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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 12.09.2016

Werner Bartens: "Verletzt, verkorkst, verheizt" Was beim Nachwuchssport anders laufen muss

Von Hanns Ostermann

Staffellauf - Sportunterricht einer dritten Klasse der 28. Grundschule "Johann Strauß" in Berlin-Marzahn. (picture alliance / dpa / Miguel Villagran  )
Beim Training von Kindern in Vereinen könnte vieles besser gemacht werden, meint Werner Bartens. (picture alliance / dpa / Miguel Villagran )

Kniebeugen mit Gewicht, Liegestütze und anschließend den Muskelkater bejubeln: Wer Kinder so trainiert, macht laut Werner Bartens alles falsch. In "Verletzt, verkorkst, verheizt" analysiert der Arzt die Fehler beim Nachwuchssport.

"Verletzt, verkorkst, verheizt: Wie Sportvereine und Trainer unsere Kinder kaputt machen" - wer aufgrund dieses Buchtitels davon ausgeht, es handele sich um eine polemische Kampfschrift gegen den Sport, der liegt falsch. Gleich zu Beginn weist der gelernte Arzt und Journalist Werner Bartens darauf hin: "Ich liebe Sport und finde ihn großartig!" Allerdings haben ihn langjährige Beobachtungen im Alltag und Gespräche mit Experten nachdenklich gestimmt. Ob die jungen Sportler von heute wirklich die Krüppel von morgen sind, wie es im Klappentext heißt, sei dahingestellt. Doch an der Basis läuft vieles schief, werden Kinder falsch trainiert. Und ein Großteil der 1,5 Millionen Sportunfälle im Jahr ließe sich vermeiden.

Die Verantwortung von Trainern und Eltern

Bartens liefert zunächst eine sehr genaue Typologie derjenigen, die für negative Entwicklungen schon bei den Kleinsten verantwortlich sind: eine Typologie ehrenamtlicher Trainer und Übungsleiter auf der einen, der Eltern auf der anderen Seite. Wenn etwa junge Aktive aus der 1. Herrenmannschaft Kinder trainieren, bestehe die Gefahr, dass sie ihre eigene Trainingslehre auf die der Jugendlichen übertragen. Dabei ist deren Körper noch längst nicht so stabil wie der von Erwachsenen. Und auch wenn "alte Haudegen" so trainieren lassen, wie sie es seit zig Jahren kennen, wenn der Muskelkater also ein willkommener Begleiter sein soll, sind Verletzungen programmiert. Das sind nur zwei von mehreren Beispielen für das problematische Umfeld an der Basis des Sports. Zu dem gehören natürlich auch die Eltern. Nicht selten übertragen Väter und Mütter eigene fehlgeschlagene Ambitionen auf die Kleinen - ein fatales Signal.

Vorsätzliche Körperverletzung - riskante Übungen

An zahlreichen Beispielen beschreibt Bartens, wie falsche Übungen fatale Wirkungen haben können. Klappmesser, Froschhüpfen und Entengang, Liegestütze als Strafübungen, Kniebeugen mit Gewicht sind Gift für die Kleinen. Auch die Philosophie, "über den Schmerz zu trainieren", sei völlig falsch. "Schmerz ist ein Warnsignal, das ernst genommen werden muss", zitiert Bartens den ärztlichen Direktor der Sportmedizin an der Berliner Charite, Bernd Wolfahrt: "Wer immer wieder Schmerzen in Fuß, Knie, Hüfte oder Sprunggelenk ignoriert und pharmakologisch unterdrückt, riskiert auf Dauer Magen-Darm-Blutungen, Infarkte, Fehlstellungen."

Was sich ändern muss

Bartens liefert diverse Anregungen, was der organisierte Sport zu seinem eigenen Nutzen tun sollte. Natürlich muss die Ausbildung von Trainern und Übungsleitern immer wieder auf den Prüfstand. Neu ist auch nicht die Erkenntnis, dass sich die besten Trainer um den Nachwuchs kümmern sollten, um ihn nicht zu verheizen. Denn in jungen Jahren werden hier langfristig Weichen gestellt. Entstanden ist ein lesenswertes Buch, das sich differenziert mit dem Alltag des Sports auseinandersetzt und Wege aufzeigt, wie vieles besser sein könnte. Ein Buch mit allerdings begrenzter Wirkung: Solange für weite Teile der Gesellschaft nur der Sieg zählt, verpuffen selbst die besten pädagogischen und medizinischen Ansätze.

Werner Bartens: "Verletzt, verkorkst, verheizt. Wie Sportvereine und Trainer unsere Kinder kaputt machen"
Droemer Verlag, München 2016
239 Seiten, 14,99 Euro

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