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Interview / Archiv | Beitrag vom 27.10.2017

Welttag des audiovisuellen ErbesNur Analoges hält tausend Jahre

Jan-Christopher Horak im Gespräch mit Dieter Kassel

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Filmrolle (picture alliance/dpa/Foto: Daniel Reinhardt)
Bei einem 35-Millimeter-Negativ wisse man, dass es bis zu tausend Jahre haltbar sei, so der Historiker Jan-Christopher Horak. (picture alliance/dpa/Foto: Daniel Reinhardt)

Kino und Fernsehen sind ein wichtiger Teil unserer Geschichte. Doch was wird wie für die Zukunft gesichert? Und wer entscheidet das? Jan-Christopher Horak von der University of California in Los Angeles meint, es gebe letztlich nur eine sichere Speicherart.

Auf DVDs kann man sich bei der Sicherung audiovisueller Produktionen nicht verlassen - sie halten erfahrungsgemäß nur einige Jahre. Jan-Christopher Horak, Direktor des Film- und Fernseharchivs der University of California, erklärt, dass es letztlich nur eine sichere Speicherart gibt: "Wir stehen auf dem Standpunkt, dass nur über analoge Mittel eine Langzeitsicherung möglich ist." Wenn man ein 35-mm-Negativ produziere, wisse man, dass das Material in einem Bunker "500 bis 1.000 Jahre erhalten" bleibe.

Geldgeber in den USA entscheiden mit

Vergleiche man die Situation in Deutschland und den USA, so sehe man, dass deutsche Archive "mehr oder weniger" staatlich finanziert würden. In Amerika hingegen - abgesehen von der Library of Congress - müssten finanzielle Mittel überwiegend über Fundraising eingeworben werden. So entschieden auch die Geldgeber, welche Filme archiviert würden - und welche nicht.

Die Internationale Föderation der Filmarchive versuche schon seit Jahren, ein Deposit-Gesetz in allen Ländern durchzusetzen, so Horak. Dann würden sämtliche Filmproduktionen mindestens eine Kopie in einem staatlichen oder nationalen Archiv deponieren. In Frankreich existiere das bereits, bedingt auch in den USA durch Copyright: Die Filmgesellschaften, die die Rechte hätten, wollten so sichern, dass das Material auch geschützt sei. Doch für viele selbstständige Produktionen, Amateurfilme und Fernsehproduktionen würde kein Copyright angemeldet: "Diese Produktionen sind dann auch nicht gesichert."

(bth)


Das Interview im Wortlaut:

Dieter Kassel: Heute ist der Welttag des audiovisuellen Erbes, und dieser Tag soll uns alle daran erinnern, dass auch das Kino und das Fernsehen ein wichtiger Teil unserer Geschichte sind und dass man sich bei der Erhaltung dieses Erbes nicht einfach darauf verlassen kann, dass die Leute ihre DVDs nicht wegschmeißen. In den USA gibt es deshalb gleich mehrere große Film- und Fernseharchive, eines davon an der University of California in Los Angeles, und das wird dort von dem deutsch-amerikanischen Filmhistoriker Jan-Christopher Horak geleitet. Herr Horak, einen schönen guten Morgen!

Jan-Christopher Horak: Schönen guten Morgen!

Kassel: Von jedem in den USA produzierten Film gehen zwei Kopien an die Library of Congress, es gibt weitere große Archive, zum Beispiel beim Museum of Modern Art oder beim Museum of Photography und nicht zuletzt auch Ihres an der University of California. Kann man also davon ausgehen, in den USA ist das audiovisuelle Erbe hundertprozentig gesichert?

Horak: Leider nicht. Also was jetzt die zwei Kopien, die an die Library of Congress gehen, und zwar ans Copyright-Büro, das brauchen ja keine Kopien sein, die man jetzt für die Archivierung benutzen könnte, sondern das können DVDs sein. Und DVDs sind, wie wir alle wissen, eigentlich keine sichere Zukunft. Sie haben eine Lebensdauer von ein paar Jahren und nicht länger. In Amerika, im Gegensatz zu Deutschland – in Deutschland wird das alles von Staatshand mehr oder weniger finanziert –, in Amerika, abgesehen von Library of Congress, sind es ja eher private Archive.

Also ucla Film and Television Archive ist zwar verbunden mit UCLA, eine staatliche Universität, aber lediglich 15 Prozent meines Haushaltes kommt vom Staat, der Rest muss über Fundraising organisiert werden. Und wir sind das zweitgrößte Filmarchiv der Vereinigten Staaten und das größte Fernseharchiv und eins der zehn größten der Welt. Nach uns, also Museum of Modern Art, George Eastman House und andere Archive sind mehr oder weniger so genannte Non-Profits, sie können zwar kein Geld verdienen, müssen aber ihr Geld irgendwie über private Mittel besorgen.

Kassel: Sie haben natürlich jetzt mit den DVDs bei der Library of Congress schon eins der großen Probleme aller Film- und Fernseharchive angesprochen, nämlich die Frage, in welchem technischen Format das eigentlich gelagert wird, um möglichst lange auch nutzbar zu sein. Wie machen die das denn in Los Angeles, welche Formate nutzen Sie für Ihr Archiv?

Digitale Medien halten drei bis fünf Jahre

Horak: Wir stehen noch immer auf dem Standpunkt, dass nur über analoge Mittel eine Langzeitsicherung möglich ist. Das heißt, wenn ich ein 35-mm-Negativ produziere und das in einen Bunker tue, wissen wir, dass sie 500 bis 1000 Jahre erhalten bleiben. Digitale Medien haben zurzeit eine Lebensdauer von drei bis fünf Jahren, und zwar, weil wir sind ja wirklich noch am Anfang des digitalen Zeitalters und die Technologie entwickelt sich rasend schnell und es sind immer neue Formate, die auf den Markt kommen, und diese Formate sind nicht kompatibel miteinander. Das heißt, jedes Mal, wenn wir ein neues Format bekommen, müsste eigentlich das gesamte Material dann umkopiert werden auf das neue Format. Das ist natürlich unglaublich schwierig, weil es sehr viel Arbeit ist und sehr viel Geld kostet.

Kassel: Und sehr viel offen ist in der Zukunft, was wird man in Zukunft noch auslesen können an Formaten und nicht. Aber ist nicht auch dadurch, dass es … Es gibt ja nicht nur so viele technische Formate heute, sondern auch so viele Plattformen, auf denen audiovisuelle Produktionen verbreitet werden, neben Film- und Fernsehproduktionen gibt es YouTube-Filme, Facebook, Twitter, einfach viel auf dem digitalen Markt. Wie entscheiden Sie denn überhaupt heutzutage, was archivierungswürdig, was erhaltungswürdig ist?

Horak: So eine Plattform wie YouTube sammelt natürlich alles, und da müssen wir, obwohl die traditionellen Archivare das nicht anerkennen als Archiv, müssen wir doch sehen, das ist schon auf einer Ebene Archiv. Wie wir das in Los Angeles an der UCLA machen, ist, wir haben verschiedene Ebenen der Entscheidung, also zum Beispiel der Zustand des Materials ist wichtig.

Wenn wir jetzt Material haben, das sich zersetzt wie die alten Nitrofilme oder die Acetatfilme, dann muss es natürlich umkopiert werden, sonst geht es absolut verloren. Auf der zweiten Entscheidungsebene sind es natürlich Geldgeber, die Foundations, die die Filme archivieren beziehungsweise restaurieren und finanzieren. Die haben auch in gewissem Sinne eine Entscheidungsgewalt, welche Filme jetzt vorgenommen werden.

Amateurfilme sind wichtig geworden

Drittens natürlich, in der Wissenschaft gibt es immer wieder neue Trends. In den letzten 10, 15 Jahren zum Beispiel sind die Amateurfilme jetzt ganz wichtig geworden, weil man sie als sozusagen Geschichte von unten anschaut, also eine visuelle Geschichte von unten. Vor 20 Jahren wurde man in den großen Archiven ausgelacht, wenn man gesagt hat, wir müssen Amateurfilme sichern, das ist heute ganz anders. Es gibt immer Trends, und wir müssen auch in gewissen Hinsichten diese berücksichtigen, weil als öffentliche Archive, die auch Spenden bekommen von der Öffentlichkeit, muss man natürlich auch die Wünsche der Öffentlichkeit berücksichtigen.

Kassel: Wie würden Sie denn den Vergleich machen zwischen der Archivierung unseres audiovisuellen Erbes zwischen den USA und Deutschland? Sie haben am Anfang ja schon gesagt, in Deutschland fließen natürlich mehr öffentliche Gelder, nicht zuletzt auch in Museen, aber andererseits, nach meinen Informationen, sind die tatsächlichen Vorschriften, was archiviert werden muss, ja irgendwie ein bisschen weniger gründlich ausnahmsweise. Nur wirklich geförderte Filme bei uns müssen staatlich archiviert werden. Das heißt, gehen nicht in Deutschland viel mehr Produktionen am Ende doch verloren als in Amerika?

Horak: Die internationale Föderation der Filmarchive versucht schon seit Jahren, ein Deposit-Gesetz in allen Ländern durchzusetzen, dass sämtliche Filmproduktionen mindestens eine Kopie in einem staatlichen oder nationalen Archiv deponieren. Das ist bisher … existiert nicht in Deutschland, es existiert in Frankreich, es existiert auch nur bedingt in Amerika durch Copyright, und zwar sind es die Filmgesellschaften, die die Rechte haben, die wollen natürlich sichern, dass das Material auch geschützt ist durch Copyright, und sie geben dann die Kopien her. Aber wenn viele, viele Produktionen – das sind selbstständige Produktionen, das sind Amateurfilme, viel Fernsehen … wird nicht direkt für Copyright angemeldet, und diese Produktionen sind dann auch nicht gesichert.

Kassel: Eins kann man auf jeden Fall jetzt feststellen: Der Welttag des audiovisuellen Erbes macht Sinn überall auf der Welt, weil noch viel zu tun bleibt. Wir haben darüber mit dem Direktor des Film and Television Archive der University of California gesprochen, mit Jan-Christopher Horak. Herr Horak, Ihnen vielen Dank für dieses Gespräch!

Horak: Ich bedanke mich auch.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

   

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