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Radiofeuilleton - Wissenschaft und Technik / Archiv | Beitrag vom 04.01.2014

Welt-Braille-TagKeine Sehkraft, aber fit am PC

Punktschrift ermöglicht Blinden die Arbeit am Computer

Von Stephanie Kowalewski

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Ein Computer mit Windows 7 für Sehbehinderte.  (picture alliance / dpa)
Ständig neue Entwicklungen: ein Computer mit Windows 7 für Sehbehinderte. (picture alliance / dpa)

Der als Kind erblindete Louis Braille erfand mit 15 Jahren eine Schrift, die Millionen Blinden noch heute das Leben erleichtert. Mittlerweile können sie mit einer Braille-Zeile auch handelsübliche Computer nutzen. Der Welt-Braille-Tag erinnert an den Erfinder der Punktschrift.

"Ja, ich bin von Geburt an sehbehindert, angeborener Grüner Star. Das ging 20 Jahre ganz gut."

Doch dann der Schock. Während Peter Joedecke mit Freunden im Urlaub beim Abendessen sitzt, sieht er plötzlich einen hellen Lichtblitz.

"Und dann hat sich die Netzhaut abgelöst. Und das ging innerhalb von ein paar Sekunden, dass ich dann von meinem Sehrest, den ich damals hatte, auf Null runtergegangen bin. Ja und renn dann halt eben seit Oktober ´87 im Dunkeln durch die Gegend."

Von einem Augenblick auf den anderen ist alles anders. Peter Joedecke ist jetzt vollblind und damit zu einhundert Prozent schwerbehindert.

"Was für mich am allerschlimmsten eigentlich gewesen ist, dass ich keine Möglichkeiten mehr hatte an meinem Computer zu arbeiten. Weil ich es jetzt einfach nicht mehr lesen konnte. Oder was mich auch ganz gewaltig genervt hat: wenn ich in die Stadt gegangen bin und wollte etwas kaufen, da wurde dann meine Begleitung gefragt, was hätte er denn gerne. Da habe ich dann meistens gesagt, er hätte gar nichts gerne. Er geht jetzt."

Damals kommt in dem 20-jährigen - neben der zeitweisen Verzweiflung - oft auch Wut auf. Heute nimmt es der 46-jährige meist mit Humor.

"Ich denke schon, dass man es ein bisschen mit Humor nehmen muss, weil sonst kommt man damit einfach nicht klar."

Schwierig wird es durch seine starke Sehbehinderung vor allem ab der Schulzeit, erzählt Peter Joedecke, der damals noch in Daun in der Eifel wohnt.

"Die Gymnasien, die wir hatten, die haben mich beide abgelehnt, wegen der Sehbehinderung. Die Realschule hat auch abgelehnt wegen der Sehbehinderung. Und dann habe ich meinen Realschulabschluss auf der Hauptschule gemacht. Aber ich bin trotzdem ganz froh, dass ich auf eine normale Schule gehen konnte, auch wenn es teilweise wirklich hart war. Ich möchte es trotzdem nicht missen."

Als Zehnjähriger sitzt er mit einem auf seine Augen abgestimmten Fernglas in der Klasse, damit er von seinem Platz aus das Geschriebene auf der Tafel lesen kann. Vielmehr Hilfsmittel hat er damals nicht. Noch ein paar Lupen für Bücher und eine kleine Taschenlampe, das wars. Hat aber gereicht, sagt er. Nach der Schule bekommt er in Heidelberg einen Ausbildungsplatz zum Datenverarbeitungskaufmann. Doch bevor er die Lehre anfangen kann, erblindet er völlig.

Blinde navigieren nur über Tastatur

"Ja und dann bin ich trotzdem nach Heidelberg gefahren aber die meinten dann auch, ne das bringt nichts ohne Sehrest. Ja, blindentechnische Grundausbildung, da bin ich dann nach Düren gekommen, ins Berufsförderungswerk und hab dann so Blindenschrift gelernt und mit dem Stock umgehen, Mobilitätstraining, Umgang mit der Küche, wie kann ich mir etwas zu essen kochen und so Geschichten waren da alle mit drin."

So eine blindentechnische Grundausbildung dauert in der Regel ein Jahr und steht allen Blinden zu, die noch berufsfähig sind. Hier lernt Peter Joedecke auch, wie er trotz seiner Blindheit am Computer arbeiten kann.

"Die Entstehung des ganzen Computerbereiches hat den blinden und sehbehinderten Menschen natürlich sehr gut getan, hat ihnen Lebensbereiche und Arbeitsmöglichkeiten erschlossen."

Sagt Susanne Satzger, die beim Integrationsfachdienst Sehen in Düsseldorf blinde und sehbehinderte Menschen bei der Suche nach einem Ausbildungs- oder Arbeitsplatz unterstützt.

"Man hinkt der Entwicklung immer ein bisschen hinterher, weil alles das, was erfunden wird oder neu entsteht, muss dann erst wieder für blinde und sehbehinderte Menschen angepasst werden."

Der Erfinder der Blindenschrift: Louis Braille. (picture alliance / dpa)Der Erfinder der Blindenschrift: Louis Braille. (picture alliance / dpa)

Doch das, was heute an technischen Hilfsmitteln zur Verfügung steht, ermöglicht blinden Menschen wie Peter Joedecke an einem normalen Büroarbeitsplatz zu arbeiten, und zwar fast wie die sehenden Kollegen. Nur das weiß kaum jemand:

"Die Schwierigkeit ist, jemandem zu vermitteln, dass man als Blinder an einem Computer arbeiten kann. Wenn ich das jemandem erzähle, der wirklich keine Ahnung hat, du, ich kann das gleiche machen, was du auch machen kannst, der denkt dann auch, ja wie geht das denn, wie geht das denn."

Ein Blinder bedient den Computer ohne einen einzigen Mausklick. Statt mit schnellen Klicks navigiert er sich mit einer Tastatur, auf der bestimmte Tasten fühlbar markiert sind, und einer Vielzahl von Tastenkombinationen, so genannten shortcuts, durch die elektronische Welt. Die Integrationsexpertin beschreibt, was noch zu einem blindengerechten Computerarbeitplatz gehört.

"Da bräuchte er jetzt die Braillezeile, auf der die Blindenschrift abgebildet wird. Und damit ist er in der Lage, das was auf dem Computerbildschirm der Sehende mit den Augen sieht, mit den Fingern das gleiche zu sehen. Dann braucht er noch bestimmte Software dazu, die das Ganze dann umwandelt in Text auf der Braillezeile."

Er braucht wahrscheinlich einen Scanner, der Texte einliest und für ihn dann wiederrum auf der Braillezeile zugänglich macht, er braucht wahrscheinlich eine Sprachausgabe und dann kann er normal arbeiten, wie ein anderer Mitarbeiter auch.

Solch ein Computerarbeitsplatz kostet zwischen zehn- und fünfzehntausend Euro. Finanzieren muss das aber nicht der Arbeitgeber. Vielmehr werden sämtliche Hilfsmittel, die wegen der Behinderung notwendig sind, von den jeweils zuständigen Kostenträgern komplett bezahlt. Je nach Situation kann das die Agentur für Arbeit, der Rentenversicherungsträger, das Integrationsamt, örtliche Fürsorgestellen oder Berufsgenossenschaften sein. Doch laut einer aktuellen Studie von Aktion Mensch weiß jedes fünfte Unternehmen nicht, dass es solche Fördermittel beantragen kann.

Und selbst von denen, die es wissen, nehmen 27 Prozent die Gelder nicht in Anspruch. Das deckt sich mit den Erfahrungen der Integrationsberaterin, die bei der Vermittlung von Blinden bei den Unternehmen oft auf Ablehnung stößt.

"Ein Arbeitgeber weiß, dass damit ein gewisser Mehraufwand verbunden ist. Und wenn eben genug andere Personen zur Verfügung stehen, die diese Aufgabe erfüllen können, ja dann wird man eben schnell von vornherein aussortiert."

Fünf-Prozent-Quote für Mitarbeiter mit Behinderungen

Die Firmen zahlen lieber die Ausgleichsabgabe, statt einen behinderten Menschen einzustellen. In Deutschland müssen nämlich Unternehmen mit mehr als 20 Mitarbeitern mindestens fünf Prozent ihrer Arbeitsplätze mit Behinderten besetzten. Tun sie das nicht, müssen sie eine Strafe zahlen. Das Geld fließt an die Integrationsämter. Die Statistik zeigt: je kleiner die Firma, desto schlechter ist die Quote.

"Die großen haben mehr Möglichkeiten, aber die großen Firmen haben auch viel stärker rationalisiert in den letzten Jahren. Wenn man beispielsweise die Post sieht, die war früher der größte Arbeitgeber für blinde und sehbehinderte Menschen. Die Post ist ja privatisiert worden und dadurch ist die Hälfte dieser Arbeitsplätze weggefallen. Ja, so läuft das dann leider."

Dank der technischen Hilfsmittel kann schließlich auch Peter Joedecker doch noch seine Ausbildung zum Datenverarbeitungskaufmann in Heidelberg machen.

"Sicher war das ein Glück, weil man will ja auch wirklich irgendetwas tun."

Er schließt die Ausbildung erfolgreich ab, freut sich, nun endlich Geld verdienen zu können. Doch die Suche nach einem Job ist mühsam und frustrierend.

"Es ist nicht einfach auf dem Arbeitsmarkt, aber für die Leute, die irgendein Handicap haben, ist es noch schwieriger."

Das bestätigt auch die neue Untersuchung von Aktion Mensch. Laut dem Inklusionsbarometer Arbeit ging die Zahl der Arbeitslosen in der Gesamtbevölkerung seit 2005 um fast 40 Prozent zurück, bei Menschen mit Schwerbehinderung jedoch nur um knapp acht Prozent. Susanne Satzger vom Integrationsfachdienst Sehen bringt es auf den Punkt:

"Der Aufschwung jetzt auf dem Arbeitsmarkt, der spiegelt sich überhaupt nicht in den Arbeitsmöglichkeiten für schwerbehinderte Menschen wieder."

So ist die Arbeitslosenquote unter behinderten Menschen mit 14 Prozent mehr als doppelt so hoch wie bei Nichtbehinderten. Und die stark Sehbehinderten und Blinden sind besonders betroffen, sagt Susanne Satzger. Das war schon vor knapp 20 Jahren so, erinnert sie sich.

Kein neues Problem also, aber eines, dass in Zeiten von Inklusion und Gleichberechtigung noch schwerer wiegt. Zumal es gerade für Computerarbeitsplätze so gute technische Hilfsmittel gibt, die das fehlende Sehvermögen nahezu komplett kompensieren. Doch das wissen viele Arbeitgeber nicht und scheuen auch deshalb blinde Menschen einzustellen. Das hat auch Peter Joedecke erlebt:

"Teilweise war es so, wenn ich Unterlagen irgendwo hingeschickt habe, die waren so schnell wieder zurück, also ich weiß gar nicht, wie die das mit der Post geschafft haben, das so schnell wieder zurück zu schicken. Es ist leider so. Da müsste eigentlich in den Köpfen der Leute mal was passieren, die für die Jobvergabe verantwortlich sind, also die ganzen Personalleute."

Laut Aktion Mensch wird die gesetzliche Fünf-Prozent-Beschäftigungsquote für Behinderte permanent unterschritten. Rund 37.000 Arbeitgeber in Deutschland haben gar keinen Menschen mit Behinderung auf der Gehaltsliste. Das entspricht einem Anteil von immerhin 26 Prozent. Es gibt eben sehr viele Vorbehalte und Vorurteile, sagt Susanne Satzger:

"Als erstes denken Arbeitgeber, und das kommt tatsächlich häufig, den werde ich ja nicht mehr los wenn ich den einmal eingestellt habe, weil die ja einen besonderen Kündigungsschutz haben, der ihnen tatsächlich einen gewissen Schutz gibt. Aber wenn der Betrieb jemanden nicht mehr beschäftigen kann, dann kann man jeden Menschen kündigen, egal ob schwerbehindert oder nicht. Aber dieses Vorurteil hält sich hartnäckig. Und so scheuen sich Betriebe eben auch schwerbehinderte Menschen einzustellen."

Der Traum: Hardware für Blinde entwickeln

Dennoch ist es Peter Joedecke gelungen, bei unterschiedlichen Betrieben einen Job zu finden. Er arbeitet als Softwareentwickler und Programmierer – bis der letzte Arbeitgeber pleite geht. Das war 2002.

"Dann habe ich wieder zu Hause gesessen, hab Bewerbungen geschrieben und gemacht und getan. Hat man dann hier ne Absage gekriegt, da ne Absage gekriegt. Und da hab ich eben den Papa gespielt und hab meine Tochter versucht groß zu kriegen, weil meine Lebensgefährtin halt ihren Job noch hat. Und dann haben wir es halt so gemacht, dass sie arbeiten gegangen ist und ich dann halt hier den Haushalt gemacht hab und so."

Heute nutzt der gelernte Datenverarbeitungskaufmann den Computer nur noch privat um E-Mails zu schreiben, für Computerspiele und das Surfen im Internet.
Er hat einen blindengerechten Computer samt Braillezeile und Sprachausgabe. Damit es nicht so elendig lange dauert, stellen die meisten Blinden die Sprechgeschwindigkeit so schnell ein, dass das Vorgelesene für Sehende fast nicht mehr zu verstehen ist.

Peter Joedecke findet es dennoch recht komfortabel. Ganz im Gegensatz zum Surfen im Worldwideweb, denn die meisten Hompages im Internet sind nicht barrierefrei. Und die Sprachausgabe liest dann wirklich alles vor: jeden Link, jedes Bildchen, jeden grafischen Schnickschnack, der für Sehende eine Seite erst so richtig schön macht.

"Es gibt unheimlich viele Seiten, hier mit diesen kleinen Flashgeschichten, das mag ich persönlich überhaupt nicht, weil das teilweise nämlich überhaupt nicht funktioniert. Oder wenn laufend irgendwelche Rähmchen aktualisiert werden oder sowas dann ist das schon teilweise ne ganz schöne Qual. Es gibt unheimlich viele Seiten, da gehe ich gar nicht drauf, weil es einfach keinen Spaß macht."

Stattdessen nutzte er den PC mehr für seine Podcasts, seine Hörbücher und für Musik – am liebsten hört er Pink Floyd. Hin und wieder lehnt er sich dann in seiner Düsseldorfer Wohung zurück und denkt über seine Zukunft nach. Seine Tochter ist fast schon erwachsen, er selbst ist jetzt 46 Jahre alt. Da wird es schwierig, sagt Peter Joedecke, noch einmal einen Job als Programmierer zu bekommen.

"Ich möchte doch ganz gerne irgendwann wieder arbeiten gehen, aber ich weiß nicht, ob unbedingt in dem Bereich."

Aber der lebenslustige Blinde hat da schon eine andere Idee: Hardwareentwicklung, das wäre toll, sagt er:

"Ja, so nicht unbedingt Computer entwerfen oder sowas in der Richtung, sondern irgendwie Unterhaltungselektronik, die wir vernüftig bedienen können. Da hätte ich schon irgendwie Lust zu. Da gibt es einfach viel zu wenig von."

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