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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 22.11.2011

Wenn kein Sandkorn auf dem anderen bleibt

Wolfgang Herrndorf: "Sand", Rowohlt, Berlin 2011, 479 Seiten

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Agenten und Spione, Sand und Blut (Stock.XCHNG / Angus Wurth)
Agenten und Spione, Sand und Blut (Stock.XCHNG / Angus Wurth)

Nordafrika im Sommer des Jahres 1972, eine Altachtundsechziger-Kommune in der Einöde - und ein mörderischer Anschlag: Aus diesen Zutaten hat Wolfgang Herrndorf seinen Wüstenthriller "Sand" gestrickt.

Ohne Wenn und Aber: Wolfgang Herrndorf zählt zu den originellsten, einfallreichsten und stilsichersten Autoren der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur. Er versteht es, leichtfüßig Erwartungen seiner Leser und Kritiker zu unterlaufen und sie gezielt ins Ungewisse zu führen – und wie zuletzt mit "Tschick" einen Überraschungsbestseller zu landen.

"Sand", Herrndorfs neuer Roman, macht da keine Ausnahme. Nach gut 450 Seiten, die uns in den Sommer Nordafrikas des Jahres 1972 geleiten, werden wir mit einem frustrierenden Fazit konfrontiert: "Der Auftrag war abgeschlossen. Man hatte nichts Entscheidendes herausgefunden." Dafür all die weitschweifigen Ausführungen und die verwickelten Versatzstücke aus der Welt der Agenten und Spione, in der Sand, Blut, Drahtschlingen, Wagenheber, Tarotkarten und Zentrifugen herumgeistern? Und dafür soll es sich lohnen, die Bekanntschaft zu machen mit einer Kosmetikverkäuferin namens Helen Gliese (die in Wirklichkeit ... ), einem Fellachen, der den Tod seiner Söhne beklagt, einem aus dem Nichts auftauchenden Ich-Erzähler, drei skurrilen Polizisten, den beiden amerikanischen Schriftstellern Spasski und Moleskine, einem vermeintlichen Psychologen, der die "afrikanische Seele" noch "in den Kinderschuhen" wähnt, einem selbst Dr. Grzimek unbekannten Tier Ouz, das King-Kong-Ausmaße annimmt, und nicht zuletzt einem Mann – wir vermuten, es ist einer der Polizisten! –, der nach einem Unglücksfall einen Gedächtnisverlust erleidet und sich den Namen des Anzugfabrikanten Carl Groß gibt?

Ja, das lohnt sich, sofern man bereit ist, sich auf die vom Autor genüsslich ausgebreiteten Irrwege zu begeben und für Slapstickeffekte empfänglich. Jedes der 65 Kapitel setzt mit einem – mal von Herodot, mal von Ulla Berkéwicz stammenden – Motto ein und stellt aus, welches postmoderne Spiel hier getrieben wird. Doch auch wenn wir am Ende so schlau sein mögen wie am Anfang, erzählt Herrndorf von einigen Ereignissen, die – im Rahmen der trügerischen Fiktion – als halbwegs gesichert gelten dürfen: Da geht es um einen mörderischen Anschlag auf eine politisch-spirituelle Kommune, die den Altachtundsechzigergeist in die afrikanische Einöde tragen will. Und um besagte Helen Gliese, die sich des von Amnesie befallenen Carl Groß annimmt – freilich weniger, um dem mit sehr konkreten Identitätszweifeln ringenden Mann zu helfen, als um ihr eigenes Agentensüppchen zu kochen. Und nicht zuletzt haben wir da den nebulösen Cetrois und eine Mine, der alle hinterherjagen – was immer sie bedeuten mag. Immer wieder wähnt man sich im Kino und sieht Filmszenen vor sich, die das sandreiche Nordafrika zu einem Dorado für Cineasten machen. Blitzschnell reiht Herrndorf aberwitzige Dialoge aneinander und erfreut Comic-Freunde, wenn erwogen wird, Carl Groß' Erinnerungsvermögen mit jenen Methoden auf die Sprünge zu helfen, zu denen Uderzo und Goscinny im "Kampf der Häuptlinge" griffen, als Obelix mit einem Hinkelsteinwurf seinen Haus-und-Hof-Druiden schachmatt setzte.

Kurzum, Wolfgang Herrndorf hat einen ungemein unterhaltsamen, verspielten Roman geschrieben, der kein Sandkorn auf dem anderen lässt, und im Sieb der Leser sollten für jeden ein paar Nuggets übrig bleiben.

Besprochen von Rainer Moritz

Wolfgang Herrndorf: Sand
Rowohlt Berlin Verlag, Berlin 2011
479 Seiten, 21,99 Euro

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