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Thema / Archiv | Beitrag vom 24.01.2011

"Wer sind wir?"

Islamwissenschaftler sieht europäische Identitätskrise als Grund für Angst vor Muslimen

Tariq Ramadan im Gespräch mit Anne Francoise Weber

Die Sichtbarkeit des Islam macht verunsicherten Europäern Probleme, meint Tariq Ramadan. (AP)
Die Sichtbarkeit des Islam macht verunsicherten Europäern Probleme, meint Tariq Ramadan. (AP)

Der Schweizer Islamwissenschaftler Tariq Ramadan sieht die Ursache der Islam-Ängste von Europäern in einer Identitätskrise durch die Globalisierung. Gleichzeitig nehme die "Sichtbarkeit" des Islam in Europa zu, sagte der Professor für islamische Studien an der Universität Oxford.

Frank Meyer: Etwa vier Millionen Muslime leben in Deutschland, in Großbritannien sind es fast drei, in Frankreich bis zu sechs Millionen. Und trotzdem wird nach wie vor darüber debattiert, ob diese Religion eigentlich zu Europa gehört. Einer, der diese Frage mit einem eindeutigen Ja beantwortet, ist der Schweizer Islamwissenschaftler Tariq Ramadan. Besonders für viele junge Muslime ist Tariq Ramadan ein Hoffnungsträger, ein Vordenker, wenn nicht gar so etwas wie ein Popstar eines europäischen Islam. Und am Wochenende war Tariq Ramadan zu Gast im Berliner Haus der Kulturen der Welt. Dort wurde über die Muslimisierung der andern diskutiert, also über den Reflex, alles – und besonders alle Schwierigkeiten – auf den islamischen Glauben bestimmter Einwanderer zurückzuführen.

Meine Kollegin Anne Francoise Weber hat mit Tariq Ramadan gesprochen und ihn als Erstes gefragt, wie er denn diese Tendenz zur Muslimisierung der anderen erklärt.

Tariq Ramadan: Ich glaube, das geschieht zurzeit in Europa ein bisschen überall, und der Grund dafür ist eine Identitätskrise der Europäer im Zuge der Globalisierung, aber auch im Zuge der Erweiterung von Europa – sie fragen sich einfach: Wer sind wir?

Der zweite Faktor, das ist die Einwanderung. Diese Einwanderung hat es immer gegeben, aber wir haben beispielsweise darüber geredet über die türkische Gemeinde in Deutschland, die pakistanische in Großbritannien und die der Nordafrikaner in Frankreich, und sie werden alle sehr vorschnell einfach nur dem Islam zugeschrieben. Sie werden also einfach nur als Muslime bezeichnet, und das weckt in einigen Europäern gewisse Ängste und Ungewissheiten.

Neben diesen beiden Faktoren, die zu einer gewissen Angst geführt haben, auch gerade hier in Deutschland, kommt etwas hinzu, was es vorher so nicht gab, und das ist diese Sichtbarkeit. Man sieht Muslime plötzlich, man nimmt sie wahr. Die erste Generation von Einwanderern war geografisch eher isoliert, heute sieht man sie auf der Straße, man sieht sie in ihrer Kleidung, sie unterscheiden sich, man sieht Moscheen. Dann kommt noch etwas hinzu, das ist die Gewalt, die in Amerika vor allen Dingen in den letzten zehn Jahren so stark zugenommen hat. Und all diese Faktoren führen dazu, dass Muslime als die anderen wahrgenommen werden, vor denen man Angst hat und die eben nicht mehr so gewöhnlich sind.

Anne Francoise Weber: Sie fordern multiple Identitäten und Zugehörigkeiten für die Muslime in Europa. Zweifellos kann man gleichzeitig Muslim, von der Religionszugehörigkeit Deutscher, von der Staatsgehörigkeit und Kultur und damit ja auch Bürger eines demokratischen säkularen Staats sein. Gleichzeitig möchten Sie eine angewandte islamische Ethik ausarbeiten, in der sowohl die Quellen und Methoden islamischer Rechtsprechung aufgenommen werden als auch wissenschaftliche Erkenntnisse muslimischer Experten. Müsste man nicht aber, um das Zusammenleben von Muslimen und Nichtmuslimen zu vereinfachen, eher nach einer gemeinsamen Ethik suchen?

Ramadan: Damit diese gemeinsamen Ethiken in westlichen Gesellschaften überhaupt, damit man auch diesen Weg überhaupt gehen kann, muss man sich natürlich innerhalb seiner eigenen Ethik die Fragen stellen, wie steht man zu Wissenschaften, wie steht man zu Fragen der Medizin. Dann geht es immer auch darum, wenn man von dieser gemeinsamen Ethik redet, was tun wir selber in unserer eigenen Ethik, um uns zu öffnen. Und da ist natürlich das Problem der Muslime, dass sie Dinge wiederholen, die seit dem Mittelalter gesagt werden, dass sie streckenweise eine Rechtsauffassung haben, die überholt ist, die man nachfragen müsste. Und diese Bedingung also für eine gemeinsame Ethik ist einfach, dass jeder für sich sich auf einen gewissen Weg macht, daran arbeitet und sich öffnet, und nur dann können wir uns wirklich ergänzen.

Weber: Aber ist der Referenzrahmen für junge Muslime in Europa heute wirklich noch der Islam, also macht es Sinn, eine islamische Ökologie auszuarbeiten, oder sind diese jungen Muslime nicht als Staatsbürger hier, die sehen, wie verschmutzt die Umwelt ist, auf eine ganz andere Weise anzusprechen? Zugespitzt: Islamisieren nicht Sie dann auch wieder die jungen Muslime hier?

Ramadan: Nein, im Gegenteil. Also ich finde, dass all diese jungen Menschen, die diese internationalen Fragen sich stellen, die müssen erst mal im Inneren mit sich eins sein. Sie müssen sich innerhalb ihrer eigenen Religion oder ihrer eigenen Zugehörigkeit wohlfühlen, in ihrer eigenen Welt, weil die Fragen, die sie beantworten sollen, sind ja globale Fragen, und die Antworten, die sie darauf geben könnten, die können ja nicht einfach aus dem Nichts kommen.

Das betrifft ja nicht nur junge Muslime, sondern das betrifft ja auch zum Beispiel Christen, es betrifft Leute, die überhaupt nicht an Gott glauben, es betrifft einfach Menschen verschiedenster Religionszugehörigkeiten. Und ich sage immer, man muss, bevor man solche globalen Fragen beantworten kann, die uns alle betreffen, erst mal mit sich selbst eins sein. Man muss die Antworten darin finden, was man ist, sonst ist das eine Antwort, die einfach aus dem Nichts kommt. Und ich bin überhaupt nicht der Meinung, dass man die Leute einschließen soll in ihrer Religionszugehörigkeit, sondern ganz im Gegenteil: Ich finde, sie sollten sich öffnen. Und nur so ist es möglich, diese globalen Fragen zu beantworten, wenn man sich mit sich selbst wohlfühlt.

Und ich möchte noch etwas hinzufügen: Ich lehne Begriffe wie islamische Ökologie, überhaupt islamische Medizin, islamische Wirtschaft, die lehne ich wirklich ab. Ich würde von einer islamischen Ethik reden, in Bezug auf Fragen zur Medizin, in Bezug auf Fragen zur Ökologie oder zum Umweltschutz, aber das ist ein wirklich großer Unterschied, weil es geht ja immer daher, aus welcher Kultur wir kommen, aus welcher Religion wir kommen. Ökologie ist ja ein globales Thema, das geht uns ja alle an. Und da lehne ich wirklich gewisse islamische Gelehrte ab, die von einer eigenen islamischen Ökologie sprechen oder von einer eigenen islamischen Medizin, weil das, finde ich, ist wirklich gefährlich, weil dann schließt man sich ein, dann wird man sektaristisch.

Weber: Aber wer arbeitet diese islamische Ethik, die Sie ja wünschen, eigentlich aus? Das sind islamische Experten – Sie sprechen von Schriftgelehrten und von Kontextgelehrten, aber das scheinen alles Muslime zu sein. Wie groß ist da der Austausch zu nichtmuslimischem Wissen, zu anderen Ethiken und überhaupt, wo sind diese Gelehrten, wer macht sie zu Gelehrten, haben die irgendwann einen Abschluss in islamischen Studien in Deutschland? Da sind doch noch viele Fragen offen.

Ramadan: Was Sie natürlich in Ihrer Frage implizit mitgefragt haben, ist die Frage der Autorität, von wem das letztendlich kommt, und das ist eine Frage, die beschränkt sich jetzt nicht nur auf die westlichen Gesellschaften, sondern natürlich auch auf Gesellschaften, die in ihrer Mehrheit muslimisch sind. Und da ist es bisher eben so gewesen, da waren Schriftgelehrte, da waren Wissenschaftler bisher unter sich, und die sind jetzt ein bisschen verängstigt, wenn ich mit meinen neuen Thesen komme und sage, das muss alles geöffnet werden. Es kann nicht sein, dass es immer die gleichen Leute sind, die sozusagen diese Hoheit über diese Schriften haben.

Und ich möchte, dass man da eine gewisse Schwerkraft einfach auch verschiebt und dass diese Fragen, was den Text angeht, nicht nur gewisse Spezialisten von Texten beantworten dürfen. Und das ist eben etwas, was mir sehr wichtig ist, dass man letztendlich auf verschiedene Art und Weisen Fragen stellt und dass es unterschiedliche Wege gibt, die dazu führen, dass man diese Fragen beantwortet. Und ich hab da immer das Symbol eines Berges letztendlich: Man kann auf einen Berg sich begeben und geht dabei unterschiedliche Wege, und das ist mir sehr wichtig.

Weber: Wenn es unterschiedliche Wege zum Berggipfel gibt, gibt es dann auch unterschiedliche Wege, den Koran auszulegen, gibt es auch die Möglichkeit, wirklich zu sagen, das ist ein vor allem historisches Dokument, ähnlich wie viele Christen mittlerweile an die Bibel herangehen, zu sagen, es gibt viele Widersprüche, es gibt Texte, die wir für heute nicht mehr so ernst nehmen oder so wörtlich übernehmen? Nasr Hamid Abu Zaid hat das sehr weit getrieben, weiter als Sie, denke ich. Was sagen Sie zu solchen Ansätzen?

Ramadan: Wenn wir darüber reden, öffnen wir letztendlich eine ganz andere Diskussion. Das ist, wie weit kann man bei der Auslegung des Koran gehen, welche Grenzen werden da erreicht oder auch überschritten. Sie haben gemeint, er sei weitergegangen als ich, aber der Koran ist eben für viele das Wort Gottes, es ist eine Säule des Glaubens. Nun gibt es Diskussionen, wie man diesen Text zu lesen hat, aber in einem sind wir uns, glaube ich, alle einig: Das ist ein historischer Text, der in einer gewissen Zeit entstanden ist, und die Frage ist, ob er in dieser Unendlichkeit, in der er entstanden ist, wie er dann heute anzusehen ist, in einem geschichtlichen Kontext.

Natürlich, diese kritische Lesart ist wichtig, und das soll auch so geschehen, aber das soll innerhalb der Grenzen auch des göttlichen Wortes gelesen werden. Und das Problem ist natürlich immer, wessen Geistes ist der Leser eines solchen Textes.

Weber: Ja, und eben, wenn Sie nach der Einstellung der Leser fragen – Sie appellieren ja auch, dass die Muslime in Europa ihre Opfermentalität und ihre Minderheiteneinstellung aufgeben sollen –, wie können sie das denn tun?

Ramadan: Was Sie jetzt natürlich ansprechen, ist eine ganz andere Situation, auch darüber habe ich in einem meiner Bücher schon geschrieben, und da geht es nicht nur um junge Muslime, sondern überhaupt um Muslime, und es geht auch um ihr Engagement. Und da sage ich, sie müssen sich mit etwas vertragen, was in ihnen selbst ist, sie müssen sich mit dem vertragen, was ihr Fundament darstellt, wo sie herkommen. Und wenn ich vorhin ganz zu Beginn von einer Krise der Identität der Europäer gesprochen habe, dann muss ich jetzt natürlich auch von einer Krise der Identität bei den Muslimen sprechen. Da muss eine Art Rückkehr zur Quelle folgen, und dann kann man auch ein gewisses Vertrauen wiedererlangen.

Meyer: Der Islamwissenschaftler Tariq Ramadan im Gespräch mit meiner Kollegin Anne Francoise Weber. Am Wochenende war Tariq Ramadan im Berliner Haus der Kulturen der Welt zu Gast, das Gespräch hat für uns übersetzt Jörg Taschmann.

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