles daran, dass diese Recyclingquoten erreicht werden. Aber ob es da wirklich Mittel gibt, die Industrie dazu zu zwingen — das wage ich jetzt mal zu bezweifeln."

Besser trennen, mehr recyceln, bewusster einkaufen

Henning Krumrey vom Berliner Entsorger Alba spielt den Ball zurück in Richtung der Konsumenten: Die Recyclingquote lasse sich letztlich nur erfüllen, wenn Verbraucher besser darauf achten, was sie in die Gelbe Tonne werfen oder in den Gelben Sack stecken. Denn manche Abfälle lassen sich selbst bei aufwendigster Aufarbeitung schlicht nicht recyceln — wie zum Beispiel gebrauchte Babywindeln.

"Die wird gerne in die Gelbe Tonne geworfen. Als jemand aus der Branche versteht man es nicht. Aber wahrscheinlich ist es so, dass sich die Leute sagen: 'Na, ja — an sich sind das doch prima Werkstoffe. Da habe ich dieses, Zellullose, saugende Material, das kann man wiederaufarbeiten, sind ja Zellullosefasern' — theoretisch richtig, möchte man aber bei einer Windel dann lieber nicht —, 'und außen rum ist ja eine Plastikhülle. Kunststoff kann man auch wiederaufarbeiten, muss doch auch gehen', vermutet Henning Krumrey.

"Wie gesagt: Theoretisch stimmt’s. Aber gebrauchte Windeln bitte nicht! Das heißt also: Die Hälfte dessen, was am Ende verbrannt wird, ist einfach Müll, der da gar nicht reingehört, den man eigentlich in die graue Tonne schmeißen müsste."

Besser trennen, mehr recyceln, bewusster einkaufen – Deutschland sieht sich gerne als Vorreiter bei der Nachhaltigkeit. Doch die Zahlen sprechen eine ganz andere Sprache: Die Menge an Verpackungsmüll ist auf Rekordniveau gestiegen. Rechnerisch produziert jeder Deutsche pro Jahr mehr als 220 Kilogramm. Neben dem Online-Handel liegt das an kleineren Verpackungen im Supermarkt und dem Trend zum Essen und Trinken to go. Vermeiden ist die umweltverträglichste Variante gegen Müllberge, doch auch beim Wertstoff-Recycling gibt es noch viel zu tun.

"Richtig geschafft haben wir es alle zusammen, wenn wir einen richtigen Imagewandel geschafft haben. Wenn es also schick ist und ein Werbevorteil, wenn man Recyclingmaterial verwendet", sagt Henning Krumrey. "Also, meine Idealvorstellung: Wenn Porsche irgendwann mal sagt: 'Dieses Armaturenbrett im tollen, neuen 11er — das war mal in der Gelben Tonne! Und wir haben ein Armaturenbrett für einen Super Sportwagen daraus gemacht.' Wenn wir so weit sind — dann haben wir das Projekt Kreislaufwirtschaft richtig zum Erfolg geführt."

Autor: Christian Blees
Sprecherin: Bettina Kurth
Regie: Stefanie Lazai
Technik: Christiane Neumann
Redaktion: Martin Mair

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