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Fazit / Archiv | Beitrag vom 07.04.2016

Werkstattbesuch beim Drucker Fritz MargullZuckertusche für Meese, Kupferplatten für Grass

Von Tobias Wenzel

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Radierungen von Günter Grass sind in der Ausstellung "Hundejahre" in Danzig zu sehen. (picture alliance / dpa / Adam Warzawa)
Die Radierungen zu "Hundejahre" von Günter Grass sind in Fritz Margulls Werkstatt entstanden. (picture alliance / dpa / Adam Warzawa)

Jörg Immendorff, Markus Lüpertz, Gerhard Richter, Jonathan Meese und Günter Grass: Sie alle kamen in die Werkstatt von Fritz Margull nach Neukölln, um dort ihre Drucke zu fertigen. Doch jetzt muss der Drucker seine Werkstatt schließen. Sein Vermieter hat ihm gekündigt.

"Über die eingefärbte Druckplatte wird ein gefeuchtetes Papier gelegt. Über das gefeuchtete Papier wird ein Filz umgeschlagen. Die Walze der Presse wird unter Druck gesetzt. Ziemlich hoher Druck. Und dann läuft es wieder in die andere Richtung."

In seiner Hinterhofwerkstatt steht Fritz Margull an einer motorisierten Presse. Jeder Handgriff sitzt beim 71-jährigen Kunstdrucker. Währenddessen raucht er eine selbstgedrehte Zigarette:

"Filz wird wieder zurückgeschlagen. Und dann entnimmt man das Papier und der Druck ist fertig."

Der Druck wäre fertig. Denn Papier hat Fritz Margull erst gar nicht eingelegt. Er hat nicht einmal mehr Farben zum Drucken. Die wurden gerade eben abgeholt. Bis Ende April muss Margull sein Druckatelier räumen. Der Vermieter hat ihm nach 16 Jahren gekündigt.

"Es ist ein merkwürdiges Gefühl. Ich muss ja alles in die Hand nehmen, wenn ich aussortiere, und stoße auf alte Drucke, die ich schon beinahe vergessen habe. Ja, ein bisschen Wehmut. Das ist wahrscheinlich der richtige Ausdruck."

Meeses Mutter im Atelier

Das Mittagslicht fällt durch das Glasdach und erleuchtet die nicht mehr so ganz weißen Wände des Klinkerbaus. Die alte Wanduhr steht still auf halb fünf. Großformatige Drucke von Max Neumann hängen an der Wand. Auch Jörg Immendorff, Markus Lüpertz und Gerhard Richter ließen hier ihre serielle Kunst drucken. Meist arbeiteten die Künstler viele Tage eng mit Fritz Margull zusammen und profitierten von seiner Erfahrung. Auch Jonathan Meese kam:

"Es war ein Vorschlag, ich weiß nicht, ob der von Meese kam oder von der Galerie, dass er Porträts seiner Mutter machen wollte. Und die Mutter kam dann zuerst mit hier her, um dann auch mich zu begucken, ob ich der Passende bin für ihren Sohn. Und das klappte dann. Und dann saß sie Porträt. Und Jonathan hat das dann übertragen. Natürlich nicht realistisch und naturalistisch. Und die Mutter sagte: 'Ich erkenn mich sowieso nicht wieder.' Aber das war eine schöne Atmosphäre und wurden schöne Blätter. Und also alle waren zufrieden, mich eingeschlossen."

Margull hatte Meese zum anwenderfreundlichen Verfahren der Zuckertusche geraten. Da zeichnet der Künstler mit einem Gemisch aus Tusche und Puderzucker. Später wird der Zucker aufgelöst. Ein Negativbild entsteht, das man zum Drucken verwenden kann.

"Für viele ist es ja so, dass sie Scheu haben, mit einer Stahlnadel auf einer blanken Kupferplatte zu ritzen. Der Strich ist unwiederbringbar, der steht dort. Der Beste, den ich da drin erlebt habe, war Günter Grass, der furchtlos losgelegt hat und en détail gezeichnet und der das Ganze im Blick behielt."

Fachsimpeln mit Günter Grass

Alle Radierungen von Günter Grass sind bei Fritz Margull entstanden. Zuletzt arbeiteten die beiden zwei Jahre lang bis 2014 an 148 Radierungen zur Jubiläumsausgabe des Romans "Hundejahre".

 "Der war sehr oft hier, immer für zwei drei Tage, für Andrucke. Und dann saß er hier oben, wo wir gerade sitzen, und hat die Platten korrigiert und mir runtergereicht zum Andrucken. Dann war es so fließender Wechsel. Das war ein schönes Arbeiten mit ihm, ja."

Fritz Margull ist über eine Stahltreppe in sein kleines Büro gegangen und blickt von hier durch eine Scheibe hinunter in das eigentliche Druckatelier. Im Büro erinnert er sich, wie er für einen Auftrag zum schottischen Maler Peter Doig nach Trinidad und Tobago reiste, mit 60 Kilo Material und Chemikalien im Gepäck:

"Und dann war ich da zwei Wochen mit ihm. Und wir haben sechs Arbeiten gemacht in einem verrückten Studio, einer alten, aufgelassenen Rumfabrik, Wellblechdach, 40 Grad Temperatur und dann noch fünf Mal am Tag ein Wolkenbruch. Und das war wirklich wie eine Sauna."

Auf einem Tisch liegen Audiokassetten mit Jazzmusik, die Margull während des Druckens manchmal gehört hat. Eine Hantel ruht auf einem Heizkörper:

"Die habe ich mal gekauft in der Absicht, die Hantel zu schwingen. Aber das habe ich dann unterlassen. Sie sehen ja, ist Staub drauf."

Wider Willen nimmt er sein Wissen mit ins Grab

Fritz Margull fehlt die Kraft, um als Drucker neu anzufangen. Bei Freunden außerhalb Berlins kann er mit einem Teil seiner Werkstatt unterkommen. Aber für die beiden Pressen – eine davon ist die größte Deutschlands –  ist dort kein Platz.  

Künstler und Galerien haben in Briefen versucht, den Vermieter dazu zu bewegen, die Kündigung zurückzuziehen. Vergeblich.

"Letztlich bekam ich dann ein schönes Abschlusszeugnis von den Künstlern: wie wichtig ich war oder bin und wie toll die Arbeit war und was uns fehlen wird in Berlin und so weiter. Also ich kann schon hoch erhobenen Hauptes hier rausgehen. Aber es ist natürlich sehr schade. Ich wäre gerne noch ein bisschen geblieben."

Auch, um einen jüngeren Drucker anzulernen. Denn Margull hat Verfahren entwickelt, die nur er beherrscht und die sich nur über die Praxis vermitteln ließen. So wird er wohl irgendwann wider Willen dieses Wissen mit ins Grab nehmen. Was hätte da wohl Margulls Freund Günter Grass, wenn er heute noch lebte, dem Vermieter des Ateliers gesagt?

"Der hätte einen sehr empörten Brief geschrieben, auf alle Fälle."

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