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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 21.07.2011

Wenn ein Jäger Verbrecher jagt

C.J. Box: "Blutschnee", Heyne, München 2011, 415 Seiten

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Gebirgslandschaft im US-Bundesstaat Wyoming (AP)
Gebirgslandschaft im US-Bundesstaat Wyoming (AP)

Spannend, elegant und extrem ausgekocht: Für seine Outdoor-Romane um den Wildhüter Joe Picket hat C.J. Box in den USA bereits etliche Preise abgeräumt. "Blutschnee" ist der vierte Band dieser Reihe - ein abenteuerlicher Gebirgskrimi, der sich mit der Zeit zu einem feinen Polit-Thriller wandelt.

Hinter Unspektakulärem verbirgt sich manchmal große Klasse. Das ist bei den Joe-Pickett-Romanen von C.J. Box der Fall, denn Outdoor-Romane über Staatsbeamte in den bergigen Gegenden der USA – das hört sich zunächst eher robust als aufregend an.

Doch C.J. Box´ bisher vier Romane über Wildhüter Joe Pickett aus Saddlespring, Wyoming sind spannend, elegant geplottet, extrem ausgekocht und haben einen bösen Blick auf die mentale Verfasstheit der USA.

"Blutschnee" stammt aus dem Jahr 2003, als der 9/11-Schock noch frisch war. Zudem prägten die Umtriebe radikaler "Militias" und anderer rechtsextremer Bewegungen das öffentliche Bewusstsein. Diese Dinge bilden den Hintergrund von "Blutschnee". Ein offensichtlich verrückt gewordener Beamter der Bundesforstbehörde wird mit Pfeilen an einen Baum genagelt und ausgeblutet, ein zweiter schwer verwundet. Die lokale Polizei, ohnehin kein Garant von Rechtsstaatlichkeit, ist überfordert. Regierungsbehörden einschließlich des FBI fallen in die Gebirgsidylle ein. Gleichzeitig kommt ein Treck von gescheiterten Existenzen, die man gerne white trash nennt, in Saddlespring an. Das fahrende Volk errichtet eine Art befestigtes Lager in einem Staatsforst. Joe Pickett muss dringend vermitteln, um einen kleinen Bürgerkrieg zu verhindern. Als beinahe alles gut wird, zieht Box die Schrauben des Plots jedoch noch einmal an. Die Angelegenheit wird richtig wüst.

"Blutschnee" verwandelt sich still und leise von einem abenteuerlichen Gebirgskrimi zu einem feinen Polit-Thriller. Ohne große Politik, ohne Verschwörungstheorien und ohne Standard-Figurationen seziert Box den Verfall demokratischer Kontrolle und beschreibt anhand eines anscheinend nur lokalen Ereignisses die Willkürherrschaft, die eine selbstreferentielle Bürokratie errichten kann. Zudem porträtiert er mit eisiger Präzision die psychopathischen Charaktere, die in solchen Systemen gedeihen und mit denen man aus systemischen Gründen legal kaum fertig werden kann. Formales Recht schlägt in Unrecht um. Die Figur der Melanie Strickland von der US-Bundesforstverwaltung ist als Psychopathin jedem Serienmörder an terrorisierendem Grusel- und Gänsehautpotenzial weit überlegen. Sie braucht kein Hackmesser, ihr Verhältnis zu ihrem Schoßhund reicht aus, um einen schlecht schlafen zu lassen.

Joe Pickett selbst ist eine beeindruckend stimmige Hauptfigur. Kein Superheld, kein omnipotenter Einzelkämpfer; nicht einmal ein Held, sondern einfach ein anständiger Mensch, der sich zwar in eine Sache reinhängen kann, aber auch nicht mehr.

Die literarischen Mittel, mit denen Box diese Geschichte erzählt, sind angemessen down-to-the-ground. Ein Erzählen, das nicht pausenlos darauf hinweist, wie clever und ausgefuchst es ist, sondern mit ruhiger Souveränität die komplexe Geschichte, die Haupt- und Subplots fest im Griff hat. Die großartigen Naturschilderungen sind nicht Kulisse, sondern konstitutiv für den Roman. In den USA hat Box bergeweise Preise abgeräumt, bei uns muss er dringend bekannt werden. Sonst entgeht uns etwas.

Besprochen von Thomas Wörtche

C.J. Box: Blutschnee
Übersetzt von Andreas Heckmann
Heyne, München 2011
415 Seiten, 8,99 Euro

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