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Zeitfragen | Beitrag vom 23.05.2019

Wenn Antibiotika nicht mehr helfenZur Phagen-Therapie nach Tiflis

Von Christoph Kersting

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Eine 3D-Illustration von Bakteriophagen-Viren, die Bakterien attackieren. (imago images / Westend61)
Eine 3D-Illustration von Bakteriophagen-Viren, die Bakterien attackieren. (imago images / Westend61)

Immer mehr Keime sind resistent gegen Antibiotika. Helfen können Phagen – bakterienfressende Viren. In Deutschland wird dazu kaum geforscht, in Georgien dagegen wird die Therapie seit Jahrzehnten angewandt.

"Wir sind hier, um meine Krankheit zu behandeln", sagt Detlef. Der Mittfünfziger weiß nicht mehr, wo er sich den Keim eingefangen hat. Aber er kennt den Namen: Pseudomonas aeruginosa. Ein Bakterium, das in seiner Lunge steckt. Allein in Deutschland ist der Erreger für zehn Prozent der Krankenhausinfektionen verantwortlich und damit der am häufigsten vorkommende Klinikkeim.

Seit Jahren hat Detlef, der seinen vollständigen Namen nicht nennen möchte, Beschwerden: "Ich habe nicht die Möglichkeit so durchzuatmen, wie das ein gesunder Mensch tut." Es gebe gute Tage, aber eben auch schlechte. Und desto weiter die Krankheit fortschreite in der Lunge, desto schlimmer "wird das mit der Atemnot".

Letzte Hoffnung in Georgien

Deshalb ist der Nordrhein-Westfale nach Georgien gereist. In einem düsteren, fensterlosen Behandlungsraum des Phage-Therapy-Centers in Tiflis liegt er auf einer Liege, neben ihm ein Tropf mit Elektrolyten. Seine Frau leistet ihm an diesem Morgen Gesellschaft. Vor zwei Wochen sind beide in den Flieger gestiegen, um die Krankheit 3000 Kilometer fern der Heimat behandeln zu lassen. Zu Hause galt der lungenkranke Patient als austherapiert: Antibiotika zeigten kaum noch Wirkung.

Im Internet liest Detlefs Frau von einer Behandlung mit Bakteriophagen. Viren, die den krankmachenden Keim als Wirtszelle nutzen, ihr Erbmaterial in das Bakterium injizieren und sich darin vermehren. Solange, bis der Erreger platzt und schließlich abstürzt. Die Behandlung bakterieller Infektionen mit Viren hat vor allem in Georgien eine fast 100-jährige Tradition.

Behandlung mit langer Tradition

Am staatlichen Eliava-Institut in Tiflis behandelte die gesamte Sowjet-Armee ihre Soldaten mit Phagen, oft auch vorbeugend etwa gegen Darminfektionen. Zemphira Alavidze war 45 Jahre lang Chefin des Instituts. Heute leitet die Mikrobiologin das private Phage-Therapy-Center. Im Westen sei der Ansatz weitgehend unbekannt, sagt sie: "Da herrschte eine Skepsis oder sogar Angst." Als sie in den 1990er-Jahren die ersten Vorträge über Phagen in den USA gehalten hat, hätten ihre Kollegen skeptisch reagiert: "Es hieß dann: Sie verabreichen Kindern Viren? Das ist doch viel zu gefährlich!"

Die Sorge hält die georgische Mikrobiologin für unbegründet. Phagen würden wirksam und ohne Nebenwirkungen arbeiten. "Darum bin ich mir sicher, dass diese Behandlungsmethode auch in der westlichen Schulmedizin ihren Platz finden wird", so Alavidze.

Phagentherapie im Westen unbekannt

Doch das dürfte ein langer Weg werden. Denn, so schildert es der lungenkranke Deutsche, die Mediziner kennen die Therapie oft nicht. Detlef erlebte eine Borniertheit bei westlichen Schulmedizinern. Der behandelnde Arzt in einer deutschen Uni-Klinik etwa habe sich erst selbst im Internet schlau machen müssen. Ohne Erfolg: "Der Arzt sagt mir dann, er habe da irgendetwas in China gefunden. Mit Schweinen", erinnert sich der Patient. Er finde es schlimm, dass die Ärzte nicht über den Tellerrand sehen wollten.

Diesen Eindruck hat auch Wolfgang Beyer, Mikrobiologe von der Universität Hohenheim. Er gilt als führender deutscher Phagenforscher und hat 2017 das erst deutsche Symposium zum Thema veranstaltet. In Gesprächen mit Patienten und Ärzten gewinne er oft den Eindruck, dass man den Therapieeinsatz in die "Ecke der Homöophathie schiebt". Viele glaubten, Bakteriophagen seien eine nicht ernstzunehmende, alternative Therapie. Dem sei nicht so: "Die Phagentherapie gehört ganz eindeutig zur Schulmedizin", so Beyer.

Wissenschaftliche Belege fehlen

Allerdings: Klinische Studien sind rar oder ihre Qualität in der westlichen Welt umstritten. Hier gerieten die bakterienfressenden Viren ohnehin mit der Entdeckung des Penicillins Ende der 1920er-Jahre aus dem Blickfeld. In Deutschland jedenfalls ist die Phagentherapie bis heute nicht zugelassen. Und wie in vielen anderen westlichen Ländern gelten Zulassungsbestimmungen, die sich schwer tun mit Viren als Behandlungsmethode. Es gebe kein geeignetes Verfahren, sagt Bayer. In Europa gehe man davon aus, dass Medikament immer exakt reproduziert werden können. Doch genau das ist bei Phagen nicht der Fall. "Der Erfolg in Georgien beruht gerade darauf, dass sie für jede Infektion das Virus individuell anpassen können an die Infektion."

Britin mit Phagen gerettet

Bisweilen führt das zu spektakulären Erfolgen. Einer 15-jährigen Britin etwa konnten Phagen jüngst das Leben retten. Bei ihr hatten sich nach einer Lungentransplantation multiresistente Keime im Körper ausgebreitet. Sie überlebte am Ende nur durch die Behandlung mit genveränderten Bakteriophagen.

Auch Detlef hofft auf Heilung. Um seinen Lungenkeim zu bekämpfen, trinkt er drei Wochen lang eine Phagenlösung. Zusätzlich inhaliert er die Viren. Er spüre erste Erfolge: "Ich merke eine deutliche Verbesserung", sagt er. In Tiflis wohne er im elften Stock eines Hochhauses, in dem alle Fahrstühle ausgefallen seien. Er könne die Treppen ganz gut meistern. "Bevor wir hierher gefahren sind, hätte ich das nicht geschafft."

Allerdings: Phagen seien kein Allheilmittel, schränkt Mikrobiologe Beyer ein. In vielen Fällen könne es sinnvoll sein, zunächst ein Breitbandantibiotikum einzusetzen. Erst, wenn der Keim eindeutig identifiziert ist, fährt man mit der Phagen-Therapie fort. Beyer geht davon aus, dass die bakterienfressenden Viren bald auch in Deutschland zum Einsatz kommen. "Der Leidensdruck steigt", so der Forscher. Er denkt dabei vor allem an die Zunahme der Antibiotikaresistenzen. Zunehmend verlieren die Medikamente ihre Wirksamkeit, weil sie bestimmten Bakterien nichts mehr anhaben können. Weltweit wird nach Lösungen gesucht. Bakteriophagen, in Georgien seit einhundert Jahren im Einsatz, könnten eine neue schlagkräftige Waffe im Kampf gegen gefährliche Keime werden.

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