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Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 28.08.2019

Wende in der DDRDie Zeit der progressiven Ideen

Von Antje Stiebitz

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Montagsdemo in Dresden am 23. Oktober 1989. Menschen halten ein Banner mit dem Spruch "Neuverfassung der Verfassung" hoch. (imago/Ulrich Hässler)
Bei der Montagsdemo in Dresden am 23. Oktober 1989 wurde noch eine neue Verfassung gefordert. Die gab es dann weder in der DDR noch in der BRD. (imago/Ulrich Hässler)

Widerspruch oder andere Meinungen waren in der SED-Diktatur nicht vorgesehen. Opposition wurde unterdrückt, mundtot gemacht oder ausgebürgert. Dennoch entstanden vor allem in den 80er-Jahren Bewegungen mit Reformideen.

Die Karikatur zeigt einen Volkspolizisten, der vor einem alten Kachelofen kniet und mit einer Pistole durch die Ofentür zielt. Daneben steht sein Ausbilder und rät: "Im Prinzip bleibt es gleich wohin Sie zielen. Wir treffen sowieso immer nur dorthin." "Polit-Unterricht" in der DDR spöttisch dargestellt als "Schuss in den Offen", Innenpolitik als Misserfolg. Dirk Moldt zeichnete seine Karikaturen unter anderem für die Umwelt-Blätter. Eine Publikation, die ab 1986 alle zwei Monate erschien und zunächst als "Hausmitteilung" nur für den "innerkirchlichen Dienstgebrauch" gedacht war. Dann aber weitere Kreise zog und in der DDR oppositionelles Gedankengut verbreitete.  

Die Zionskirche – damals ein Ort des Widerstandes

Am Zionskirchplatz in Berlin-Mitte. Die Tür der Zionskirche steht am späten Nachmittag noch offen. Damals in den Jahren vor der Wende standen die Gemeinderäume der Kirche oppositionellen Gruppen offen. Dienten als Bibliothek, Veranstaltungsraum und boten Platz für die Druckmaschine der "Umwelt-Blätter". Dirk Moldt lässt seinen Blick durch den Raum schweifen:

"Wenn man hier reinkommt, ist das ein schöner Ort der Erinnerung. Sieht auch noch aus wie früher, obwohl jetzt Fenster und Decke richtig gut gemacht sind. Aber die Fassade ist noch wie früher, dass es abbröckelt so ein bisschen, und die Farbe blättert und so. Das hat noch diesen Charme von früher."  

Ein am 27.11.1987 am Turm der Zions-Kirche angebrachtes Protest-Plakat. Ein Team des ZDF wurde bei Dreharbeiten während dieser Aktion von zivilen Sicherheitsbeamten massiv behindert. (picture alliance/dpa/ZDF)Ein am 27.11.1987 am Turm der Zions-Kirche angebrachtes Protest-Plakat. Ein ZDF-Team wurde bei Dreharbeiten von zivilen Sicherheitsbeamten massiv behindert. (picture alliance/dpa/ZDF)
In den 80er-Jahren, erinnert sich der Historiker, sei er oft in die Zionskirche gekommen. Ab 1987 vor allem wegen der Umwelt-Bibliothek.
 
"Die Umweltbibliothek hat versucht, das staatliche Bildungs- und Meinungsmonopol zu brechen, indem sie Literatur zur Verfügung gestellt hat, die auf dem Index stand. Also, die nicht gelesen werden durfte, die nicht verkauft wurde, die beschlagnahmt wurde." 

"1984" von Georg Orwell oder die US-Umweltstudie "Global 2000" von 1980 etwa:

"Dazu kam dann eben auch, dass die Bibliothek selbst anfing Nachrichten zu verbreiten."  

Dirk Moldt, damals in der offenen Jugendarbeit aktiv, war außerdem immer auf der Suche nach Räumen für eine Gruppe von Punks. Wo die Jugendlichen abhängen und Musik hören konnten, ohne gegängelt zu werden. Andersdenkende Jugendliche, nicht zuletzt wegen ihres Aussehens, duldete man in staatlichen Clubs oft nicht. Die Kirche hingegen nahm sich der Punks an. 1987 war Dirk Moldt 24 Jahre alt und er sympathisierte mit den rebellischen Jugendlichen: 

"Unsere Ideen waren dann eben: Ey, macht doch mal locker! Lasst doch mal Leine, seid doch mal cooler. Lasst doch die Leute mal irgendwo hinfahren, die kommen schon wieder zurück, zu Hause ist es eben am besten. Lasst doch einfach mal zu, dass die Leute frei über irgendetwas reden, dass sie frei wählen können, dass sie sich ihr Studium selbst aussuchen, dass einfach nicht alles so reglementiert ist. Aber selbst das ging nicht. Gerade das ging nicht." 

Demonstration für Reformen in der DDR am 4.11.1989 in Ost-Berlin. Menschen halten ein Banner, auf dem "Ich fordere freie geheime Wahlen" steht. (imago/Jürgen Ritter)Auf der Demonstration für Reformen in der DDR am 4.11.1989 in Ost-Berlin forderten die Menschen – was heute selbstverständlich ist – freie und geheime Wahlen. (imago/Jürgen Ritter)
Berlin-Kreuzberg. Der Journalist Tom Strohschneider zeigt mit der Hand über ein beinahe quadratisch angelegtes Wasserbecken mit zahlreichen Wasserfontänen:

"Also wir sind hier am Engelbecken, eine alte stadthistorisch gewachsene Anlage. Ein kleiner Stadtsee, wenn man so will. Und auf der einen Seite ist der Osten und auf der anderen Seite der Westen. Während der Zeit der Mauer war hier drauf kahle Fläche und auch ein Wachturm, ein Grenzturm."  

Tom Strohschneider betreibt den Twitter-Account "Die andere Wende – Linke Reformideen, dritte Wege, andere Horizonte: hier geht es um das progressive Erbe der Wende von 1989/1990". Er möchte mit dem Projekt etwas in Erinnerung rufen, was er beim Blick auf die Jahre 1989/90 meist vernachlässigt sieht:

"Dass die Wende in der DDR, die friedliche Revolution als etwas begonnen hat, was nicht auf Wiedervereinigung, auf bürgerlich-nationale Einheitsbestrebungen, auf D-Mark, Westkonsum und Kapitalismus hinauslief, sondern um ein ganz anderes widersprüchliches, naives, optimistisches, demokratisches, hoffnungsschwangeres Aufleben war von Leuten."  

Am Anfang ging es noch um einen veränderten Sozialismus

Was bei den Punks noch eher Gefühl war, sollte jetzt in Form gegossen werden. Den ersten Akteuren der Bewegung – etwa "Vereinigte Linke", "Neues Forum", "Demokratischer Aufbruch", "Demokratie Jetzt" ging es noch um einen veränderten Sozialismus, erklärt der Journalist. Um eine kritische Analyse der globalen Verhältnisse, um Fragen der Nord-Süd-Gerechtigkeit. Um einen Staat, der seine Bürger vor Gewalt schützt, um einen Rechtsstaat, keine Apparate, die über die Bürger herrschen. Mit 16 Jahren hielt Tom Strohschneider das erste Mal ein Flugblatt mit Forderungen in der Hand: 

"Da stand drin freie Wahlen, Zulassung von Organisation und Parteien, solche Dinge. Von heute aus betrachtet, klingt das so furchtbar selbstverständlich. Es war nicht selbstverständlich und es gab ja auch keine wirkliche Erfahrung, was alternative politische Vorstellungen, wie man die in so einen politischen Prozess übersetzen kann."

Zu einer Zukunftswerkstatt unter dem Thema "Wie nun weiter DDR?" hatte am 06.10.1989 das evangelische Stadtjugendpfarramt in die Ost-Berliner Erlöserkirche eingeladen. Mehrere Menschen sitzen auf einer Bühne. (imago/epd)Zu einer Zukunftswerkstatt unter dem Thema „Wie nun weiter DDR?“ hatte am 06.10.1989 das evangelische Stadtjugendpfarramt in die Ost-Berliner Erlöserkirche eingeladen. (imago/epd)
Da die DDR eine Gesellschaft des "Misstrauens von Oben" war, hat es auch am öffentlichen Raum für Diskussion gemangelt, erklärt der Journalist. Das sei auch ein Grund, warum die Opposition im Herbst 1989 scheiterte. Denn das gesellschaftliche Gespräch über alternative Vorstellungen begann damals erst. Kurz darauf reisten die Menschen in Scharen aus. Ihre Abwesenheit legte vieles lahm - bis hin zum Nahverkehr. Hinzu kam, so Tom Strohschneider, dass der SED-Apparat nicht mehr handlungsfähig war:

"Als handlungsfähig kann man eigentlich nur den Westen betrachten. Und am Ende die Abstimmung an den Wahlurnen darf man auch nicht vergessen. Da wird heute sehr viel darüber geklagt, dass der Transformationsprozess so tiefe Wunden im Osten geschlagen hat, aber es war eine demokratische Entscheidung. Und die Mehrheit hat gegen diese Reformvorschläge entschieden."

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