Mittwoch, 14.11.2018
 

Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 31.03.2005

Wenn Wörter nicht mehr greifen

Jenny Erpenbeck: Wörterbuch. Roman

Rezensiert von Michael Opitz

Podcast abonnieren
Jenny Erpenbeck: Wörterbuch (Eichborn Verlag)
Jenny Erpenbeck: Wörterbuch (Eichborn Verlag)

Jenny Erpenbecks Roman "Wörterbuch" basiert auf einem authentischen Fall: Während der Militärdiktatur in Argentinien wurde ein Mädchen von den Mördern ihrer Eltern großgezogen. Im Roman spielt die Handlung in einem totalitären Sonnenstaat und die Hauptfigur beginnt, die Bedeutung von Wörtern zu hinterfragen, wodurch sich Stück für Stück die wahre Geschichte ihres Lebens entfaltet.

Wörter können der Schlüssel zu Erinnerungen sein. Wie eine Schleppe ziehen sie nicht nur Bedeutungen hinter sich her, sondern gelegentlich gehen sie auch mit Ereignissen eine symbiotische Beziehung ein. Wenn sich etwas in dieser Kombination ins Gedächtnis eingeschrieben hat, dann kann Vergangenes allein durch die Nennung eines Wortes aus der Erinnerung herauf brechen.

Um die Bedeutung von Wörtern und die Macht der Sprache, die die Ich-Erzählerin als Instrument der Beeinflussung erfährt, geht es in Jenny Erpenbecks (Jg. 1967) "Wörterbuch". Gleich zu Beginn des Romans findet sich der rätselhaft anmutende Satz: "Die Erinnerung hernehmen wie ein Messer und es gegen sie selbst richten, die Erinnerung abstechen mit der Erinnerung." Was er bedeutet, bleibt zunächst ungeklärt und erschließt sich erst im Handlungsverlauf.

Die im Zentrum des Romans stehende Ich-Erzählerin ist herausgefordert, sich zu erinnern, denn sie hat zur Kenntnis nehmen müssen, dass ihre Lebenskoordinaten konturlos geworden sind. Die daraufhin notwendig gewordene Lebensinventur wird zu einer Sprachinventur, wobei Wörter wie "Vater" und "Mutter" ihren vertrauten Klang verlieren, da sie, allen früheren Erinnerungen widersprechend, ohne einen dissonanten Unterton nicht mehr zu haben sind.

Denn es stellt sich heraus, dass ihre wohlbehütete Kindheit eine Kindheit in einer Diktatur war, in der ihr Vater gefoltert und auch gemordet hat. Durch diese schmerzhafte Erfahrung wird das Erinnern ausgelöst und es ist zugleich der Beginn einer Revision: Während des Erinnerns macht die Erzählerin ihrer Kindheit den Prozess, wobei sie nicht Gericht hält über ihre vermeintlichen Eltern – ihre wahren Eltern wurden ermordet – sondern über die Sprache, die sie von ihnen gelernt hat.

Die Geschichte, die Jenny Erpenbeck auf knappstem Raum, aber mit einer unglaublichen Tiefe entwickelt, basiert auf einem realen Fall. Während der Militärdiktatur in Argentinien wurde ein Mädchen von den Mördern seiner Eltern wie das eigene Kind aufgezogen. Ausgehend von diesem Fall fragt Jenny Erpenbeck danach, wie Machtstrukturen in Sprache eingehen, nach den Möglichkeiten, mit Sprache Gewalt auszuüben und den Chancen, die der einzelne hat, eingeschriebene Sprachmuster aus dem Gedächtnis zu streichen.

In dem namenlosen Land, in dem das Mädchen aufwächst, und in dem eigentlich immer die Sonne scheint, existieren zahllose Schatten, die auch über der Sprache liegen, die das Kind gelernt hat. Dieser Sprache kann sie nicht mehr trauen, und muss die Sprache, die ihr als Instrument für das Begreifen der Realität vermittelt wurde, in ihr Gegenteil verkehren, weil sie nur so herauszufinden vermag, wie sich für sie unbemerkt in die Sprache Gewalt eingenistet hat. Erst als sie um die Ambivalenz der Sprache weiß und in der Lage ist, Bedeutungen zu hinterfragen, kann sie sich in Widerspruch zu der ihr vermittelten Sprachwelt begeben und ihre eigene Lebensgeschichte rekonstruieren.

Es ist beeindruckend, wie es Jenny Erpenbeck in diesem Prosatext gelingt, die Hintergründe der Handlung bis zum Schluss in der Schwebe zu halten, so dass ihn ein bedeutungsvolles Raunen durchzieht. Denn die Autorin gestattet ihren Lesern nicht mehr Einsichten als dem Kind, das sich verschiedene Ereignisse nicht erklären kann: Da fällt ein Schuhkarton mit Händen ins Gras, eine Frau wird von mehreren Männern an ihren Haaren durch einen Bus gezogen, der Vater des Kindes arbeitet in einem Palast, in den kein Licht fällt. Erst gegen Ende des Romans weiß der Leser um die wahre Geschichte einer Kindheit und hat zugleich erfahren, wie die Erzählerin Erinnerungen durch Erinnerungen abgestochen hat.

Jenny Erpenbeck hat nach ihrem äußerst erfolgreichen Debüt "Geschichte vom alten Kind" (1999) und dem zwei Jahre später erschienenen Erzählungsband "Tand" mit "Wörterbuch" erneut eindrucksvoll unter Beweis gestellt, dass sie zu den sprachmächtigsten Autorinnen der jüngeren Schriftstellergeneration gehört.

Jenny Erpenbeck: Wörterbuch.
Roman. Eichborn Verlag. Frankfurt am Main 2004. 116 Seiten

Buchkritik

weitere Beiträge

Literatur

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur