Mittwoch, 26.02.2020
 

Studio 9 - Der Tag mit ... | Beitrag vom 23.01.2020

"Welt/N24"-Chefredakteur Ulf Poschardt Die meisten Journalisten "beten die Positionen der Grünen nach"

Moderation: Korbinian Frenzel

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Ulf Poschardt im Porträt (imago/epd/Jürgen Blume)
Ulf Poschardt, Chefredakteur der Tageszeitung "Die Welt" (imago/epd/Jürgen Blume)

Das Verhältnis zwischen privaten und öffentlich-rechtlichen Medien in Deutschland ist nicht immer das Beste. Eine neue Runde im Konflikt eröffnete jetzt Ulf Poschardt. Sein Vorwurf: eine zu große Nähe der Öffentlich-Rechtlichen zu den Grünen.

Harsche Kritik von "Welt"-Chefredakteur Ulf Poschardt an seinen Journalistenkollegen im Allgemeinen - und am öffentlich-rechtlichen Rundfunk im Besonderen. Sein Vorwurf: eine zu große Nähe zu den Grünen.

Als Beispiel verweist Poschardt auf die Berichterstattung nach dem Kommentar Robert Habecks zu Donald Trumps Rede beim Weltwirtschaftsforum in Davos. Kurz nach Trumps Auftritt in Davos hatte der Grünen-Chef in einem Interview harsche Kritik am US-Präsidenten geäußert: Unter anderem, dass Trump "der Gegner" sei, der "für alle unsere Probleme" stünde. Habecks Worte sorgten wiederum bei einigen Unionspolitikern für Empörung. Und bei Journalisten?

Folgt man Ulf Poschardt, reagierten sie so: "Wenn man sich auch die Kommentierung anguckt nach der Habeck-Rede in Davos... Wenn auch nur die leichteste Kritik an Robert Habeck geäußert wird, gibt es sofort einen Schwarm von Journalisten, der sozusagen loslegt, um zu erklären, warum das super ist, was er da gemacht hat."

"Wir haben zu nichts ein obsessives Verhältnis"

Vor allem die Berichterstattung der öffentlich-rechtlichen Medien zu den Grünen müsse man sich angucken, so der "Welt"-Chefredakteur weiter: "Wenn WDR-Kommentare zu den grünen Parteitagen praktisch jenseits der eigenen Parteiprogrammatik der Grünen abgefeiert werden. Also, ich stelle mir immer die arme, arme Person bei den Grünen vor, die PR machen muss, wenn so ein WDR-Kommentar - das kannst du ja nicht mehr schlagen."

Für die "Welt" gilt das Poschardt zufolge nicht: "Wir gehören zu den vier Prozent Journalisten in Deutschland, die nicht zwangsläufig immer die Position der Grünen nachbeten."

Die Frage, ob nicht umgekehrt die "Welt" ein geradezu obsessives Negativverhältnis zu den Grünen habe, verneint Poschardt allerdings strikt: "Wir haben zu nichts ein obsessives Verhältnis, außer zur Wahrheit und zu dem, was wir als Leidenschaft für den Beruf haben. Und weltanschaulich schon gar nicht. Wir sehen das sehr differenziert." Insofern schaue man sich die Grünen sehr genau an:

"Ich finde, die Grünen sind als machtpolitischer Faktor so wichtig, dass wir sie ernst nehmen. Und wir sprechen ja mit ihnen, die schreiben übrigens auch für uns, die schreiben sehr gerne für uns, und dann haben wir das, was wir am liebsten haben, nämlich eine sehr, sehr aufregende Diskussion und der stellen wir uns gerne."

(uko)

Ulf Poschardt, Jahrgang 1967, ist seit 2016 Chefredakteur von WELT-N24. Stationen waren zuvor die "Welt am Sonntag", "Vanity Fair" und das Magazin der "Süddeutschen Zeitung". 

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