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Interview / Archiv | Beitrag vom 06.07.2020

Welt-Aids-KonferenzWas sich aus HIV für Corona lernen lässt

Kai Kupferschmidt im Gespräch mit Liane von Billerbeck

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Eine HIV-Patientin in einem Krankenhaus in Kampala (Uganda),  die an Tuberkulose erkrankt ist. (picture-alliance/AP/Rebecca Vassie)
In vielen afrikanischen Ländern sind HIV-Infektionen verbreitet, aber es fehlt noch immer an den nötigen Medikamenten. (picture-alliance/AP/Rebecca Vassie)

Große Fortschritte im Kampf gegen HIV: Doch die wichtigen Medikamente sind noch immer nicht für alle zugänglich, kritisiert der Wissenschaftsjournalist Kai Kupferschmidt. In der Coronakrise würden die Erfahrungen mit HIV zudem zu wenig berücksichtigt.

Die Welt-Aids-Konferenz wird aus Sorge vor Corona in diesem Jahr erstmals virtuell abgehalten. Eigentlich sollte sie in San Francisco tagen und die wichtigsten Wissenschaftler versammeln.

Es habe in den vergangenen Jahren bei der HIV-Bekämpfung große Fortschritte gegeben, sagt der Wissenschaftsjournalist Kai Kupferschmidt. Dank guter Medikamente sei das Risiko, an Aids zu erkranken, inzwischen fast auf null reduziert.

Das wiederum verringere auch das Risiko, jemand anderen anzustecken. Die Folge: eine weltweite Trendwende bei den Infektionszahlen. Diese "gehen seitdem deutlich runter", sagt Kupferschmidt, der selbst HIV-positiv ist.

Medikament gegen HIV aus der Apotheke in San Francisco  (picture-alliance/AP/Rich Pedroncelli)Medikamente gegen HIV sind in vielen Ländern immer noch Mangelware. (picture-alliance/AP/Rich Pedroncelli)

Doch sind die Medikamente nicht für jeden verfügbar. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) habe zwar das Ziel ausgegeben, dass möglichst 90 Prozent aller HIV-Positiven weltweit ihren Status kennen und Medikamente bekommen. Im südlichen Afrika liege die Rate allerdings erst bei 60 Prozent, so Kupferschmidt.

Es wird zu wenig über HIV geredet  

Es komme oft zu Infektionen, bevor der Überträger überhaupt wisse, dass er HIV-positiv sei. Gerade in Deutschland sei die Krankheit sehr stark in den Hintergrund getreten. Dies begünstige unter homosexuellen Männern manchmal den Eindruck, als habe man alles im Griff: "Es wird sehr viel weniger darüber geredet."

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Für die Coronapandemie hätte man aus den Erfahrungen mit HIV eigentlich viel lernen können, sagt Kupferschmidt. Leider sei das bisher zu wenig geschehen. So wisse man, wie wichtig es sei, den eigenen Status zu kennen. "Deshalb ist das Testen so wichtig."

Außerdem sei es zentral, diejenigen gut zu informieren, die noch nicht infiziert seien. Das müsse zudem oft wiederholt werden. "Auch nach 30 Jahren sind wir bei HIV noch nicht an dem Punkt, wo wir aufhören können zu sagen, was ist Risikoverhalten, was ist nicht Risikoverhalten."

Hier das Kondom, dort die Maske

Auch bei Covid-19 bestehe nun die Gefahr, dass mit Blick auf einen möglicherweise in Zukunft vorhandenen Impfstoff die Grundregeln und Empfehlungen vernachlässigt würden. Das, was bei HIV das Kondom sei, seien bei Corona die Maske, Abstandsregeln und Hygiene.

In den USA befassen sich jetzt alle wichtigen HIV-Forscher auch mit Covid-19. Sie hätten gelernt, vorsichtig zu sein, wenn es darum gehe, einen Impfstoff anzukündigen, sagt Kupferschmidt: "Wir haben bei HIV die Erfahrung gemacht, was es bedeutet, einen Impfstoff zu versprechen - und dann festzustellen, wir kriegen ihn auch nach Jahrzehnten nicht."

(gem)

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