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Nachspiel / Archiv | Beitrag vom 29.05.2014

WellenreitenAloha und Meer

Surfen in Hawaii

Von Kerstin Ruskowski

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Statue von Duke Kahanamoku, dem Vater des modernen Wellenreitens an der Strandpromenade von Waikiki (Kerstin Ruskowski)
Statue von Duke Kahanamoku, dem Vater des modernen Wellenreitens an der Strandpromenade von Waikiki (Kerstin Ruskowski)

Hawaii ist für Wellenreiter der Sehnsuchtsort schlechthin. Schon als als Captain Cook 1778 die Inselkette mitten im Pazifik entdeckte, war er beeindruckt davon, wie die Einheimischen auf langen Holzbrettern über die Wellen glitten. Eine zentrale Rolle spielt das Wort "Aloha" - und es ist mehr als ein Gruß.

Hawaii ist für Wellenreiter der Sehnsuchtsort schlechthin. Schon als als Captain Cook 1778 die Inselkette mitten im Pazifik entdeckte, war er beeindruckt davon, wie die Einheimischen auf langen Holzbrettern über die Wellen glitten. Eine zentrale Rolle spielt das Wort "Aloha" - und es ist mehr als ein Gruß.

Auch historisch hat Hawaii eine besondere Bedeutung für Wellenreiter: Schon als Captain Cook 1778 die Inselkette mitten im Pazifik entdeckte, war er beeindruckt davon, wie die Einheimischen auf langen Holzbrettern über die Wellen glitten.

Aloha - so viel Hawaiianisch können die meisten. Egal, wo und wann das Stichwort Hawaii fällt, ist der Gruß Aloha oft die erste Assoziation. Doch Aloha bedeutet weit mehr als einfach nur "Hallo" - oder wahlweise auch "Tschüss". Auf die Frage, was mit Aloha eigentlich gemeint ist, geben die Menschen in Hawaii zum Teil fast schon philosophische Antworten.

"Aloha - es ist ein Gruß, ein Willkommen, man öffnet seine Arme für jeden und grüßt."

"Es ist magisch. Wenn Du hierher kommst, spürst Du dieses Gefühl der Liebe, das wir Aloha nennen. Und es gibt Dir ein tolles Gefühl der Entspannung und das macht es einfacher Dinge zu tun, die Du vielleicht mal ausprobieren willst."

Der reinen Wortbedeutung nach setzt sich Aloha aus den beiden Begriffen "Alo", Gesicht, und "Ha", Atem, zusammen. Bei der dazugehörigen Geste berühren sich Stirn und Nase; zwei Menschen teilen einen Atemzug miteinander - und damit die Essenz des Lebens. Diese Geste ist heute aber nur noch selten zu beobachten. Die Hawaiianer benutzen Aloha inzwischen meistens nur noch als rein verbalen Gruß. Trotzdem ist ihnen die ursprüngliche Bedeutung von Aloha bis heute extrem wichtig.

Die hawaiianische Dichterin und Philosophin Pilahi Paki hat versucht, die Bedeutung von Aloha aufzuschlüsseln und jedem Buchstaben ein eigenes Wort zugewiesen.

A steht für Akahai - Freundlichkeit im Sinne von Zärtlichkeit

L steht für Lokahi - Einheit im Sinne von Harmonie

O steht für Olu Olu - angenehm im Sinne von umgänglich

H steht für Ha'a Ha'a - Demut im Sinne von Bescheidenheit

A steht für Ahonui -  Geduld im Sinne von Beharrlichkeit

Diese Definition von Aloha ist seit 1986 sogar gesetzlich festgeschrieben - im sogenannten "Aloha Spirit Law". Nicht umsonst trägt Hawaii den offiziellen Beinamen "The Aloha State". Und das bedeutet für Regierungsmitglieder, Bürger und Besucher gleichermaßen, dass sie sich im Sinne von Aloha verhalten sollten - so eng ist die Verbindung zwischen der hawaiianischen Mentalität und dem so genannten Aloha-Spirit. Oder wie Duke Kahanamoku es formuliert hätte:

Ian zitiert Duke: "In Hawaii begrüßen wir Fremde, geliebte Menschen und Freunde mit Aloha, das heißt mit Liebe. Aloha ist der Schlüssel zum universellen Geist echter Gastfreundschaft, die Hawaii bekannt macht als Zentrum der Welt für Verständnis und Kameradschaft. Ich glaube es, und es ist mein Credo. Aloha an euch."

"Fast schon heiliger Grund"

Duke Kahanamoku ist wohl der mit Abstand bekannteste Hawaiianer. Er gilt als Vater des modernen Wellenreitens - und nicht nur das: Als schnellster Schwimmer der Welt holte er zwischen 1912 und 1932 fünf olympische Medaillen - drei goldene, zwei silberne und eine Bronzemedaille.

Chris: "Zu einem Zeitpunkt, als niemand je von Hawaii gehört hatte, tauchte plötzlich dieser Typ aus Hawaii bei den Olympischen Spielen in Stockholm auf und schaffte es, eine Goldmedaille im 100-Meter-Freistil zu holen - eine seiner ersten wesentlichen Leistungen."

Chris Colgate weiß, warum die Hawaiianer so stolz auf Duke Kahanamoku sind - auch wenn er selbst ein "haole" ist, ein Weißer vom US-amerikanischen Festland. Denn Chris ist Manager bei "Duke's", einer kleinen Restaurantkette mit insgesamt fünf Filialen in Hawaii und Kalifornien.

"Als wir die Restaurants gebaut haben, war das als Würdigung gedacht - dessen, wofür dieser Mann stand und was für eine Art von Mann er war - seiner Leistungen, seines Einflusses auf Surfen in Hawaii und in der ganzen Welt und im Grunde als Denkmal für ihn, auf eine gewisse Art und Weise. Hier in Waikiki wollten Rob Tibo und Sandy Saxon mit dem 'Duke's'-Restaurant a) Duke Kahanamoku ehren und b) auch den Waikiki Beach Boys ein Zuhause zurückgeben."

Einer dieser Beach Boys vom Strand von Waikiki - zu denen natürlich auch Duke gehörte - ist Gabby Makalena. Bis vor sechs Jahren stand der heute 81-Jährige selbst noch regelmäßig auf dem Surfbrett. Und: Er ist Duke persönlich begegnet - wenn auch nur flüchtig.

Gabby: "Ich hatte großes Glück. Denn wir gingen immer am Strand entlang und der Platz, an dem wir jetzt sitzen, war damals der Outrigger Kanu Club - und Duke war das wichtigste Mitglied dieses Clubs."

Der Outrigger Canoe Club war und ist eine Institution in Hawaii. Alexander Hume Ford gründete den Club 1908 zwischen den Hotels am Waikiki Beach. Damals wie heute ist das Ziel des Clubs, die Wassersportarten des alten Hawaii zu fördern - wie zum Beispiel das Wellenreiten. Seit den 60er-Jahren steht das Clubhaus am Fuße des Diamond-Head-Vulkankraters – aber ursprünglich stand es direkt am Waikiki Beach. Und an genau dieser Stelle sitzen die Touristen heute in Duke's Restaurant.

Chris: "Das hier war das Heim des ursprünglichen Outrigger Canoe Clubs. Also, die Stelle hier ist sehr, sehr... - es ist fast schon heiliger Grund. Wenn Sie zurückgehen in die Ära vor Duke, in die frühen hawaiianischen Zeiten: Da war das hier ein sehr, sehr heiliger Ort, an dem sich die Ali'i, die Mitglieder des Adels, aufhielten. Hier gab es einen Frischwasser-Bach und daher hat Waikiki auch seinen Namen - speiendes Wasser, denn das heißt Waikiki."

Und nirgendwo sonst ist der Geist von Duke Kahanamoku stärker zu spüren als am Strand von Waikiki, denn hier war Dukes Stamm-Surfspot.

Und: Die Bucht ist Schauplatz der bekanntesten Legende, die über den berühmten Hawaiianer kursiert.

Gabby: "Siehst du den Fuß des Bergs da hinten? Etwa 90 Meter, 180 Meter davor bis hierher ist er gekommen. Genau vor uns, vor das Royal Hawaiian Hotel. Vom Diamond Head zum Royal Hawaiian Hotel."

"Er ist eine Welle von da hinten bis hierher geritten?"

"Ja."

"Ist das wirklich wahr?"

"Ja", …

… sagt Gabby und lächelt verschmitzt. Ein Wellenritt vom Fuß des Diamond-Head-Vulkankraters, des Wahrzeichens von Honolulu, bis zum Royal Hawaiian Hotel am anderen Ende der Bucht, am Waikiki Beach - das klingt unmöglich. Denn das wäre eine Entfernung von gut fünf Kilometern - zurückgelegt auf dem Scheitelkamm einer einzigen Welle. Normalerweise dauert ein Wellenritt maximal ein paar Minuten. Ob die Legende wirklich stimmt? Das weiß keiner so genau, sagt Gabby.

Botschafter von Aloha

"Teil der Legende ist auch, dass alle Leute, die damals dabei waren, inzwischen tot sind. Also gibt es niemanden, der hier steht und es bezeugen kann. Ich hab es nicht gesehen. Ich habe nur davon gehört. Aber ich verstehe es, denn ich bin hier gesurft. Und es ist möglich. Denn wir haben versucht, diesen Wellenritt nachzumachen, aber wir hatten kein Glück."

"Aber Sie denken, dass es möglich ist?"

"Ich weiß, dass es möglich ist!"

Also, zumindest damals, meint Gabby. Heute haben sich die Gezeiten und Strömungen in der Bucht von Waikiki stark verändert. Im Winter gibt es gar keine Wellen mehr, die Bucht gleicht eher dem Mittelmeer als dem Pazifik.

Aber egal, ob dieser Ritt vom Fuße des Diamond Head bis ans andere Ende der Bucht so wirklich jemals stattgefunden hat: Fest steht jedenfalls, dass Duke Kahanamoku nicht nur für seine olympischen Erfolge als Schwimmer bekannt ist. Sondern vor allem wegen seiner Verdienste um das Surfen.

Chris: "Er ist bekannt als Vater des modernen Wellenreitens. Denn er war es, der Surfen nach Australien gebracht hat. Er half dabei, Surfen in Kalifornien bekannt zu machen, also war er tief in der Surfgemeinde verwurzelt. Insgesamt umspannt sein Leben viele verschiedene Epochen und eine Menge verschiedener Zeitabschnitte, in denen er für unterschiedliche Dinge bekannt war: Er war berühmt für seine Schwimmkünste, er war berühmt für das Surfen, er war berühmt für sein eigenes Surf-Team und er war berühmt für seine Funktion als Botschafter von Aloha hier in Hawaii."

Botschafter von Aloha - ein Titel, den Duke nicht etwa vom Staat Hawaii offiziell verliehen bekommen hat. Vielmehr war es ein Zeichen des Respekts und eine Geste der Anerkennung seiner Leistungen durch seine Landsleute. Schließlich war es Duke, der Hawaii Anfang des 20. Jahrhunderts weltweit bekannt gemacht hat - und das Surfen. Doch auch, wenn es im Grunde ein Ehrentitel war, wurden die damit verbundenen Verpflichtungen sehr ernst genommen.

"Diese Beach Boys - und Duke war einer der berühmteren und bekannteren Beach Boys von Waikiki -, sie brachten all diesen Politikern, Sportlern und Filmstars das Surfen bei. Das war damals sozusagen die romantische Ära von Waikiki und die romantische Ära von Hawaii. Und Duke als Botschafter des Aloha war dann auch derjenige, der, wenn wichtige Leute nach Hawaii kamen, diese dann am Hafen in Empfang nahm. Er war derjenige, der sich um das Programm kümmerte, er und seine Frau Nadine Kahanamoku."

Doch das ist noch immer nicht alles, was Duke Kahanamoku in seinem Leben geleistet hat: Zwischen 1925 und 1933 arbeitete er außerdem als Schauspieler in Hollywood und war von 1934 bis 1960 dreizehn Mal in Folge Sheriff von Honolulu.

"Und dadurch ist er wahrscheinlich, zumindest meiner Meinung nach, einer der bekanntesten Menschen in Hawaii oder aus Hawaii. Und er und sein Name sind rund um die Welt in der Surfergemeinde bekannt. Sie können mit egal welchem Surfer auf der Welt sprechen - wenn Sie Duke Kahanamoku erwähnen, wird jeder wissen, wer das ist."

1968 starb Duke Kahanamoku - nach einem Herzinfarkt im Alter von 77 Jahren.

Heute erinnert eine überlebensgroße Statue mitten auf der Strandpromenade von Waikiki an die Verdienste von Duke Kahanamoku. Einheimische und Touristen ehren ihn täglich mit frischen Leis, den traditionellen hawaiianischen Blumenketten. Eine Plakette im Sockel der Statue informiert den Besucher über die wichtigsten Stationen in Dukes Leben. Und wer noch mehr über Duke, die Beach Boys, den Outrigger Canoe Club oder den Strand von Waikiki erfahren will, geht ins "Duke's". Denn das Restaurant versteht sich auch als eine Art Museum.

"Das ist unser Versuch, dabei zu helfen, diese Tausende von Leuten, die nach Waikiki kommen und das Surfen genießen und die Sonne genießen, darüber zu informieren, was vor ihnen hier war. Vielleicht sind sie sich dessen nicht bewusst, aber ich denke, diese Verbindung, egal, ob sie darüber Bescheid wissen oder nicht, ist etwas, das sie spüren können. Ob sie das nun definieren können, ob es für sie greifbar ist, wissen Sie: für manche ja, für manche nein. Aber ich denke, jeder, der nach Waikiki kommt und am Strand sitzt, denkt sich: Wow! Das ist ein ziemlich besonderer Ort."

Die Missionare verboten das Surfen

Für viele Surfer gleicht Wellenreiten einer Religion. Und Hawaii ist ihr Sehnsuchtsort - der Ort, an dem das Surfen geboren wurde. Vielleicht kein Wunder, denn neben dem Aloha-Spirit gehört zur hawaiianischen Kultur auch eine tiefe Verbundenheit zum Wasser.

Ian: "Die Ursprünge des Wellenreitens sind untrennbar mit den pazifischen Völkern verbunden - und mit allen Völkern, die an der Küste wohnen, denn sie müssen in und von dieser Umgebung leben."

Ian Masterson nennt sich selbst "der Surf Professor". Der Mittvierziger ist Dozent für kulturelle Geschichte und Anthropologie an einem kleinen Gemeindecollege an der Ostküste von Oahu, einer der Hauptinseln Hawaiis. Masterson kennt sich aus mit der Geschichte des Wellenreitens und seiner Bedeutung für die Hawaiianer und die anderen polynesischen Inselbewohner. Ohne die Möglichkeit, mit und vom Meer zu leben, erklärt er, kann kein Volk inmitten eines Ozeans überleben:

"Das Wissen der pazifischen Völker ist umfassend und Surfen ist ein Teil davon. Genauso wie das Wissen über die Sterne und die Wellen usw. Also hatte die Tatsache, dass Menschen an der Küste surfen konnten, nicht so viel mit dem Wunsch nach Spaß zu tun - auch wenn das natürlich dazu gehört - sondern mehr mit dem Nutzen natürlicher Ressourcen."

Wie gut die Polynesier das Meer kannten, haben sie unter anderem dadurch bewiesen, dass sie mehr als 4000 Kilometer von Tahiti nach Hawaii gesegelt sind - auf einem einfachen Reisekanu, einem Katamaran-ähnlichen Segelboot. Die Kanus der Polynesier waren offenbar die Vorläufer der Surfbretter. Denn als der britische Seefahrer James Cook 1778 die erste schriftlich belegte Reise nach Hawaii machte, sah er einen Einheimischen, der mit einem Kanu über die Wellen glitt - und war fasziniert davon.

Cook-Zitat: "Ich kam nicht umhin, den Schluss zu ziehen, dass dieser Mann das höchste Vergnügen empfinden musste, während er so schnell und sanft vom Meer angetrieben wurde."

Surfen war in Hawaii schon damals Nationalsport, und zwar für alle: Männer, Frauen und Kinder aller Klassen und jeden Alters glitten sooft sie konnten auf Brettern über die Wellen. Am häufigsten konnten sich das die Ali'i leisten, die Angehörigen des Adels, denn sie mussten ihre Zeit nicht mit Arbeit oder Nahrungssuche verbringen. Sie waren im alten Hawaii so etwas wie Könige - und hatten nicht nur andere Surfbretter als die gewöhnliche Bevölkerung, sondern auch eigene Strände, an denen nur die Ali'i surfen durften.

Doch die calvinistischen Missionare, die im 19. Jahrhundert aus den USA nach Hawaii kamen, konnten sich nicht für das Wellenreiten begeistern. Zusammen mit dem Adel schafften sie auch das Surfen ab, erklärt Ian Masterson:

"Arbeit und Gottesdienst waren die neue Philosophie. Und in dieses Modell schien Wellenreiten nicht reinzupassen. Außerdem war Surfen, mein Gott, doch sehr gefährlich! Das waren Leute, die nicht schwimmen konnten. Das waren Leute... Schau Dir die Beschreibungen aller westlichen Leute an, die meinten: Oh, mein Gott, diese Leute setzen ihre Babies unten beim Wasser hin, während sie surfen gehen und sie könnten dabei doch auf die Felsen geschleudert werden. Sie könnten sterben! Sich verletzen und dann könnten sie ihre Familien nicht mehr unterstützen."

Also wurde Surfen verboten. Genauso wie die hawaiianische Sprache, der Hula-Tanz oder andere Traditionen. Diese Verdrängung hawaiianischer Kultur durch die Siedler aus dem Westen gipfelte am 17. Januar 1893 im Sturz des hawaiianischen Königreiches und beendete so die Regentschaft von Königin Lili'uokalani. Aber damit nicht genug: Die Hawaiianer starben in großer Zahl, denn die Einwanderer aus dem Westen hatten nicht nur ihre Kultur im Gepäck, sondern auch jede Menge Krankheiten wie Syphilis, Tripper oder Lepra. Fünf Jahre später annektierten die USA Hawaii - seit 1959 bildet die Inselkette den 50. Bundesstaat.

Auch der Surfsport wurde von Weißen dominiert

Dass der Surfsport überlebt hat, ist das Verdienst von Hawaiianern, die sich trotz der Umstände auf ihre Wurzeln und Traditionen besonnen haben - wie der Gründer des Outrigger Canoe Clubs oder Duke Kahanamoku. Doch Duke ist nicht der einzige berühmte hawaiianische Surfer, was angesichts der tiefen und Jahrhunderte alten Verbindung der Hawaiianer zum Wasser auch kein Wunder ist.

Stuart: "Kaum war ich hierher gezogen, sah ich überall 'Eddie would go'-Aufkleber auf Stoßstangen und 'Eddie would go'-T-Shirts - und ich dachte: Wer ist dieser Eddie und wohin geht er und was soll das alles? Und ich merkte sofort, dass er eine Art Heiligenfigur war."

Stuart Coleman zog 1993 von Washington D.C. nach Hawaii - seiner Leidenschaft für das Wellenreiten folgend, wie so viele. Es war ein symbolträchtiges Jahr für Hawaii, denn 1993 jährte sich der Sturz des Königreichs Hawaii, der das Ende der hawaiianischen Unabhängigkeit markierte, zum 100. Mal. Je mehr er über Eddie hörte, umso größer wurde Stuart Colemans Neugier. In Gesprächen mit Eddies Weggefährten und vor allem seinen Familienangehörigen recherchierte er Eddies Geschichte in allen Einzelheiten:

"Er war als Waterman bekannt. Und das ist so ungefähr die größte Ehre, die man jemandem in Hawaii erweisen kann. Ein Waterman kann nicht nur schwimmen und tauchen und fischen und surfen und segeln - sondern, er macht einfach alles auf dem Wasser, denn da fühlt er sich wohl."

In dem Buch "Eddie Would Go" hat Stuart Coleman Eddies Geschichte aufgeschrieben. Eddie Aikau stammte aus einer traditionellen hawaiianischen Familie. Er wurde 1946 geboren, als Zweitältester von fünf Geschwistern: vier Jungs, ein Mädchen. Eddies Freunde beschreiben die Aikaus als warmherzige Menschen, bei denen man immer willkommen war, immer etwas zu Essen bekam und jemanden zum Reden fand. Kurz gesagt: Es gab immer Aloha. Denn auch wenn die Aikaus nicht sehr wohlhabend waren: Sie lebten hawaiianische Herzlichkeit jeden Tag.

Eddies Bekanntheit wuchs im Verlauf der 60er-Jahre. Damals machte er sich einen Namen als der erfahrenste Surfer in der gefährlichen Bucht von Waimea an der Nordküste der Insel Oahu und fing an, an großen Surfwettbewerben teilzunehmen. Als echter Hawaiianer war das keine Selbstverständlichkeit, denn wie so vieles wurde damals auch der Surfsport von Weißen dominiert. Rassismus gehörte zum Alltag. Zu dieser Zeit war der Duke Kahanamoku-Surfwettbewerb am Sunset Beach an der Nordküste Oahus der größte der Welt. Qualifizieren konnte man sich nicht direkt - man wurde eingeladen. 1967, ein Jahr bevor Duke starb, bekam auch Eddie Aikau eine Einladung - als einer von nur zwei Hawaiianern.

Stuart: "Für Eddie war es ein großes Jahr: Er hatte sich in der Big-Wave-Szene einen Namen gemacht und in der Bucht von Waimea die größten Wellen gesurft, die je geritten worden waren. Und bei dem Wettbewerb schaffte er es unter die Top 5. Es gibt da dieses wundervolle Foto von ihm, wie Eddie Duke Kahanamokus Hand schüttelt. Und man kann richtig sehen, wie dieser junge Hawaiianer zu seinem Helden aufschaut, zu seinem Idol. Es war einfach ein toller Moment."

Denn während Dukes Geschichte sich dem Ende neigte, fing Eddies Karriere als Surfer mit damals 21 Jahren gerade erst an. Zehn Jahre später, 1977, sollte Eddie als Sieger aus dem Duke-Kahanamoku-Surfwettbewerb hervorgehen. In Stuart Colemans Aufzeichnungen steht dazu: Es war, als würde ein Staffelstab von einer Generation an die nächste weitergegeben.

Das Kanu wurde von einer großen Welle umgeworfen

Doch so lang und erfüllt wie Dukes Leben sollte das von Eddie nicht werden. Und das hat mit der Hokulea zu tun, einem großen Reisekanu mit Doppelrumpf und Segel, das die Hawaiianer in den 70er-Jahren bauten. Es war eine genaue Replik der Reisekanus, mit denen die Polynesier von Tahiti aus über den Pazifik nach Hawaii gesegelt waren. Doch nicht alle glaubten an diese Version der Geschichte.

Stuart: "Es gab Theorien, wonach die Polynesier angeblich nicht talentiert genug waren bzw. keine moderne westliche Ausrüstung hatten und keinen Kompass und keinen Quadranten, um quer über den Pazifik zu segeln. Aber Hawaiianer, wie Eddie, wussten, dass ihre Vorfahren in ganz Polynesien herumgesegelt waren und dass sie die ursprünglichen Siedler in Hawaii gewesen waren."

Trotzdem erschütterten diese Behauptungen den Nationalstolz der Hawaiianer. So sehr, dass sie die Hokulea originalgetreu nachbauten. Um ihre Vorfahren zu verteidigen und, um zu beweisen, dass Hawaiianer auch heute noch ausgezeichnete Seefahrer sind. 1976 legte die Hokulea ab - und segelte in 30 Tagen in umgekehrter Richtung von Hawaii nach Tahiti.

Stuart: "Es war eine unglaubliche Überfahrt, aber sie wurde von rassistischen Spannungen ruiniert. Und es gab Leute, die sagten: Oh, es gab ein Eskortboot hinter der Hokulea, das ihre Position erfasste. Also könnte es sein, dass dieses Eskortboot auch Informationen darüber funkte, wo die Hokulea langsegeln sollte."

Das wollten die Hawaiianer nicht auf sich sitzen lassen.

"Also beschlossen sie, bei der nächsten Überfahrt 1978 kein Eskortboot mitzunehmen - und das war der fatale Unterschied."

Bei dieser zweiten Überfahrt war Eddie Teil der Besatzung. Doch die Hokulea konnte Oahu nicht zur geplanten Zeit verlassen: Viele tausend Leute und auch viele Politiker waren gekommen, um die Besatzung zu verabschieden. Die Reden zogen sich bis in den Abend - und das Wetter wurde schlechter und schlechter. Trotzdem wurde die Überfahrt nicht abgeblasen.

"Niemand wollte losfahren, aber da waren fast 10.000 Leute, sodass der Druck einfach enorm war. Also sind sie losgesegelt, kurz vor der Dämmerung, obwohl sie es eigentlich besser wussten. Sie legten ab, als die Winde stärker und die Wellen höher wurden."

Nachdem die Hokulea etwa fünf Stunden lang in Richtung Tahiti gesegelt war, wurde das Kanu von einer großen Welle umgeworfen.

"Die Situation ist also folgende: Sie sitzen mitten in einer der gefährlichsten Meerengen der Welt - dem Kahiwi Kanal, das bedeutet Knochen, denn dort befinden sich die Knochen von zahllosen Seeleuten - und sie warten auf Hilfe. Aber das Notfall-Funkgerät ist gesunken, das Notfall-Horn ist weggeschwommen ohne auszulösen und 16 Besatzungsmitglieder schwimmen im Wasser und klammern sich an die beiden Rümpfe des Kanus. Und, ob Du es glaubst oder nicht, auch in Hawaii kann man sich unterkühlen, wenn man länger als zehn Stunden im Wasser ist."

Mythos "Eddie"

Zwei Besatzungsmitglieder erleiden einen Schock und zeigen erste Anzeichen von Unterkühlung. Eddie, der sein Surfbrett mit an Bord hat, schlägt vor, zur nächsten Insel zu paddeln, um Hilfe zu holen. Aber der Kapitän ist dagegen. Zu gefährlich.

"Wie du Dir vorstellen kannst, ist die nächste Insel etwa 20 Kilometer entfernt. Die Wellen sind zwei, drei Meter hoch, die Windstärke liegt bei 50, 60 Stundenkilometer. Man kann nichts sehen, überall nur weiße Wellenspitzen."

Den beiden Seeleuten geht es von Stunde zu Stunde schlechter.

"Am Morgen des nächsten Tages, am 17. März, schaute der Kapitän sich um und sah die beiden Besatzungsmitglieder unter Schock und krank und er dachte: Vielleicht schaffen sie es nicht, vielleicht sterben sie. Also ließ er Eddie auf seinem Surfbrett lospaddeln. Und wie er da in Richtung Horizont paddelte, wurde er nie wiedergesehen."

Eddie, der Waterman, starb 1978 auf offener See, mit nur 31 Jahren, bei dem Versuch, anderen zu helfen. Tragisch, wenn man bedenkt, dass kurz nach seinem Verschwinden die übrigen Besatzungsmitglieder gerettet wurden. Durch sein selbstloses Handeln ist Eddie Aikau zum Inbegriff hawaiianischer Nächstenliebe geworden - man könnte auch sagen, zu einer Personifizierung von Aloha.

"Selbst, wenn Eddie während dieses Unfalls auf See verschollen ist und es zunächst mal wie eine traurige Geschichte scheint, ist es gleichzeitig auch die Geschichte der Wiedergeburt einer Kultur. Und Eddies Tod hat ironischerweise zu dieser hawaiianischen Renaissance beigetragen, denn dadurch fühlten sich die Menschen seinem Gedanken umso stärker verpflichtet - und auch dem Segeln der Hokulea. Deswegen haben sie das Reisekanu zwei Jahre später noch einmal nachgebaut und sind damit nach Tahiti gesegelt - im Gedenken an Eddie. Und seitdem ist dieses Kanu über den gesamten Pazifik gesegelt."

Doch das wichtigste Gedenken an Eddie Aikau wird jeden Winter in der Bucht von Waimea zelebriert: 1984 ins Leben gerufen, ist der "Quiksilver in Memory of Eddie Aikau" heute der prestigeträchtigste Wettbewerb für Big Wave Surfer. Zu seinem Mythos trägt auch bei, dass der "Eddie" bisher nur acht Mal stattgefunden hat. Denn da es sich um einen Big-Wave-Surfwettbewerb handelt, wird er erst ab einer Wellenhöhe von sechs Metern ausgetragen. Deswegen lautet das Motto des "Eddie": "The bay will call the day" - Die Bucht wird den Tag bestimmen. Sind optimale Bedingungen gegeben, reicht ein Wettkampftag, um den Sieger zu ermitteln.

Den Teilnehmern des Eddie geht es aber gar nicht so sehr ums Gewinnen. Es geht um Kameradschaft - und darum, sich daran zu erinnern, wie selbstlos und gutherzig Eddie war. Und auch der Spruch "Eddie would go" lässt sich auf alle möglichen Situationen übertragen - und die müssen nicht unbedingt etwas mit Surfen oder dem Meer zu tun haben.

Stuart: "'Eddie would go' hat nichts mit Eddies Surfvermögen in großen Wellen zu tun, sondern damit, dass er bereit war, sich selbst zu opfern, um andere zu retten - als Rettungsschwimmer, auf der Hokulea usw. Heute sagen die Leute das die ganze Zeit. 'Eddie would go' - Eddie würde gehen."

 

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