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Interview | Beitrag vom 21.09.2018

Welt-Alzheimertag"Das Problem ist die Angst davor"

Thomas Kunczik im Gespräch mit Stephan Karkowsky

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Grafische Darstellung von Demenz (imago/Ikon Images)
Grafische Darstellung von Demenz (imago/Ikon Images)

Gegen Alzheimer gäbe es zwar kein Medikament, man könne aber die Risiken einer Erkrankung minimieren, meint Thomas Kunczik vom Institut für gesundes Altern. Dazu gehörten eine gesunde Lebensweise und regelmäßiges "Hirntraining".

Stephan Karkowsky: Heute ist Welt-Alzheimertag, die ganze Woche wird deshalb weltweit aufmerksam gemacht auf die Krankheit. Auch vom Geschäftsführer der Deutschen Gesellschaft für Gerontopsychiatrie und -psychotherapie, Thomas Kunczik. Guten Morgen, Herr Kunczik!

Thomas Kunczik: Guten Morgen!

Karkowsky: Muss man Demenz den Menschen heute noch erklären oder wissen die meisten dank guter Aufklärungsarbeit, was mit Alzheimer gemeint ist?

Kunczik: Also die Erklärungsbedürftigkeit ist weiterhin gegeben. Es ist viel dazugekommen an Wissen, und gerade das Internet und solche Sendungen, wie wir sie gerade machen, helfen da mit, aufzuklären. Aber das Problem bei der Krankheit ist, sehr viele Menschen haben einfach Angst davor, und eine ganz normale menschliche Reaktion ist, wenn man Angst hat, man verdrängt es. Und das ist ein Problem, was wir bei dieser Krankheit immer wieder sehen, aber ja, die Menschen wissen Gott sei Dank mehr.

Karkowsky: Dann lassen Sie uns doch noch mal einen kleinen Grundkurs machen, wo genau der Unterschied ist zwischen einer Demenzerkrankung und dem Suchen nach dem richtigen Namen der Urenkelin zum Beispiel, das fällt Senioren ja manchmal nicht sofort ein. Also wo beginnt die Krankheit?

Wenn Vergesslichkeit neu auftritt: testen!

Kunczik: Also diese Geschichte mit den Vergesslichkeiten, Namen, Schlüssel, Uhren oder Ähnliches, da muss man immer sehr genau nachgucken, ob es jemand ist, der solche Vergesslichkeit schon länger hat. Ich zum Beispiel habe das Problem, nicht erst seit gestern, sondern seitdem ich 20 bin und studiert habe, mir Namen zu merken. Es gibt andere Menschen, die können sich Gesichter nicht merken. Also, wenn so etwas immer vorhanden ist, ist es nicht krankhaft.

Wenn aber innerhalb des letzten halben Jahres zum Beispiel neue Vergesslichkeit, neue Probleme aufgetreten sind, dann lohnt es sich, sehr genau da hinzugucken und eine entsprechende Testung, eine Diagnostik machen zu lassen.

Karkowsky: Nun kann man ja auch sagen, im Alter wird man halt ein bisschen vergesslicher, das könnte ja auch ganz normal sein oder?

Kunczik: Das wird man auch, das ist richtig. Aber da gibt es auch bestimmte Grenzen, das Denken und Lernen verändert sich im Leben, Sie wissen, ich weiß jetzt nicht wie alt Sie sind, aber wenn Sie mit Ihren Kindern Memory spielen, haben Sie keine Chance. Die kleinen Leute haben ein Kurzzeitgedächtnis, da staunt der älter werdende Mensch nur, auf der anderen Seite haben wir sogenannte kristalline Intelligenz, das heißt, wir können uns Dinge länger merken.

Karkowsky: Also, wenn die Vergesslichkeit erheblich zunimmt, dann schon mal zum Arzt gehen und nachgucken lassen. Welche Mittel gibt es denn, Alzheimer zu verhindern? Oder ist es nach wie vor so, dass ich in meinem Leben gar nichts dagegen machen kann?

Kunczik: Also, wenn Sie Mittel gleichsetzen mit Medikamenten, dann…

Karkowsky: Nein!

Prävention durch gesunde Lebensführung

Kunczik: Gut, die gibt es nämlich noch nicht. Die Frage Alzheimer-Prävention, wie beugt man dem vor? Da haben wir inzwischen eine ganze Menge gelernt. Zum einen muss man sich darüber im Klaren sein, das Gehirn ist ja Teil unseres Körpers und nicht irgendwo isoliert, das heißt, wenn es unserem Körper gut geht, geht es auch in aller Regel dem Gehirn gut und besser.

Das, was man für eine gesunde Lebensführung empfiehlt, also Bewegung, ganz wichtig, gute Ernährung, auch sehr wichtig, viele soziale Kontakte, das Sich-Wohlfühlen, das sind Dinge, von denen wir wissen, damit erhöhen Sie die Chancen, gesund zu bleiben. Oder andersherum ausgedrückt, das Risiko, an Alzheimer zu erkranken, sinkt. Dieser Satz ist deshalb wichtig, weil es kann Ihnen keiner sagen, du bekommst Alzheimer oder du bekommst es nicht. Wir reden nur über Risiken.

Eine junge Frau beim Joggen. (imago / Westend61)Bewegung und gesunde Lebensführung minimieren das Risiko, an Alzheimer zu erkranken. (imago / Westend61)
Karkowsky: Nun sagt das Kuratorium Deutsche Altershilfe, bis zu einem Drittel aller Demenzerkrankungen ließen sich durch eine Veränderung der individuellen Lebensweisen und Risiken vermeiden. Sehen Sie das auch so?

Kunczik: Ich halte das für ein bisschen hoch, weil wir da noch gar keine exakten Zahlen drüber haben. Das, was man bei den Demenzerkrankungen – und Demenz heißt ja erst einmal nichts anderes, als dass man sozusagen vergesslicher wird, dass man Gedächtnisstörungen bekommt –, gibt es zwei Aspekte.

Zum einen gibt es den Aspekt, dass, so sagt der Arzt, die sogenannten sekundären Demenzen, das sind Demenzerkrankungen, die Aufgrund einer anderen Erkrankung, keiner Hirnerkrankung, einer anderen Erkrankung wie zum Beispiel Bluthochdruck, wie zum Beispiel Vitaminstörungen, auftreten können. Wir empfindlich das Gehirn ist, das weiß jeder von uns, der länger nicht geschlafen hat oder zu viel Alkohol getrunken hat, da verändert sich was im Denken sofort und ziemlich schnell.

Der andere Aspekt bei den Zahlen des KDAs wird sicherlich auch sein, was wir weltweit mit großem Interesse verfolgen: Es zeigt sich, dass die Wahrscheinlichkeit, an Alzheimer zu erkranken, inzwischen etwas abnimmt in bestimmten Gruppen. Und zwar sind es genau diese Gruppen, die sich dann entsprechend auch anders verhalten, das heißt, Bewegung, Ernährung, das sieht so aus, als ob das ein guter Weg ist.

Karkowsky: Nun ist Bewegung ja nicht jedem gegeben im Alter, wo dann ja oft die Gelenke nicht mehr mitmachen, die Beine schwer werden und man häufiger dann doch auf das heimische Sofa sinkt und den Fernseher anschaltet, "Sturm der Liebe", jeder Nachmittag ist da für manche Senioren bereits fest programmiert. Gibt es eigentlich Untersuchungen, die einen Zusammenhang zwischen Fernsehkonsum und Alzheimer belegen können?

Das Gehirn muss man trainieren

Kunczik: Ja, diese Studien kenne ich nicht. Es gibt aber sehr wohl einen Zusammenhang zwischen Fernsehkonsum – und zwar unterschiedlichen Arten von Fernsehkonsum. Also, wenn Sie Soap-Operas, "Sturm der Liebe" oder Ähnliches schauen, da müssen Sie nicht mitdenken, da lassen Sie sich berieseln, das führt dazu, dass die Leistungsfähigkeit des Gehirns nachlässt. Das ist so ähnlich, da gibt es auch die Studien drüber, im Urlaub, wenn du einfach nur am Strand liegst und dem Rauschen des Meeres zuhörst, das ist alles gut, aber die Gehirnfähigkeit, die Leistungsfähigkeit lässt nach.

Es wird ja gesagt, das Gehirn ist auch ein Stückchen weit so etwas wie ein Muskel, das stimmt auch. Die Gerianer sagen: "if you don’t use it, you‘ll lose it!", du musst es bedienen, dann bleibt es erhalten. Man weiß das zum Beispiel von Klavierspielern, die Betätigung der Tastatur über die Hände erfordert so viel Rechenleistung im Gehirn, dass Sie sehen können, wie das Gehirn an bestimmten Dingen, an bestimmten Regionen wächst. Umgekehrt auch bei den Handyspielen der Jugendlichen, die Verstärkung der Regionen, wo der Daumen bedient wird. Also, das kann man tatsächlich sehen.

Karkowsky: Was raten Sie denn den Angehörigen, die das Gefühl haben, da könnte sich eine Alzheimer-Krankheit andeuten?

Kunczik: Eine ganz, ganz schwierige Frage, weil das natürlich eine Menge Ängste auslöst. Es löst bei den Angehörigen eine Angst aus, es löst auch bei den Betroffenen – und die meisten Betroffenen verdrängen zunächst mal die Probleme –, es hilft aber nichts. Man sollte darüber reden und versuchen, einen Arzt zu finden, da kann auch der Hausarzt sehr hilfreich sein, der den potenziellen Patienten schon länger kennt, mit ihm zu sprechen und zu sagen, lass uns doch mal in so eine Gedächtnissprechstunde gehen und gucken, was da ist.

Keine Angst vor einem Test

Wissen Sie, die meisten Menschen, die getestet werden, bekommen ja gar nicht die Diagnose Demenz. Das Problem ist die Angst davor. Es kann sein, dass da tatsächlich jeder Zehnte, eine andere Erkrankung im Grunde genommen korrigiert werden muss, dass es dann schon besser geht. Also, man muss die Angst vor einer Testung nehmen, weil Testung heißt erst mal gar nichts. Und selbst, wenn dann eine Diagnose da sein sollte, die Verläufe von Alzheimer-Krankheiten sind unterschiedlich.

Und das Wichtige ist, wenn man ein Ergebnis hat: Man kann sich gemeinsam darauf einstellen. Da sind diese Testungen, Sie haben eben gesagt, wenn man das Gefühl hat, dass da etwas ist, sind ja in einem Stadium, da sind die potenziellen Kranken noch sehr wohl in der Lage, über ihr eigenes Leben zu bestimmen. Und das ist doch ein Geschenk, dann zu sagen, also gut, irgendwann kommt jetzt der Punkt, da kann ich nicht mehr bestimmen, aber jetzt kann ich noch bestimmen, jetzt ordne ich mein Leben. Das ist ja auch eine Chance.

Karkowsky: Heute ist Welt-Alzheimertag, wir sprachen darüber mit dem Geschäftsführer der Deutschen Gesellschaft für Gerontopsychiatrie und -psychotherapie, mit Thomas Kunczik. Herr Kunczik, Ihnen herzlichen Dank!

Kunczik: Dankeschön und einen guten Tag!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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