Das Feature, vom 05.11.2019, 19:15 Uhr

Wendeländer (2/5) - Das Erbe von BeleneBulgariens verdrängte Vergangenheit

Dem Diktator Todor Schiwkow wurde nach der Wende noch ein Denkmal errichtet, da war der Kommunismus per Gesetz längst für verbrecherisch erklärt worden. Dagegen wurde bis heute keines der früheren mehr als 80 Konzentrationslager zu einer Gedenkstätte. Eine Auseinandersetzung mit der traumatischen Geschichte findet in Bulgarien kaum statt.

Etwa 100 Menschen versammeln sich auf einer Wiese, dahinter die Ruinen der Gefängnisbaracken (Deutschlandradio / Diana Dineva)
Gedenken am 1. Juni 2019 zum 70. Jahrestag der Errichtung des kommunistischen Konzentrationslagers Belene, Bulgarien (Deutschlandradio / Diana Dineva)

Das furchtbarste Lager für politische Häftlinge befand sich 38 Jahre lang bei Belene auf einer Insel in der Donau. Ein italienischer Priester setzt sich mit großer Leidenschaft dafür ein, dort ein Mahnmal zu errichten. Die Medien berichten. Aber dann gerät er in Streit mit der Gemeinde, weil er einer syrischen Flüchtlingsfamilie helfen will.

Über 15.000 Menschen waren im KZ Belene gefangen. Einer davon ist der 90-jährige Petko Ogoyski, der neben Belene sechs andere Gefängnisse überlebt hat. Inhaftiert wegen seiner Gedichte. Seine und die seiner Mitgefangenen kennt er bis heute auswendig. Sie hatten einen Pakt miteinander geschlossen - gegen den Tod. Wer am Leben bliebe, der sollte diese Verse in die Welt bringen.

70 Jahre nach der Errichtung des Lagers und 30 Jahre nach dem Sturz des repressiven Systems erzählen die Überlebenden vom Preis des Widerstands und vom Wert ihres Lebens heute. Es sind Geschichten, die in Bulgarien kaum einer hören will. Die historische Wahrheit über den Kommunismus wird noch immer verdrängt. Das Feature reflektiert, was das für die gegenwärtige Gesellschaft Bulgariens bedeutet.

Die einzige Brücke und zugleich Kontrollpunkt zur Insel Persin in der Donau im Norden Bulgariens. Auf der Insel befand sich das kommunistische Lager Belene. Heutzutage gibt es dort noch immer ein Gefängnis. Pater Paolo Cortesi (Zweiter von links) mit anderen Ordensbrüdern der Passionisten und mit dem ehemaligen Präsident Bulgariens, Rossen Plewneliew, am 15.11.2014 vor einer Baracke des Lagers BeleneDer 90-jährige Dichter und Journalist Petko Ogoyski und sein Porträt mit Gefängnisketten. Er hat sechs Gefängnisse und zwei Lager überlebt.Der siebenstöckige mittelalterliche Festungsturm, den Ogoyski mithilfe von Freunden aus dem Lager Belene errichtet hat. Er ist bis heute das höchste Bauwerk im Dorf Tschepentsi im Umland von Sofia. Die 91-jährige Zwetana Dzermanova in ihrer Wohnung in Sofia. Sie war Anarchistin und überlebte zwei Lager - Bosna und Belene.

Das Erbe von Belene
Bulgariens verdrängte Vergangenheit
Von Diana Dineva

Regie: Claudia Kattanek
Es sprachen: Hildegard Meier, Claudia Mischke, Katherina Wolter, Hüseyin Michael Cirpici, Gregor Höppner, Tom Jacobs und Ernst August Schepmann
Mitarbeit: Vladislav Stojanov
Ton und Technik: Wolfgang Rixius und Hanna Steger
Redaktion: Wolfgang Schiller
Produktion: Dlf 2019


(Teil 3 am 8.11.2019)

Diana Dineva wurde 1972 in Plovdiv, Bulgarien, geboren und studierte in Sofia und Bochum Kulturwissenschaften, Philosophie und Vorschulpädagogik. Nach dem Studium und einer TV-journalistischen Ausbildung in Belgrad schrieb sie lange Jahre für verschiedene bulgarische Tageszeitungen und Zeitschriften über Kultur, Wirtschaft und Internationale Politik. Seit 2016 lebt sie in Wien.

Das Erbe von Belene (PDF)

Das Erbe von Belene (Textversion)

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