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Ortszeit / Archiv | Beitrag vom 29.04.2014

Wem gehört Deutschland? Garten im XXL-Format

Knapp die Hälfte des deutschen Waldes ist in Privatbesitz

Von Benedikt Schulz

Auch wenn der Wald jemandem anders gehört: Darin herumstreifen darf jeder.  (Rudi Schneider)
Auch wenn der Wald jemandem anders gehört: Darin herumstreifen darf jeder. (Rudi Schneider)

Die eine Hälfte des Waldes ist in privater Hand, die andere gehört dem Staat. Für Privatbesitzer ist Wald eine lohnende Geldanlage und auch das Holz lässt sich oft gewinnbringend verkaufen. Doch dass jeder in Deutschland Waldflächen kaufen darf, heißt noch lange nicht, dass er dann damit auch tun darf, was er will.

Martin Hasselbach zeigt auf einen kleinen Ahornbaum, gerade mal einen Meter hoch. Der Geschäftsführer des Waldbesitzerverbands Brandenburg steht auf einem Trampelpfad in einem Wald östlich von Berlin – seinem Wald. Davon leben kann er nicht – aber: es ist ein einträgliches Hobby. Regelmäßig lässt er Bäume fällen und verkauft sie – als Brennholz, an Möbelindustrie und Papierhersteller. Den Ahornbaum wird man allerdings erst in 80 Jahren ernten können – ein Waldbesitzer muss in großen Zusammenhängen denken.

"Ich glaub der Fontane hat das gesagt, also wer glaubt, dass er Eichen pflanzt und sich in deren Schatten einmal ausruhen kann, der hat das nicht verstanden. Also ich ernte die Leistung und den Ertrag des Schweißes meiner Vorgängergeneration."

Ein Auktionshaus in Berlin. Auf einer Bühne steht Matthias Knake. Und verkauft.

"Dieses schöne Waldstück, wir hatten ja mehrere Telefonbieter, die Kollegen haben schon Verbindung, fehlt noch irgendeiner? OK? Dann können wir anfangen zu verlesen: 21,7 ha Forstliegenschaft in 03238 Lichterfeld-Schacksdorf im Ortsteil Schacksdorf..."

Mein eigener Wald from Wem gehört Deutschland on Vimeo.

 Knake, Chefauktionator, preist gut 200.000 Quadrameter Wald in Brandenburg an, eine gute Autostunde von der polnischen Grenze entfernt. Startpreis 76.000 Euro – rund 35 Cent pro Quiadratmeter. Unschlagbar günstig, in Bayern zahlt man pro Quadratmeter drei bis vier Euro, weil der Bodenwert in Bayern höher ist als in Ostdeutschland. Doch was in den nächsten knapp zehn Minuten passiert, erlebt auch ein Profi wie Knake nicht jeden Tag.

"146.000, 150.000? Zum Ersten! 150.000 zum... 152.000! 152.000 zum Ersten! 154.000 zum Ersten! Zum Zweiten! Und 154.000... zum... Dritten! Herzlichen Glückwunsch!"

Immer weniger Waldflächen stehen zum Verkauf

Innerhalb kürzester Zeit hat sich der Preis verdoppelt. Das passiert, wenn sich zwei Bieter erst mal hochschaukeln, sagt der Auktionator lächelnd. Der Wald in Ostdeutschland ist vergleichsweise günstig, doch auch hier stehen immer weniger Waldflächen zum Verkauf, sagt Knake. Denn: Wald ist begehrt.

"Die wirtschaftlichen Probleme, Finanzkrise, es gibt wenig Zinsen auf den Konten, das spielt sicherlich ne Rolle, und da ist natürlich Wald als langfristiges, nachhaltiges Investment gefragt. Es gibt verschiedene Möglichkeiten, mit dem Wald zu agieren, der langfristig, strategische Investor, der sagt, ich kauf den Wald nur für meine Kinder, der macht erst mal gar nichts in dem Wald. Aber es gibt eben auch die professionellen Forstbetriebe, die suchen immer Waldflächen mit relativ gutem Holzbestand, da wird einmal kräftig eingeschlagen, schön Holz verkauft und dann wird die Fläche wieder auf den Markt geworfen."

Es darf zwar jeder, der will, Wald kaufen – das heißt aber nicht, dass er dann damit auch machen kann, was er will. Das regelt das Bundeswaldgesetz bzw. die jeweiligen Landeswaldgesetze. In Brandenburg etwa gilt: Ein Kahlschlag auf einer Fläche von über zwei Hektar ist verboten. Und: innerhalb von drei Jahren muss der Wald wieder aufgeforstet, also der Bestand erneuert werden. Wenn die Fläche vorher verkauft wird, kauft der nächste Besitzer diese Verpflichtung mit.

Jagdhündin Senta in Martin Hasselbachs Wald (Johannes Kulms)Jagdhündin Senta in Martin Hasselbachs Wald (Johannes Kulms)

"Und was die Nutzung angeht, ich darf da mein Zelt aufschlagen, was bauen darf ich natürlich nicht, so nach dem Motto ich bau mir schnell meine Jagdhütte oder so. Ich darf meinen Wald normalerweise nicht einzäunen."

Denn der Wald soll auch der Erholung der Bürger dienen – so steht es im Bundeswaldgesetz. Wer Wald besitzt, muss garantieren, dass jeder freien Zugang hat. Das heißt aber nicht, dass man dort wild zelten darf. Was einige dennoch nicht davon abhält. Wie etwa Thomas, Wildnisfreak und notorischer Wildcamper aus Potsdam. Für diese Nacht hat er sein Lager im Briesetal, nördlich von Berlin aufgeschlagen, sitzt am kleinen Lagerfeuer.

Holz ist ein begehrter Rohstoff

"Du bist nirgendwo so dicht dran an der Natur, wie beim Wildcampen. Beim Wildcampen seh ich auch Tiere, ich hatte das mal, dass ein Reh bis auf 5 Meter rangekommen ist, das haste halt sonst nicht."

Waldbesitzer Hasselbach findet Wildcamper eher unproblematisch. Viel mehr Kopfschmerzen bereiten ihm die vielen Müllsünder. Viele hinterlassen ihre Gartenabfälle in seinem Wald, das kann das ökologische Gleichgewicht stören. Ein weiteres Problem: Holzdiebe – Holz ist eben ein begehrter Rohstoff, sagt Hasselbach. Aber: Wenn die Menschen kommen um seinen Wald zu genießen – dann freut sich der Waldbesitzer.

"Sie können sich hier hinlegen, den Vögeln zuhören, oder können irgendwelchen Baumpilzen beim Wachsen zusehen."

Sechs Reporter sind in dieser Woche fürs Deutschlandradio unterwegs und fragen: Wem gehört Deutschland? - Ihre Berichte können Sie vom 28. April bis zum 3. Mai jeweils um 8:40 Uhr in der "Ortszeit" hören. Weitere Informationen zur Reportagereise finden Sie im Blog Wem gehört Deutschland?

 

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