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Länderreport | Beitrag vom 04.04.2019

WeimarDer lange Weg zum Bauhaus-Museum

Von Henry Bernhard

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Der Neubau des Bauhaus-Museums im thüringischen Weimar, aufgenommen im März 2019 (imago images / Roman Möbius)
Der Neubau des Museums in Weimar: ein schlichter Betonquader mit feinen waagerechten Schlitzen, die von LEDs durchzogen werden. (imago images / Roman Möbius)

Das Bauhaus war nicht lange in Weimar, aber es waren von der Gründung 1919 an sechs entscheidende Jahre. Umso länger dauerte der Weg zu einem Museum, das nun endlich eröffnet wird. Es möchte vor allem eins: mit den Bauhaus-Mythen aufräumen.

"Man muss Weimar auf den Kopf stellen, dann tritt die Moderne zutage", meint Hellmut Seemann, der Präsident der Klassik Stiftung Weimar, zu der neben dem Erbe von Goethe eben auch das Bauhaus gehört.

Weimar hat das Problem, dass das Bauhaus zwar hier gegründet wurde, anderswo aber viel größere Spuren hinterlassen hat – in Dessau etwa oder in Tel Aviv. Aber hier in der Thüringer Provinz hat nun mal alles angefangen, damals, im April 1919.

Was das Bauhaus war – ein Stil, ein Gedanke –, darüber wird gerade im Jubiläumsjahr viel gestritten. Für Michael Siebenbrodt ist das Bauhaus vor allem eines: "Die Revolution des Bildungswesens!" Siebenbrodt ist ein renommierter Bauhaus-Experte aus Weimar.

"Ich beschreibe das Bauhaus als die weltweit erste Hochschule des Erfindens. Für mich ist es ein Prototyp einer neuen Universitas, die sich auszeichnet durch Chancengleichheit, die sich auszeichnet durch einen pluralistischen Lehransatz, also nicht einen Bauhaus-Stil – das ist das Gegenteil von Bauhaus-Stil, was wirklich Bauhaus ausmacht!

Das sich auszeichnet durch Arbeit in der Werkstatt, durch praxisorientierte und praktische Arbeit an realen Gegenständen, eine Hochschule, die sich auszeichnet durch Gemeinschaftsarbeit und Teamwork. Und last, but not least: Diese Universitas, diese Hochschule startet mit kreativem Spielen."

Bauhaus-Musealisierung schon kurz nach der Gründung

Siebenbrodt hat sich sein ganzes Berufsleben mit dem Bauhaus befasst, in Dessau und in Weimar, hat dort die bisherigen Bauhaus-Museen mit konzipiert und ein Beziehungsgeflecht zu ehemaligen Bauhäuslern und deren Erben um die Welt gesponnen.

Die Musealisierung des Bauhauses in Weimar begann schon vier Jahre nach dessen Gründung, mit der etwas überstürzten Bauhaus-Ausstellung 1923. Die wiederum bildete den Grundstock für eine permanente Ausstellung. "Es hieß Sammlung ‚Kunst der Lebenden‘ und war Bestandteil der Staatlichen Kunstsammlungen zu Weimar." Deren junger und gerade erst ins Amt gekommener Direktor Wilhelm Köhler förderte die zeitgenössische Kunst.

"Das bedeutete, er stellte den hier in Weimar ansässigen Künstlern des Bauhauses, Klee, Kandinsky, Feininger, auch dann schon dem neu dazugekommenen László Moholy-Nagy, jeweils mindestens einen Raum zur Verfügung. Und es waren nicht irgendwelche Gemälde, Zeichnungen, Druckgrafiken dieser Herren, sondern es waren die unverkäuflichen, besten Werke aus ihren Ateliers.

Und 1925 traten hinzu als Ergänzung die sogenannten ‚Werkstattarbeiten‘ des Bauhauses, 175 ausgewählte Designobjekte, aus den Werkstätten, die gerade abgewickelt werden mussten von Gropius. Eine Sammlung, die heute den Kernbestand der Weimarer Bauhaus-Kollektion ausmacht."

Ein Machtwechsel im Thüringer Landtag 1925 hungerte das Bauhaus aus, der völkisch-reaktionäre und deutschnationale Geist vertrieb es letztlich nach Dessau. Ab 1933 wurde in den deutschen Museen ab- und ausgeräumt, was modern, fortschrittlich, links war. In Weimar ging es schon drei Jahre früher los, als die NSDAP an der Regierung beteiligt wurde. Und der Erlass "Wider die Negerkultur für deutsches Volkstum" bot die Grundlage dafür.

"Also eine unglaubliche und in der Qualität unwiederbringliche Kunst-, Designsammlung, die hier in Weimar permanent zu sehen war und die 1930 durch den NSDAP-Kultusminister Dr. Wilhelm Frick hier geschlossen worden ist. Und die Gottseidank, eben, weil es alles Dauerleihgaben gewesen sind, unmittelbar an die Eigentümer zurückgegangen sind."

Erst Mitte der 60er wurde es in Weimar wieder Thema

Nach 1945 waren die Bauhäusler – oder zumindest viele von ihnen – schlicht die Vertreter einer unbelasteten Moderne. Sie lehrten an verschiedenen Hochschulen – in Ost und West. Das Bauhaus selbst aber war lange kaum Thema in Weimar, im Stalinismus galt es als "kulturimperialistisch". Erst Mitte der 60er wurde es am historischen Ort wieder Thema.

Michael Siebenbrodt begann 1972, in Weimar Architektur zu studieren. "Während der Immatrikulation trat ein älterer Herr auf den Plan, schon emeritiert: Peter Keler, der Erfinder der Bauhaus-Wiege, also die erste direkte Begegnung, wissende Begegnung mit dem Bauhaus war also mit Peter Keler, den ich dann ein Stückweit begleiten durfte, den Nachlass auch sichern konnte."

Die berühmte Wiege von Peter Keler, in den Grundfarben Blau, Rot und Gelb und den Grundformen Kreis, Rechteck und Dreieck, ist eines der wichtigsten Objekte der Weimarer Bauhaus-Sammlung, ein Kernstück schon des provisorischen Bauhaus-Museums in Weimar, das 1994 zum 75. Gründungsjubiläum des Bauhauses öffnete und vor einem Jahr schloss.

Das neue Bauhaus-Museum, das nun seit 2007 im Gespräch ist, entstand weniger durch das unermüdliche Bemühen Weimars, das viel zu kleine Provisorium zu beenden, sondern durch die beherzte Initiative eines Politikers, der weiß, wie man Millionen für Projekte im eigenen Wahlkreis organisiert: Carsten Schneider, Bundestagsabgeordneter der SPD und mächtiger Haushaltspolitiker.

11 Millionen sollte Weimar bekommen, wenn das Land Thüringen selbst noch einmal so viel drauflegte. Doch danach waren sich Stadt und Stiftungsrat lange uneins, wo das neue Museumsgebäude denn nun stehen soll. Die Stadt bevorzugte eine Brache am Rande der Innenstadt – direkt neben dem monströsen Gauforum der Nazis. Der Stiftungsrat wollte lieber ins Zentrum, dorthin, wo die Touristen ohnehin schon sind. Dorthin, wo auch das provisorische Bauhausmuseum schon war.

Museum soll Zentrum eines neuen Kulturquartiers werden

Michael Siebenbrodt wäre lieber an den Rand des Goetheparks gezogen, in die direkte Nachbarschaft des historischen Bauhauses. Dass die Idee in der Nachbarschaft des Gauforums sich letztlich durchsetzt, findet inzwischen auch Stiftungsdirektor Hellmut Seemann gut.

"Natürlich reicht es nicht aus, auf den Wiegenplatz des Bauhauses hinzuweisen und zu glauben, dann hätte man seine Aufgabe erfüllt, sondern das Entscheidende ist, dass wird das Bauhaus Museum direkt neben das Gauforum stellen und damit eine Zuspitzung der Geschichte des 20. Jahrhunderts in Weimar sichtbar machen können, wie sie derzeit von den Touristen überhaupt nicht wahrgenommen wird."

Das Bauhaus-Museum soll das Zentrum eines neuen Kulturquartiers werden. "Wir zeigen eine doppelte Moderne, wir zeigen eine brüchige Moderne in Weimar, und das bedeutet: Der Weimarer Modernebegriff kann kein rein positiver Modernebegriff sein, sondern er muss die Moderne, wie sie sich in Weimar zeigte, einerseits als eine umkämpfte Moderne zeigen. Er muss aber eben auch zeigen, dass die Moderne Beziehungen zum extremistischen Lager hat."

An der Frage aber, ob sich das neue Bauhaus-Museum ausreichend vom monströsen Gauforum absetzt, scheiden sich die Geister. Die ursprünglich geplante Glasfassade wird es auch nicht geben. Was bleibt, ist ein schlichter Betonquader mit feinen waagerechten Schlitzen, die von LEDs durchzogen werden.

Die Architektin Heike Hanada verweist und vertraut auf die Innerlichkeit ihres Baus, die in der Tat von allen, die ihn schon kennen, gepriesen wird. "Das Gebäude ist reduziert auf einen einfachen geometrischen Körper. In der strengen Abstraktion einer Form liegt ihre Idee. Das Ausarbeiten dieser räumlichen Idee, die Verdichtung nach innen, benötigt keine direkte Aussage nach außen."

Bauhaus soll nicht zum sinnentleerten Werbeträger werden

Im Inneren hat Ulrike Bestgen das Sagen. Sie verantwortet das Bauhaus-Museum und das in der Nähe liegende Neue Museum, das die Vorgeschichte des Bauhauses erzählen wird. Ihr ist wichtig, dass die Verortung des Bauhaus-Museums im Kontext nationalsozialistischer und sozialistischer Architektur, aber auch der Architektur der Weimarer Republik schon im Eingangsbereich thematisiert wird. Die "Topographie der Moderne" soll verhindern, dass das Bauhaus zur Marke, zum ikonographischen, aber sinnentleerten Werbeträger wird.

"Da kommen sie zunächst erst mal auf diese ganzen Bauhaus-Mythen. Das Bauhaus als Protagonist von Bauhaus-Stil, was nicht korrekt ist, also Bauhaus-Stil, der auf Flachdach, auf Stahlrohr, auf Weiß reduziert wird. Bauhaus als vermeintlicher Ort von Gleichberechtigung usw., was ja auch nicht wirklich stattgefunden hat. Bauhaus als Resistenz-Ort gegen den Nationalsozialismus – stimmt auch nicht! Also, es gibt viele Mythen, die ja in der Bauhaus-Geschichtsschreibung auch immer wieder differenziert werden durch eine differenzierende Sicht der Dinge."

Genügend Themen also, die das neue Bauhausmuseum 100 Jahre nach der Gründung des Bauhauses in Weimar in den kommenden Jahren differenziert ausleuchten kann.

Das Bauhaus-Museum in Weimar wird am 6. April eröffnet. Deutschlandfunk Kultur-Redakteurin Claudia Wheeler hat es schon besucht. Sie sagt, mit der Standortwahl habe die Stadt die Ambivalenz des 20. Jahrhunderts zeigen wollen. Wheeler zeigt sich allerdings enttäuscht vom Innenleben des neuen Museums.

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