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Länderreport / Archiv | Beitrag vom 02.04.2009

Wenn Bürger stiften gehen

In NRW gibt es Stiftungen seit über 1000 Jahren

Von Adama Ulrich

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Gräfin von Bethusy-Huc: Man darf nicht reden, man muss was tun! (Stock.XCHNG / Valentina Frate)
Gräfin von Bethusy-Huc: Man darf nicht reden, man muss was tun! (Stock.XCHNG / Valentina Frate)

Nach einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Emnid, die 2005 im Auftrag der Bertelsmann Stiftung durchgeführt wurde, kennen nur 50 Prozent der deutschen Bevölkerung eine Stiftung. 23 Prozent der Befragten denken, Stiftungen würden "Spenden sammeln". Doch das trifft nur auf wenige Stiftungen zu.

Freiherr von Ketteler: "Man hat also selber, persönlich keine Vorteile. Die Tätigkeit als Exekutor ist praktisch ehrenamtlich."

Petra Woldt: "Wichtig ist, dass Menschen sagen, da ist was, dafür engagiere ich mich und da gucke ich hin. Das macht dann auch die Freude aus, die sie selber haben an ihrer Stiftung."

Seit über 1000 Jahren gibt es in Deutschland Stiftungen. Die Zahl der neu gegründeten Stiftungen hat im letzten Jahr erstmals in der Stiftungsgeschichte die 1.000er Marke durchbrochen.

Petra Woldt: "Motive zu stiften hat es immer gegeben. Das eine war die Not vor Augen. Diejenigen, die es besser hatten, haben dann gesagt, wir engagieren uns vor den sozialstaatlichen Strukturen dafür, dass individuelle Schicksalsschläge wie Verlust der Eltern oder des Ehemannes als Ernährer der Familie oder Krankheit oder Pest so etwas geheilt oder gemildert werden konnten mit Hilfe von Stiftungen. Heute gibt es ähnliche Motive. Diejenigen, die in ihrem Leben erfahren haben, was ihnen Gutes zugute gekommen ist, was sie auch erleben durften. Wir haben 60 Jahre lang keinen Krieg mehr. Es ist gesellschaftlich und wirtschaftlich sehr stabil gewesen. Diese Menschen haben in diesen Zeiten auch Vermögen aufbauen können und spüren häufig den Wunsch, etwas zurückzugeben an die Gesellschaft."

Petra Woldt leitet die kommunale Stiftungsverwaltung der Stadt Münster. Sie hat selbst eine Bürgerstiftung ins Leben gerufen und befasst sich seit vielen Jahren mit dem Thema. Neben der Motivation Gutes zu tun, kennt sie noch andere Gründe, stiften zu gehen.

Woldt: "Mit den Mitteln einer Stiftung kann ich zumindest mal Pilote loslassen und gucken, kriege ich nicht andere Lösungen hin, wo sich vielleicht bestimmte Strukturen als verfestigt oder nicht zukunftsweisend wirken. Einige möchten einfach auch schlicht ihrem Leben einen Sinn geben. Also zu einem Zeitpunkt zu stiften, wo ich selber noch wirken kann. Nicht von Todes wegen oder Vermächtnis wird mit meinem Namen eine Stiftung errichtet, sondern es gibt den Trend zu Lebendstifter, die sagen: Okay, ich habe Beruf, Arbeit, Familie, das ist gut gelaufen und jetzt, in meiner dritten Lebensphase, möchte ich mich auch noch mal einem gesellschaftlichen Engagement hingeben, mit Mitteln einer Stiftung."

Das Engagement für einen "guten Zweck" kann mit erheblichen steuerlichen Vorteilen verbunden sein. Denn Zuwendungen an gemeinnützige Stiftungen können gegen Vorlage einer Zuwendungsbestätigung als Sonderausgaben Steuer mindernd geltend gemacht werden. Allerdings gibt es auch immer wieder Wohlbegüterte, die versuchen, ihr Kapital mittels anonym verwalteter Stiftungen, z.B. in Liechtenstein, auf die hohe Kante zu legen. Prominentester deutscher Kunde war Klaus Zumwinkel. 2008 waren seine am deutschen Fiskus vorbei geschleusten Millionenanlagen in Liechtenstein nur deshalb aufgeflogen, weil ein Treuhand-Mitarbeiter die Kundendaten des ehemaligen Post-Chefs geklaut und an die deutschen Behörden verkauft hatte.

Woldt: "Stiftungen sind kein Steuersparmodell. Stiftungen dürfen bestimmte Dinge eben nicht: Man muss gucken, was ist wirklich gemeinnützig anerkannt. Also man kann nicht irgendetwas fördern. Wovon profitiert die Gemeinschaft? Dann ist ein ganz wichtiger Punkt, das Stiftungsvermögen ist nicht zu verzehren, sondern zu erhalten, damit es Erträgnisse bringt. Und es reicht auch nicht, die Erträgnisse eines Vermögens anzusammeln, sondern man muss den Stiftungszweck auch erfüllen, und zwar konkret und nachweisbar. D.h., das Geld schlummert nicht auf der hohen Kante, sondern muss dazu benutzt werden, um der Gemeinschaft etwas Gutes zu tun."

Stiftungen haben eine lange Tradition. Im Mittelalter entsprangen sie als Stift dem frommen Gedanken des Stifters. Doch die Stiftungsgeschichte reicht noch viel weiter zurück.

Klötzer: "Dieses Stiftungsmodell besteht in der Menschheitsgeschichte schon seit vorchristlicher Zeit, schon in Ägypten, in Persien hat es Stiftungen gegeben, die auf diesem Gedanken basieren, dass man ein Kapital zur Verfügung stellt, dass niemals aufgebraucht wird, sondern aus den Erträgen des Kapitals werden auf Dauer, ewig, ohne zeitliche Begrenzung, die Stiftungszwecke erfüllt. Im christlichen Mittelalter wird dieser Stiftungsgedanke, der aus der Antike bekannt ist, erstmals mit sozialen Inhalten greifbar. Im christlichen Mittelalter sind die ältesten Stiftungen immer religiöse Stiftungen."

Der Historiker Ralf Klötzer führt an einem sonnigen Samstagmittag zirka 30 Interessierte durch Münster. "In der Fastenzeit Heringe" heißt sein Stadtrundgang zur Stiftungsgeschichte:

"Arme in der Stadt Münster hatten die Möglichkeit, hier an der Lambertikirche jeden Sonntag eine Spende zu erhalten. Diese sog. Speckpfründe hat außerhalb der Fastenzeit ein halbes Pfund Speck pro Person verteilt. In der Fastenzeit, Heringe. ... Diese Speckpfründe war eine geschlossene Gesellschaft, da konnte sich nicht jeder Bedürftige Speck abholen, sondern nur eine bestimmte Anzahl eingeschriebener Armer. Das waren bis zu 130 Personen."

Ralf Klötzer arbeitet im Stadtarchiv von Münster und beschäftigt sich seit vielen Jahren mit der Geschichte der dort ansässigen Stiftungen. Die Arbeit geht ihm nicht aus, denn Münster ist in Nordrhein-Westfalen nicht nur die Stadt mit den meisten Stiftungen. - Bundesweit belegt sie nach Frankfurt am Main, Würzburg, Hamburg, Oldenburg, München und Bonn Platz sieben im Städteranking. Münster ist auch die Stadt, in der die Geschichte der sozialen Stiftungen bis weit in die Vergangenheit zurückreicht.

Klötzer: "Die sozialen Stiftungen in Münster fangen im 12. Jhd. an. 1137 ist die 1. schriftliche Überlieferung einer sozialen Stiftung in Münster und zwar werden da acht Männern bei einer Prozession auf dem Domplatz Brote verteilt – quasi ein Geben und Nehmen. Die Männer mussten sich an der Prozession auf dem Domplatz beteiligen und erhielten dafür ein Brot. Also das Stiften hatte eine religiös bindende Funktion. Die Empfänger mussten für das Seelenheil der Stifter beten, durch ihre religiöse Handlung, der Prozessionsbeteiligung, Gott die Ehre geben und somit der Gemeinschaft der Menschen in Münster Gottes heil sichern. Und dafür haben sie eben eine materielle Belohnung erhalten."

Gemmeke: "Sie haben schon, vor allem, wenn man aus älteren Familien kommt, das Gefühl, dass sie der Allgemeinheit etwas schulden. Sie können letztendlich in einer Situation, die wir in der BRD haben, nur gesichert leben, wenn alle Bevölkerungsgruppen – und dazu gehören auch die Wohlhabenden – ihrem Verantwortungsbewusstsein gerecht werden. Da kann man, wenn man ein ertragreiches Leben hatte, der Meinung sein, dass man der Gesellschaft etwas zurückgibt. Denn die Gesellschaft hat einem ermöglicht, diesen Wohlstand zu erreichen."

Franz Gemmeke verwaltet die Rudolph von der Tinnen Stiftung. Das ist eine über 300 Jahre alte, mildtätige Adelsstiftung. Freiherr Clemens August von Ketteler-Harkotten ist ihr Exekutor und dafür verantwortlich, jährlich 300.000 Euro an "verschämte Arme" zu spenden.

Ketteler: "Das ist eine alte Bezeichnung für Arme, die zu verschämt waren, um sich zu melden, um sich um Unterstützung zu bemühen. Alle Vierteljahre gibt es eine Sitzung, da kommen die beiden Exekutoren und der Emonitor zusammen und dann wird eine lange Liste abgearbeitet von Leuten, die Unterstützung möchten und die eine Befürwortung durch den zuständigen Pfarrer oder die kirchlichen Sozialdienste oder so etwas haben."

Diese Mildtätigkeit kommt allerdings nicht allen zugute. Arme Menschen christlichen Glaubens werden unterstützt. Der Stifter selbst wollte nicht mal allen Christen helfen. Franz Gemmeke, der die Stiftung verwaltet, erklärt warum:

"Ein Teil, eine Voraussetzung für die Unterstützung ist ursprünglich der katholische Glauben. Den haben die Exekutoren Anfang des 19.Jhd. in christlich erweitert, aber dass muss eingehalten werden. Ansonsten würde man dem Stifterwillen nicht Rechnung tragen. Das ist durch die Familie, ein sehr traditionsbewusstes Haus ist, fühlt man sich dem Testament sehr verpflichtet."

Woldt: "Es muss nicht alles politisch korrekt durchgemendelt werden. Wenn der Stifterwille besagt, dass ich die und die Menschen unterstützen möchte, dann ist das ok. Es darf nur nicht diskriminierend sein. Man muss sich schon auf dem Boden des Grundgesetzes bewegen. Aber sich etwas herauszupicken, ist nicht verboten."

Klötzer: "Makarius Fegesack, als er 1475 starb, hat er in seinem Testament festgelegt, dass aus seinem Privatvermögen ein Haus eingerichtet werden sollte, im Kirchspiel Sankt Ägidii in der krummen Straße, wo in Pestzeiten Kranke aufgenommen werden sollten. Das Konzept der Pestkrankenhäuser stammt von diesem Mann und hat dann Schule gemacht. Es wurde im 16. Jhd. noch dreimal kopiert: im Kirchspiel Überwasser, Lamberti hier an dieser Stelle und Martini 1566. "

Die Pest von heute heißt Aids. Nicht nur die Deutsche Aids-Stiftung bemüht sich darum, präventiv wirksam zu werden und Betroffenen zu helfen. Auch immer mehr Prominente setzen sich mit ihrem Namen für die Sache ein. Alfred Biolek hat gleich eine eigene Stiftung gegründet.

Biolek: "Ich war einige Jahre als Botschafter für die dt. Stiftung Weltbevölkerung unterwegs und habe da festgestellt, dass das Geldsammeln einfacher ist mit dem Namen eines Prominenten. ... Und deswegen haben wir eine selbstständige Unterstiftung, unter dem Dach der dt. Stiftung Weltbevölkerung, die Biolek Stiftung "Hilfe für Afrika" ins Leben gerufen. Mit der kann man wirklich Fundraising, also Geld sammeln, viel besser machen. Und dieses fließt dann in Projekte der dt. Stiftung Weltbevölkerung nach Afrika."

Viel Geld kommt unter anderem durch den Verkauf seiner Kochbücher zusammen, von dem ein Teil in seine Stiftung wandert. Aber auch prominente Freunde wünschen sich zur Hochzeit oder zur Geburtstagsfeier keine Geschenke, sondern bitten um eine Spende für die Biolek Stiftung. Ein Projekt, das Jugendliche in Uganda, Kenia und Tansania unterstützt, heißt "Jouth-to-Jouth".

Biolek: " Wir bilden Jugendliche aus zu sog. Peer-educatern, Anführer, Aufklärer aus. Die klären junge Leute auf, in Sachen HIV, Aids und unerwünschte Schwangerschaften, also wie sie das verhindern können. In Afrika sprechen Erwachsene, also auch Eltern und Lehrer nicht über sexuelle Dinge, dadurch funktioniert die Aufklärung der Jugendlichen nicht, weder über Eltern noch über Lehrer." "

Das Engagement für Afrika hält Alfred Biolek auf Trapp:

"Ich mache ja keine Fernsehsendungen mehr und habe also Zeit. Die Zeit verbringe ich dann sinnvoll. Das Zweite ist, dass ich mich unglaublich freue, wenn ich in Afrika bin und sehe, wie junge Leute, denen es nach unseren Begriffen ganz schlecht geht, wie die sich freuen können, wie sie anerkennen, was wir tun. Dieser Kontakt zu den Menschen dort ist eine unglaubliche Bereicherung meines Lebens. Es kommt dazu, dass ich viel Glück hatte in meinem Leben, beruflich, privat, gesundheitlich und das ich so das Gefühl habe, ich kann etwas zurückgeben davon."

Für Kinder und Jugendliche mit ganz anderen Sorgen macht sich die Sängerin und Schauspielerin Katja Ebstein stark. Seit 1992 holt sie Kinder aus sozial schwachen Familien, die in umweltbelasteten Gebieten Osteuropas und der ehemaligen DDR aufwachsen, auf die Nordseeinsel Amrum, wo sie mit ihrem Mann ein Ferienhaus besitzt.

Ebstein: "Ich war selber Ferienkind mit 7, 8 auf dieser Insel und wir haben (...) mit einer Konzertgage von mir und einer Tombola einer Softwarefirma für 50.000 Mark damals fast 50 Kinder dahin geholt."

Aus dieser Privatinitiative entstand der Verein "Aktion Umwelt für Kinder und umweltgeschädigte Jugendliche". Ziel des Vereins sind Gesundheit, verbesserte Zukunftschancen und Ausbildung für Kinder und Jugendliche. 2004 wird die Katja-Ebstein-Stiftung gegründet.

Ebstein: "(...) weil man mich gefragt hat, können wir nicht den Namen besser verwerten? Wir versprechen uns davon gewinnbringendes Aufmerksammachen. So ist die Ebsteinstiftung entstanden als Dach und als Vernetzungsorgan auch für viele Kleinstinitiativen, die sich bei uns erkundigen, wo man sich andocken kann, um besser arbeiten zu können."

Klötzer: "Das Clemenshospital war eine Stiftung des Fürstbischofs Clemens August von Bayern, der schon als junger Mann – er war noch keine 30 – diese Stiftung tätigte. Er stiftete eine Gemeinschaft von barmherzigen Brüdern, das heißt, er gab das Geld, um diese Gemeinschaft in Münster anzusiedeln. Die barmherzigen Brüder waren mit der Krankenpflege befasst. Die Krankenpflege selbst wurde durch diese Stiftung nicht bezahlt."

Bis heute ist die Kranken- und Altenpflege ein finanzielles Problem geblieben. Um ihren Alltag zu bewältigen, sind besonders demenzkranke Menschen auf fremde Hilfe angewiesen. Aber ohne die Unterstützung von Stiftungen sind karitative Angebote heute gar nicht mehr realisierbar. Auch deswegen ist die Anzahl der Stiftungen, die sozialen Zwecken dienen, am größten.

Gräfin von Bethusy-Huc: "Sterben und im Alter dement werden, ist ein Tabuthema. Deswegen ist es sehr schwer, das publik zu machen. Auch im Sinne von Publicity haben wir es sehr schwer. Man unterstützt Kinder in Afrika und Asien, und das ist sehr gut so. Aber ich finde, die jetzt alten Leute, die ja Deutschland aufgebaut haben, die werden jetzt doch sehr im Stich gelassen."

Darum hat Viola Gräfin von Bethusy-Huc eine Stiftung zur Betreuung altersverwirrter Menschen in Münster gegründet. Sie investierte 50.000 Euro ihrer Ersparnisse und gründete 2003 die Stiftung. Viola Gräfin Bethusy-Huc hat ein bewegtes Leben hinter sich. Sie ist 1927 in Oberschlesien geboren. Am Ende des Zweiten Weltkrieges führte sie zusammen mit ihrer Schwester einen Flüchtlingstreck in den Westen. Gegen den Willen ihrer Familie wurde sie dann Professorin und Expertin für Sozialpolitik. Sie blieb unverheiratet und kinderlos. Seit den 90er-Jahren lebt sie selbst in einem Seniorenheim. Damals hatte sie zum ersten Mal mit Demenzkranken zu tun.

Gräfin: "Das war ein Eindruck, den ich vorher nie hatte. Das hat mir sehr großen Eindruck gemacht. Ich habe dann erstmal gemotzt hier, also gesagt, für die muss was getan werden, das kann das Haus sich nicht leisten. Dann hat das Haus eine Tagesbetreuung eingerichtet und daraufhin habe ich eine Stiftung gegründet und habe das Geld, dass ich in meinen Berufsjahren gespart habe, in die Stiftung gesteckt für demenzkranke Leute. Die Stiftung will alles besser machen als es jetzt ist und will Wohn- und Hausgemeinschaften gründen. Das Geld haben wir natürlich nicht. Deshalb machen wir zur Zeit kleinere Sachen."

Eines dieser kleineren Projekte, das die Stiftung einmal im Monat veranstaltet, ist ein Tanzcafé.

Gräfin: "Das heißt 'Darf ich bitten'. Das bringt alte Schlager und die tanzen wie die Wahnsinnigen danach, das macht also viel Spaß. Ich bin dann immer derjenige, der denen zeigen muss, dass man auch im Rollstuhl tanzen kann. Das ist etwas schweißtreibend, aber es gelingt mir immer, die Leute auf die Tanzfläche zu bringen. Und demente Leute mögen ja Musik, mögen Bewegung und sind selig."

Ihr ganz großer Traum ist eine alte Villa, die sie umbauen lassen will, mit einem schönen verwunschenen Garten und vielen Tieren drin, in dem die Demenzkranken sich dann auch noch selbstständig bewegen können.

Gräfin: "Ich sitze wie eine Schlange da und warte auf den Zuspender, auf den Geldgeber, der mir Investitionen macht, denn ich habe einfach das Geld nicht. Aber ich will es noch erleben, dass das Haus gebaut wird. Ich werde nicht mehr lange leben, denn ich bin 82 – aber sagen wir mal in den nächsten 10 Jahren werde ich das Haus bekommen. Ich habe da so eine Vorstellung, und das wird passieren. Es wird da jemanden geben, der dieselben Visionen hat wie ich. Zuerst sind die Visionen da und dann kommt die Realität."

Klötzer: "Die Poperitas ist eine Frau. Armut ist weiblich, grammatisch weiblich und das ist ja auch eine politische Aussage, die Mehrheit der Armen in der Welt sind Frauen. ... So wie die Justizia eine Frau ist, ist auch die Poperitas eine."

Ralf Klötzer hält eine Din-A4-Kopie eines Gemäldes des Kupferstechers Heinrich Aldegrever von Soest aus dem 16. Jahrhundert hoch und zeigt es den 30 Teilnehmern des Stadtrundgangs:

"Man sieht, sie ist nicht ganz glücklich, sie hat einen etwas gehetzten Blick. Sie wird nirgends geduldet, man sieht im Hintergrund einen Hof. Sie läuft über Land, etwas eilig. Sie hat ihr Essgeschirr, ihren Napf in dem sie sich vielleicht mal eine Suppe holen kann. Das ist die Poperitas."

Gertraud Horstmann: "Wir sind der Meinung, dass die Kommunen heute viele gesellschaftliche, soziale und kulturelle Aufgaben nicht mehr übernehmen können. Und das es eigentlich nur Sinn macht, wenn die Bürger sich selber darum kümmern und sich engagieren und einbringen."

Die Bürgerstiftung ist eine der jüngsten Stiftungsarten. Die erste wurde 1996 in Gütersloh gegründet. Heute sind es bereits 210. Die Stiftung "Bürger für Münster" gibt es seit 2004. 300 Gründungsstifter hatten sich gefunden, die jeweils einen Mindestbeitrag von 1000 Euro leisten mussten. Da einige auch mehr gezahlt haben, betrug das Startkapital 570.000 Euro. Gertraud Horstmann war von Anfang an dabei.

Horstmann: "Es gibt verschiedene Förderziele, die wir uns in die Satzung geschrieben haben. Dazu gehört Bildung, Erziehung und generationenübergreifendes Fördern, Integration und Stadtqualität."

Gräfin von Bethusy-Huc bringt es noch einmal mit der ihr eigenen Leidenschaft auf den kürzesten Nenner:

"Sehr vieles macht der Staat nicht und ich finde, er soll es nicht machen. Es sollen Privatleute machen. Verdammt noch mal, wir sind ein reiches Land, das muss doch möglich sein. Ich meine, man darf nicht reden, man muss was tun!"

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