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Länderreport | Beitrag vom 12.07.2018

Weltmeisterin Anna Kummerlöw"Der Dudelsack war in totaler Harmonie"

Von André Hatting

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In einem historischen Kostüm spielt ein Musiker auf dem Mittelalterliche Phantasie Spectaculum in Bückeburg (Niedersachsen) seinen Dudelsack, aufgenommen 2013 im Gegenlicht. (picture alliance / dpa / Peter Steffen)
"Entweder man liebt ihn oder man hasst ihn", sagt die Dudelsack-Musikerin Anna Kummerlöw über ihr Instrument. (picture alliance / dpa / Peter Steffen)

Sie spielte vor der Queen und hat die gesamte Konkurrenz ausgestochen, sogar die Konkurrenz aus den schottischen Highlands. Die amtierende Weltmeisterin im Solovortrag auf dem Dudelsack ist: die 28-Jährige Anna Kummerlöw aus Mecklenburg-Vorpommern.

"Ich hab niemals damit gerechnet, dass ich an diesem Tag gewinnen würde. Ich war die Einzige aus Deutschland und auch die einzige Frau, die an diesem Tag gespielt hat. Es ist immer ein Mischmasch, also es ist nicht in Altersgruppen oder Geschlecht geteilt. Wir waren da alle zusammen. Und wenn ich mich recht erinnere, war ich die zweite Frau, die das überhaupt in Schottland geschafft hat."

Anna Kummerlöw aus Kladrum, einem kleinen Dorf bei Schwerin. Den WM-Titel hat sich die 28-Jährige beim Braemer Gathering im schottischen Aberdeenshire erkämpft. Dort finden die traditionsreichen Highlandgames statt. Unter der Schirmherrschaft des britischen Königshauses – und den Augen von mehr als 15.000 Zuschauern. Höhepunkt des Festivals ist die Dudelsack-WM. 30 Frauen und Männer aus aller Welt, von Japan bis Kanada, treten an.

Ein Stück dauert 15 Minuten

"Das ist immer so, dass man eine Vorgabe hat von x Liedern, aus denen man sich acht auswählen muss, von denen man dann zehn Sekunden vorher gesagt bekommt: Das spielst du jetzt! All diese Lieder sind aus der klassischen Musik. Da geht ein Stück circa 15 Minuten. Das kann man sich so vorstellen wie lange Etüden von irgendwelchen Klavierspielern oder so. Da wird dann ein Lied gespielt."

Auswendig, unter freiem Himmel, egal ob die Sonne scheint oder es in Strömen gießt – was in Schottland Anfang September durchaus mal vorkommen kann. Auch die Queen hört zu. Sie sitzt selbstverständlich immer im Trockenen. In einer speziellen Loge.

"Ich wusste, dass sie da sein wird. Ich hatte mir auch vorher, also als sie noch nicht dort war, diese grüne Box, dieses Häuschen angesehen, wo sie drin sitzen wird und hab sie dann auch durchs Fenster später gesehen. Die Aufregung steigt dann natürlich schon. Ich wusste, dass sie mir jetzt nicht explizit zuhören wird. Aber allein, dass sie dort war, das hat die ganze Sache natürlich noch etwas gesteigert."

Ein langer, steiniger Weg bis zur Spitze

Dann die entscheidenden 15 Minuten. Es ist recht frisch an diesem Tag in den Highlands. Aber Anna Kummerlöw, die Mecklenburgerin im Schottenrock, beeindruckt das nicht. Unerschrocken legt sie los. Die Dudelsackexperten in der Jury sind begeistert.

"Ich hab mich nicht verspielt. Das ist schon mal die Grundvoraussetzung. Aber irgendwie hätte alles harmoniert, haben sie gesagt. Meine Finger waren, obwohl es etwas kühl und feucht war, trotzdem sehr 'crisp', sagt man im Englischen. Es hat alles auf den Punkt gestimmt und der Dudelsack, der war auch in totaler Harmonie."

Bis zu dieser totalen Harmonie ist es ein langer und steiniger Weg gewesen. Eine Frau? Und dann auch noch aus Deutschland, aus, wie heißt das, Mecklenburg? – die Skepsis bei der Konkurrenz ist am Anfang groß. Aber Anna Kummerlöws Ausdauer noch größer:

"Als sie dann gesehen haben, dass ich immer wieder kam, Jahr für Jahr immer wieder teilnahm und irgendwann dann natürlich auch Plätze errungen habe und sie mich dann auch haben spielen hören und dann hörten, dass das nicht irgendjemand ist, der da ein paar Töne aus dem Dudelsack rauskriegen will, sondern dass das auch Qualität hat, ich denke dadurch ist es mit den Jahren erst gewachsen, dass sie mich akzeptiert haben."

"Mein ganzer Übungsraum ist voll mit Karo"

Dudelsackspielen hat Tradition bei den Kummerlöws. Auch die Eltern Heidi und Hans-Joachim haben sich diesem Instrument verschrieben. Als die Familie noch in Hamburg gelebt hat, spielten sie dort in einer Band. Die Mutter sogar dann noch, als sie mit Anna schon hochschwanger ist. Der alte Spruch, sie hat Musik im Blut, trifft bei Anna Kummerlöw also wörtlich zu. Logisch, dass die Eltern ihre Tochter nicht lange von diesem Instrument überzeugen müssen. Im Gegenteil: Anna kann es gar nicht abwarten, bis sie endlich selbst mal spielen darf. Als sie 12 Jahre alt ist, trifft sie eine folgenschwere Entscheidung.

"Ich bin mit meinen Eltern immer mitgekommen, wo auch immer sie hinfuhren. Und sie haben mal bei einem Auftritt gespielt und an dem Tag war ich es leid, immer nur dabei zu stehen. Ich wollte unbedingt auch Dudelsack spielen. Mein Vater hat tatsächlich gewartet, bis ich von alleine kam. Denn sonst hätte er mir garantiert schon viel früher das Dudelsackspielen beigebracht."

Der Beginn einer jahrelangen Leidenschaft. Dudelsackspielen, das ist eine Lebenseinstellung, sagt die heute 28-Jährige.

"Meine Bettwäsche ist aus Karomuster, unsere Salzstreuer haben Dudelsackformen, alle unsere Tassen haben irgendwie schottischen Motive drauf. Mein ganzer Übungsraum ist voll mit Karo. Früher hat man natürlich auch Figuren gesammelt und alles, was dazu gehört. Mittlerweile habe ich die halt alle schon."

Aus Rücksicht auf die Nachbarn übt sie drinnen

In Kladrum, ihrem Wohnort, leitet Anna Kummerlöw einen eigene Band: Clan MacLanborough Pipes and Drums. Nachwuchsförderung auf dem Land. Dort sind aber nicht alle begeistert vom Dudelsacksound.

"Ich hatte schon viele Probleme mit Nachbarn vor allem, wenn ich jetzt bei diesen Temperaturen auch mal draußen spielen möchte. Das hören die nicht so gerne. Da haben die sich öfter mal beschwert und auch schon mal die Polizei gerufen. Ich habe die Erfahrung gemacht, Dudelsack, entweder man liebt ihn oder man hasst ihn. Viele können da auch nichts raushören, können sich damit nicht anfreunden und andere finden es so toll, dass ihnen die Haare zu Berge stehen. Also das ist so, glaube ich, nicht eine mecklenburger Sache, sondern eine individuelle Sache."

Aus Rücksicht übt Anna Kummerlöw lieber drinnen. Unterricht nimmt sie auch. Per Videokonferenz. Der Lehrer wird aus Schottland zugeschaltet. In Deutschland kann der amtierenden Weltmeisterin niemand mehr etwas beibringen. Anna Kummerlöw will ihren Titel in diesem Jahr verteidigen. Vormittags unterrichtet sie an einer Schweriner Schule Latein und Englisch. Am Nachmittag bereitet sie sich intensiv auf die kommende Weltmeisterschaft vor.

"Ich habe seit Weihnachten alle acht Lieder auswendig im Kopf, weil wir mit dem Dudelsack auch immer ohne Noten spielen müssen, und festige die jetzt quasi seitdem. Ich spiele jeden Tag mindestens anderthalb Stunden, übe anderthalb Stunden. Und am ersten Septemberwochenende werde ich wieder mein Glück probieren. Mal sehen, ob ich wieder einen guten Tag hab."

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