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Religionen / Archiv | Beitrag vom 04.10.2020

Wein als spirituelles GetränkDer Geist im Rebensaft

Von Maria Riederer

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Historische Dartellung des Propheten Elia, der von einem Engel Brot und Wein empfängt. (akg-images / Heritage Images / Index)
Göttliche Gabe: Ein Engel reicht dem Propheten Elia Brot und Wein. (akg-images / Heritage Images / Index)

Wein ist ein ganz besonderer Saft. In vielen Religionen stellt er eine Verbindung zum Göttlichen her. Auch bei seiner Herstellung kann Spiritualität mit einfließen. Zum Beispiel, wenn ökologischer Weinbau auf Anthroposophie trifft.

Schon in der hebräischen Bibel spielt der Wein eine zentrale Rolle, und natürlich ist das christliche Abendmahl, die Eucharistie, ohne den Weinkelch kaum denkbar. Warum der vergorene Traubensaft spirituell so aufgeladen ist? "Weil er natürlich auch etwas Berauschendes hat und das Berauschende, wenn man es spirituell sehen will, einen Zugang zur Ekstase eröffnet", vermutet der Kölner Pfarrer Matthias Schnegg von der katholischen Kirchengemeinde Sankt Maria in Lyskirchen.

Ein Festmahl für alle Völker

"Dem Wein kommt schon sehr früh eine lebensstärkende und lebenserfrischende Kraft zu", sagt Schnegg. So habe etwa der Prophet Jesaja "ein großes Festgelage als Endzeit-Status" in Aussicht gestellt und dabei ausdrücklich von gutem Wein gesprochen, "auch als etwas, das das Leben lustig macht."

Der HERR der Heerscharen wird auf diesem Berg für alle Völker ein Festmahl geben mit den feinsten Speisen, ein Gelage mit erlesenen Weinen.
(Jesaia 25,6)

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Ein Festgelage mit erlesenen Weinen? Dieses Bild kommt einem nicht unbedingt in den Sinn, wenn man an die Feier eines evangelischen Gottesdienstes oder einer katholischen Messe denkt. Und doch gibt es auch hier Essen und Trinken, wenn auch eher in symbolischen Dosen und weniger sättigend oder gar berauschend.

Wein belebt – nicht nur den Priester

In den meisten katholischen Kirchen wird die Gemeinde sogar vom Empfang des Weines ausgeschlossen. Nur der Pfarrer trinkt ihn. In der Gemeinde Sankt Maria in Lyskirchen sei das anders, betont Matthias Schnegg:

"Das ist die Vollständigkeit dieses Zeichens. Brot und Wein sind ja ein Zeichen für den Christus als Ganzen, und der gegenwärtige Christus ist ja nicht zugesagt, weil irgendeiner irgendwelche Worte über Brot und Wein spricht, sondern die dort versammelte Gemeinde, indem sie Brot und Wein miteinander teilt, hat Anteil an der von uns geglaubten Gegenwart des auferstandenen Herrn. Und deswegen ist es eine Verkürzung dieses Gemeinschaftszeichens, wenn man nur auf das Brot zurückgreifen muss."

Mosaik mit dem Motiv der "Verwandlung von Wasser in Wein" in der Chora-Kirche, Istanbul (picture alliance / Bildagentur-online / Tetra Images)Wunder geschehen: Jesus verwandelt Wasser in Wein. Mosaik in der Chora-Kirche, Istanbul. (picture alliance / Bildagentur-online / Tetra Images)

Manche Gläubige empfänden gerade das Trinken des vergorenen Traubensaftes bei der Kommunion oder beim Abendmahl als belebend, obwohl es nur um einen kleinen Schluck geht, sagt Schnegg: "Ja, das ist die sinnliche Erfahrung des Zu-sich-Nehmens, tatsächlich, das Einverleiben geht über das Trinken sinnfälliger als über das Essen von diesem Minimal-Brot."

Wein steht für die Verbindung mit den Göttern

Der Kirchenhistoriker Anselm Schubert hat sich in einem Buch mit der kulinarischen Geschichte des Abendmahls beschäftigt. Warum hat sich der Wein überhaupt durchgesetzt und nicht andere Getränke wie Bier, Met oder Wasser? Diese Frage müsse man auf unterschiedlichen Ebenen beantworten, erklärt Schubert:

"Kulturanthropologisch und historisch wird man sagen müssen: Es ist natürlich Wasser das Alltagsgetränk, und der technisch hergestellte Wein ist als kulturelle Errungenschaft eine besondere Speise, die zu besonderen Feiertagen getrunken wird. Dann kommt dazu der berauschende Charakter, wir haben alkoholische Getränke praktisch in jeder Kultur von Anfang an, das gehört tatsächlich immer auch zu diesen Riten mit dazu.Theologisch ist das Entscheidende: Der Wein ist schon immer das eigentliche Element gewesen, das für die Verbindung mit den Göttern steht", sagt Schubert.

Diese Tradition sei auch ins Christentum übernommen worden: "Erinnern wir uns daran, dass auch in den jüdischen Pessach-Mählern, die ja älter sind als die christlichen Gottesdienste, die drei Becher Wein, die man trinken muss, vorgeschrieben sind. Das heißt, da mischen sich jüdische Tradition, hellenistische Tradition und frühchristliche Tradition."

Byzantinisches Mosaik mit dem Moriv einer Weinrebe und Noah, der danaben kniet und einen Kelch mit Wein zum Mund führt. (picture alliance / Prismaarchivo)Noah im Weinberg: Der Erbauer der Arche wird auch als Pionier des Weinbaus dargestellt, hier auf einem byzantinischen Mosaik in der St. Mark's Basilica, Venedig. (picture alliance / Prismaarchivo)

So wird der Wein im doppelten Sinne mit "Geist", mit Spiritus, versehen. Einmal durch den Gärungsprozess, dann durch religiöse Tradition und das sakramentale Geschehen im Gottesdienst. Im Lauf der Kirchengeschichte wurden zwar auch andere Getränke zugelassen – Bier, Saft oder auch Wasser –, aber das hatte meistens mit mangelnder Verfügbarkeit zu tun oder mit Bewegungen, die den Alkohol aus der Kirche verbannen wollten. Diese Zeiten sind lange vorbei, auch wenn bis heute in evangelischen Kirchen bisweilen mit Rücksicht auf Kinder und alkoholkranke Menschen Traubensaft zum Abendmahl gereicht wird.

Weinbau im Einklang mit der Schöpfung

Hanneke Schönhals, Winzerin im rheinhessischen Biebelnheim, möchte ebenfalls Spiritualität in den Wein bringen, auf ihre ganz eigene Weise. "Der Herbst ist die Ernte", sagt Schönhals, "das ist die faszinierendste Zeit: Die verschiedenen Rebsorten und die Trauben zu probieren und zu gucken, wie sie vergären – da ist halt am meisten los, sowohl im Weinberg als auch im Keller."

In die Fässer und Flaschen soll nicht nur das Getränk fließen, sondern die ganze Geschichte seiner Entstehung, so wünscht es sich Hanneke Schönhals. Auch die spirituelle Geschichte. Vor fünfzig Jahren haben ihre Großeltern den Weinberg begonnen, dann übernahm der Vater. Die Familie ist fest in der mennonitischen Tradition verwurzelt, die zur Täuferbewegung gehört.

Hanneke Schönhals, Winzerin im Weingut Schönhals, steht bei der Weinprobe im eigenen Weinkeller. (picture alliance / dpa / Andreas Arnold)Hanneke Schönhals, Winzerin im Weingut Schönhals, bei der Weinprobe im eigenen Weinkeller (picture alliance / dpa / Andreas Arnold)

"Ganz wichtig war oder ist es, die Schöpfung nicht auszubeuten, sondern sie zu wahren", erklärt Schönhals, "dass wir von Gott geschaffen sind und auch die Erde von Gott uns geschenkt ist, und dass wir diesen Weingarten in dem Fall so bewirtschaften, dass es der Erde guttut, dass es uns guttut, und dass es dem Leben guttut."

Das Segnen des Weinberges als Ritual

Schon ihr Vater ist deshalb vom konventionellen auf den ökologischen Weinbau umgestiegen. Hanneke Schönhals geht noch weiter. Sie geht den Weg der biodynamischen Landwirtschaft nach Rudolf Steiner und findet dort eine andere Art von Spiritualität. Zum Beispiel in einem Ritual, dem sogenannten Segnen des Weinbergs, das die Winzerin wie folgt beschreibt:

"Wir bringen ein biodynamisches Präparat aus, das Hornmist-Präparat. Das ist in Kuh-Hörnern, wird über den Winter im Boden verbuddelt, im Frühjahr wieder rausgeholt und dann ausgebracht." Vor dem Ausbringen werde das Präparat aber noch für eine Stunde im Wasser dynamisiert. "Und das hat schon einen spirituellen Hauch", lacht Schönhals.

Winzerin Hanneke Schönhals mit Hut, an einer Weinrebe kniend. (Deutschlandradio / Maria Riederer)Dem Wein Zeit geben: Hanneke Schönhals am Rebstock (Deutschlandradio / Maria Riederer)

"Wir haben es dann auch zu Fuß gemacht, dieses Jahr zum ersten Mal", erzählt die Winzerin, "wenn du da zu acht mit Eimern und einem Handbesen durch die Weinberge gehst und dann diese segnende Bewegung machst – und es gibt ja auch so einen Tag, wo traditionellerweise früher die Pfarrer die landwirtschaftlich bewirtschafteten Flächen gesegnet haben – selbst, wenn man es "Präparate-Ausbringen" nennt, aber die Geste des Segnens dazu macht, dann hat es für mich schon auch seine Bedeutung."

Dem Wein und den Menschen Zeit geben

Hanneke Schönhals ist aus ihren mennonitischen Wurzeln herausgewachsen. Die Anthroposophie und christliche, meditative Praktiken sind ihr heute näher. Der pazifistischen und menschenfreundlichen Botschaft ihrer Kindheits-Religion fühlt sie sich aber weiterhin verbunden.

Ihr Motto lautet: "Der Rhythmus im Wein". Darin liegt ihre persönliche Affinität zum Tanz, aber auch der Wunsch, den Menschen und dem Weinberg einen Rhythmus zu erlauben, der den Wein am Ende zu einem biologisch und ethisch guten Wein macht.

"Der Wein hat es verdient, damit die Arbeitsabläufe auch harmonisch verlaufen. Dem Wein die Zeit zu geben, die er braucht, also sowohl im Weinberg als auch in der Reife, wenn er im Fass liegt, und das gleiche gilt aber auch für uns: Dass wir uns auch die Zeit gönnen, die wir brauchen", sagt Schönhals.

Hie und da wird ein solcher Wein der Familie Schönhals auch als Messwein verwendet. Das freut die Winzerin, die gerne Gemeinden oder einzelne Geistliche beliefert. Aber sie bemüht sich nicht aktiv darum, wirbt nicht mit dem Etikett "Messwein". Tatsächlich ist das auch nicht nötig, denn alle nach EU-Verordnung hergestellten Weine sind auch potenziell Messweine. Das war nicht immer so.

Das Messwein-Etikett schützte vor Kunstwein

"Infolge der Industrialisierung war ein Phänomen aufgekommen, das 'Kunstwein' genannt wird", erklärt Kirchenhistoriker Anselm Schubert: "Künstlich hergestellter, aus verschiedenen Nahrungsmitteln, mit Farbstoffen und Alkohol hergestellter Wein, und dagegen verwahrte man sich in der katholischen Kirche. Um sicherzugehen, dass man tatsächlich nur echten, natürlichen Traubenwein benutzt, gründete man Messwein-Kellereien."

In der Messweinverordnung der Deutschen Bischofskonferenz von 2014 heißt es: "Die Kirche ist seit jeher bestrebt, für die Feier der Eucharistie Brot und Wein in einer Qualität zu verwenden, die der Heiligkeit dieses Sakramentes angemessen ist. Die Grundordnung des Römischen Messbuches hebt hervor: 'Der Wein für die Eucharistiefeier muss vom Gewächs des Weinstockes stammen (vgl. Lk 22,18) und naturrein und unvermischt sein, das heißt ohne Beimischung von Fremdstoffen'."

In ihrer Verordnung von 2014 stellte die Deutsche Bischofskonferenz zugleich fest, dass die weltlichen Reinheitsgesetze eine aus dem Jahr 1976 stammende kirchliche Regelung zum Messwein hinfällig machen. "Als Tradition gibt es immer noch Messwein-Stiftungen und auch die Kolb'sche Messweinstiftung etwa am Juliusspital in Würzburg, die stellen Messwein her, aber das ist nur noch etwas für Touristen", erläutert Anselm Schubert. "Es ist ganz normaler Wein, der in keiner Weise anders ist als der andere Wein, den die herstellen."

Ästhetik zählt auch bei der Kommunion

In Zeiten von Corona müssen auch die Gläubigen der Gemeinde Sankt Maria in Lyskirchen bei der Kommunion auf den Wein verzichten. Pfarrer Matthias Schnegg überlegt zusammen mit seiner Gemeinde, wie er die Vollständigkeit der Eucharistie, die ihm so wichtig ist, wiederherstellen kann:

"Da gibt es auch schon Anfragen aus der Gemeinde, und ich glaube, der Verzicht auf den Bestandteil des Weines bei der Kommunion, den können wir nicht mehr allzu lange hinauszögern. Also Ideen gibt es, dass jeder oder jede ein kleines Gläschen hat oder so. Muss man aber überlegen, das muss ja würdig – und würdig heißt für mich auch ästhetisch stimmig – sein."

In welcher Form auch immer: In dieser Gemeinde sollen möglichst bald wieder alle in den Genuss des Weines kommen. Nicht nur der Vollständigkeit halber, sondern auch als Zeichen der Lebensfreude, als Geist-Getränk vom Weinberg mit seiner uralten, kulturellen Tradition.

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