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Interview | Beitrag vom 01.12.2020

Weltraumschrott sammeln"ClearSpace" gegen wilde Mülldeponie im All

Dirk Lorenzen im Gespräch mit NIcole Dittmer

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Ein alter Ölkanister schwebt im All. (picture alliance / Zoonar  / Stanislav Rishnyak)
Das Weltall ist voll von Müll. Wenn der Schrott kollidiert und immer mehr Trümmerteilchen produziert, wird es gefährlich für die Raumfahrt und für die Erdbewohner. (picture alliance / Zoonar / Stanislav Rishnyak)

Müllstaubsauger fürs Weltall gibt es nur in Hollywoodfilmen. Nun soll es aber eine Art himmlische Müllabfuhr geben. Denn: Tausende Tonnen Schrott fliegen umher und werden zum Risiko für die Raumfahrt, sagt Wissenschaftsjournalist Dirk Lorenzen.

Während hier unten auf der Erde Müllentsorgung und möglichst auch -vermeidung selbstverständlich ist, ist das All ein ziemlicher Schweinestall. Alte Satelliten, abgesprengte Bolzen, explodierte Tanks oder ausgediente Raketenstufen – rund 5000 Tonnen unbrauchbaren Materials fliegen durchs All.

Diese umherfliegenden, miteinander kollidierenden und irgendwann auch herabsausenden Teilchen, von denen viele nur Schräubchengröße haben, sind für uns "Erdlinge" nicht ungefährlich. Denn, sagt der Physiker und Wissenschaftsjournalist Dirk Lorenzen, die kleinen Teilen schlagen mit einer Geschwindigkeit von mehr als 50.000 Stundenkilometern ein – "das ist mehr als zehnmal schneller als eine Gewehrkugel".

Schrott in der Atmosphäre verglühen lassen

Es gebe also Gründe für eine Weltall-Müllabfuhr. Das Projekt "ClearSpace" arbeitet daran. Die Europäische Raumfahrtagentur Esa will zusammen mit einem Industrieteam unter Leitung einer Schweizer Firma erstmals Weltraumschrott zurückholen und in der Atmosphäre verglühen lassen.

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Der Plan: Ein Satellit fliegt ins All zu den Überresten der ausgedienten Rakete Vega – von ungefähr der Größe eines Traktorreifens – und sammelt sie mittels spinnenartiger Greifarme ein. Anschließend findet die Müllverbrennung in der Erdatmosphäre statt. 2025, wohlgemerkt. Aber immerhin steht bereits eine Summe – 86 Millionen Euro – fest, mit der diese Testmission in rund 700 Kilometern Höhe finanziert werden soll.

Das Vorhaben ist also mit viel Aufwand verbunden. Könnte man stattdessen, wie in Science-Fiction-Filmen, nicht eine Art Müllstaubsauger für das All entwickeln? Wäre das nicht effektiver?

"Von Müllstaubsaugern träumen sie alle bei der Nasa und der Esa", sagt Lorenzen. "Das wäre super. Aber das funktioniert nur in Hollywood. Der Weltraum ist ein Vakuum, im luftleeren Raum funktioniert so ein Staubsauger nicht."

Neue Satelliten führen zu immer mehr Trümmern

Letztlich müsse man mit dieser großen Zahl an kleinen und kleinsten Schrottteilen leben lernen. Der Zeitpunkt vorausschauender Müllvermeidung sei schon vor vielen Jahren verpasst worden. "Es gibt bis heute dafür keine gesetzliche Regelung." Und: Unternehmen wie etwa SpaceX, die Netzwerke von Zehntausenden von Satelliten im All aufbauen wollten, verschärften die Situation zusätzlich.

"Da wird es noch sehr viel mehr Müll geben." Die große Sorge sei, dass Satellitentrümmer durch Kollisionen zu immer mehr Trümmern führen werde. "Es gibt bereits Szenarien, dass in 20, 30 Jahren Raumfahrt, so wie wir sie kennen, gar nicht mehr möglich sein wird."

Tatsächlich sei auch die Raumstation ISS gefährdet: Die Station sei immer häufiger zu Ausweichmanövern gezwungen. Jede Erkundung der Astronautinnen und Astronauten außerhalb des schützenden Moduls könnte früher oder später durch eine dann unkalkulierbar große Zahl umherfliegender Schrottteile zur Expedition mit tödlichem Ausgang werden.

(mkn)

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