Seit 20:03 Uhr Konzert

Mittwoch, 23.10.2019
 
Seit 20:03 Uhr Konzert

Fazit / Archiv | Beitrag vom 17.03.2015

Weltausstellung in Mailand Korruption, Mafia und Skandale

Von Thomas Migge

Podcast abonnieren
Bauarbeiten am italienischen Pavillon für die Expo 2015 (dpa / picture alliance / Stefano Porta)
Auch am italienischen Expo-Pavillon gibt es Bauarbeiten. (dpa / picture alliance / Stefano Porta)

Es ist Italiens größte Baustelle: das Expo-Gelände in Mailand. Am 1. Mai 2015 beginnt die Weltausstellung. Wie so vieles in Italien läuft auch dieses Großprojekt nicht ohne Skandale ab. Eine Bestandsaufnahme.

"Das sind eine Million Quadratmeter Grund und Boden. Man sieht deutlich wie es aussehen wird, wenn alles fertig ist. Da ist der Kanal, der auf dem Gelände angelegt wurde. Hier arbeiten etwa 3000 Arbeiter pro Tag. Wir werden das alles rechtzeitig hinbekommen, mit der Hilfe der Länder, die hier ihre Pavillons errichten. Das klappt alles!"

Stefano Gatti ist einer der Pressesprecher der Expo in Mailand. Bei der Rundfahrt über das riesige Gelände versucht er wortreich die Realität schönzureden. Überall wird gearbeitet. Einige Pavillons scheinen fertig, der von Deutschland zum Beispiel.

Architekt Lennart Wiechell entwarf ein weißes und ungemein leicht wirkendes Zeltdorf, das sich auf einer breiten hölzernen Treppenplattform erhebt. Auch der französische Pavillon, eine Art Mega-Gewächshaus, aus dessen hölzernen Wänden noch nicht vorhandene Pflanzen wachsen sollen, präsentiert sich in der baulichen Endphase. Doch das sind Ausnahmen. Das amöbenförmige Gebäude Equadors ist noch längst nicht fertig: unverputzte Rundwände lassen erkennen, dass noch viel zu tun ist. Auch der größte Pavillon, der des Gastgebers Italien, in Form eines riesigen Baumstamms, ganz aus Marmor, verlangt noch viel Einsatz.

Am 1. Mai ist die feierliche Eröffnung angesagt. Doch man muss schon sehr optimistisch sein – angesichts der Heerscharen von Arbeitern, der unasphaltierten Straßen mit dutzenden von Schlaglöchern und der nicht fertigen Parkplätze für tausende von PKW - meint Mario Stinchelli, wenn man glaubt, dass in diesen wenigen Wochen alles fertig werden soll. Stinchelli ist einer der zahlreichen Expo-Ingenieure:

"Das hier ist eine typisch italienische Sache. Mich wundern die Skandale um die Expo nicht. Wo es einen großer Teller mit Kuchen gibt wollen möglichst viele was davon abhaben."

Im Juli vergangenen Jahres sollten die Bauarbeiten für die Weltausstellung beendet sein. Roberto Maroni, Präsident der Region Lombardei, äußerte jetzt hingegen die Befürchtung, dass zwar alles rechtzeitig fertig wird - aber erst wenige Tage vor dem 1. Mai.

Italiens Regierungschef Matteo Renzi passen solche Worte gar nicht. Italien, so Schönredner Renzi, wird bei der Expo sein neues modernes Gesicht zeigen. Wer das anders sieht, sei ein, Zitat, "polemischer Miesmacher". Doch die Furcht geht um, dass Italien mit seiner Weltausstellung, mit dem Thema "Ernährung für alle", eine "brutta figura", machen könnte.

Vor Monaten wurde ein Schmiergeldskandal aufgedeckt

Eine schlechte Figur hat die Expo aber bereits gemacht: Vor einigen Monaten wurde der große Schmiergeldskandal, die so genannte "Expo-Betrugskuppel", aufgedeckt wurde. Der Mailänder Wirtschaftsjournalist Vito Mattarella:

"Hier gab es Leute, die ganz bestimmte Bauarbeiten, vor allem die der nationalen Pavillons, in eine ganz bestimmte Richtung lenken wollten. 13 Milliarden Euro: das sind die Gesamtausgaben der Expo, und davon wollen viele korrupte Elemente viel abhaben."

Anscheinend kassierten verantwortliche Expo-Manager, einige wurden bereits verhaftet, Dutzende von Millionen Euro von Bauunternehmern, die sich auf diese Weise die besonders lukrativen Aufträge sicherten. Dass die Verhafteten beste Beziehungen zur alten politischen Elite haben, vor allem zur Entourage von Silvio Berlusconi, wundert in Italien niemanden. Der Name des Medienzaren fällt bei den aktuellen Ermittlungen immer wieder. Ermittelt wird noch nicht gegen ihn.

Doch es wird gegen Mafiaclans ermittelt. Die kalabresische `Ndrangheta scheint den Ermittlern zufolge ganz groß im Expo-Geschäft mitzuwirken, berichtet David Gentili, Präsident der Mailänder Antimafiakommission. Gentili war der erste, der schon vor Monaten darauf hinwies, dass vor allem der Bau der nationalen Pavillons zum Big Business der Bosse degeniert ist:

"In der Provinz Mailand kontrolliert die 'Ndrangheta die Bauindustrie. Betroffen sind die 53 Länder, die eigene Pavillons errichten. Jedes Land investiert etwa 30 bis 60 Millionen Euro. Niemand kontrolliert, an was für Unternehmen diese Bauaufträge gingen. Etwa zwei Milliarden Euro öffentlicher Gelder entziehen sich so der Anti-Mafia-Kontrolle."

Die Ermittler der Polizei vermuten, dass auch lokale Politiker von der Vergabe von Bauaufträgen an mafiöse Unternehmen wussten.

Die schiere Größe des Weltausstellungsprojekts und die große Eile, um rechtzeitig fertig zu werden, scheinen eine Gesamtkontrolle der Situation unmöglich zu machen. Überprüft werden müssten zirka 160 Bauunternehmen. Das nicht wenige von ihnen mit der Mafia unter einer Decke stecken oder ihr gehören: das scheint niemanden besonders zu interessieren.

Um die möglichst pünktliche Fertigstellung nicht zu gefährden wurden sogar Ende 2013 die eigentlich vorgeschriebenen staatliche Kontrollen für öffentliche Bauaufträge gelockert. Der organisierten Kriminalität wurde es so leicht gemacht bei der Expo ganz groß abzusahnen.

In wenigen Wochen soll die Weltausstellung Expo 2015 vor den Toren Mailands eröffnen. Sorgen bereitet nicht nur der Zeitplan.

Sandsturm. Von Norden fegt er herein, von den blendend weißen Schneegipfeln der Alpen herunter, ungebremst, freie Bahn. Immer neue Wolken an Staub treibt er hoch. Schuhe, Hose, Jacke: Alles wird grau in kürzester Zeit. In den Augen kratzt, zwischen den Zähnen knirscht es. Italiens größte Baustelle, mehr als zwei Kilometer lang, liegt offen da. Lkws stauen sich auf Straßen voller Schlaglöcher und unbedeckter Gullys.

Bagger lärmen; Kehrmaschinen kreisen ebenso pausen- wie erfolglos. Bis zu 3000 Arbeiter sind damit beschäftigt, aus hoch aufragenden Holz- und Stahlskeletten Gebäude zu formen. Es eilt. Schon am 1. Mai soll auf diesem Messegelände vor den Toren Mailands alles aussehen wie aus dem Ei gepellt: Dann wird sie eröffnet, die Weltausstellung, die Expo 2015. 24 Millionen Besucher werden bis Ende Oktober erwartet.

"Ich sehe nur eine Möglichkeit, wie wir rechtzeitig fertig werden",

Sagt Cristiano Borsani.

"Wir schicken die Architekten weg, die Ingenieure gleich danach, dann können sich unsere Männer endlich auf die Arbeit konzentrieren."

Und er lacht. "Bin ja selbst Ingenieur", sagt er. Borsani, gelbe Warnweste über dem Wintermantel, leitet die Baustelle des österreichischen Pavillons.

145 Länder beteiligen sich an der Expo

Im November erst aus dem Boden gestampft, im wahrsten Sinne des Wortes, liegt wenigstens er gut in der Zeit. Sogar die haushohen Bäume sind schon gepflanzt, der Hauptbestandteil jenes Waldes, mit dem Österreich doppelt so viel Sauerstoff produzieren will, wie seine maximal 900 Besucher pro Stunde verbrauchen werden. Deutschland, direkt gegenüber, hat noch viel zu hämmern und zu schrauben, zu verkleiden und zu installieren auf seinem "Feld der Ideen". Equador gar, gleich daneben, ist noch nicht mal über seine Grundfesten hinaus.

Von A wie Afghanistan bis Z wie Zimbabwe beteiligen sich 145 Länder an dieser Expo. "Feed the Planet, den Planeten ernähren" hat Italien als Motto über seine Weltausstellung geschrieben – nicht von ungefähr. Nahrungsmittel und das von ihnen transportierte "italienische Flair" machen, noch in der ärgsten Krise wachsend, einen großen Teil des eigenen Exports aus; bei Wein, Kaffee und Pasta zählt das Land zur Weltspitze. Und dann die Schokolade...

In Mailand soll es ein halbes Jahr lang um die Bedingungen, die Zukunftstauglichkeit und die Umweltverträglichkeit der globalen Lebensmittelproduktion gehen. Eine Welternährungs-Show gewissermaßen, bei der sich 93 Länder mit einem eigenen Pavillon präsentieren und sich die restlichen – meist solche, die sich große Ausgaben nicht leisten können – thematisch zusammengeschlossen haben.

Da gibt es den "Cluster Reis" zum Beispiel, mit viel Wasser und noch mehr Spiegeln, damit die "Felder" so groß aussehen wie nur möglich; oder es gibt den "Cluster Trockengebiete" mit Eritrea, Somalia, Mali, Palästina beispielsweise.

Es dominieren biologische Formen und organische Baumaterialien

Dem Thema gemäß dominieren "biologische" Formen und organische Baumaterialien, zumindest in der optischen Außengestaltung von Beton- oder Stahlgerippen. Mexiko hat seinen Pavillon als liegenden Maiskolben gestaltet, Malaysia als vier Samenkörner. Katar hat einen kreisrunden Erntekorb geflochten und Chile sich von alpenländischen Fachfirmen einen mächtigen Massivholzquader aufrichten lassen. Gastgeber Italien wiederum kleidet den natürlich wuchtigsten Pavillon des Geländes derart in eine marmorweiße Rindenstruktur aus Spezialbeton, so dass er an einen mächtigen, alten Baumstamm erinnert.

Demgegenüber kann sich allein Österreichs lang gestreckter Wald-Pavillon ein politisch unkorrektes Erscheinungsbild leisten. Seine Holzfassade ist so grau lackiert, dass sie aussieht wie waschechter Beton. "Damit fallen wir hier wenigstens auf", sagt Ingenieur Borsani lachend.

In der Mittagspause ziehen auch Bauarbeiter übers Areal, als neugierige Touristen, staunend auch über verwegene architektonische Einfälle, fachsimpelnd über Materialien, Konstruktionsweisen, mögliche Kosten. "Hier tut sich so viel in so kurzer Zeit", sagt einer. "Wenn du mal drei Tage lang nicht nachsiehst, erkennst du das Gelände nicht wieder." Und dann fotografieren er und seine Kollegen sich gegenseitig an den am schnellsten wachsenden Stellen. Mehr Freizeitvergnügen gibt's auf der Baustelle sowieso nicht. Nicht mal eine Bar steht dort, geschweige denn eine Mensa – "und das, obwohl wir an einer Expo zum Thema 'Nahrung' arbeiten sollen", sagt Borsani. Und Strom gibt es auch noch keinen: "Alles hängt hier immer noch an Dieselgeneratoren."

Die Bau-Probleme haben andere Themen verdrängt

Um andere Themen ist es so kurz vor der Expo-Eröffnung wieder leiser geworden in Italien: um die Bestechung bei Bauaufträgen, die 2014 so viel Furore gemacht hat, und um die Tatsache, dass laut Antimafia-Direktion Arbeiten von 100 Millionen Euro Umfang ursprünglich an Firmen gegangen sind, die zur Mafia gehören. 46 dieser Unternehmen wurden bis heute hinausgeworfen – was natürlich auch nicht zur Beschleunigung der Arbeiten beigetragen hat.

Sehr diskret arbeiten die Behörden an der anderen, großen Herausforderung: an der Sicherheit. Angesichts der wiederholten Drohungen islamistischer Milizen gegen Italien hat dieses Thema immer stärker an Bedeutung gewonnen.

Vor diesem Hintergrund nimmt sich die geradezu klassische italienische oder besser gesagt Mailänder Frage geradezu spießig aus: Werden die Bühnenarbeiter der Scala, wie sie es vor Opernpremieren mit besonders vielen Staatsgästen immer wieder gerne tun, auch die Eröffnung der Expo bestreiken? Mit einer Gala-Aufführung von Giacomo Puccinis "Turandot" soll es im Saale losgehen – allerdings am 1. Mai, und die "Scala"-Gewerkschafter haben angekündigt, sie würden sich das angestammte Recht auf ihre "geheiligten" Mai-Demonstrationen von nichts und niemandem nehmen lassen.

Mehr zum Thema:

Expo 2015 in Mailand - Lukrative Geschäfte für die Mafia
(Deutschlandfunk, Europa heute, 27.03.2014)

Kunst im Fluss
(Deutschlandradio Kultur, Fazit, 24.05.2013)

"Expo 2017" geht nach Kasachstan
(Deutschlandradio, Aktuell-Archiv des früheren dradio.de-Auftritts, 23.11.2012)

Kulturpresseschau

Aus den FeuilletonsDer Traum vom Fliegen
Richard Neuhauss (1855–1915), Otto Lilienthal am Fliegeberg in Lichterfelde. (Museum LA8/Otto Lilienthal-Museum, Anklam)

Eine Ausstellung über das Fliegen wird in der "Welt" besprochen und resümiert: "Was die mutigen Pioniere allesamt unterschätzt hatten: Über den Wolken ist auch die Unfreiheit grenzenlos." Auch die anderen Feuilletons besprechen Ausstellungen.Mehr

weitere Beiträge

Der Theaterpodcast

Folge 17Wirtschaftswunder, Winnetou und Wurst?
Olaf Hoerbe als Intschu-tschuna spielt während der Hauptprobe von "Winnetou " auf der Felsenbühne in Rathen, Sachsen. (dpa /  Matthias Rietschel)

Wie reagieren Theater auf veränderte gesellschaftliche Bedingungen in Zeiten des erstarkenden Rechtspopulismus? In einer Umfrage haben 32 Theaterleiter in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen darauf geantwortet.Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur