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Studio 9 | Beitrag vom 27.06.2020

Werder Bremen in der KriseEine Stadt will nicht absteigen

Von Felicitas Boeselager

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Trainer Florian Kohfeldt (Bremen) mit Mundschutz Bremen beim Spiel SV Werder Bremen gegen FC Bayern München (picture alliance / Witters/gumzmedia/nordphoto)
Angespannt: Trainer Florian Kohfeldt vor dem Spiel gegen Bayern München. (picture alliance / Witters/gumzmedia/nordphoto)

Lebenslang grün-weiß: Wie in anderen Fußballstädten ist das Bekenntnis zum Lieblingsverein in Bremen Glaubensfrage. Der Verbleib in der 1. Liga ist aber auch wirtschaftlich von Bedeutung. Felicitas Boeselager hat Werder-Fans in der Krise getroffen.

Alles in grün-weiß. Stolz präsentieren drei strohblonde Jungen ihre Ausbeute aus dem Werder-Fanshop am Weser-Stadion. Vor dem letzten Spieltag haben sich die drei noch mal gründlich mit Fan-Artikeln eingedeckt, vielleicht bringt das ja Glück. Aufgeregt zeigen die drei Jungs auf ihre ausgestreckten Bäuche: Auf ihren T-Shirts prangt ein schwarzes Autogramm von Davy Klaassen. Vor lauter Glück über dieses Zufallstreffen ist die Laune der Jungs trotz des drohenden Abstiegs nicht besonders düster.

Hinterm Weser-Stadion liegt ein Bootsanleger, an diesem Tag ist der Zugang zum Steg geschlossen. An Spieltagen können Fans hier mit einer Fähre direkt zum Stadion fahren.

Der Abstieg würde die Stadt tief treffen

Harro Koebnick ist Geschäftsführer der Bremer Fahrgastschifffart – und Werder-Fan. Seine Sielwallfähre bringt Fans per Schiff zum Stadion: "Das sind überwiegend Stammgäste, die da mitfahren. Die genießen das einfach: in Ruhe zum Stadion ohne Stau, vielleicht schon mit einer Bockwurst oder einem Bierchen, um sich zu stärken und vielleicht schon ein bisschen Feierstimmung aufkommen zu lassen."

Lebenslang grün-weiß: Rund ums Stadion wünschen Werder-Fans dem Verein alles Gute.  (gumzmedia/nordphoto)Lebenslang grün-weiß: Rund ums Stadion wünschen Werder-Fans dem Verein alles Gute. (gumzmedia/nordphoto)

Wie viele noch kommen, sollte Werder wirklich absteigen, vermag Koebnick heute noch nicht abzusehen: "Das hängt ganz eindeutig damit zusammen, wann dann die Spiele stattfinden, wenn dann sonntags gespielt wird, oder montags, das sind dann einfach nicht mehr so attraktive Zeiten, um dann ins Stadion zu gehen, das müssen wir einfach abwarten."

Selbstverständlich, sagt Koebnick, sei er Werder-Fan, daher könne er sich auch mit Spielen in der Zweiten Liga anfreunden. Das Ganze sei eher:"So ein Image-Ding, wenn man nicht mehr erstklassig ist, und vielleicht ist das hier in Bremen dann auch noch besonders ausgeprägt, dass das gleich auf die ganze Stadt dann bezogen wird, dass die dann nicht mehr erstklassig ist. Aber das finde ich falsch."

Die Geisterspiele dämpfen die Betroffenheit

Es kursieren Zahlen, dass der Abstieg den Verein über 40 Millionen Euro kosten könnte. Was er die Stadt kostet, ist schwer zu bemessen. Das Weser-Stadion liegt mitten in Bremen. Die Hotels, Kneipen und Restaurants verdienen viel Geld bei den Heimspielen.

Dann, wenn die grün-weißen Massen vom Bahnhof aus, die Weser entlang, zu Fuß zum Stadion laufen und bei einem Tor die ganze Innenstadt bebt. Dann sei auch bei ihm immer alles voll gewesen, sagt der Gastronom Christian Fuchs. Von seiner Terrasse aus kann man die steilen Außenwände des Stadions sehen: "Dann kommt hier keiner mehr durch, dann ist hier Volksfeststimmung."

Das leere Weserstadion während der Begegnung SV Werder Bremen gegen Bayer 04 Leverkusen. (picture alliance/GES/POOL)Leere Ränge: Das verwaiste Weserstadion während der Begegnung Werder gegen Leverkusen im Mai 2020. (picture alliance/GES/POOL)

Es kommt ihm vor wie ein Gefühl aus einer anderen Zeit, sagt er: "Es ist ein ganz skurriles Drehbuch grade, wo man nicht wirklich Emotionen empfinden kann." Auch, weil die ganze Fankultur durch die Geisterspiele in eine seltsame Ferne gerückt sei.

Noch vor einem halben Jahr wäre das der Super-GAU gewesen, keine Nachricht wichtiger, niederschmetternder, als die, dass Werder nach 40 Jahren runter muss in die Zweite Liga. Zu Sandhausen und dem HSV! Jetzt scheint das für die gebeutelten Gastronomen nur noch das kleinere Übel zu sein.

Die Fußball- und Hafenstadt ist inzwischen breiter aufgestellt

In seinem Garten, mitten in der Stadt, sitzt Altbürgermeister Henning Scherf und erinnert sich an die vielen schönen Erlebnisse, die er mit Werder verbindet. Meisterschaften, Pokalsiege, aber eben auch treue Fans in sportlich schwierigen Zeiten. Die Stadt und der Verein seien eng verwoben: "Früher haben wir immer gedacht, wir sind eine Hafenstadt und der Hafen ist das allein Wichtige, und irgendwann wurden wir eine Uni-Stadt und dann haben wir das Max-Planck-Institut gekriegt und dann haben wir das Alfred-Wegener-Institut gekriegt, und auf dieser Linie sind nun auch die Werderaner unterwegs."

Scherf hofft noch auf ein Wunder, auf den Klassenerhalt. Und selbst wenn Werder absteigt, will er optimistisch bleiben: "Ich setz da drauf, dass es eine Loyalität zu dem Verein und der Mannschaft gibt, die auch in der Zweiten Bundesliga und ich setz darauf, dass sie wirklich das Stadion vollkriegen."

Die kleinen Fans vorm Werder-Shop jedenfalls freuen sich riesig auf die Zeit, wenn sie endlich wieder ins Stadion dürfen, fast schon egal, ob die Spieler, deren Autogramme sie gerade ergattert haben, dann noch da sind– und in welcher Liga Werder Bremen dann spielt.

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