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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 12.10.2005

Wenn einem Hören und Sehen vergeht

Peter Hepp: "Die Welt in meinen Händen"

Rezensiert von Andreas Malessa

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Brailleleser (AP)
Brailleleser (AP)

Seit ihm "Hören und Sehen vergangen ist", wie wir umgangssprachlich allzu leichtfertig sagen, verständigt sich Peter Hepp mit den Mittel des Berührungsalphabets, dessen Zeichen er sich in die Handfläche aufmalen lässt. Nun hat der taubblinde Hepp seine bewegende Autobiografie mit dem Titel "Die Welt in meinen Händen vorgelegt.

"Mein Mann sagt: Ich denke, ich lass das meine Frau erklären."

Ach so, natürlich. Peter Hepp spricht in Gebärdensprache, jetzt lacht er sogar mit den Händen. Aber das kommt im Radio kaum rüber. Also wird Maita seine Worte "voicen", wird ihm ihre Stimme leihen. Seine hörende und sehende Frau. Die Mutter ihres gemeinsamen kleinen Sohnes. Die Übersetzerin meiner Fragen in das Tastalphabet auf seinen Händen.

"Meine Frau Maita liebt ja afrikanische Musik und das ist mein Glück. Also sie mag jetzt zum Glück nicht so Klaviermusik, da würde ich ja einschlafen. Aber bei afrikanischer Trommelmusik, die regt dann an und dann kann man da schon tanzen."

Ehepaar Hepp tanzt nämlich gern, seit sich der taubblinde Korbmacher aus einem Bauernhof bei Ulm und die Krankenschwester aus Heidelberg ineinander verliebten.

"Auch die Gebärdensprache zeigt Zorn oder Erotik: Die Form der Bewegungen, die Form der Mimik. Man kann das auch mit der Gebärdensprache zeigen, man kann auch in Gebärdensprache jemanden verführen. Aber die Erblindung, da kann ich sagen, durch die Erblindung vermisse ich die Musik der Gebärdensprache und das ist für mich bitter. "

Blind geworden ist der 44-Jährige nämlich erst im Erwachsenenalter, aber schon vorher liest sich seine Autobiografie wie ein fortwährendes Kindheitstrauma.

"Vage wusste ich, dass ich bald sechs Jahre alt sein würde und die Schule in diesem Gehörlosen-Internat der Ordensschwestern von St. Josef besuchen musste. Aber ich wollte doch nicht von meiner Mutter getrennt sein.
Ich wehrte mich, ließ mich fallen, schrie mir die Seele aus dem Leib, bekam eine Ohrfeige, wurde von mehreren Schwestern festgehalten und merkte erst dann, dass sie meinen Schnuller weggeworfen hatten und meine Mutter längst abgereist war."

Abends gibt es Schläge mit dem Kleiderbügel, morgens inszenierte Demütigungen:

""Binde sein Schuhbänder!" befahl Schwester Lioba und zeigte auf die Schuhe des neu angekommenen Jungen. Ich musste mich vor ihm bücken und hinknien, um zu demonstrieren, dass ich gehorsam sein konnte."

Peter Hepp wird Maschinenschlosser, verlässt den elterlichen Hof, gewinnt gute gehörlose Freunde und – findet mit 23 Jahren durch die Lektüre der Schriften Don Boscos und durch selbstinitiiertes Bibelstudium zu einem engagierten katholischen Glauben.

"Die Nachricht, dass Peter Hepp fromm geworden war, verbreitete sich unter den Gehörlosen wie ein Lauffeuer. "Hast Du vergessen, was man uns mit der ewigen Beterei angetan hat? Kennst Du zu wenig Gehörlose, die in kirchlichen Einrichtungen unterdrückt werden?" Mein bester Freund Marcel ging. Die alte Vertrautheit zwischen uns war verschwunden."

Dann aber erblindet der erfolgreich Berufstätige, muss seinen Führerschein abgeben, wird von einem beliebten Ausbilder gehörloser Lehrlinge zu einem schwerbehinderten Betreuten.

"Zu diesem Zeitpunkt hatte ich in der Nacht beschlossen, Selbstmord zu begehen, in dem ich mir die Pulsadern aufschneide. Ich wollte aber nicht im Haus bleiben, denn das wäre viel zu schnell entdeckt worden. Also im Wald hätte ich bessere Chancen gehabt, wirklich zu sterben."

Wie Peter Hepp zurück ins Leben, zurück in glückliche menschliche Beziehungen und zurück in eine kritische Solidarität mit der katholischen Kirche fand – das erzählt er in seiner Autobiografie unprätentiös, aber spannend. Bis hin zu jenem bewegenden Pfingstsamstag 2003, als er im Dom zu Rottenburg von Bischof Gebhard Fürst zum ersten deutschen Taubblinden-Diakon geweiht wurde. "Niemand, der missgebildet ist, darf zum Altar hinzutreten, um dem Herrn zu opfern" heißt es im 3. Buch Mose Kapitel 21. Peter Hepp ist dieses mosaische Verbot bekannt:

"Ich bin taub. Aber mein Geist ist nicht taub. Mein Geist kann hören und sehen, egal, ob ich taubblind bin. Durch Jesus von Nazareth wurde das Alte Testament anders interpretiert. Das Alte Testament wird durch die Kraft des Heiligen Geistes umgewandelt. So steht es bei Paulus. Wenn bei Moses steht: Die Missgebildeten - dann betrifft das das Fleisch. Paulus schreibt aber von der Freiheit des Geistes und so kann man sagen, dass Bischof Fürst im paulinischen Sinn an die Kraft des Geistes glaubt. "

Seit zwei Jahren betreut Peter Hepp andere Taubblinde in praktischen, sozialen und spirituellen Fragen, predigt in Gottesdiensten und referiert zu Sachthemen, zuletzt als Lehrbeauftragter an der diakoinischen Fachhochschule Magdeburg. Immer neben ihm : Maita, seine Übersetzerin.

Peter Hepp. Die Welt in meinen Händen
Autobiographie
List-Verlag
240 Seiten, 18, 00 Euro

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