Weltpremiere von "Octavia. Trepanation" in Amsterdam

Lenins Kopf als große Fundgrube

Bühnenbild von "Octavia" beim Holland Festival in Amsterdam
Weltpremiere einer Opern-Operation: "Octavia. Trepanation" beim Holland Festival in Amsterdam © Luciano Romano / Change Performing Arts 2017
Von Jörn Florian Fuchs · 15.06.2017
Der Komponist Dmitri Kourliandski steht für eine rabiate, explizit politische Form des jungen Musiktheaters in Russland. Nun hat seine Oper "Octavia. Trepanation" beim Holland Festival in Amsterdam Premiere gefeiert. Das Ergebnis ist ein Spiel aus Leichtigkeit, Pathos und Botschaft.
Wer in den Zuschauerraum kommt, der hört sanft an- und abschwellende Klänge, vermischt mit elektronischem Knistern. Auf der Bühne des Muziekgebouw am Amsterdamer Ij-Fluss steht ein riesiger Schädel. Davor bewegen sich kopflose Figuren sanft hin und her. Es sind Soldaten der Terrakotta-Armee, sie klagen ihr Leid in feinen, textlosen Kantilenen.
Plötzlich dreht sich der Kopf und der leibhaftige Lenin sieht uns mit drohend leuchtenden Augen an. Während vier tanzende Polizeischläger den Terrakotta-Chor mit grob gebellten Stoßlauten in Bewegung bringen, öffnet sich Lenins Schädel, darin hadert der störrische, stoische Philosoph Seneca mit seinem Schicksal.

"Octavia" stellt die Frage nach Macht und Machtverlust

Alexey Kochanov singt das mit schönem Bariton, sein Gegenpart Kaiser Nero wird von Sergey Malinin interpretiert, Malinins hell glänzender Tenor wandert auch gern mal ins Falsett. Nero trägt dazu passend überkandideltes, russisches Ornat, darunter ein römisches Gewand. Ein in die Diskussionen und philosophischen Streitereien involvierter Präfekt kommt als durchgeknallter Asiate daher. Regisseur Boris Yukhananov vom Moskauer Stanislawsky-Elektrotheater kreiert und inszeniert mit "Octavia" ein wundersames Aufeinandertreffen verschiedener Zeitebenen, im Zentrum steht die Frage nach Macht, Machtverlust, Tyrannei. Dazu wird Lenins Kopf einer Trepanation unterzogen, also aufgebohrt. Und sein Schädel erweist sich als wahre Fundgrube!
Dmitri Kourliandskys Partitur erweitert die komplexe Anlage des Stücks mit einer sehr eigenen, schrägen Welt. Es wird Russisch gesungen. Als ostinate Grundlage dehnt Kourliandsky die Aufnahme eines Revolutionslieds bis zur Unkenntlichkeit, dazu kommen Einwürfe des Chors, bei den Solisten oft rezitativische Momente mit kleineren ariosen Stellen sowie umfangreiche Live-Elektronik.

Kourliandski erschafft kluge, postmoderne Oper

Während in Lenins Schädel mal eine Kuppel, mal ein Vulkanausbruch oder - nur für kurze Zeit - freundliche Wolken projiziert werden, fährt mehrere Etagen tiefer, direkt vor dem Publikum, eine Kutsche mit skelettierten Pferden vorbei, erscheint Agrippina als Geist, wird die titelgebende Octavia aus dem wohl fälschlicherweise Seneca zugeschriebenen Drama von einem ganzen Frauenchor sehr klangschön verkörpert. Und dann taucht auch noch Leo Trotzki auf und huldigt Lenin. Trotzki ist hier ein Schauspieler und auf einmal sind wir mitten in einem Live-Hörspiel mit Kirchenglocken, Pferdegetrappel, Marktatmosphäre.
Man braucht nicht allen Einzelheiten dieses brillanten Mashups folgen, sondern kann sich einlassen auf das sämtliche Sinne erregende Spiel aus Leichtigkeit, Pathos und Botschaft. Eine Botschaft gibt es tatsächlich, wenn Trotzki am Grabe Lenins die Überlebenden auffordert, nun selbst Verantwortung zu übernehmen. Kurz zuvor hat die graue Menge der Terrakotta-Sänger-Soldaten ihre unförmigen Uniformen abgelegt, der Chor erscheint nun in T-Shirts, Individuen statt Masse. Ein schönes Hoffnungszeichen am Ende dieser klugen postmodernen Arbeit, die ganz ohne die einschlägigen Regiemätzchen auskommt.
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