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Fazit / Archiv | Beitrag vom 23.05.2017

Werke von Kerstin Brätsch im Museum BrandhorstGemalte Marmorfratzen

Von Tobias Krone

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Die deutsche Künstlerin Kerstin Brätsch steht im Hamburger Bahnhof in Berlin zwischen ihren für den Preis der Nationalgalerie für junge Kunst 2013 nominierten Werken. Der Preis der Nationalgalerie besteht in einer Einzelausstellung, die von der Nationalgalerie für den Preisträger in einem der Häuser der Nationalgalerie ausgerichtet wird.  (picture alliance / dpa / Matthias Balk)
Die Künstlerin Kerstin Brätsch (picture alliance / dpa / Matthias Balk)

Kerstin Brätsch lotet die Grenzen der Malerei aus. So lässt sie in der Serie "Unstable Talisman Rendering" marmorierte Muster auf Papier entstehen. Diese und andere Arbeiten der gebürtigen Hamburgerin sind jetzt im Museum Brandhorst in München zu sehen.

Der Einstieg, er wirkt auf den ersten Blick wie ein schlechter Witz. Dabei ist das übergroße Firmenplakat am Eingang der Werkschau von Kerstin Brätsch auf den zweiten Blick ein besonders guter Witz. Da prangt die Industriefotografie eines Kompressors der Firma Brätsch – es ist das Unternehmen, das Kerstin Brätschs Großvater gegründet hat. Und ein treffendes Bild für den heutigen Kunstbetrieb ist es auch, findet die Kuratorin Patrizia Dander:

"Was heißt das eigentlich für die künstlerische Praxis, was passiert da eigentlich, wenn man behauptet, so, okay: Ich bin eigentlich jemand, der die ganze Zeit Infos komprimiert und dann wieder rausspeist? Und das waren so Überlegungen, wie wir dahin gekommen sind, so richtig groß mit diesem Banner auf den Eingang zu gehen."

Eine gute Portion Selbstironie

Eine Gegenwartskünstlerin steht unter Druck – verständlich. Nicht viele Künstler unter 40 Jahren bekommen eine Übersichtsausstellung. Kerstin Brätsch selbst möchte keine Interviews geben. Aber schon das Kompressorbild am Eingang, das so gar nicht in ihr restliches Werk passen will, offenbart die gute Portion Selbstironie, mit der sie hier auftritt, genauso wie der etwas bräsige Firmenslogan "Innovation", der zum Titel der Ausstellung wurde.

Auch auf dem Kunstmarkt gilt es, innovativ zu sein. Und das ist das malerische Werk von Kerstin Brätsch durch und durch.

"Ich glaube, es gibt wenig Positionen, die auch so sinnlich sind, die so viel Abwechslung bieten, die Malerei zu so was Spannendem machen wie Kerstin Brätsch. Und was aber typisch ist für ihre Generation, dass man Malerei halt eben als ein erweitertes Medium begreift, dass Malerei immer der Referenzrahmen ist, aber eben Glasarbeiten oder Marmorierungen oder Polyesterfolie, unterschiedliche Materialien genauso in diesen Kosmos mit hineinwachsen können."

Die Serie "Psychics" entstand 2007, während Brätschs Masterstudium an der Columbia University in New York. Hier zeigt sich ihr Ideenreichtum und der unkonventionelle Stilmix: Köpfe, allerdings immer ohne Gesicht, mal gesprüht, mal in Öl, mal mit borstiger Pinselgeste, mal in Aquarelltechnik gemalt.

Brätsch hatte Hellseherinnen besucht – und sich deren willkürliche Interpretationen der Porträtierten angehört. Mit den gesichtslosen Köpfen entzieht die Künstlerin die abgebildeten Personen einer Zuschreibung von außen. In der Abstraktion gewinnen sie dabei eine neue Persönlichkeit. Auf eine klassische Rahmung der drei Meter hohen Papierbilder verzichtet Brätsch.

"Man fühlt sich natürlich erinnert an klassische großformatige deutsche Malerei, vom Status und vom Format. Kerstin war es aber total wichtig, dagegen zu gehen mit etwas, das sehr verletzlich ist, mit einem Material, das anfällig ist und damit eine Malerei zu zeigen, die eigentlich sehr leger ist. Die einfach nur mit Magneten hingehaftet wird, und noch so die leichte Wölbung vom Papier drinnen hat."

Zerschnittene Malereien in transparenten Leichensäcken

Kunst ist verletzlich und ständiger Deformation ausgesetzt. Die Installation "Kaya's House" ist Teil des Projekts "KAYA", bei dem Brätsch mit dem Bildhauer Debo Eilers kooperiert. Aus einem begehbaren Kinderhaus dringt düstere Elektromusik. Vom Giebel hängen Folterriemen herunter, und zerschnittene Malereien Kerstin Brätschs in transparenten Leichensäcken.

"Ich finde schon, man kann die ganze Praxis von Kaya natürlich schon auch im Zusammenhang mit kapitalistischen Strukturen angucken. Was wird eigentlich für Gewalt ausgeübt auf uns Subjekte. Das steckt definitiv auch mit drin."

Kerstin Brätsch lotet die Grenzen der Malerei aus. Zum Beispiel in der Serie "Unstable Talisman Rendering", in der sie marmorierte Muster auf Papier entstehen lässt. Eine physikalisch schwierige Prozedur.

"Und das Interessante ist aber, dass die Kerstin schon seit drei, vier Jahren mit einem Marmoriermeister zusammenarbeitet. Und die haben Schritt für Schritt angefangen, es dann doch hinzukriegen, dass man aus dieser eigentlich Abstraktion hervorbringenden Technik immer mehr Körperformen rausschält. Und dann gibt’s eben diese Fratzen, diese Gesichter, die einen angucken."

Glasskulpturen in schonungsloser Transparenz

Um Gesichter geht es auch in der Serie "All Ready Maid Betwixt and Between". Zusammen mit dem Glasmaler Urs Rickenbach schafft die Künstlerin Glas-Skulpturen, in denen sie Buntglas, Perlen, Mineralien, Bleielemente und mehr zusammenbringt. Brätsch remixt wirklich alles – in schonungsloser Transparenz.

Zahlreiche Videos sind in der energiegeladenen Werkschau zu sehen. Unter anderem auch die dokumentierte Performance in Japan. Nach der Nuklearkatastrophe in Fukushima zog Brätsch mit Künstlerfreunden durch das Land – und setzte ihre bemalten Glasplatten als symbolische Schutzschilde gegen die Strahlung ein.

Info: Die Ausstellung "Kerstin Brätsch. Innovation" ist vom 25. Mai bis 17. September 2017 im Museum Brandhorst München zu sehen.

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