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Interview / Archiv | Beitrag vom 13.04.2017

WeltspracheEsperanto schon für Grundschulkinder?

Ulrich Brandenburg im Gespräch mit Liane von Billerbeck

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Auf einem Atlas, der Europa und einen Teil Afrikas zeigt, sind mehrere Zettel mit Esperanto-Wörtern verteilt (dpa picture alliance / Uwe Anspach)
Nur wenige Menschen weltweit sind aktive "Esperanto speakers". (dpa picture alliance / Uwe Anspach)

Es ist still geworden um Esperanto, das vor 130 Jahren als Welthilfssprache für die Völkerverständigung entwickelt wurde. Ex-Diplomat Ulrich Brandenburg gehört zu den etwa 1000 Menschen weltweit, die Esperanto als Muttersprache gelernt haben. Welche Aufgabe könnte die Sprache heute noch erfüllen?

Am 14. April 2017 jährt sich der Todestag des Esperanto-Erfinders Ludwig Lejzer Zamenhof zum 100. Mal. Der Augenarzt und Philologe entwickelte 1887 aus Elementen verschiedener existierender Sprachen seine Welthilfssprache, verbunden mit einer Friedensutopie der Völker.

Was ist heute – 130 Jahre später – von dieser Idee noch zu halten? Als Sprache in regelmäßigem Gebrauch hat sich Esperanto nie wirklich durchgesetzt. Laut dem Esperanto-Weltbund gibt es derzeit etwa 1000 Menschen, die Esperanto als (zweite) Muttersprache sprechen und zweisprachig damit aufwuchsen. Zu ihnen gehört auch Ulrich Brandenburg, Diplomat a.D., ehemaliger deutscher Botschafter in Moskau und Lissabon, geboren 1950 in Münster.

Zweisprachig mit Esperanto aufwachsen

Sein von Kriegserlebnissen und -gräuel geprägter Vater habe nach Kriegsende Esperanto gelernt – die Sprache, die für ihn Völkerverständigung und Frieden symbolisiert habe. Er habe mit ihm als Kind ausschließlich Esperanto gesprochen, erzählt Brandenburg. Seine Mutter dagegen habe nur Deutsch mit ihm gesprochen – auf diese Weise sei er zweisprachig aufgewachsen. Brandenburg pflegt die Sprache bis heute, räumt jedoch ein: im Dienst als Diplomat in der damaligen Sowjetunion, Irak oder Brüssel habe er Esperanto nicht nutzen können. Jedoch habe er fast überall auf der Welt, außer im Irak, immer wieder einzelne Menschen, speziell Diplomaten, getroffen, die Esperanto gesprochen hätten.

Ulrich Brandenburg, deutscher Botschafter in Moskau, bei einem Empfang in Moskau anlässlich des 100. Geburtstages von Verleger Axel Springer. (picture alliance/dpa/Iliya Pitalev)Ulrich Brandenburg, ehemaliger deutscher Botschafter in Moskau, wuchs zweisprachig mit Esperanto auf. (picture alliance/dpa/Iliya Pitalev)

"Was für mich immer interessant war: Sie haben ja als Diplomat jede Menge Kontakte: dienstliche Kontakte, privat-dienstliche. Das läuft aber alles über den jeweiligen Posten, die jeweilige Aufgabe. Und manchmal ist es auch schön, wenn man völlig private Kontakte pflegen kann und dadurch einen etwas anderen Blickwinkel auf das Land bekommt. (…) Und dafür war es interessant. Das war selbst in der Sowjetunion möglich, später habe ich die Kontakte dann dort weiter gepflegt."

Heute gibt es Online-Sprachkurse

Heute finde der Austausch der Esperanto-Community vor allem im Internet statt – auch Sprachkurse würden online angeboten. Es seien etwa 700.000 Nutzer für solche Kurse registriert. Wie viele davon das Angebot tatsächlich aktiv nutzten, sei jedoch nicht bekannt. Brandenburg hält es für sinnvoll, Esperanto auch als Schulfach anzubieten – gerade auch vor dem Hintergrund der Stimmung in der Europäischen Union.

"Es gibt kein europäisches Staatsvolk, es gibt keine wirkliche gemeinsame europäische Öffentlichkeit. Und unter diesem grundsätzlichen Aspekt wäre es natürlich gut, wenn man eine Sprache hat, die sich leicht lernen lässt. Sie brauchen, um Esperanto zu lernen, nur ein Viertel oder ein Fünftel der Zeit, die Sie vielleicht für Englisch oder eine andere Fremdsprache einsetzen würden."

Es sei durchaus möglich, Esperanto schon in der Grundschule zu lernen. Die Sprache sei nämlich auch eine sehr gute Grundlage, um andere Sprachen zu lernen.



Das Gespräch im Wortlaut:

Liane von Billerbeck: Am morgigen 14. April jährt sich der Todestag eines Erfinders, des Esperanto-Erfinders Ludwig Leiser Zamenhof zum hundertsten Mal. Der Augenarzt und Philologe aus Bialystok hatte 1887 seine Welthilfssprache Esperanto entwickelt und damit immer auch eine Friedensutopie verbunden.

Anlass für uns, mit einem Esperantisten zu sprechen, der allein schon in seiner beruflichen Karriere vielsprachig war, der deutsche Diplomat und Botschafter a.D. Ulrich Brandenburg. Er hat die Bundesrepublik vielerorts diplomatisch vertreten, unter anderem bei der NATO in Brüssel, als Botschafter in Moskau und Lissabon, und wohl nur wenige wissen, dass er neben seiner Muttersprache Deutsch auch quasi eine Vatersprache hat, Esperanto nämlich. Sein Vater hat mit ihm und seinen Geschwistern immer ausschließlich und lebenslang Esperanto gesprochen. Herr Brandenburg, guten Morgen!

Ulrich Brandenburg: Guten Morgen, Frau von Billerbeck!

von Billerbeck: Wann haben Sie denn zum letzten Mal Esperanto gesprochen?

Brandenburg: Das ist noch gar nicht so lange her. Ich treffe mich ab und zu mit Esperanto-Kollegen in Berlin, und wenn wir da schon zusammen sind, ist das natürlich auch immer eine Gelegenheit, die Sprache zu praktizieren. Das mag drei, vier Wochen her sein.

von Billerbeck: Ihr Vater hat mit den Kindern, also auch mit Ihnen, ausschließlich Esperanto gesprochen. Wie kam denn Ihr Vater zu dieser Sprache?

Brandenburg: Mein Vater war fast fünf Jahre im Krieg. Er ist dann zurückgekommen mit dem Gefühl, so was darf nie wieder passieren. Er hat von Esperanto gehört, hat sich dann dort engagiert in der Esperanto-Bewegung, die, wie übrigens auch nach dem Ersten Weltkrieg, nach dem Zweiten Weltkrieg einen gewissen Aufschwung bei uns genommen hat. Das lag sicher auch daran, dass es eine Möglichkeit war, Kontakte über die Grenzen anzuknüpfen mit anderen Esperantisten im Ausland.

Esperanto war in der Nazi-Zeit verboten

Und es lag vielleicht auch daran, dass Esperanto in der Nazi-Zeit verboten war, so wie auch unter Stalin im Übrigen, in der Sowjetunion. Mein Vater hat das damals gelernt, hat selber Kurse gegeben, hat bei einem dieser Kurse im Übrigen meine Mutter kennengelernt. Und wir haben es dann so gemacht wie andere auch schon vorher: Sie haben sich die Aufgaben geteilt. Meine Mutter hat mit uns Deutsch gesprochen, und mein Vater nur Esperanto. Und das haben wir dann bis zu seinem Tod beibehalten.

von Billerbeck: Sie waren ja als Botschafter sehr viel in der Welt unterwegs. Hat Ihnen denn Esperanto dabei geholfen?

Brandenburg: Strikt im dienstlichen Sinn nein. Es sind eine ganze Reihe von Kollegen, erstaunlich viele, die auch Esperanto mal gelernt haben oder Esperanto sprechen. Aber man kommt dann doch dienstlich auf dieser Ebene selten zusammen.

Was für mich immer interessant war, ist: Sie haben ja als Diplomat jede Menge Kontakte, dienstliche Kontakte, privat-dienstliche, das läuft aber alles über den jeweiligen Posten, die jeweilige Aufgabe. Und manchmal ist es einfach schön, wenn man auch völlig private Kontakte pflegen kann und dadurch einen etwas anderen Blickwinkel auf das Land bekommt und private, die nichts mit der dienstlichen Aufgabe zu tun haben. Und dafür war es interessant, das war selbst in der Sowjetunion möglich. Und später habe ich die Kontakte dann dort weiter gepflegt. Das einzige Land, in dem ich vor Ort keinen gefunden habe, der Esperanto spricht, war der Irak.

von Billerbeck: Wie ist es denn mit Esperanto selbst? Ist die Sprache heute noch aktiv, also auch so wie in der Zeit, von der Sie vorhin gesprochen haben, als Ihr Vater Esperanto für sich entdeckt hat, nach dem Krieg? Es gab ja auch in der DDR eine größere Esperanto-Gemeinde.

Brandenburg: Ich denke, sie ist aktiv, so wie sich die Kommunikation überhaupt verändert hat über die letzten Jahrzehnte, ist sie jetzt natürlich anders aktiv. Es gibt einen sehr regen Austausch im Internet auf Esperanto. Man kann auch Esperanto lernen in Kursen über das Internet. Für einen dieser Kurse haben sich angeblich inzwischen 700.000, sind es, glaube ich, registrieren lassen. Es kommen jeden Monat 60.000 dazu.

Ob die jetzt alle wirklich Esperanto lernen am Ende, weiß ich nicht, kann niemand nachprüfen, genauso, wie niemand nachprüfen kann, wie viele Leute Klavierspielen gelernt haben. Organisiert sind davon nur sehr wenige. Wenn Sie die Mitgliederzahlen addieren aller Esperanto-Organisationen weltweit, dann kommen Sie auf Zahlen unter 20.000.

von Billerbeck: Nun habe ich ja am Anfang auch gesagt, dass der Erfinder des Esperanto, Ludwig Leiser Zamenhof dahinter auch eine Gesellschaftsutopie des friedlichen Zusammenlebens der Völker, oder damit verbunden hat. Für Sie als Diplomat, war das auch immer die Richtschnur?

Friedliches Zusammenleben als Richtschnur

Brandenburg: Ja, es sollte eigentlich die Richtschnur für alle sein, nicht nur für die Diplomaten. Das steht ja sinngemäß auch in der Charta der Vereinten Nationen, und davon lassen wir uns leiten. Zamenhof hat damals die Vorstellung gehabt – er ist ja aufgewachsen in Bialystok in Polen, an einem Ort, wo unterschiedliche Sprachgruppen, unterschiedliche ethnische Gruppen aufeinandergestoßen sind, wo es Reibereien und Zusammenstöße gegeben hat. Und er hatte die Vorstellung, dass man mit einer gemeinsamen Sprache dem nun abhelfen kann.

Die Sprache hat sich dann gut entwickelt. Sie wird jetzt im Juli 130 Jahre alt, ist 1887 im Juli zum ersten Mal veröffentlicht worden. Aber Ludwig Zamenhof selbst hat dann den Ausbruch des Ersten Weltkriegs miterleben müssen. Er ist ja dann 1917 gestorben, also er hat gesehen, dass zumindest kurzfristig diese seine Vorstellung so nicht aufgegangen ist.

von Billerbeck: Wenn wir uns die europäische Krise angucken, sollten wir darüber nachdenken vielleicht Esperanto zu stärken, gar ein Schulfach Esperanto einzuführen?

Brandenburg: Ich persönlich fände es sehr gut und sinnvoll, aus zwei Gründen. Ein Grund ganz grundsätzlich: Wir haben ja in den letzten Jahren gesehen, das zeigt sich auch an der geringen Wahlbeteiligung bei Europawahlen, dass nur relativ wenige sich mit der Europäischen Union identifizieren, relativ wenige unter unseren Bürgern, in anderen Ländern noch weniger als bei uns. Dafür gibt es viele Gründe. Einer der Gründe ist sicher auch die fehlende Möglichkeit der sprachlichen Verständigung.

Es gibt kein europäisches Staatsvolk, es gibt auch keine wirkliche gemeinsame europäische Öffentlichkeit, und unter diesem grundsätzlichen Aspekt wäre es natürlich gut, wenn man mit einer Sprache, die sich leicht lernen lässt – Sie brauchen, um Esperanto zu lernen, ungefähr ein Viertel oder ein Fünftel der Zeit, die Sie vielleicht für Englisch oder eine andere Fremdsprache einsetzen würden – das ist der eine Grund. Der andere Grund ist eine Erfahrung, die ich selbst gemacht habe: Wenn man frühzeitig Esperanto lernt, und das kann man durchaus schon in der Grundschule, dann wird es sehr viel einfacher, andere Fremdsprache zu lernen.

von Billerbeck: Alles klar! Ulrich Brandenburg war das, Botschafter a.D. und Esperantist. Ich danke Ihnen für das Gespräch, das wir mit ihm in den Ferien geführt haben. Herzlichen Dank, Herr Brandenburg!

Brandenburg: Sehr gern. Wiederhören, Frau von Billerbeck!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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