Wenn das Smartphone Leben rettet

Mit dem Smartphone lässt sich neuerdings auch der Blutdruck messen. © AP
Von Stephanie Kowalewski · 20.11.2011
Hautkrebsdiagnostik mit dem Handy, Rettungswagen in der Größe eines Golfcaddys, eine Neuro-Therapie gegen Tinnitus: Die weltgrößte Medizinmesse Medica ist eine Leistungsschau für technische Neuheiten und innovative Behandlungsmethoden.
Heimlicher Star der weltgrößten Medizinmesse sind die kleinen mobilen Minicomputer, mit denen man auch telefonieren kann. Die Smartphones erobern wegen ihrer hohen technischen Ausstattung zunehmend auch den Gesundheitsbereich. Andrang herrscht beispielsweise am Stand des bayerischen Familienunternehmens FotoFinder. Vorgestellt wird hier das handyscope - ein mobiles Auflichtmikroskop zur Hautkrebsdiagnostik, erklärt Andreas Mayer. Für die Untersuchung wird das Smartphone in eine Schale gesteckt, die das kleine Mikroskop samt Lichtquelle beinhaltet.

"Hier ist eine entsprechende Linse drin, also nicht nur eine Linse, ein optisches System, das es ermöglichst, in Verbindung mit der eingebauten Kamera des Smartphones, diese spezielle Vergrößerung zu erreichen, die wir brauchen. Wir brauchen hier eine zwanzigfache Vergrößerung und eine automatische Scharfstellung, sodass man ohne lang nachzudenken immer standardisierte perfekte Bilder bekommt."

Das Objektiv wird auf die betreffende Hautstelle aufgesetzt und per Fingertipp auf das Handydisplay ein Foto geschossen. Anders als bei herkömmlichen Handgeräten werden die Bilder in der entsprechenden App hochauflösend samt Aufnahmedatum gespeichert.

"Und man kann hier auch Patientendaten hinzufügen und auch die Stelle am Körper markieren, wo das aufgetreten ist, sodass das Bild nicht nur eine Momentaufnahme ist, sondern ein Datensatz, den man dann in seinem Praxissystem weiterverarbeiten, also zuordnen kann."

Oder das Bild via Internet für eine zweite Meinung an einen Kollegen senden. Das handyscope kostet knapp 600 Euro und ist besonders für niederglassene Mediziner interessant, die zwar in die digitale Hautkrebsdiagnostik einsteigen, sich aber kein großes Standgerät leisten wollen oder können, das schnell mal 20.000 Euro und mehr kostet.

Doch die smarten Telefone werden auch im privaten Bereich zunehmend zur Gesundheitskontrolle eingesetzt - dank spezieller Apps und Geräte, die an das Handy angeschlossen werden können.

"Ich habe mir auch ein Blutdruckmessgerät gekauft. Einfach um Early-Warning zu kriegen."

Der sogenannte Home Health Care-Markt boomt, sagt Nico Kaartinen, von der Neusser Firma Medisana, die sich auf Gesundheitsprodukte für den Endverbraucher spezialisiert hat. Auf der Medica präsentiert das Unternehmen gleich vier unterschiedliche Geräte, die auf das Smartphone gesteckt werden können.

"Dann ist es plötzlich eine Waage, ein Blutzuckermessgerät, ein Blutdruckmessgerät oder halt ein Thermometer."

Dazu lädt sich der Nutzer zunächst die sogenannte VitaDock App kostenlos aus dem Internet auf sein Mobiltelefon. Durch diese Applikation in Verbindung mit den Aufsteckmodulen wird das Smartphone zum digitalen Gesundheitsmanager. Zum Messen des Blutdrucks wird beispielsweise, wie bei einem herkömmlichen Messgerät auch, eine Manschette angelegt und automatisch aufgepumpt. Die Werte werden dann per Bluetooth-Verbindung an das Handy übermittelt, in einem digitalen Tagebuch gespeichert und unter anderem in Kurvendiagrammen oder Listen angezeigt.

"Der Vorteil für den Patienten ist, dass er alle Werte auf einen Blick sieht, über einen längeren Zeitraum gesehen, und diese dem Arzt auf dem Display zeigen kann. Er kann die auch dem Pflegedienst zeigen, kann sie vielleicht auch seinen Angehörigen zeigen, wenn sie zu Besuch kommen."

Praktisch - findet Hausarzt Helmut Pfluger, dem sehr häufig handgeschriebene Patientenstatistiken vorgelegt werden.

"Bessere Kontrolle und schönerer Überblick, als so einen zerknitterten Zettel zu lesen."

Der Hausarzt praktiziert auf dem Land und liebäugelt auch für den Eigengebrauch mit den kleinen Adaptern.

"Das schöne ist, ich kann das iPone mitnehmen, brauche kein Extragerät beim Patienten, könnte es mit dem machen. Nach Hausbesuchen habe ich die Werte an einer Stelle und kann sie dann dort übertragen."

Das alles ist mehr als nette Spielerei, meinen einige Experten. Sie sind überzeugt, dass solche mobilen Überwachungssysteme helfen, die Kosten im Gesundheitswesen abzufedern. Chroniker, die ihre Werte regelmäßig selbst überprüften, müssten eben nicht so oft zum Arzt und könnten bestenfalls eine Verschlimmerung vermeiden. Dafür muss er allerdings ins eigene Portemonnaie greifen. Immerhin kosten die Module für das Smartphone zwischen 80 und 150 Euro.
Zweiter großer Trend in der Medizinbranche: alles wird kleiner, selbst die Rettungswagen, die draußen vor den voll gesopften Messehallen präsentiert werden. Stolz steht der Notfallmediziner Stefan Lührs vor einem komplett ausgesatteten "Rescucar" das nur so groß ist wie ein kleines Elektrofahrzeug für Golfplätze.

"Für große Indooranlagen, große Kaufhausmalls oder sonstiges ist das natürlich auch ideal, weil wir natürlich mit diesem Golfcar sogar in Lastenaufzüge reinfahren können, das heißt, wenn da im fünften Stock was ist, können wir da auch ganz bequem mit hinfahren.

Oder schauen sie sich die Medica an. Wenn hier in einer der großen Hallen genau in der Mitte was passiert, haben wir ein weiteres Problem. Wir lassen den Rettungswagen draußen stehen und laufen dann zu Fuß zu der Einsatzstelle. Und mit dem Golfcar, der auch Tatütata und Blaulicht hat, werden wir wie auf der Autobahn viel eher gesehen, und wir sind viel, viel schneller beim Patienten."

Bei diesem Messebesucher und Rettungsassistenten kommt das gut an:

"Ich finde das praktisch. Es ist wendig, man ist schnell überall, man kriegt viele Sachen unter, mit zwei Leute kann man transportieren, die Trage ist mit dauf, der Notfallrucksack ist auch mit drauf – alles für die Erstmaßnahmen."

Die weltgrößten Fachmesse für Medizin ist aber nicht nur eine Leistungsschau für technische Neuheiten. Die Medica ist auch eine Plattform für Forschung und Visionen. Etwas abgelegen in Halle 8a präsentiert Sarah Strauß von der Medizinischen Hochschule Hannover, wie der mexikanische Lurch Axolotl die Wundbehandlung in Zukunft revolutionieren könnte.

"Wenn ein Axolotl ein Bein, ein Stück von der Kieme oder auch ein Stück vom Schwanz verliert, dann wächst die Extremität wieder nach. Und zwar genauso wie sie vorher war. Es ist ein voll funktionsfähiges Körperteil, was da nachwächst. Und das auch ein Leben lang. Also selbst bei einem Tier, das schon 18 Jahre alt ist, ist diese Regenaration zu beobachten."

Inzwischen wissen die Forscher, dass ein bestimmtes Eiweiß der Amphibie maßgeblich für die Neubildung von Beinen, Schwänzen und Co, verantwortlich ist. Und dieses Eiweiß wirkt auch außerhalb des Axolotl. Die Forscher haben verwundete Mäuse mit dem Axolotl-Eiweiß behandelt. Ergebnis: Die Wunden heilen wesentlich schneller als bei herkömmlicher Wundversorgung.

"Interessant ist auch, dass es nicht zu einer Narbenbildung kam, was ja für die Patienten oft eine erhebliche Einschränkung ist, gerade wenn man jetzt an Schwerstverbrannte denkt. Narben entstellen nicht nur, sondern die schränken auch in der Bewegung ein und verursachen oft auch jahrelang danach noch Schmerzen. Und wenn man diese Narbenbildung verhindern könnte, wäre schon ganz vielen Menschen geholfen."

Deshalb wollen die Wissenschaftler aus Hannover eine Creme entwickeln, die dieses Eiweiß enthält und die lokal auf Wunden aufgetragen werden kann. Bis es soweit ist, werden aber sicher noch einige Jahre vergehen. Auf der Medica hofft Sarah Strauß, finanzstarke Partner für das vielversprechende Projekt gewinnen zu können.

Das ist den Wissenschaftlern des Forschungszentums Jülich bereits geglückt. Sie haben gemeinsam mit der Kölner Firma ANM eine neue Therapie für Tinnitus entwickelt, die jetzt auf der Medica vorgestellt wurde. Schätzungsweise zehn Prozent der Bevölkerung leiden unter den störenden, meist chronischen Ohrgeräuschen, die bislang kaum erfolgreich therapiert werden können. Vielleicht weil der Ansatz falsch war, sagt Ina Meyer von ANM.

"Lange Zeit ist man davon ausgegangen, dass der Tinnitus im Ohr entsteht. Neueste neurowissenschaftliche Erkenntnisse zeigen jedoch, dass der Ton im Kopf entsteht, im Gehirn."

Und zwar wenn die Signalübertragung vom Ohr zum Hörzentrum im Gehirn gestört ist. Dann nämlich reagieren die Nervenzellen nicht mit dem natürlichen Chaos, sondern verfallen in eine Art Gleichschritt und fangen an - bildlich gesprochen – Selbstgespräche zu führen, was als Tinnituston wahrgenommen werden kann.
Mit der neuen Therapie sollen die Nervenzellen nun bewußt aus dem krankhaften Gleichschritt gebracht werden.

"Dabei werden individuell auf den Patienten-Tinnituston angepasste Therapiesignale erzeugt, und über ein kleines, wirklich nur Streichholzschachtel großes Gerät, das mit medizinischen Kopfhörern verbunden ist, dem Patienten dann zum Hören mitgegeben."
Die Kopfhörer, die wie kleine unauffällige Hörgeräte aussehen, sollte der Patient dann möglichst sechs Stunden täglich tragen und das über mindestens drei Monate. Erst dann zeigten sich Verbesserungen. Je länger die Therapie fortgesetzt wird, räumt Ina Meyer ein, desto besser seien die Erfolge.

"Wir haben nach neun Monaten bei 74 Prozent der Patienten sogar deutliche Verbesserungen und manche sind sogar tinnitusfrei."

Wie so oft bei neuen Verfahren übernehmen die Krankenkassen die Kosten noch nicht. Es fehlen Langzeitstudien, die die Wirksamkeit der Behandlung belegen. Der Patient muss also das 2700 Euro teure Gerät und auch die nowendigen Arztbesuche selbst zahlen. Ein Missklang, im chronisch klammen Gesundheitswesen, für den auch die weltweit größte Medizinmesse Medica in Düsseldorf keine Therapie bereit hält. Zumindest noch nicht.
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