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Zeitfragen | Beitrag vom 03.09.2020

Wem gehört der Nordpol?Alfred Wegener, die Plattentektonik und die Geopolitik

Von Günther Wessel

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Ein Büste des Polarforschers Alfred Wegener steht in einer Ausstellung,  im Hintergrund eine Fotografie mit typischer Entdeckerpose: Wegener  1929 bei seiner dritten Grönlandexpedition. (imago images / epd)
Büste von Alfred Wegener (1880-1930) in einer Ausstellung: Der Forscher legte sich mit den Geologen seiner Zeit an. (imago images / epd)

Von Zeitgenossen wurde er als Fantast verspottet. Heute ist Alfred Wegeners Theorie der Kontinentalverschiebung anerkannt. Dass die Festländer der Erde nicht starr an Ort und Stelle sind, hat Folgen – für Klima, Handelswege und die Politik.

"Alfred Wegener ist ein ganz erstaunlicher Forscher gewesen", sagt Antje Boetius. "Von den großen Namen, die einem einfallen aus dem Bereich der Erdsystemforschung, ist er, glaube ich, einer, der ganz vorne steht: Weil er in der Lage war, sehr früh auf eine fundamentale Idee zu kommen."

"Es steht und fällt im Grunde genommen alles mit der Plattentektonik", sagt Martin Meschede. "Wir haben ja sämtliche Bewegungen, alles, was irgendwie an Prozessen auf der Erdoberfläche abläuft, hängt letzten Endes ursächlich mit der Plattentektonik zusammen in irgendeiner Form."

"Die erste Idee der Kontinentalverschiebungen kam mir einst bei der Betrachtung einer Weltkarte unter dem unmittelbaren Eindruck von der Parallelität der atlantischen Küsten. Mein Zimmernachbar hat zu Weihnachten den großen Handatlas von Andree bekommen. Wir haben stundenlang die prachtvollen Karten bewundert", schreibt Alfred Wegener im Januar 1911 in einem Brief an seine spätere Frau Else.

Und weiter: "Dabei ist mir ein Gedanke gekommen. Sehen Sie sich doch bitte mal die Weltkarte an: Passt nicht die Ostküste Südamerikas genau an die Westküste Afrikas, als ob sie früher zusammengehangen hätten? Noch besser stimmt es, wenn man die Tiefenkarte des Atlantischen Ozeans ansieht und nicht die jetzigen Kontinentalränder, sondern die Ränder des Absturzes in die Tiefsee vergleicht."

Antje Boetius posiert mit Anorakkapuze für ein Foto. (picture alliance / AWI via ZUMA Wire / Kerstin Rolfes)Alfred Wegener sei ein ganz erstaunlicher Forscher gewesen, sagt Antje Boetius, die Direktorin des Alfred-Wegener-Instituts. (picture alliance / AWI via ZUMA Wire / Kerstin Rolfes)

Antje Boetius erklärt: "Alfred Wegener hatte entdeckt, dass die Kontinente so aussehen, als hätten sie einmal wie Puzzlestücke alle zusammengepasst und einen Mega-, einen Superkontinent gebildet." Sie ist Meeresbiologin und Direktorin des Alfred-Wegener-Instituts in Bremerhaven.

Die auffällige Passform der Kontinente

Alfred Wegener war nicht der Erste, dem die erstaunliche Passform der Kontinente aufgefallen war: Seitdem die Landkarten dank der Entdeckungsreisenden genauer geworden waren, hatten sich Menschen Gedanken darüber gemacht. Der flämische Kartograf Abraham Ortelius schrieb bereits 1596, dass Amerika von Europa und Afrika durch Fluten weggerissen wurde, der französische Mönch Francois Placet machte 1666 die Sintflut für die Trennung der Kontinente verantwortlich.

Auch Alexander von Humboldt befasste sich mit den Küstenähnlichkeiten. In seinem Werk "Kosmos - Entwurf einer physischen Weltbeschreibung" schrieb er 1845:

"Man kann diese amerikanischen Gebirgsketten jenseits des Ozeans im alten Kontinent nach Osten hin verfolgen, und man erkennt, dass unter der gleichen Breite die alten Gebirge in den Gebieten von Pernambuco, von Minha, Bahia und Rio de Janeiro denen am Kongo entsprechen. … Dieser Gedanke erscheint weniger gewagt, wenn man die alte und die neue Welt als gewaltsam durch das Wasser getrennt ansieht. Es wäre für die Geologie sehr bedeutungsvoll, wenn eine auf Regierungskosten unternommene Expedition Richtung, Neigung und Übereinstimmung der Erdschichten an den Vorsprüngen und Buchten der amerikanischen und afrikanischen Küste untersuchte."

Der französische Geograf Antonio Snider-Pellegrini ging noch einen Schritt weiter. Er gab 1858 das Buch La Création et ses mystères Dévoilés" heraus: Die Schöpfung und ihre Geheimnisse enthüllt. Darin veröffentlichte er eine Weltkarte, auf der beide Amerikas, Europa, Afrika und Australien wie Puzzleteilchen zusammengefügt waren.

So wollte der Wissenschaftler erklären, weshalb in Nordamerika und Europa identische Fossilien aus dem Karbon vor rund 300 Millionen Jahren existierten. Vulkanausbrüche hätten die Erdteile später auseinanderbrechen lassen.

"Die alte Anschauung über Bord werfen"

"Ich glaube doch, Du hältst meinen Urkontinent für fantastischer, als er ist. Wenn ich auch nur durch die übereinstimmenden Küstenkonturen darauf gekommen bin, so muss die Beweisführung natürlich von Beobachtungsergebnissen der Geologie ausgehen", schreibt Alfred Wegener im November 1911 an den Meteorologen Wladimir Köppen, seinen späteren Schwiegervater.

Und einen Monat später heißt es in einem weiteren Brief: "Wenn sich zeigt, dass jetzt Sinn und Verstand in die ganze Entwicklungsgeschichte der Erde kommt, warum sollen wir zögern, die alte Anschauung über Bord zu werfen? Warum soll man zehn oder gar dreißig Jahre mit dieser Idee zurückhalten? Ich glaube nicht, dass die alten Vorstellungen noch zehn Jahre zu leben haben."

Was sich als eine erheblich zu optimistische Einschätzung herausstellen sollte.

"Manchmal können Fachfremde wirklich das ganze Weltbild umschmeißen", sagt Cornelia Lüdecke, Meteorologin und Wissenschaftshistorikerin.

Alfred Wegener stellte seine These von der Kontinentalverschiebung erstmals 1912 in zwei Vorträgen vor: einmal bei der Geologischen Vereinigung, das andere Mal vor der Gesellschaft zur Beförderung der gesamten Naturwissenschaften.

"Das muss regelrecht tumultartig gewesen sein in diesem Vortrag", sagt Martin Meschede, Geologieprofessor aus Greifswald und Mitverfasser des vielleicht wichtigsten Lehrbuchs zur Plattentektonik.

"Er hat den Mut gehabt", erzählt er, "das gegenüber den Altvorderen einfach mal auszusprechen. Und hat wirklich sich vorn hingestellt, hat 1912 den Vortrag gehalten vor der deutschen geologischen Gesellschaft und hat dafür sehr, sehr viel Kritik zunächst mal einstecken müssen." Von Gedankenspielerei, Fantasiegebilde und Fieberfantasien war die Rede.

Gegenmodell zu Fixismus und Kontraktionstheorie

Das damals vorherrschende geologische Modell der Erde beruhte auf dem sogenannten Fixismus. Die meisten Geologen nahmen an, dass der Untergrund mit der Erdkruste fest verbunden sei. Alle Kontinente lägen seit ihrer Bildung an ein und derselben Stelle, die Entwicklung der Erde prägten lediglich vertikale tektonische Bewegungen dieser äußeren Schicht.

Verbunden wurde der Fixismus mit der Kontraktionstheorie: Die Erde sei bei ihrer Entstehung ein glutflüssiger Himmelskörper gewesen, der sich im Laufe der Erdgeschichte immer stärker abkühlte. Dabei schrumpfe sie seit Anbeginn der Zeit um Hunderte von Kilometern. Und wie bei einem austrocknenden Apfel, auf dessen Schale sich Runzeln bilden, entstünden auf der Außenhaut der Erde somit die Gebirge. Doch Wegener hatte dafür eine ganz andere Erklärung.

"1912 war der Vortrag", erzählt Martin Meschede. "Das gilt immer so als das Datum der Erstveröffentlichung dieser Continental Drift Hypothese, und 1915 hat er das dann das erste Mal ausführlich publiziert. Und deswegen gilt 1915 so als die Geburtsstunde der Plattentektonik im Sinne einer nachvollziehbaren wissenschaftlichen Publikation."

1915 erschien die erste Auflage von Wegeners Buch "Die Entstehung der Kontinente und Ozeane". Ausgehend von der Erkenntnis, dass die Kontinente wie Puzzlestücke zusammenpassen, suchte er nach Beweisen für seine Theorie. Doch der Widerstand war groß.

Martin Meschede: "Es wurde damals gesagt, also so von den Fixisten – ich versuch das mal, mit meinen Worten so zu sagen: Also ich glaube die Plattentektonik erst dann, wenn ich den Kopf von einem Fossil in Afrika und den Schwanz dazu in Südamerika gefunden habe. Im Prinzip hat Alfred Wegener genau das gemacht, dass er nämlich gesehen hat: Ich habe in Südamerika und in Afrika exakt die gleichen Fossilien. Und es sind nicht nur die Fossilien, es sind die Gesteine, sind die klimatischen Zusammenhänge, die einfach eins zu eins zusammenpassen, aber nur dann, wenn man Südamerika und Afrika wieder zusammenführt. Das ist wirklich sein Verdienst."

Pangaea, der Superkontinent von einst

Wegener behauptete, dass es einst einen Superkontinent gegeben hat, den er Pangaea, Alles-Land, nannte. Er sei im Laufe von Jahrmillionen auseinandergebrochen. Die Landmassen, so seine Vermutung, schwimmen auf der ozeanischen Kruste - etwa so wie Eisschollen im Wasser. Der Theorie zufolge ist das möglich, weil der Untergrund der Ozeane aus einem schwereren Material besteht als die Kontinente.

Eine Simulation zeigt, wie die westliche Halbkugel der Erde vor 200 Millionen Jahren ausgesehen haben könnte. (imago images / StockTrek Images / Walter Myers )Die westliche Erdhalbkugel vor 200 Millionen Jahren: Der Superkontinent Pangaea wird aufgebrochen. (imago images / StockTrek Images / Walter Myers )

Wegeners Theorie ließ sich in Einklang bringen mit der sogenannten Isostasie. Die Theorie kam Mitte des 19. Jahrhunderts auf und bezeichnet die Annahme, dass sich die Massen der Erdkruste und dem Erdmantel darunter im Gleichgewicht befinden. Wegener leitete daraus ab, dass sich die Gesteinsmassen in einem Schwimmgleichgewicht befinden.

Damit entzauberte er zugleich die Theorie der Fixisten von einstigen Landbrücken: Verbindungen zwischen den Kontinenten, die im Laufe der Erdgeschichte abgesunken waren.

Mithilfe dieser Annahme erklärte die Mehrheit der Forscher damals, warum es weltweit ähnliche Gesteinsformationen gibt. Oder warum sich die gleichen Fossilien von Pflanzen und Tieren auf Kontinenten finden, die durch Meere getrennt sind. Den Tieren sei es vor Jahrmillionen möglich gewesen, über diese versunkenen Landbrücken zwischen den Kontinenten zu wandern.

Doch genau diese Brücken, so Wegener, könne es nie gegeben haben: "Das widerstreitet der modernen Lehre der Isostasie und überhaupt unserer physikalischen Vorstellung. Ein Kontinent kann nicht versinken, denn er ist leichter als das, worauf er schwimmt."

Und dennoch: Seine Theorie blieb angreifbar.

"Das Problem Wegeners war schlicht und einfach, dass er keinen Mechanismus hatte, um die ganz Sache zum Laufen zu kriegen", erläutert Martin Meschede. "Dieses Prinzip, dass quasi die Kontinente auf den Ozeanen schwimmen, sowie Alfred Wegener das zunächst mal gedacht hatte. Das ist schlicht und einfach mechanisch nicht möglich."

Widerspruch der Geologenzunft

"Der Versuch, die Tatsächlichkeit der Kontinentalverschiebung zu belegen, ist mit unzureichenden Mitteln unternommen und völlig missglückt", urteilte Wegeners Zeitgenosse, der Geologe und Paläontologe Max Semper. Und er empfahl ihm spöttisch: "Doch künftig die Geologie nicht weiter zu beehren, sondern Fachgebiete aufzusuchen, die bisher noch vergaßen, über ihr Tor zu schreiben: Heiliger Sankt Florian, verschon dies Haus, zünd andere an!"

Was die Geologen wohl auch ärgerte: Wegener war kein Fachwissenschaftler. Kein Geologe und wilderte doch in deren Gebiet.

Er war "ein toller Klimawandelforscher", sagt Antje Boetius, die Direktorin des Alfred-Wegener-Instituts. "Er war ja ausgebildeter Meteorologe und hat mit seinem großen Grönland Expeditionen auch ein Fundament für dieses Verständnis der Polarregionen gelegt."

Cornelia Lüdecke, Meteorologin und Wissenschaftshistorikerin, ergänzt: "Alfred Wegener ist zusammen mit seinem zwei Jahre älteren Bruder Kurt in der Müritzer Seenplatte aufgewachsen und hat viel Sport getrieben. Man würde heute sagen, er war ein richtiger Outdoor-Mensch. Er hatte zwar dann in Astronomie promoviert, ist dann aber anschließend an das wunderbare Observatorium nach Lindenberg gegangen, östlich von Berlin, wo man schon mit Ballonen und Drachen sogenannte Hochaufstiege gemacht hat. An diesen Ballonen und Drachen waren Registriergeräte befestigt. Wenn die dann wieder nach unten kamen, konnte man feststellen wie Luftdruck und Temperatur in höheren Schichten sind, so in 3000 bis 5000 Metern Höhe."

Und sie erklärt weiter: "Das hat Wegener so fasziniert, dass er gedacht hat, das wäre doch toll, damit ins Polargebiet zu gehen. Da hatte er von einer dänischen Expedition gehört, von Mylius-Erichsen, die von 1906 an die Ostküste Grönlands gehen wollte und da hat er sich bemüht, an dieser dänischen Expedition teilzunehmen. Und Wegener hatte sich vorgenommen, eben diese Technik der Ballon- und Drachenaufstiege in Grönland, in der Arktis zu testen."

"Hier gewinnt das Leben Inhalt"

Knapp zwei Jahre ist Wegener mit den Dänen unterwegs. Ludvig Mylius-Erichsen und zwei weitere Teilnehmer sterben während einer mehrwöchigen Schlittentour. Zweimal überwintert die Expedition im Norden Grönlands.

"Alle Arbeit draußen im Dunkeln ist unangenehm, weil man nichts sieht", schreibt Wegener am 11. Dezember 1906 in sein Tagebuch. "Es ist merkwürdig, bis zu welchem Grade das Verlangen nach äußeren Eindrücken geht. Mit dem allergrößten Interesse sieht man die Fotos durch, die man selbst angefertigt hat, man blättert rastlos in allen möglichen Büchern. Man liebt die elende Petroleumlampe, die über dem Tisch hängt, und hasst alle Arbeit draußen in der Dunkelheit."

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Dennoch, er liebt, was er tut: "Hier draußen gibt es Arbeit, die des Mannes Wert ist, hier gewinnt das Leben Inhalt. Mögen Schwächlinge daheimbleiben und alle Theorien der Welt auswendig lernen, hier draußen Auge in Auge der Natur gegenüberstehen und seinen Scharfsinn an ihren Rätseln erproben, das gibt dem Leben einen ganz ungeahnten Inhalt."

Wegener ist erfolgreich. Ihm gelingen 125 Hochaufstiege von Ballonen, um die Temperatur zu messen. "Das war sensationell, denn so etwas gab es vorher noch gar nicht", sagt Cornelia Lüdecke.

Nach seiner Rückkehr aus Grönland wird Wegener in Marburg Privatdozent für Meteorologie, Astronomie und kosmische Physik. Er wertet die Daten der Expedition aus, schreibt sein Buch "Thermodynamik der Atmosphäre", das ein Standardlehrwerk für angehende Meteorologen wird, verlobt sich mit Else Koeppen und erhält bald ein Angebot von Johan Peter Koch. Der Polarforscher bittet Wegener, mit ihm und zwei weiteren Forschern Grönland zu durchqueren.

"Koch hat geplant, von der Ostküste Grönlands zur Westküste zu gehen", erklärt Cornelia Lüdecke. "Das war für Wegener natürlich eine wahnsinnig tolle Herausforderung, um das, was Fridtjof Nansen 1888 bereits weiter im Süden gemacht hat, noch mal weiter im Norden durchzuführen. Man wusste schon, dass im Inneren Grönlands nur Eis ist. Aber wie hoch das Eis liegt im Norden, das war auch noch nicht bekannt."

Anfänglich geht einiges schief bei dieser Expedition. Am Fuß des Gletschers, wo sie ihr Lager aufschlagen, brechen in der Nacht gewaltige Eismassen ab, und sie werden fast weggeschwemmt. Der Expeditionsleiter Johan Peter Koch stürzt in eine Gletscherspalte, bricht sich einen Unterschenkel und ist Monate ans Krankenbett gefesselt. Im April 1913 ziehen die vier Männer – Koch, Wegener, Vigfus und Larsen – dann los.

"Unser Einzug in die große weiße Wüste"

Am 7. Mai schreibt Wegener in sein Tagebuch: "Es war unser Einzug in die große weiße Wüste. Weit wie das Meer dehnte sich die weiße Fläche vor uns, fast ringsherum den Himmel berührend. Wie Wogen auf dem Meer reihten sich die vom Wind gemeißelten Furchen aneinander, in endloser Folge. Die langen federnden Schlitten tanzten auf ihnen wie ein schnell segelndes Boot auf den Wellen. Diese äußere Zone des Hocheises ist kein gastliches Gebiet. Glashart, vom Sturme gepeitscht, ist hier die Schneeoberfläche, denn unter normalen Witterungsverhältnissen jagt hier der Sturm ununterbrochen den Treibschnee dahin."

1200 Kilometer ziehen die Männer über das Eis. Sie vermessen mehrmals täglich Temperatur und Höhe. Minus 32 Grad zeigt das Thermometer, es ist etwas wärmer, als Wegener erwartet hat. Langsam steigt man auf, bis am 12. Juni die maximale Höhe von 2937 Meter erreicht ist.

Johan Peter Koch notiert in seinem Expeditionsbericht: "In dem Maße, wie wir weiter vorwärtskamen, ließ der Wind nach. In der Mitte von Grönland wurde es ganz still. Das Schneetreiben wurde von Nebel abgelöst. Der fast vollständige Mangel an Abwechslung macht schweigsam. Eine Fuchsspur gab uns Stoff zur Unterhaltung für drei Tage. Wir dürsteten nach etwas, womit sich unsere Fantasie beschäftigen konnte, und suchten daher mit doppeltem Eifer in die wissenschaftlichen Probleme einzudringen, die unsere Reise bot."

Am Ende wird es noch einmal dramatisch. Die vier Männer erreichen knapp an Proviant die westliche Eisgrenze, müssen dort aber tagelang ausharren wegen des wild zerklüfteten Eises, der hoch angeschwollenen Gletscherbäche und der unzugänglichen Moränenlandschaft. Die Vorräte sind aufgebraucht, in höchster Not schlachten die Expeditionsteilnehmer ihren Hund.

Dann, nach 56 Tagen, erreichen sie am 15. Juli 1913 dank der Hilfe von Grönländern ihren Zielort Kangersuatsiaq an der Nordwestküste.

Ein zu Lebzeiten umstrittener Forscher

Wegener ist eben vieles: Polarforscher, Meteorologe, Astronom – aber kein studierter Geologe. Physiker mit einem Hang, Zahlen und Berechnungen zu vermeiden. Naturbeobachter, der Aufsätze über das Klima in den Polarregionen schreibt und über seltsame Eisformationen. Und zwischendurch, fast wie beiläufig die nächste erweiterte Auflage seiner "Entstehung der Kontinente und Ozeane" nachschiebt. Kein Wunder, dass die Fachwissenschaftler, die Geologen, Wegener nicht ernst nahmen. Oder doch, schon Ernst nahmen, aber fast durchweg ablehnten.

Die seiner Vermutung zustimmten, dass die Erdmassen in steter Bewegung sind, waren eine Minderheit.

"Diese Theorie war zeit seines Lebens sehr lange sehr umstritten, konnte gar nicht vor so langer Zeit bewiesen und belegt werden", sagt Antje Boetius. "Er selber hat es leider nicht mehr mitbekommen, wie sehr er heute wertgeschätzt wird, als einer der ganz großen Ideengeber der Geowissenschaften und der Erdsystemwissenschaften."

Heute ist die Theorie der Plattentektonik anerkannt, wenn auch nicht genau so, wie sie Alfred Wegener formuliert hat. Denn es wandern nicht nur einzelne Kontinente, sondern sehr viel größere Teile der Erdkruste. Auf den Platten sitzen die Kontinente, aber auch die Ozeane und beide bewegen sich auf dem oberen Erdmantel, der sogenannten Asthenosphäre.

"Die ist also, sagen wir mal so, halb fließfähig", erklärt Martin Meschede. "Man kann sich das vielleicht vorstellen wie auskristallisierten Honig. Um eine bildliche Vorstellung davon zu bekommen, wie man sich diese Asthenosphäre vorstellen kann. Also ganz langsam ist die fließfähig, sodass wir dann durchaus Bewegungsgeschwindigkeiten von bis zu zurzeit acht, neun Zentimeter pro Jahr der Platten dann tatsächlich hinbekommen."

Plattenbewegung mit doppeltem Antrieb

Angetrieben wird die Plattenbewegung durch zweierlei. Zum einen durch eine Gebirgskette unter dem Meer, die sich wie die Naht eines Tennisballs um die Erde zieht. Bereits 30 Kilometer unter der Erdoberfläche herrschen Temperaturen von bis zu 900 Grad Celsius. So tritt im Atlantik am sogenannten mittelozeanischen Rücken ständig neues Magma aus und treibt die Erdplatten auseinander.

Zum anderen ist der Motor für die Verschiebung die Subduktion. Sie entsteht dort, wo zwei Platten aufeinanderstoßen und die eine unter die andere absinkt. So taucht etwa die schwerere ozeanische Kruste im südamerikanischen Pazifik unter die leichtere kontinentale Kruste. Durch das Abtauchen erhöhen sich Temperatur und Druck der unteren Platte und wandeln das Krustengestein um. Seine Dichte nimmt zu und somit zieht es sich selbst weiter nach unten.

Doch die Plattentektonik erklärt nicht nur, wie unsere Kontinente in Jahrmillionen entstanden sind. Die Verteilung von Land und Meer bestimmt entscheidend das Klima auf der Erde. Die Verschiebung von Erdteilen hat deshalb auch eine ganz zeitgenössische Bedeutung: politisch und wirtschaftlich.

"Der Klimawandel hat dazu geführt", sagt Michael Paul, "dass mehr und mehr Probleme zutage treten, die tatsächlich unter dem ewigen Eis begraben waren. In der Tat hat das schmelzende Meereis zu einer Veränderung geführt, die auch auf die geopolitische Lage sich auszuwirken beginnt."

Nordpolarregion im internationalen Fokus

Michael Paul forscht bei der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin zu Fragen maritimer Sicherheitspolitik. Seit einigen Jahren gerät die Nordpolarregion in den internationalen Fokus. Grund dafür sind wirtschaftspolitische und sicherheitspolitische Interessen. Wegen des Klimawandels taut das Eismeer und die Nordostpassage wird als Transportweg interessant. Der 6500 Kilometer lange Seeweg verbindet Atlantik und Pazifik entlang der Küsten von Europa und Asien.

Eine Titan-Kapsel mit russischer Flagge steht auf dem Meeresboden der Arktis. (picture alliance / AP / Russian Polar Explorers)Russland pflanzte im Jahr 2007 seine Flagge in den Meeresboden des Arktischen Ozeans. (picture alliance / AP / Russian Polar Explorers)

"Die nördliche Seeroute, wie sie von den Russen bezeichnet wird, ist für Russland von eminenter Bedeutung", erklärt Michael Paul. "Weil die Bodenschätze, die in Sibirien ausgebeutet werden, Öl und Gas insbesondere, von dort verschifft werden. Und als Haupttransitweg ausgebaut werden soll. Russland verspricht sich von der nördlichen Seeroute letzten Endes, dass sie in einigen Jahrzehnten sogar den Suezkanal ablöst."

Doch dafür seien noch Milliarden an Investitionen erforderlich.

"Hier kommt China mit ins Spiel", so Michael Paul, "das die Polarroute als mögliche Seeroute sieht, um ihrerseits Versorgungssicherheit zu verbessern. Da geht es hauptsächlich um Versorgungssicherheit, auch in Bezug auf natürlich Öl- und Gastransporte für die eigene Energieversorgung."

Und sicherheitspolitisch? Auch da sieht Paul Konflikte. Russland verliere mit dem schmelzenden Eis seine vormals sicheren Außengrenzen – die Arktis werde so plötzlich zu einem strategischen Ziel für die Großmacht.

"Russland Sicherheitsinteresse ist durch die, in den letzten Jahrhunderten, Interventionen fremder Mächte geprägt", sagt Michael Paul. "Es ist deshalb bestrebt, dort seinen militärischen Stützpunkt wieder zu errichten. Das führt allerdings in der Art und Weise, wie Putin das alte Bastionskonzept aus Sowjetzeiten reaktiviert und in den hohen Norden vordringt, dazu, dass ein Sicherheitsdilemma entstanden ist, in dem die USA sich bemüßigt fühlen, nun ihrerseits militärisch auch wieder in der Arktis aktiv zu werden."

Abzulesen an einem Auftritt des US-amerikanischen Außenministers Mike Pompeo am 6. Mai vergangenen Jahres auf der Sitzung des Arktischen Rates: "Die Arktis ist zu einem Gebiet der Machtansprüche und des Wettbewerbs geworden. Darauf müssen sich die arktischen Staaten einstellen! In der Vergangenheit ging es im Arktischen Rat um wissenschaftliche Zusammenarbeit, um kulturelle Fragen und den Umweltschutz. Wir können uns den Luxus nicht mehr leisten, uns darauf zu beschränken."

Acht Länder bilden den Arktischen Rat

Große Teile des Nordpolargebietes liegen auf den Staatsgebieten von acht Ländern: Die USA, Russland, Kanada, Norwegen, Dänemark mit Grönland sowie Island, Schweden und Finnland, wobei die drei Letzteren keinen direkten Zugang zum Nordpolarmeer besitzen. Diese Länder sind gemeinsam im Arktischen Rat organisiert, der sich bislang überwiegend mit Fragen des Umweltschutzes in der Region befasst.

Umstritten ist, wo die Einflussgrenzen der Arktisanrainer liegen. Das Seerechtsabkommen der Vereinten Nationen teilt das Meer in verschiedene Rechtszonen auf: Die ausschließliche Wirtschaftszone reicht 200 Seemeilen von der Küste ins Meer. Hier besitzt ein Staat automatisch das alleinige Recht, Rohstoffe abzubauen, Forschung zu betreiben oder die Fischbestände auszubeuten.

Daneben gibt es den sogenannten Festlandsockel. Er kann auf Antrag bei der UN über die 200-Seemeilen-Zone erweitert werden – ein Land bekommt auch im definierten Festlandsockel hoheitliche Rechte, um die Ressourcen zu nutzen. Dazu muss ein Staat aber beweisen, dass es sich bei dem Meeresboden um eine natürliche Verlängerung der eigenen Landmasse handelt.

Wobei wieder die Plattentektonik ins Spiel kommt: "Wir haben sieben große Platten und zahlreiche kleine", erläutert Martin Meschede. "Warum ist das nicht regelmäßig? Wenn eine Flasche auf dem Boden zersplittert, haben wir große und kleine Scherben, aber wir können nie sagen, wo sind die großen, wo sind die kleinen. Das sind Spannungskräfte, die da wirken, und manchmal sind die Spannungskräfte so, dass eben an nur eine kleine Platte entsteht. Und das andere Mal bleiben große Platten ziemlich lange erhalten."

Schwierige Abgrenzung der einzelnen Platten

Die Abgrenzung der einzelnen Platten voneinander ist deshalb oft nicht einfach. Vor allem im arktischen Raum. Entsprechend umkämpft ist die Erweiterung der rohstoffreichen Gebiete im Nordpolarmeer. Russland, Dänemark und Kanada versuchen seit Jahrzehnten, mithilfe seismologischer Studien nachzuweisen, dass die Bergrücken am Meeresboden natürliche geologische Fortsätze ihres Festlands sind.

Kanada reichte im Mai vergangenen Jahres einen 2100 Seiten starken Antrag ein, der Ansprüche auf rund eine Million Quadratkilometer Meeresfläche anmeldete, einschließlich des geografischen Nordpols. Den reklamiert auch Russland für sich, das Land pflanzte im Mai 2007 gar seine Flagge in den Meeresboden.

"Nach meinem Kenntnisstand dürfte dann Russland bis zum Nordpol reichen", sagt Michael Paul. "Aber ich kann mir nicht vorstellen, dass dem so stattgegeben wird. Aber die Entscheidung der Festlandsockelkommission steht aus." Und Michael Paul zieht sein Fazit: "Die Arktis wird immer exzeptionell bleiben, aber der arktische Exzeptionalismus, der es als Region fernab aller Konflikte gesehen hat, der ist definitiv zu Ende."

Wegeners letzte Grönland-Expedition

Ernst Sorge, deutscher Polarforscher und Expeditionsteilnehmer, 1932 im Deutschen Rundfunk: "Obwohl nun eigentlich keine Hoffnung mehr bestand, musste gesucht werden bis wir Beweise für Wegeners und Rasmus Schicksal in Händen hatten. Ich übernahm die Suche nach Wegener und Rasmus und fuhr mit Weiken und den Grönländern zusammen nach Westen zurück. Jedes Depot und jedes verdächtige Anzeichen wurde untersucht."

1930 zieht es Wegener wieder nach Grönland. Er ist zwar wohlbestallter Professor in Graz, ihn lockt aber wieder das Eis.

"Als Wegener den Auftrag von der Notgemeinschaft der deutschen Wissenschaft bekam, eine Expedition nach Grönland durchzuführen, um Eisdicken-Messungen zu machen, hat Wegener sofort zugesagt, weil er seine meteorologischen Messungen anschließen wollte", erzählt Cornelia Lüdecke.

Sein Expeditionsplan: in drei Stationen gleichzeitig ein Jahr lang Temperaturen und andere Klimadaten zu sammeln. Den gesamten Winter hindurch. Eine Station an der Ostküste, die unabhängig von ihm eingerichtet wird, eine an der Westküste, in der er selber verbleiben will, und eine in der sogenannten Eismitte – jeweils 400 Kilometer von der Küste Grönlands entfernt. Wegener will unter anderem herauszufinden, ob Tiefdruckgebiete über Grönland hinwegziehen, was für den beginnenden Flugverkehr auf der Polarroute wichtig ist.

Katastrophales Wetter, zu viel Meereis

April 1930. Jetzt beginnt die Expedition. Sie ist von Beginn an glücklos. Anfang Mai erreicht Wegeners Gruppe den Umanak-Fjord. Dort soll auf dem Gletscher die Weststation aufgebaut werden und von dort aus auch die in Eismitte. Doch das Wetter ist katastrophal. Zu viel Meereis versperrt die Einfahrt. Erst nach 38 Tagen nervtötender Wartezeit können die Männer ihr Material anlanden, das aber noch über zerklüftete Moränen und Eisfelder hoch auf den Gletscher gewuchtet werden muss.

Cornelia Lüdecke: "Einerseits musste immer Material von unten hochgebracht werden mit den Ponys, mit Schlitten, andererseits musste so schnell wie möglich diese Eismitte-Station eingerichtet werden. Und Wegener war sozusagen dann allen Baustellen und hat nicht überrissen, dass nicht alles wichtige Material zur Eismitte-Station gebracht worden war."

Ernst Sorge: "Bei 189 Kilometer Küstenabstand standen Wegeners Skier im Abstand von drei Metern, in der Mitte zwischen ihnen ein abgebrochenes Stück von Wegeners Skistock. Wir fühlten: Das bedeutet etwas Besonderes. Eine Ausgrabung hatte Weiken schon bei seiner Einreise vorgenommen, aber nur bis zur Tiefe des Stocks, ohne etwas zu bemerken. Nun gruben wir tiefer. Die Aufgrabung förderte Rentierhaare, Bindfadenstückchen und schmutzigen Schnee zutage, sodass an dieser Stelle zweifellos ein Zeltplatz gewesen sein musste."

So wird die Eismitte-Station, auf der Johann Georgi und Ernst Sorge überwintern sollte, nur mangelhaft eingerichtet. Als Wegener das merkt, zieht er am 21. September mit 14 Begleitern auf Schlitten los, um Proviant und Petroleum dorthin zu bringen. Doch Schneestürme und Nebel zwingen die Gruppe zur Aufgabe.

Wegener schickt die Grönländer zurück. In einem Brief, den er ihnen mitgibt, schreibt er: "Das Ganze ist eine schwere Katastrophe, und es nutzt nichts, es sich zu verheimlichen. Es geht jetzt ums Leben."

Er selbst zieht mit dem Hundeführer Rasmus Villumsen und dem Polarforscher Fritz Loewe weiter. Die drei Männer erreichen am 30. Oktober Eismitte, wo sich Sorge und Georgi metertief in den Firn eingegraben haben, um so den Außentemperaturen von minus 50 Grad zu trotzen.

Loewe erfriert sich bei der Reise mehrere Zehen, die vor Ort amputiert werden müssen. Er bleibt auf Eismitte. Wegener und Villumsen machen sich am 1. November auf den Rückweg. Es ist Alfred Wegeners 50. Geburtstag. Sie kommen nie an der Weststation an.

"Wir merkten bald, dass hier jemand begraben lag", sagt Ernst Sorge. "Sehr sorgfältig in zwei Schlafsacküberzüge eingenäht. Wer, blieb aber zweifelhaft, bis wir Wegeners Gesicht sahen. Offene Augen, freundlichen Blick wie stets im Leben. Die Gesichtszüge ruhig, entspannt, ohne jedes Anzeichen von Krampf. Wegener war völlig angekleidet und der ganze Anzug war von Kopf bis Fuß in vorzüglichen Zustand. Insbesondere waren die Pelzstiefel dick und weich ausgestopft und nicht vereist. Daher kann Wegener nicht erfroren sein."

Alfred Wegener stirbt vermutlich am 16. November 1930 an Herzversagen. Rasmus Villumsen, der ihn bestattet, bleibt verschollen.

Autor: Günther Wessel
Sprecherin und Sprecher: Larissa Koch, Tonio Arango und Olaf Oelstrom
Regie: Frank Merfort
Ton: Sonja Rebel
Redaktion: Martin Mair

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