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Kulturpresseschau / Archiv | Beitrag vom 22.11.2013

Wenig HoffnungDebatte über die Vergangenheit und Zukunft der ungarischen Kultur

Von Adelheid Wedel

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Péter Esterházy (Deutschlandradio - Bettina Straub)
Péter Esterházy: Der ungarische Dichter János Csontos erhebt schwere Vorwürfe gegen ihn (Deutschlandradio - Bettina Straub)

Der Berliner "Tagesspiegel" berichtet über eine Schriftstellerkonferenz, auf der die Teilnehmer versuchen zu erklären, warum es in Ungarn gerade so schief läuft und wer dort gerade die Geschichte vergisst oder falsch interpretiert. Und die "FAZ" blickt in ihren "Generationengesprächen" zurück.

"Ungarn scheint zwischen galoppierender Geschichtsvergessenheit und historischen Traumata zerrieben zu werden."

Dieser "Befund" stand bei einem Treffen mit Schriftstellern in der Berliner Akademie der Künste zur Diskussion, über die der TAGESSPIEGEL berichtet. Gregor Dotzauer versucht die ungarischen Verhältnisse zu erklären und erwähnt dabei

"das leise Gift, mit dem man Fremdherzige bedenkt, die antisemitischen Hassgesänge, das Machtstreben des Ministerpräsidenten - und die fatale Komik, die in all den aufgeplusterten Reden auch noch steckt."

 Er nennt einen weiteren Grund, den man bei der Beurteilung Ungarns heute berücksichtigen soll:

"Während die Deutschen die Demütigung, die sie nach dem Ersten Weltkrieg durch den Vertrag von Versailles erlitten, längst verarbeitet haben, lecken die Ungarn, die infolge des Vertrages von Trianon zwei Drittel ihres Territoriums an die Nachbarn abtreten mussten, noch immer ihre Wunden. Und die Rechten und Rechtsradikalen von der Jobbik-Partei reißen sie täglich neu auf."

Als eine kulturelle Ausblutung nehmen Ungarns Intellektuelle die Entwicklung wahr, die von außen gern als Entstehung einer

"neuen Diktatur beschworen wird, die mit eiserner Hand die letzten Reste liberalen Denkens hinwegfegt."

Die kulturelle Ausblutung fühle sich von innen unheimlich - weil unangreifbar - an, berichteten die Schriftsteller László. Drohungen lähmen ihre Arbeit.

"Wir wissen nicht, dass irgend-etwas tatsächlich verboten wäre, sagt Nagy mit dem Blick auf Orbáns Mediengesetz. Seitdem hat nur kein Sender mehr den Mut, einen von uns einzuladen."

Daneben gibt es interne Scharmützel, auch seien Rechnungen aus sozialistischen Zeiten offen. Erst kürzlich machte der Dichter János Csontos in der fidész-nahen Tageszeitung Magyar Nemzet seinen Kollegen Parti Nagy, Péter Nádas und Péter Esterházy den haltlosen Vorwurf, sie seien einen Geheimpakt mit dem Kádár-Regime eingegangen, um sich Publikationsmöglichkeiten zu sichern. Im April 2014 gibt es Wahlen in Ungarn. Viel zu tun bis dahin für die Aufklärung und gegen das Vergessen in "Amnesistan", wie Gábor Németh sein Heimatland inzwischen nennt.

In der FRANKFURTER ALLGEMEINEN ZEITUNG ist an diesem Wochenende eine neue Folge der Generationen-Gespräche zu lesen. Der Literaturwissenschaftlerin und Schriftstellerin Ruth Klüger, 1931 in Wien geboren, und ihrem 1995 in Göttingen geborenen Patenkind Louise von Wallmoden werden die gleichen Fragen gestellt. Die Abiturientin begann vor zwei Monaten ein Jahr Freiwilligendienst in Israel.

Ruth Klüger wurde mit elf Jahren mit ihrer Mutter in die Konzentrationslager Theresienstadt, Auschwitz-Birkenau und Christianstadt verschleppt. Kurz vor Kriegsende gelang ihnen die Flucht aus dem Todesmarsch. Entsprechend ihren unterschiedlichen Biografien tun sich zwischen den Antworten Welten auf, manchmal ähneln sie einander. Zum Beispiel bei der Frage nach ihrer Lieblingsbeschäftigung in der Kindheit. Ruth Klüger hat am liebsten

"Bücher gelesen, alles, was ihr in die Hände fiel, besonders die Klassiker, die im Regal verstaubten."

Ihr Patenkind antwortet auf die Frage, sie habe sich am liebsten verkleidet.

"Und habe viel gelesen, Astrid Lindgren, Cornelia Funke und so. Ich kann mich erinnern, dass ich ganze Nächte durchgelesen habe."

Sehr unterschiedlich wird die Frage nach dem Lieblingsplatz in der Kinderzeit beantwortet. Louise von Wallmoden sagt:

"Draußen im Garten oder im Park, wo ich rumtoben konnte. Ich war ein richtiges Draußen-Kind mit Dreck an Knien und Händen."

Ruth Klüger erinnert sich:

"So merkwürdig das klingen mag, es war der jüdische Friedhof in Wien, denn das war der einzige Spielplatz, der jüdischen Kindern gestattet war. Ich war froh, dort mit anderen Kindern herumlaufen zu können."

Die 82-Jährige interessiert sich für die jungen Leute und meint:

"Sie sind der Draht in die Zukunft. Sie sind die Menschen, an die man glauben kann, die alles besser machen werden, als es uns und ihren Eltern gelungen ist. Ich habe ein großes, ein sentimentales Vertrauen in sie."

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