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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 23.10.2008

Welt im Schatten

Emil Tonev: "Man nannte ihn Ombre", Wieser Verlag, Klagenfurt 2008

Statt in Paris ist Angel in einer Welt gelandet, die von Schattenwesen bewohnt wird. (Stock.XCHNG / Michal Dobrotka)
Statt in Paris ist Angel in einer Welt gelandet, die von Schattenwesen bewohnt wird. (Stock.XCHNG / Michal Dobrotka)

Die Zustände im heimatlichen Bulgarien lassen den vagabundierenden Journalisten Angel den Entschluss fassen, sein Glück im Westen zu versuchen. Wie es sich für einen Roman gehört, geht der Plan schief. Er landet bei einer Gruppe, die eine Existenznische gefunden hat, indem sie Holzkohle herstellt. Sie lebt in einer brüchigen Siedlung, nahe dem Wald.

Der Titel dieses Romans klingt nicht nur nach Western, er zitiert sogar einen: "Man nannte ihn Hombre" von Martin Ritt (1967) gehört zu den Klassikern des Genres, und der Autor dieses Romans greift durchaus Motive jener Filmgeschichte auf. Eine nicht sehr große Gruppe von Menschen, die sich in misslichen Umständen behaupten müssen und deren Zusammenhalt schließlich zerbricht, Schießereien, die Nicht-Zugehörigkeit des Helden zur Gruppe, eine attraktive, dabei rätselhafte Frau, all das sind Konstellationen, die sowohl den Film als auch den Roman durchziehen.

Natürlich stutzt man bei der Schreibweise. Wieso "Ombre" und nicht "Hombre"? Der Autor selbst liefert einen deutlichen Hinweis. Denn sein Held und Ich-Erzähler Angel ist eigentlich so gut wie auf dem Weg nach Paris, Frankreich. Die miesen Zustände im heimatlichen Bulgarien und das Drängen seiner Schwester, die bereits in Paris lebt, lassen den freien oder auch vagabundierenden Journalisten 1997 den Entschluss fassen, die Balkan-Misere zu verlassen und sein Glück im Westen zu versuchen. Nur noch ein kleines Drogengeschäft muss er abwickeln, um das nötige Start- und Reisegeld schnell beisammen zu haben. Wie es sich gehört, geht der Plan in allerletzter Minute durch einen Zufall schief, nach einer Schießerei mit den örtlichen Mafia-Chargen muss Angel fliehen – ohne Ware, ohne Geld.

Die ihn retten, schließlich für längere Zeit aufnehmen, sind die eigentlichen Protagonisten des Romans. Ein westliches Verständnis würde sie wohl "Aussteiger" nennen, in Wahrheit sind sie Ausgeworfene. Ausgeworfen von den politischen und wirtschaftlichen Umbrüchen der 90er Jahre auf dem Balkan, haben die Mitglieder dieser Gruppe eine Existenznische gefunden, indem sie Holzkohle herstellen und verkaufen. Sie leben im Abseits, in einer primitiven und brüchigen Siedlung, nahe bei ihrem Arbeitsgegenstand, dem Wald. Statt in Paris ist Angel in einer Welt gelandet, die im Schatten liegt und von Schattenwesen bewohnt wird, auf die das Licht der Aufmerksamkeit kaum je fällt (ombre – frz.: Schatten).

Mit großem erzählerischen Geschick beschreibt Tonev einerseits die unmittelbaren Lebensumstände in dieser Gruppe, die zwar durch einige eiserne Regeln und eine unangefochtene Autoritätsperson zusammengehalten wird, die aber zugleich auf Grund ihrer Heterogenität immer wieder Bruchstellen, Konflikte, Auseinandersetzungen zum Vorschein bringt oder provoziert. Exkurse in die bewegten Biografien dieser Personen blenden, andererseits, den historischen Hintergrund des Geschehens ein – vom Jugoslawien-Konflikt bis zum Zusammenbruch der Sowjetunion. Und schließlich vollendet der Autor seine Geschichte ganz in der Manier eines spannenden und tragischen Western: vom Tod gestreift, von Verlusten betroffen, aber gereift, zieht der Held von dannen, um seine Geschichte aufzuschreiben.

Rezensiert von Gregor Ziolkowski

Emil Tonev: Man nannte ihn Ombre. Roman
Aus dem Bulgarischen von Ines Sebesta
Wieser Verlag, Klagenfurt 2008
255 Seiten, 18,80 Euro

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